Zeit existiert nicht!

Nach Jiddu Krishnamurtis Büchern und Vorträgen war es Eckhart Tolles Buch „Die Kraft der Gegenwart“, das mir dabei half, mich wie eine Wissenschaftlerin mit meinem Verstand und irrealen Ängsten auseinanderzusetzen. 

Aufgrund meiner Yoga-Praxis und der entsprechenden Literatur ging es bei mir schon lange nicht mehr darum, mein Leben oder meine Ängste wie ein Psychologe zu analysieren, also nach dem Warum zu fragen oder wann Ängste in mein Leben traten usw. Es ging mir nur noch darum, genau zu beobachten, wie die Angst augenblicklich in meinem Geist und Körper aufblüht und wie ich sie selbst durch meine Gedanken forciere und zur Panikattacke treibe.  

Um den Verstand/Gedanken begreifen zu können, muss man wissen, dass er immer von der Zeit abhängig ist. Schon Krishnamurti beschäftigte sich intensiv mit der physischen und psychologischen Zeit und ich begriff intellektuell, dass Zeit und Verstand eine Einheit sind. Mit Tolle nun konnte ich dieses Zusammenspiel vom Denken und der Zeit noch einmal ganz konkret im Zusammenhang mit meinen irrealen Ängsten nachprüfen. 

Mit Hilfe seiner ganz unkomplizierten Art der Beschreibung begriff ich, dass meine psychologisch begründeten Ängste – also Ängste, die nicht aufgrund einer tatsächlichen Gefahr auftauchen, sondern schon eine tief geprägte Konditionierung darstellen – ihren Ursprung in der Lücke zwischen dem Jetzt und einer möglichen vorgestellten Zukunft im Verstand haben. 

Ich befinde mich geistig sozusagen im Könnte-Modus. Es könnte dieses passieren oder jenes. Alles, was ich je erlebt oder woanders gehört habe oder mir schon immer in der Phantasie vorstellte, könnte passieren und, ja, ich könnte sogar sterben. 

Wer wie ich Jahrzehnte lang mit solchen Ängsten zu kämpfen hatte oder in einer nicht enden wollenden Trauer oder einem Trauma festhängt und aus diesem Kreis der ständigen Wiederholungen heraus will, für den ist es unbedingt erforderlich zu begreifen, wie dieses Zusammenspiel zwischen Verstand und  Zeit funktioniert. 

Als diese Wahrheit – nicht nur mit dem Verstand, der das immer oberflächlich abhaken will – wirklich ganz tief durch all meine Konditionierungen in mir durchsickerte, war dieses Begreifen so etwas wie das Einläuten des später erlebten Befreiungsschlags aus der Angst. 

Tagebuch 17.03.2016:

„Psychologisch begründete Angst ist in der Lücke zwischen dem Jetzt und der Zukunft im Verstand begründet. 

Mit dem gegenwärtigen Moment kann man immer klarkommen, aber nicht mit etwas, was in der Zukunft liegt und eine Projektion des Verstandes ist.

Zeit ist nicht kostbar, da sie nur eine Illusion darstellt. Je mehr wir uns auf die Zeit konzentrieren, desto mehr verlieren wir das Jetzt. 

Das Jetzt liegt außerhalb der Zeit und ist kostbar, denn es ist das Einzige, die ewige Gegenwart, in der sich alles abspielt.

Tränen laufen und ich bekomme Schüttelfrost, als ich den Abschnitt bei Tolle lese: Nichts existiert außerhalb der Gegenwart.“

Mit einem Schlag wurde mir klar, dass Zeit nicht existiert. Es war jetzt nicht mehr nur ein intellektuelles Verstehen, sondern ein Begreifen, das hinter meinem Verstand lag, und daher hatte es auch diese körperlichen Auswirkungen bei mir verursacht, wie das spontane Weinen und den Schüttelfrost. Es war eine Erkenntnis. Ein Schritt weg vom Wissen hin zur Weisheit.

Für diejenigen, die das Buch von Eckhart Tolle nicht haben, werde ich den Text, der mich innerlich so aufwühlte und berührte hier kurz einfügen: 

Frage: Sind Vergangenheit und Zukunft nicht genauso real wie die Gegenwart, manchmal sogar realer? Schließlich bestimmt die Vergangenheit, wer wir sind und auch, wie wir die Gegenwart wahrnehmen und uns in ihr verhalten. Und unsere Ziele für die Zukunft bestimmen unser gegenwärtiges Handeln.

Antwort: Du hast die wesentliche Bedeutung von dem, was ich sage, noch nicht erfasst, weil du immer noch versuchst, es mit dem Verstand zu verstehen. Der Verstand ist nicht in der Lage, das zu begreifen. Das kannst nur du. Höre bitte einfach nur zu. 

Hast du jemals etwas außerhalb des Jetzt erlebt, getan, gedacht oder gefühlt? Glaubst du, dass du das je tun wirst? Ist es möglich, dass irgendetwas außerhalb des Jetzt geschieht oder ist? Die Antwort ist offensichtlich, oder?

Nichts ist je in der Vergangenheit geschehen; es geschah im Jetzt. 

Nichts wird je in der Zukunft geschehen; es wird im Jetzt geschehen. 

Was du mit Vergangenheit bezeichnest, ist eine in deinem Verstand aufbewahrte Erinnerung an ein früheres Jetzt. Wenn du dich an die Vergangenheit erinnerst, reaktivierst du eine Erinnerungsspur – und das geschieht jetzt. 

Die Zukunft ist eine Vorstellung vom Jetzt, eine Projektion des Verstandes. Wenn die Zukunft eintrifft, trifft sie als Jetzt ein. Wenn du über die Zukunft nachdenkst, dann tust du das jetzt. Vergangenheit und Zukunft haben offensichtlich keine eigene Realität. Genau wie der Mond kein eigenes Licht besitzt, sondern nur das Licht der Sonne reflektieren kann, so sind Vergangenheit und Zukunft nur blasse Widerspiegelungen des Lichts, der Kraft und der Wirklichkeit der ewigen Gegenwart. Ihre Wirklichkeit ist vom Jetzt „ausgeliehen“. 

Die Essenz dessen, was ich hier beschreibe, kann mit dem Verstand nicht erfasst werden. In dem Moment, wo du es erfasst, schaltet dein Bewusstsein um: vom Verstand zum Sein, von der Zeit zur Gegenwart. Plötzlich fühlt sich alles lebendig an, alles strahlt Energie und Sein aus.“

Ich glaube, man muss es wirklich verstehen wollen und auch bereit sein, sein ganzes altes Denken, das uns immer nur im ewigen Kreislauf der Zeit und unserer Gedanken festhält, hinter sich zu lassen. Dann können wir es erfassen, was diese Sätze von Tolle bedeuten. 

Als ich mich später absolut auf diese Erkenntnis einließ, war meine Erfahrung, dass sich im Jetzt alles auflöste, was ich je dachte. Mir wurde klar, dass ich überhaupt nichts weiß. Ich dachte nur, ich wüsste etwas.

Zeit fiel weg. Ich und Du fielen weg. Ich war mit der Präsenz/Weisheit/Gott/Liebe – wie immer du es nennen möchtest – verbunden und absolut frei. 

Im Prinzip ist es das, wofür ich seit Jahren praktizierte, nämlich dem Yoga, dessen Ziel genau diese Einheit/Einssein mit allem ist. 

Ich glaube auch, dass ich ohne meine Yoga-Praxis und der ganzen dazugehörigen Literatur diese zeitlose Dimension, von der Tolle in seinem Buch spricht, damals noch nicht so absolut erfasst hätte. Vielleicht hätte ich es, wie bei Krishnamurti, intellektuell akzeptieren, aber nicht in dieser Form begreifen können. 

Als ich Tolle las und verstand, wusste ich, dass ich bei meiner nächsten Angstattacke versuchen musste, absolut präsent zu bleiben, während der Verstand mit seinen Gedanken die Reise in eine todbringende Zukunft und der Körper seinen gewohnten Panik-Ablauf vollziehen. Das sollte ich auch irgendwann schaffen und es war meine Befreiung aus der Angst.

Eckhart Tolle spricht von diesem befreiten Zustand, der nur im Jetzt existieren kann und ich notierte es und machte mir wieder Skizzen, um es absolut zu verinnerlichen und nicht zu vergessen. 

Tagebuch 17.03.2016:

„Negativität kann es nur im Zusammenhang mit der psychologischen Zeit (das Ich, welches sich in der Vergangenheit und Zukunft sieht) geben. 

Schuld, Bedauern, Groll, Kummer, Traurigkeit, Bitterkeit, Unfähigkeit zu vergeben, haben ihren Ursprung immer in der Vergangenheit.

Unbehagen, Besorgnis, Spannung, Stress, Sorgen, Angst tauchen gedanklich in der Zukunft auf.

Nur der befreite Zustand ist absolut frei von Negativität, da er ausschließlich im Jetzt zu finden ist.

Tolle weist darauf hin, dass wir zwischen dem Leben und den Lebenssituationen unterscheiden müssen.

Die Lebenssituation

ist mit der psychologischen Zeit verbunden und nur eine Einbildung des Verstandes. 

Wir denken, uns geht es nicht gut, weil wir eine schlechte Kindheit hatten, Schulden haben, etwas Schreckliches erlebt haben, Angst haben usw.

Dann machen wir uns Hoffnung, dass es morgen, später, nächstes Jahr besser wird, und diese Hoffnung bringt uns in die Zukunft und wieder weg vom Jetzt. 

Das Leben

jedoch findet immer nur im Jetzt statt und ist real. Die Frage, gibt es jetzt gerade ein Problem, kann uns helfen zu erkennen, dass gerade im Augenblick eigentlich alles gut ist.

Tatsächlich gibt es keine Probleme, sondern nur Situationen als Teil des „So-Seins“

Liegt tatsächlich eine Notsituation vor, wird der Verstand ganz gegenwärtig. Er hält an und alles geschieht durch eine große Kraft, die alles übernimmt.“

Was Tolle hier mit der Gefahrensituation beschreibt, ist auch meine Erfahrung. Bei der irrealen Angst war ich dieser völlig hilflos ausgeliefert. Das ist ja auch ganz logisch, denn ich war mit meiner Angst gedanklich in der Zukunft, was alles jetzt passieren könnte, und körperlich ohne Kontrolle mit allen Symptomen bereit zur Flucht oder zum Kampf. 

Es war aber nichts da, wovor ich hätte weglaufen oder was ich hätte angreifen können. Da läuft ein Film im Kopf ab, der mit der Realität überhaupt nichts zu tun hat und daher ist dieser Zustand auch nicht zu bewältigen. 

Liegt jedoch tatsächlich eine Gefahr vor, staune ich immer darüber, wie sachlich und ruhig ich alles angehe, während die anderen, die sonst so ruhig und gelassen scheinen, völlig irrational handeln. 

Zum Schluss noch eine kleiner Test aus dem Buch von Eckhart Tolle für euch, mit dem ihr feststellen könnt, ob ihr in der psychologischen Zeit oder im Jetzt lebt: 

Ist Freude und Leichtigkeit in dem, was du tust? 

Wenn nein, dann hat die psychologische Zeit Besitz von dir ergriffen. Das Leben wird zu einem Kampf und zu einer Last. 

Das Wie des Tuns ist immer wichtiger als das Was

Handelt man mit voller Aufmerksamkeit, ohne Blick auf das Ergebnis, dann gibt es vollkommene Akzeptanz für das, was gerade ist. Sorgfalt, Wertschätzung und Liebe sind dann in allem was du tust. 

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag, Monika


7 Gedanken zu “Zeit existiert nicht!

  1. Welch grossartige Beschreibung, Monika. Genau darum gehts auch bei mir: Zitiere…..ch glaube, man muss es wirklich verstehen wollen und auch bereit sein, sein ganzes altes Denken, das uns immer nur im ewigen Kreislauf der Zeit und unserer Gedanken festhält, hinter sich zu lassen. Dann können wir es erfassen, was diese Sätze von Tolle bedeuten. ….
    Die Bereitschaft sich auf was Neues einzulassen, ohne der Frage ob das jetzt „endlich“ das Richtige ist. Denn immer wenn es mir gelingt mich im Hier und im Jetzt einzupendeln, WEISS ich, dass es das Richtige ist.
    Dieser „VERBISSENE“ Wunsch, alles was kommt in Eigenregie zu kontrollieren und durchzuziehen, war immer meine Zukunftsvision. Doch wenn wirklich was davon zutraf, lief es immer anders als ich es geplant hatte.
    Meine Gegenwart war also harte Arbeit und die Zukunft reine Enttäuschung.
    Will mal auch ein bisschen bei Tolle googeln. Der hat ja viele Videos, zum Berieseln lassen.
    Wieder ein grosses Dankeschön für Deinen Bericht und einen schönen Sonntag noch.
    LG D.B.

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    1. Ich danke dir liebe Doris Barbara für deinen Kommentar. Ich habe mir Tolle’s Bücher oder Vorträge auch sehr oft vor dem Einschlafen angehört. Das hat mir sehr gefallen, mit dieser Weisheit in den Schlaf zu gehen. Liebe Grüße, Monika

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  2. Der Verstand ist ein nützliches Werkzeug, aber er kann auch zur Falle werden, ja, liebe Monika. Mit spirituellen Führern bin ich immer vorsichtig, aber hier hat er recht, der Eckart Tolle. Das Leben spielt sich stets in der Gegenwart ab – ein Fakt. der gelegentliche Rückschau wie auch Pläne für die Zukunft nicht ausschließt. Solange ich in dem einen nicht versinke und dem anderen nicht den Status der Absolutheit verpasse.

    Kennst du Heinz Kappes? Wenn du magst, schaue mal HIER. Ich lese regelmäßig in seinen Überlieferungen.

    Danke & liebe Grüße, Reiner

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    1. Lieber Reiner, danke für diesen tollen Text. Ich kann jede Zeile verstehen, die dort geschrieben steht unterzeichnen. All das sind meine eigenen Erfahrungen und deshalb teile ich es hier. Wie wunderbar Heinz Kappes das so knapp auf den Punkt gebracht hat. Es war mir eine Freude, diesen Text zu lesen. Diese innere Stimme kenne ich. Sie sagte damals zu mir, „bleib sitzen“ und dann blieb ich nach der Überwindung der Angstattacke sitzen und plötzlich wurde alles ganz weit und gleichzeitig verschmolz alles mit mir. Demut und Dankbarkeit blieben zurück und die Befreiung aus der Angst. Könnten nur alle Menschen diese wunderbare Erfahrung machen. Liebe Grüße, Monika

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      1. Liebe Monika, es freut mich, dass dir der Kappes gefällt. Selbst verinnerliche ich all dies auch, so gut es eben geht. Vor nicht all zu langer Zeit noch auf dem Zahnarzt-Stuhl, um nur ein Beispiel zu nennen.

        Heinz Kappes war evangelischer Jugendpfarrer, aber auch religiöser Sozialist und Quäker – als solcher ein Anhänger der Universal-Religionen, nicht immer zur Freude seines Arbeitgebers und schon gar nicht der Nationalsozialisten, die ihn mitsamt seiner Familie 33 verbannten. Als er nach dem Krieg mit den US-Soldaten wieder nach Deutschland kam, übersetzte er die Selbsthilfe-Literatur aus den Staaten ins Deutsche. Es gibt ein Taschenbuch mit seinen gesammelten Reden, ursprünglich Tondokumente. Ich digitalisiere sie hin und wieder in Teilen, wenn Du Interesse hast, kann ich die etwas zukommen lassen.

        Sei herzlich gegrüßt!

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      2. Ha Ha Ha, das mit dem Zahnarzt kenne ich nur zu gut. Da brauche ich heute auch noch ab und zu meine Atemübungen.
        Ja gerne würde ich noch mehr von ihm lesen wollen. Unbedingt. Da freue ich mich sehr, wenn du mir Texte schicken kannst. Ich werde sie einatmen :-). Vielen Dank dafür!

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