Tapas oder der innere Schweinehund

Wer von euch kennt seinen Atem und wer von euch kann ihn kontrollieren? 

Ich bin so froh und dankbar, dass ich „meinen Atem finden“ durfte. Seitdem ich vor nunmehr ca. 12 Jahren mit Yoga anfing, wurde mir das erste Mal bewusst, dass ich atme und wie ich atme. 

Seitdem gab es kaum einen Tag, an dem ich nicht meine Atemübungen machte. 

Ab 2015 intensivierte ich diese Übungen mit Hilfe des Buches von Iyengar „Licht auf Pranayama“ noch mehr. Während es anfänglich um die Beobachtung, Verlängerung und Intensivierung des Atems ging, war ich 2016 nun damit beschäftigt, das Anhalten des Atems (Kumbhaka) zu üben. 

Wenn der Atem stillsteht, stehen auch die Sinne still und das Denken verstummt. 

Ich lernte, dass der Atem die Brücke zwischen dem Körper und den Sinnen 

(= ich will etwas haben oder nicht haben)

und dem Denken ist.

(= sich gedanklich immer in der Vergangenheit und Zukunft befinden) 

Ich konnte auch nicht aufhören, die Videos von der wunderbaren buddhistischen Nonne Ayya Khema anzuhören, obwohl ich auch spürte, dass mich der Buddhismus immer weiter runterzog. Man kann sich nicht mit dem Buddhismus beschäftigen und gleichzeitig oberflächlich bleiben, also die Vergänglichkeit und den Tod verdrängen. Das ist einfach nicht möglich. 

Dieser Widerspruch zwischen dem, was ich mit Yoga und Buddhismus lernte und dem, wie sich mein ganzes Umfeld verhielt, machte mich total fertig. Das führte mich immer weiter weg von meinen Mitmenschen, denn ich konnte mit ihnen nicht teilen, wie ich die Welt gerade wahrnahm. 

Es interessierte einfach niemanden. Ich wollte aber auch nicht anfangen zu kritisieren oder das, was wir gerade tun, ständig hinterfragen, denn dann hätte ich nur immer ihren Zorn auf mich gezogen. Womöglich als Besserwisser dagestanden. Ich begriff schmerzhaft, dass keiner wissen wollte, warum er so denkt, wie er denkt und warum er so handelt, wie er handelt. 

Rückwärts gehen ging für mich aber auch nicht. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich zurückzuziehen und weiter zu lernen und zu üben. Es war für mich völlig klar, dass ich das Alte nicht mehr wollte.

Ich musste zu dieser Zeit auch an meine sehr gläubige türkische Schwiegermutter denken, mit der ich zwar oft meine Konflikte hatte, die ich aber trotzdem sehr mochte und respektierte.  

Tagebuch 20.01.2016:

„Es wird immer schwieriger für mich, mich mit diesen so wichtigen und spannenden Lehren zu befassen, und alle anderen um mich herum schauen TV oder spielen auf ihrem Handy. Ich weiß, es hat gar keinen Sinn, über das, was ich innerlich erlebe zu reden und doch ist dieser Wunsch so stark. Man möchte die anderen mitreißen. 

Ich komme mir dann vor, wie meine eigene Schwiegermutter. Ich werde nie vergessen, wie sie weinte und laut schrie, weil ihr Sohn während der Festtage nicht mit in die Moschee gehen wollte.“

Wie gerne hätte ich mich heute mit ihr über Gott unterhalten. Damals hatte ich zwar kein Problem mit gläubigen Menschen, aber ich dachte, ich stünde mit meinem Denken über ihnen. 

Obwohl ich selbst nicht „glaube“ weiß ich heute, dass auch tiefer Glaube zu innerem Frieden führen kann. 

Die nächsten Sätze, die ich notierte, stammten aus einem weiteren Vortrag von Ayya Khema „Tiefsinnige Fragen (1) „Bewusstsein regiert die Welt“. Als ich diese Notizen machte, wusste ich noch nicht, was genau damit gemeint war, aber ich spürte diese große Sehnsucht in mir, es erfahren zu wollen. 

„Erst sieht man den unendlichen Raum. Dann erlebt man das unendliche Bewusstsein. Es ist das kosmische Bewusstsein. Es hat auch eine eigene Dynamik und enthält alle Bewusstseine. Alles was in unserem Bewusstsein ist, ist auch im universalen Bewusstsein. 

Das ist unsere Verantwortung. 

Nur was in unserem Bewusstsein ist, können wir im kosmischen Bewusstsein berührten. 

Wenn wir also unser eigenes Bewusstsein so läutern, dass es nur noch die Reinheit ins kosmische Bewusstsein fließen lässt, dann fließt auch die Reinheit des kosmischen Bewusstseins in uns hinein. Es ist eine Interaktion. 

Dies kann man auch auf einer einfachen Ebene erleben. Ist jemand liebevoll, spüren wir es und es geht in uns über. Ist jemand ängstlich oder wütend, geht das irgendwie auch auf unser Gemüt über. 

Wenn wir uns dann nicht zu sehr auf uns selbst konzentrieren, sondern uns hingeben, dann fließt alles und dann spüren wir, was um uns herum vorgeht, was zu uns kommt und was wir aufnehmen können und wollen und was nicht. Dann sind wir im Fluss, in der Dynamik.“

Wenn man diesen unendlichen Raum nur ein einziges Mal in sich erleben durfte, will man, so wie ich, einfach nur noch zu einem leeren Gefäß werden, damit Gott/das universelles Bewusstsein/die Weisheit vollkommen in diese Hülle einströmen kann. 

Dann begreift man irgendwann, dass die Welt, die man jeden Morgen aufs Neue erblickt, nur ein Resultat des eigenen Denkens ist. Die Meditation half mir dabei zu erkennen, was Denken bedeutet.

Um zu erkennen, dass meine Gedanken nicht richtig sind, musste ich Demut lernen. 

Wie sonst sollte ich begreifen, dass ich meinem Geist nicht glauben darf. Er gaukelt mir etwas vor, weil er nur auf Gefühlte und Sinneskontakte reagiert.

Ich muss an dieser Stelle immer an unseren Hund denken. Er wird geführt von seiner Nase, und nur da will er lang. Es ist so offensichtlich, wenn man Tiere beobachtet. 

Meine Träume zu dieser Zeit haben sich wieder verändert. Es tauchte noch einmal eine große Welle auf, die bedrohlich vom Meer auf uns zukam, aber sie stellte weder für mich noch für meine Kinder eine Gefahr dar. Durch das gewonnene Vertrauen über all die Jahre gab es nun in meinem Leben keine Zukunftsängste mehr. 

Auch gab es Träume, in denen ich mit Gepäck unter dem Arm umherlief und nicht wusste, wohin jetzt. Diese typischen Träume, in denen man sich verirrt. Ich habe meine Bettwäsche und Kleidung dabei und ständig will mir alles herunterfallen und verloren gehen. Chaotischer Bahnhof, eine Stadt, ein Wald und eine schöne weitere Landschaft. Stadt und Menschen waren mir fremd. 

Das spiegelte meine Verwirrung wider, die Buddhas Texte in mir auslösten. Ich konnte ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht begreifen, was er mit seiner Sutra „Das Herz der vollkommenen Weisheit“ meinte: 

„Alle Dinge sind in Wahrheit leer. Nichts entsteht und nichts vergeht. Nichts ist unrein, nichts ist rein. Nichts vermehrt sich und nichts verringert sich. Es gibt in der Leere keine Form, keine Empfindung, Wahrnehmung, geistige Formkraft und kein Bewusstsein, keine Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper oder Geist; es gibt nichts zu sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen oder denken, keine Unwissenheit und auch kein Ende der Unwissenheit, kein Altern und keinen Tod, noch deren Aufhebung, kein Leiden und keine Ursache des Leidens, kein Auslöschen und keinen Weg der Erlösung, keine Erkenntnis und auch kein Erreichen. 

Weil es nichts zu erreichen gibt, leben Bodhisattvas Prajna Paramita und ihr Geist ist unbeschwert und frei von Angst. 

Befreit von allen Verwirrungen, allen Träumen und Vorstellungen, verwirklichen sie vollständiges Nirvana. 

Alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leben Prajna Paramita und erreichen damit die höchste Erleuchtung. Erkenne deshalb, dass Prajna Paramita das große Mantra ist, das strahlende Mantra, das unübertroffene Mantra, das höchste Mantra, das alles Leiden stillt. Dies ist die Wahrheit, die Wahrheit ohne Fehl. Deshalb sprich das Prajna Paramita Mantra: 

Gate, gate, paragate, parasamgate, bodhi, svaha!

(Gegangen, gegangen, hinübergegangen, ganz hinübergegangen, oh welch ein Erwachen, vollkommener Segen.)“

Ja, ich wollte endgültig frei von Angst werden und ich wollte Zugriff auf diese Weisheit haben, aber anstatt von allen Verwirrungen befreit zu werden, führte seine Lehre erst einmal dazu, dass ich im Geist immer verwirrter wurde.

Aber auch diese völlige Orientierungslosigkeit und die anschließende Depression, in die mich diese Lehre stürzte, waren wichtig, um alle Glaubenssätze in mir zu erschüttern. Das kann schmerzhaft sein, denn alles schien auf einmal so sinnlos. Und das ist genau richtig, denn die Illusionen, die wir uns über diese Welt geschaffen haben, müssen irgendwann endgültig zusammenbrechen.  

Wie sollen wir auch sonst darauf vorbereitet werden und begreifen, dass alles, wirklich alles, was wir sehen und lieben oder auch nicht lieben, gar nicht existiert. Wenn Aufwachen passiert, ist das erst einmal ein Schock. Besser ist, man hat schon einmal davon gehört :-). 

Ich jedenfalls bin trotz alle dem drangeblieben und habe mich und mein Denksystem weiter untersucht und erforscht. Habe weiter alles in mir und um mich herum beobachtet und Notizen gemacht.  

Neben der buddhistischen Lehre blieb ich auch meinem Yoga-Weg treu und den Yoga-Sutras des Patanjali, denn mein Motto hieß immer Tapas. 

Tagebuch 27.01.2016:

„Kriya im Sinne der Yoga Sutra bedeutet Tapas. Tapas bedeutet Selbststudium und Hingabe an Gott. 

Mit Hingabe und dem Vertrauen, dass alles so geschieht, wie es Gottes Wille ist und für uns genau so richtig ist, verschwindet alles Leiden. Er gibt uns, was wir brauchen, und alles, was wir tun, opfern wir ihm, dann verschwindet auch das Ego.“

Ich sehe gerade, dass ich mir so ähnliche handschriftliche Notizen auch schon vorne auf der ersten Seite meines Buches (Yoga-Sutras des Patanjali) gemacht hatte:

„Tapas: Askese Selbstbeherrschung, Konzentration, physische und geistige Strenge und Disziplin, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Wille und Energie konzentrieren und benutzen, um Körper, Emotionen und den Verstand zu regulieren und zu wandeln.“ 

Heißt eigentlich nichts anderes, als jeden Tag den eigenen inneren Schweinehund immer wieder aufs Neue zu überwinden!

Es ist sicherlich egal, welchen Weg man geht aber ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass man dabei bleibt und niemals aufgibt. Sich nicht mehr im Netz der Meinungen der Masse verfängt,  sondern bei sich und seiner inneren Stimme bleibt, die nicht aus dem Verstand kommt. Sie sitzt mitten in unserer Brust und ist immer da. 

Ich wünsche euch eine schöne Rest-Woche, Monika 


5 Gedanken zu “Tapas oder der innere Schweinehund

  1. Dein Beitrag ist (wieder mal) so schön und hilfreich liebe Monika. Früher habe ich mit den Kindern im Kindergarten oft die Kuscheltieratmung geübt. Dann haben wir alle unser liebstes Kuscheltier (ja auch ich) auf den Bauch gelegt, während wir selbst auf dem Boden lagen. Wir konnten beobachten dass das Kuscheltier sich bewegt wenn wir atmen. „Unser Atem ist immer bei uns, was immer auch ist“ war eine der Botschaften im Rahmen der Gewaltlosen Kommunikation/Erziehung nach M. Rosenberg. Es half den Kindern , sich nach Stresssituationen wie Ärger, Wut, Sorgen, Panik selbst zu regulieren. Es ist so schön, dass ich durch deinen Beitrag nun wieder daran denken muss. Hab vielen Dank. Liebste Grüße Steph

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo liebe Steph, Kuscheltieratmung? Das ist ja genial. Habe ich noch nie gehört. Tolle Idee. Also das merke ich mir auf jeden Fall :-). Da habt ihr den Kindern etwas sehr Gutes mitgegeben. Hoffentlich erinnern sie sich später daran, wenn sie Stress im Alltag haben.

      Gefällt 1 Person

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