Angst, wo bist du?

Im letzten Beitrag berichtete ich darüber, wie ich Anfang Juni 2016 nach dem Umzug in unser Haus auf das Buch „Wach auf du bist frei“ von H. W. L. Poonja (Papaji) stieß. 

Ich konnte mich nicht daran erinnern, dieses Buch je gekauft zu haben und wenn doch, warum? Als das Buch 2013 (ein Flugticket lag darin) gekauft wurde, war mir dieser H. W. L. Poonja vollkommen unbekannt. 

Als wir jedoch 2016 den Umzug hatten, war ich an einem Punkt angekommen, wo ich genau von diesem wunderbaren Menschen ein Buch haben wollte, weil ich wusste, dass damit alles gesagt sein würde, was ich zur Erleuchtung/zum Aufwachen/für die Wahrheit brauchte. 

Woher ich das wusste, ist mir bis heute ein Rätsel. Dieses Wissen taucht einfach auf und hat nichts mit unserer uns so vertrauten Logik zu tun. Wenn ich eines auf dieser inneren Reise begriffen habe, dann das, dass das wirkliche Leben ein einziges Wunder ist. 

Mit Paramahansa Yogananda kamen die Liebe zu Gott und Gott-Vertrauen, mit Krishnamurti gab es die Zweifel an meinem Verstand und mit Papaji wurden meine letzten Zweifel an Gott/Erleuchtung/absoluter Wahrheit endgültig beseitigt und der Verstand bekam so große Risse, dass er ab da immer weiter in den Hintergrund treten musste. Erst dadurch konnte ich auch später aufwachen.

Was Aufwachen bedeutet wusste ich damals allerdings auch noch nicht. Ich wusste auch nicht genau, warum man es so nannte. Ich dachte ja immer, ich wäre tagsüber wach und würde schlafen, wenn ich im Bett liege. Heute weiß ich, so ist es nicht. Wir sind konditionierte Wesen, die sich in einer Dauerwiederholungsschleife befinden. Wenn wir das weder begreifen noch aufwachen, verschlafen wir unser ganzes Leben.

Tagebuch 07.06.2016:

„Gestern hatte ich starke Migräne-Schmerzen. Für den nächsten Tag hatte ich außerdem einen Zahnarzttermin vereinbart. Angst stieg auf. 

Ich sah, wie Schmerz und Angst einen Anflug von Panik in mir auslösten, weil der Schmerz irgendwie verhinderte, dass ich vernünftig mit meiner Angst umgehen konnte. 

Schmerz macht blind. 

Die Worte im Buch von Papaji flogen wie lose Erinnerungsfetzen durch meinen Schmerzkopf. Lauter wirres Zeug. Der Schmerz hat alles zerfetzt. Hilflosigkeit. 

Mein Schatz kümmerte sich abends liebevoll um mich und hat mir sogar aus dem Buch vorgelesen. Danach konnte ich einschlafen. Ich hatte zwar nichts verstanden von dem, was ich da hörte, aber trotzdem half es mir dabei, ganz entspannt einzuschlafen. Ich war so erschöpft von den Schmerzen.

Warum ich gestern Angst hatte, wusste ich nicht. Der Schmerz verhinderte, dass ich es beobachten konnte. Es schien so, dass sie wie eine alte Gewohnheit einfach mit den Schmerzen auftauchte. 

Heute Morgen jedoch bin ich ganz ruhig und ohne Angst. Es gibt auch irgendwie keine Gedanken. Ich bin völlig entspannt. Mit meinem ersten Kaffee lese ich sofort weiter im Buch von Papaji und plötzlich muss ich lachen und weinen. 

Es ist so einfach. 

Es schreibt. 

Es hat Angst.

Es lebt. 

Tschüss Körper und Geist. 

Ich will frei sein. 

Heute soll alles wie Leela sein. 

Das Leben ist ein Spiel und so werde ich es betrachten.“

Tagebuch 08.06.2016:

„Ich lese das Buch jetzt zum zweiten Mal und mache mir Notizen (die eigentlich überflüssig sind): 

  • Wann immer wir Objekte sehen, träumen wir. Und wenn wir träumen, heißt dies, dass wir auch schlafen. Du musst also mit dem Ruf: „ICH WILL FREI SEIN“ aufwachen. 
  • Wenn du „ICH BIN FREI“ annimmst, dann bist du frei. 
  • „ICH BIN“ braucht keinen Glauben oder Unglauben. Nimm es vollkommen an. Du bist schon frei. Was immer du sagst, was immer du denkst, wird geschehen. Es wird sich erfüllen, jetzt oder morgen. Wenn du denkst, du bist frei, dann bist du frei. 
  • Freiheit braucht keine Anstrengung. Freiheit ist frei. Frei von Anstrengungen. Wenn du versuchst, sie zu fangen, geht sie weiter weg. Denn du machst eine Anstrengung für etwas, was schon da ist! Wenn du keinerlei Anstrengung machst, bist du „DAS SELBST“. 

Die alten Schriften sagen, dass es Hindernisse gibt, die es aufzugeben gilt:

  • Die Idee der persönlichen Identität
  • Die Idee vom Himmel nach dem Tod
  • Die Idee von Verdienst und Fehlern
  • Die Idee, dass Handeln dich irgendwo hinbringt

Gib diese Bindungen auf.

Gib auch deine Bindung an Gott selbst auf. 

  • Die Idee, dass es eine Kraft außerhalb deiner selbst gibt
  • Die Idee, dass sie dir helfen kann

Und schließlich gib die Idee des Aufgebens selbst auf! 

Hindernis heißt nur, die Idee eines Hindernisses zu behalten. Diese Idee vom Verschwinden eines Hindernisses ist das letzte Hindernis. Das ist die letzte Hürde, die letzte Sprosse, der letzte Schritt vorwärts.“

Damals dachte ich, die Notizen würden keinen Sinn ergeben und sie würden mir nur helfen, das Gelesene noch mehr zu verinnerlichen. Aber da ich mein Yoga-Tagebuch heute wieder lese und veröffentliche, haben diese Notizen doch irgendwie ihren Zweck erfüllt. 

Papajis Aussagen sind radikal und nur dieser Radikalität ist es zu verdanken, dass mein Verstand zum Schweigen gebracht wurde. Mit ihm habe ich sofort begriffen, dass meine Suche nun ein Ende haben wird. Da es grundsätzlich nach all den Jahren der Suche und Erfahrungen schon Vertrauen gab, war es für mich nicht mehr so schwer, seinem Rat zu folgen und die Idee, dass es irgendwo Hilfe geben könnte, fallen zu lassen. Zu begreifen, dass diese Idee selbst ein Hindernis ist. 

Ich atmete tief durch, als ich diese Zeilen las und begriff, ich muss endlich Name und Form über Bord werfen und springen. Einen anderen Weg gibt es nicht, sonst wird die Suche nie ein Ende nehmen, weil das Suchen selbst sonst mein Leben ausmachen wird und nicht die Freiheit. 

Wie schwer es doch für mich war anzuerkennen, dass wir uns einen völlig falschen Begriff von uns selbst gemacht haben. Dass wir geboren wurden und dass wir der Körper sind, leiden und sterben müssen. Niemand weiß, wo das herkommt. Es ist nur ein Konzept. Es ist nicht wahr. 

Was für ein Schock, als ich dann Wochen später diese Wahrheit nicht mehr nur geglaubt, sondern selbst erfahren durfte, dass die Familie, die Gesellschaft und die Religion uns geprägt haben und unsere eigentliche Natur die Leere ist. 

Aber bevor das geschehen konnte, rebellierte wieder alles in mir, denn das Ego kann sich dieser Wahrheit nicht so einfach beugen. Mein Körper und meine Psyche flippten, wie die Monate zuvor, wieder mal völlig aus. 

Es gab so viel Schmerzen und selbst meine eigentlich schon verschwundene irrationale Angst meldete sich plötzlich immer wieder. Hatte ich sie tagsüber mit Hilfe der Meditation im Griff, überfiel sie mich jetzt in der Nacht und riss mich aus dem Schlaf. 

Was ich da jedoch noch nicht begriffen hatte war, dass es genau diese Angst war, die mir später die Tür zur Freiheit öffnen sollte. Sie war mein Schlüssel. Mit ihr konnte ich forschen, akzeptieren, mich hingeben und still werden. 

Tagebuch 08.06.2016:

„Papaji: Ich selbst, Leere, Bewusstsein – alles dasselbe. Du kannst nicht heraustreten. Es ist immer da. Wir denken nur, dass es nicht da ist, deshalb suchen wir. Manchmal suche ich nach der Brille, mit der ich lese. Ich suche nach der Brille, während ich sie trage. Ich suche überall und finde sie nicht. Ich sehe alles und finde sie nicht. Durch die Brille schaue ich, denn ohne die Brille kann ich ja nichts sehen, kann ich nicht suchen. Und doch kann ich die Brille nicht sehen, ich kann sie nicht da draußen finden. 

Du suchst „Ich will frei sein“. Durch diesen Gedanken suchst du nach Freiheit. Du wirst sie bekommen. Dieser Gedanke selbst ist das gleiche wie das, was du suchst. Das ist Bewusstsein! 

Zustände ziehen an dir vorbei, wie projizierte Bilder auf einer Leinwand vorbeiziehen. Die Leinwand ist inaktiv und ändert sich nicht. Wann immer Bewegung entsteht, muss da etwas sein, was sich nicht bewegt. Identifiziere dich mit der Leinwand. Du bist die Leinwand oder der Grund, auf dem diese Zustände erscheinen. Und der ist ungesehen. Wenn du etwas siehst, wird die Leinwand nicht gesehen; wenn du die Leinwand siehst, siehst du nichts. Wenn die Leinwand gesehen wird, werden Bilder nicht gesehen. 

Wenn du bewusst bist, siehst du nicht die Projektionen von Name und Form. Wo immer du Name und Form siehst, siehst du nicht die Wirklichkeit. Weise Name und Form zurück und sofort – Nirvana. 

Du wirst, was du denkst.

Wir haben ein Konzept, dass wir durch Praxis frei werden. Solch ein Mensch schiebt seine Freiheit auf. Wir werden nur in diesem Augenblick erleuchtet und nicht als Ergebnis von zehn Jahren Praxis. Freiheit ist jetzt verfügbar.“

Tagebuch 09.06.2016

„Papaji: „Spiritualität sagt dir nicht, dass du dich von irgendetwas befreien sollst. Was wird entfernt werden? Wo wirst du es hintun? In dieser Welt gibt es Berge und Flüsse und Tiere. Wenn du dich von ihnen befreist, wohin werden sie gehen? Sie müssen hierbleiben. Es ist besser, mit allem in Liebe zu bleiben, nicht zurückzuweisen oder zu akzeptieren. 

Diese Dinge sind nicht getrennt von deinem eigenen Selbst. Sie sind in dir. Ändere nur deinen Standpunkt. Akzeptiere diese Dinge in deinem eigenen Selbst als dein eigenes Selbst. Warum nicht akzeptieren, dass alles das „Ich bin“ ist? Das ist eine Tatsache. 

Wenn du zurückweist, wird es Grenzen zwischen dir und dem Selbst geben. Wenn du sagst, „Lass los“, wird es Grenzen zwischen dir und den Dingen, die du hinausgeworfen hast, geben. In der Wahrheit ist es aber nicht möglich, irgendwelche Beschränkungen oder Grenzen zu haben. Es ist vollständig! Entweder weist du alles zurück oder du akzeptierst alles als du selbst. Du kannst tun, was immer dir zusagt. Dann halte still. Werde leer von Gedanken und akzeptiere alles.“

***

Seit heute Morgen fängt es wieder an, überall zu jucken. Geht es wieder weiter mit meinem Nesselfieber oder sind das Bisse und Stiche von irgendwelchen Tieren hier im Garten? Ich habe vorsichtshalber ein Antihistamin genommen, weil ich merke, wie die Angst wieder hochkommt. Ich will nicht wieder diesen extremen Ausschlag, ins Krankenhaus und weitere Spritzen bekommen.  Ich bekomme immer Todesangst, wenn es ins Krankenhaus geht. 

Wie klar und deutlich sind die Worte dieses Lehrers (Papaji) und wie schwer ist es für mich noch immer, diese jetzt auch hier in dieser von Angst besetzten Situation umzusetzen. 

Schnippe mit dem Finger und die Angst verschwindet, sagt er. Angst sind nur Gedanken. Sie projizieren die schlimmsten Bilder und dann steigen die dazugehörigen Gefühle auf. Könnte ich doch endlich diese Gedanken lassen und direkt in dieses Selbst springen. 

Ich merke, wie auch Wut aufkommt. Diese permanenten Wehwehchen. Der Schwindel. Diese Kopfschmerzen. Zahnschmerzen. Allergien. Was soll das werden? Mein Kopf ist nie richtig klar. 

Ich gehe meditieren.

Ich habe meditiert und mich auf die Suche nach der Angst gemacht. Wo kommt diese Angst her? Plötzlich war sie weg. Ich konnte ihre Quelle nicht finden aber mit dieser Suche trat Ruhe ein. Selbst die laute Opernmusik von meinem Schatz und die Geräusche von draußen störten mich nicht. Der Atem war sehr ruhig und entspannt. Es gab kaum Gedanken. Meine Angst war völlig verschwunden.“

Dass die Angst auf einmal verschwand, nachdem ich ganz bewusst nach ihr suchte, fand ich erstaunlich. Es war offensichtlich, dass sie nichts Konkretes an sich hat und man sie somit nicht fassen kann. „Zufällig“ fand ich am nächsten Tag ein Video von Gangaji, die dieses Phänomen sehr schön beschrieb.

Tagebuch 10.06.2016:

„Nachts mit Panik wachgeworden. Meine Finger schmerzen. Sie sind eingeschlafen. Hatte ich in der Nacht etwa eine Faust gemacht und mich verkrampft? Ich hatte sogar geschrien. Ich war danach völlig durcheinander. 

Ich finde ein Video von Gangaji: Angst. Wenn du Angst fühlst und nachforschst, stellst du fest, dass sie nicht da ist. Überhaupt, wenn man negative Gefühle nachfühlt, verschwinden sie. Fühlt man positive Gefühle nach, dann werden sie endlos. 

Wenn du forschst, wo die Angst ist, dann kannst du feststellen, dass der Kopf eine Geschichte erzählt über die Angst und dich selbst. 

Wenn du aber sagst, okay Angst, du kannst kommen und du bist wirklich bereit, sie zu empfangen, dann kann die Angst nicht kommen. Denn in diesem Moment erzählst du keine Geschichte über die Angst. 

Und Angst existiert nur, wenn sie mit einer Story verbunden ist.

Es war offensichtlich. Durch Meditation und Beobachtung kam ich der Angst langsam auf die Schliche und durfte dabei auch noch aufwachen 🙂

Habt ein schönes Wochenende, Monika 


2 Gedanken zu “Angst, wo bist du?

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