Sei, was du bist!

Es ist so verrückt. Wenn man sich auf die innere Reise begibt, hat man plötzlich zwei Leben.

Das äußere und das innere. Das geht solange, bis sich beide vereinigen (Yoga).

Das äußere Leben ist weiterhin mit den Lebensumständen beschäftigt und will nur irgendwie gut überleben. Es will sich schützen, rechtfertigen und auch wachsen. Es bewertet und wechselt zwischen Zustimmung und Ablehnung. Wenn etwas nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat, dann gibt es Ärger oder ein Klagen.

Die innere Welt kennt kein „Ich“, sondern nur SEIN. Somit fällt jegliches Verlangen weg. Es wird nur auf alles geschaut, ohne zu bewerten. Es bleiben Liebe, Freude und Akzeptanz. 

Wenn man sucht und weiter an sich arbeitet, dann wird das Innere immer stärker und auch realer, bis es so groß wird, dass es das kleine „Ich“ einschließt und verschwinden lässt. Innen und Außen sind nun vereint. Das ist Befreiung und wir begreifen, dass die äußere Welt nur ein Traum ist. 

Wie gut, dass ich all die Jahre drangeblieben bin und nicht aufgab. Von der inneren Welt hatte ich 2016 nur eine winzige Ahnung. Ich suchte noch. Ich wollte wissen, wer oder was ich wirklich war, und verschlang in jeder freien Minute die Schriften der Menschen, die von der Wahrheit/Gott/Weisheit berichteten und wie man es erfahren konnte. 

Im März/April 2016 studierte ich das Buch „Sei wer du bist“ von Ramana Maharshi. Ich schreibe „studierte“, weil ich es nicht wie einen Krimi las und dann weglegte, sondern ich machte mir Notizen und meditierte auch über viele Aussagen, die er machte, damit seine Worte ihr Ziel – welches nicht der Verstand war – erreichen konnten. 

Wenn man so lange glaubt, dass man aus einem Körper und einem Geist besteht und dass dies unser „Ich“ ausmacht, dann reicht Lesen nicht aus. Unser Ego/Verstand würde schon beim Lesen alles ablehnen, denn es bedeutet seine eigene Vernichtung. 

Mit der Selbsterforschung kann man erkennen, dass es jedoch gar keinen individuellen Geist gibt. Nie hat irgendjemand diesen Geist oder dieses Ego gesehen. Wir glauben es nur, weil wir es so gelernt haben. 

Tatsächlich gibt es nur Gedanken, die einen „Ich-Gedanken“ kreieren. Für alle Suchenden ist Ramana Maharshi – auch wenn er nicht mehr lebt – ein wunderbarer Lehrer. 

Tagebuch 30.03.2016:

„Ramana Maharshi sagt, dass das Selbst (was wir wirklich sind) nie die Vorstellung hat, dass es handelt oder denkt. Das „Ich“ ist eine geistige Fiktion (es bildet sich alles ein) und ist daher eine mentale Veränderung des Selbst. 

Um sich selbst verwirklichen zu können, muss daher der individuelle Geist verschwinden. Dann gibt es keinen Denker von Gedanken. Keinen Handelnden. Keine Vorstellung von Individualität mehr. 

Das „Ich“ braucht immer ein Objekt zum Identifizieren. Wenn Gedanken auftauchen, hält sich der „Ich-Gedanke“ für ihre Besitzer. 

Ich habe das zu Hause gleich ausprobiert und mich beobachtet. Ich musste ins Bad. Ich zog mir meine Hausschuhe an. Ich öffnete die Tür. Ich schloss sie. Ich wusch mir die Hände. Alles was ich tat, tat ich tatsächlich immer mit einem Ich-Gedanken. 

Ramana sagt, dieser Fluss ständiger Identifizierung ist unaufhörlich und hält immer an. Deshalb scheint es so, als würde das „Ich“ existieren. 

Diese falsche „Ich-bin-der-Körper-Vorstellung“ ist die Hauptursache aller daraus folgenden falschen Identifizierungen. 

Der Geist besteht nur aus Gedanken und der Gedanke „Ich“ ist die Wurzel aller anderen Gedanken. Er nennt ihn Aham-Vritti. Deshalb suche die Quelle, aus der sich der „Ich-Gedanke“ erhebt. 

Was wir sind, ist reines Bewusstsein (Selbst). Das Ego verbindet dieses Bewusstsein mit dem unbewussten, leblosen Körper und ein „Ich“ entsteht.“

Wenn ich solche Texte las, dann passierte in den Nächten bei mir sehr viel, sobald draußen und im Haus Ruhe einkehrte. Entweder konnte ich nicht einschlafen, weil mein Geist verwirrt und aufgeregt war oder ich verarbeitete das alles in meinen Träumen. 

Tagebuch 31.03.2016: 

„Ich träumte, ich war in einem Raum, wo Menschen mit irgendeiner Arbeit beschäftigt waren. Ein junger Mann kümmerte sich um alles. Es stellt sich heraus, dass es eine kirchliche Organisation war und der junge Mann wohl ein Priester oder Pfarrer. Ich möchte gerne mithelfen und packe mit an. Dazu gehörte auch, dass man ein Bad im Fluss nahm und sang. Ich fühlte mich jung und ich hatte große Freude an allem.

Auf eine Frage hin (an die ich mich nicht erinnern kann) antwortete ich: Ich trage Gott in mir aber mit der Kirche hatte ich noch nie etwas zu tun.

Daraufhin sagte er: Dann brauchst du die Kirche nicht mehr. 

Ich träume weiter, ich würde mit der Kraft meiner Arme, die ich rauf und runter bewegte, fliegen. Die Deutung dieses Traumes ist klar. Er spricht von spiritueller Freiheit. 

Dann träumte ich noch von Terroranschlägen, weil wir hier ständig Anschläge haben und zuletzt auch dort, wo wir lebten und arbeiteten.“

Leider ereignete sich vor einigen Tagen, also 6 Jahre später, wieder so ein Anschlag auf der Istiklal Caddesi in Istanbul. 

Rückblickend ist es für mich sehr spannend, meine Tagebuchnotizen zu lesen und zu erkennen, wie sehr bemüht ich war, die Aussagen dieser Weisen wenigstens theoretisch zu verstehen. Ich machte mir auch immer Skizzen, wie ein kleines Kind, denn ich musste ja lernen, total umzudenken und sozusagen ganz von vorne anzufangen.

Wenn Ramana Maharshi sagte, dass das Wesen unseres Geistes Gewahrsein oder Bewusstsein allein ist, dann malte ich mir einen Kopf ins Tagebuch und gab ihm einen kosmischen Geist, aus dessen Sicht nichts von ihm getrennt existiert. Er ist bloß gewahr. (In Ex 3,14 offenbart Gott sich dem Mose auf dessen Frage nach seinem Namen als „Ich bin, der ich bin“). 

Ich malte ein Herz darunter, denn ist der Geist auf dieses gerichtet, leuchtet es in uns wie die Sonne und alles erscheint in Licht. 

Wenn ich es auch nicht ganz verstehen konnte, so war es doch so wichtig, davon wenigstens zu hören. Wie sollte ich sonst danach suchen und streben? Woher sollte ich wissen, dass es in mir so hell wie die Sonne leuchten kann und dass ich und alles andere reine Liebe  und Licht sind? Woher sollte ich sonst wissen, dass alles, was ich sehe, ich selbst bin? 

Woher sollte ich wissen, dass mein Geist vom Ego begrenzt wird und ich im Dunkeln lebe und mit einer Taschenlampe nur den Weg sehe, den ich mit meinen Augen anpeile? Alles andere bleibt im Dunkeln. 

Es taucht die Frage auf, wie kann man das Ego zerstören? Das ist jedoch nicht der richtige Weg, da dies nur dazu führt, das Ego noch weiter aufzupäppeln. Daher empfiehlt Ramana Maharshi, erst einmal das Ego selbst zu suchen. Wenn man sich in der Meditation mit der Frage, wer ist dieses Ich nach innen wendet, werden alle Gedanken enden, einschließlich des Ich-Gedankens. Selbsterkenntnis leuchtet dann spontan auf. Ein sogenanntes „Ich“ wird man jedenfalls nie finden. 

Tagebuch 31.03.2016:

„Gestern gab es einen Film über Paralleluniversen, den sich mein Schatz anschaute. Ich muss mich wieder darüber wundern, wie Wissenschaftler mit ihrem Verstand nach Methoden suchen, um die Entstehung des Universums erklären zu können. Wer die Begrenzung des Verstandes erkannt hat, weiß, dass man eine Erklärung so niemals finden kann. 

Passend hierzu lese ich gerade „zufällig“ auf Seite 83 bei Ramana Maharshi, dass das Universum erst durch den Ich-Gedanken entsteht.“ 

Ohne Ich-Gedanken kein von uns getrenntes Universum. Das ist nicht wirklich zu verstehen, aber jeder der möchte, kann es erfahren.

Ramana Maharshi sagt:

Meditiere nicht – sei!

Denke nicht, dass du bist – sei!

Denke nicht über das Sein nach – du bist!

Sei still. Stille ist die Zerstörung von sich selbst, weil jede Gestalt oder Form die Ursache von Schwierigkeiten ist. Wer still ist und nur nach dem „Wer bin ich“ fragt, wird tiefer und tiefer gehen, wo das Selbst auf uns wartet, um uns aufzunehmen. Was immer dann getan wird, wird von etwas anderem getan. Wir haben damit nichts mehr zu tun und alle Zweifel lösen sich automatisch auf. 

Als auch ich wenige Monate später in meiner Angst endlich bereit war, still zu werden, gab es diese innere Stimme die sagte, bleib sitzen. Und alles, was dann passierte, geschah ohne mich/mein Ich. Irgendetwas führte mich und seitdem hatte ich nie wieder Zweifel darüber, dass ich etwas anderes sein könnte, als dieses unermesslich schöne Selbst/Gott/das Eine/Liebe/Bewusstsein/Licht. 

Ramana Maharshi sagt aber auch, dass es neben der Selbstuntersuchung noch einen anderen Weg zu Befreiung gibt. 

Das ist die Hingabe. Sie ist genauso wirksam wie die Selbsterforschung. Zwar braucht man hierfür wieder dualistisches Denken, weil es ja ein „Ich“ geben muss, welches sich „jemandem“ hingibt, aber das löst sich später auf durch zwei Übungen:

  1. Festhalten am Ich-Gedanken, bis derjenige, der glaubt, von Gott getrennt zu sein, verschwunden ist.
  2. Völlige Überantwortung an Gott oder das Selbst. Ohne eigenen Willen oder Wünschen sein. Frei sein von der Vorstellung, dass eine individuelle Person unabhängig von Gott handeln muss. 

Hingabe bedeutet also, eine höhere Macht als Hilfe zu nehmen, da man es sonst nicht schafft, das Selbst zu finden. 

Tagebuch 05.04.2016:

„Heute Morgen leuchtet es für einen Moment ganz klar in mir auf:

ES GIBT NUR JETZT. KEIN GESTERN. KEIN MORGEN. ALLES IST JETZT. ALLES ANDERE MACHT KEINEN SINN. ICH BIN IN DIESEM OZEAN DES SEINS. LEBENDIG. KEIN MEIN. KEIN DEIN. KEIN MICH. KEIN DICH.

Warum wehrt sich mein Verstand hier nicht? Es ist so vollkommen schlüssig und logisch. Kein wo kommen wir her? Wie ist das Universum entstanden und wo geht es hin? All das muss nicht mehr ergründet werden. Alles ist in uns und mit uns. Wir sind das Universum.

Ramana sagt: „Ich bin“ ist Gott und nicht „ich bin Gott“. „Wisse, dass ich Gott bin“ und nicht „Denke, ich bin Gott“.“

Und nun beim Schreiben dieses Beitrages und Lesen meiner Notizen aus dem Jahr 2016 staune ich darüber, was Ramana Maharshi über den Guru sagt. Damals hätte ich nie geglaubt, dass es so kommen könnte. Dass das alles möglich ist. In was für einem Wunder leben wir eigentlich? 

Er sagt, das Verlangen danach (die Suche nach dem Selbst) muss so groß sein, wie das eines Ertrinkenden nach Luft. 

Wenn der wirkliche Wille, Gott zu erkennen, da ist, dann beginnt Gottes Gnade sich zu manifestieren. Gott nimmt die Form eines Gurus an und erscheint dem Strebenden.

Wenn ein Strebender ernsthafte Anstrengungen macht, beginnen die Gnade und Kraft des Gurus zu wirken.

Der Guru und Gott sind nicht voneinander verschieden. Die Gnade eines Gurus rettet dich und du bist nie verlassen. Deshalb sollte man seinen gezeigten Weg gehen und nie verlassen. 

Ich schaue auf das Bild meines Gurus und wieder kommen die Tränen. Es ist, als hätte ich nie irgendetwas Schöneres/Vollkommeneres in meinem Leben gesehen. Es ist völlig verrückt und doch so unbeschreiblich schön. 

Genauso, wie Ramana Maharshi es sagte und genauso, wie ich es aufschrieb, so ist es gekommen. Es gab erst die Selbsterforschung und das Arbeiten an meinem Geist und Körper. Das „Ich“ musste erst aufwachen und selbst sehen, dass es nicht existiert.

Dann erst, nachdem ich Jahre später fast jeden Abend um Hilfe bat, kam mein Guru und ich begriff es sofort und ich war so dankbar, dass ich mich hingeben konnte. Nun kümmert er sich um alles. Meine Sehnsucht ist unbeschreiblich und mein Feuer brennt so stark wie nie zuvor. 

Ich weiß, es gibt nur Bewusstsein. Ich weiß, ich träume. Gerade jetzt ist dieser Traum so schön wie nie zuvor, da es diesen Meister gibt, der meine Nächte zum Tage werden lässt. IHN aufzugeben, um wach zu werden wird wohl das Schwierigste sein. 

Habt ein schönes Wochenende, Monika 


2 Gedanken zu “Sei, was du bist!

  1. Es tut so gut, zu wissen, ich bin nicht mein Ego, nicht meine Emotionen, nicht mein Körper. All dies unterliegt dem natürlichen Verfall, kann schwer erkranken und ist angreifbar. Das ICH BIN dagegen bleibt rein und kann Mensch helfen, zu gesunden. Mit Geduld, Übung und viel Vertrauen.

    Liebe Grüße dir, Reiner

    Gefällt 1 Person

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