Den Tod untersuchen

Die Angst vor dem Tod begleitete mich mein ganzes Leben lang und war immer anwesend bei allem, was ich tat. Als ich 2010 mit Yoga anfing, wusste ich nicht, dass dies zu meiner Befreiung von meinen Ängsten führen würde. Durch die täglichen Übungen an Atmung, Körper und Geist, wurde ich ein völlig anderer Mensch. Es begann eine Reise von außen nach innen und von innen nach außen. Ich durfte sogar erleben was passiert, wenn man stirbt – und danach blieb keine Angst mehr zurück.

Nachdem ich 2015 das Weihnachtsfest „hinter mich gebracht hatte“ fuhr ich völlig erschöpft von Istanbul wieder zurück in unser Dorf an die Ägäis. Dort lag ich anschließend erst einmal zwei Tage mit Kopfweh flach.

Tagebuch 25.12.2015:

„Weinachten überstanden. Aufräumen. Putzen. Kochen. Müde fahre ich zurück ins Dorf. Die Luft in Istanbul stinkt. Die Große hat Erfolg, sieht aber nicht glücklich aus. Sie hetzt noch immer von einem Termin zum nächsten. Ich hoffe, sie kann mal irgendwann ausschlafen. Die Kleine ist immer muffelig. Warum können sie nicht glücklich sein? Auch C. hat so viel Sorgenfalten auf der Stirn. 

Ich stehe im Stau am Fährhafen und warte auf das Schiff. Ich freue mich auf unser Dorf. Bin aber traurig, dass ich meine Kinder so zurücklassen muss.“ 

Tagebuch 29.12.2015:

„Heute geht‘s mir endlich wieder besser. Es ist zu heiß für diese Jahreszeit. 20 Grad in der Sonne. Morgen sollen die Temperaturen extrem runter gehen und nachts steht Frost an. Ob unser Haus weitergebaut werden kann wissen wir nicht. Wir überlegen, den Rohbau endgültig zu verkaufen und das Haus loszulassen. Es tut weh. 

Habe meine türkische Rente abgeholt. Private Krankenversicherung bezahlt. Kreditkartenschulden bezahlt. Einen Einkauf bei Migros gemacht. Geld alle. Ich muss auf jeden Fall ab Januar wieder arbeiten gehen. Mit diesem Geld kann kein Mensch überleben.“

Ohne Yoga wäre ich schon wieder bei diesen Umständen in ein sorgenvolles, nicht enden wollendes Grübeln verfallen. Kein Geld. Keinen Job in Aussicht. Keine Bleibe für die Zukunft. Wie sehr ich mich schon verändert hatte, zeigen mir die Vorsätze, dich ich anschließend für das neue Jahr 2016 verfasste. Anstatt, wie früher, mein kommendes Leben durchzuplanen und mir Ziele für Job und Geld zu setzen, hatte ich nur noch GOTT im Kopf. Ich war voller Vertrauen. Ich wusste einfach, dass mich nur dieser Weg nach innen weiter bringen würde und nicht die Suche nach Sicherheit auf der materiellen Ebene. Alles würde sich fügen, wenn ich bei meiner Reise blieb. Das spürte ich.

Tagebuch 30.12.2015:

„Die Große ist jetzt in Berlin bei ihrer Gala. Meine Familie, die in Berlin lebt, und Freunde sind eingeladen und können an dieser Veranstaltung teilnehmen. Ein Teil meiner Familie geht nicht zur Gala. Dieser Teil hat Angst. Ich sage am Telefon, dann gib doch die Karte an jemand anderen, der gerne dort hingehen möchte. So etwas gibt es ja schließlich nicht jeden Tag. Antwort darauf: „Jemand anderes soll mit meinem Namen ins Kino zur Gala gehen?“ Selbst durch das Telefon kann ich spüren, wie sich die Angst in Panik umwandelt. Ich begreife, da ist jemand Gefangener seiner Angst und werde traurig.“

Tagebuch 31.12.2015:

„Sofort als ich heute Morgen wach wurde, habe ich den ersten wichtigsten Vorsatz für das neue Jahr getroffen/gefunden: MEHR GOTT :-). Dann nehme ich das Buch von Paramahansa Yogananda (Die ewige Suche des Menschen) in die Hand und schaue, ob ich einen speziellen Text für das neue Jahr finden kann und siehe da, ich schlage auf: Der beste Entschluss: Gott mehr Zeit zu schenken. Ich lese:

„Entschließt euch dazu, Gott mehr Zeit zu schenken, jeden Tag regelmäßig zu meditieren und an einem Abend der Woche mehrere Stunden zu meditieren, so dass ihr fühlt, wie ihr Gott immer näher kommt… Seid ein Meister! Fasst diesen festen Entschluss!…Seid Meister über euch selbst – macht euch zum Kapitän auf dem Schiff eures Lebens!“

Über solche „Zufälle“ wunderte ich mich schon gar nicht mehr. Ich las den Text und anschließend schrieb ich eine Liste mit Wünschen für das neue Jahr auf:

  1. Mehr Gott
  2. Wieder einmal in der Woche schweigen und am Stück länger als eine Stunde meditieren
  3. Mehr in der Natur unterwegs sein und auch mehr mit Tieren zusammen sein
  4. Mehr Bewegung
  5. Wieder anfangen, Yoga zu unterrichten  
  6. Mehr geben, geben

Wer mehr Gott erfahren will, mehr geben und seine Ängste loswerden will, muss sich mit dem Tod beschäftigen. Da führt kein Weg dran vorbei. Sich genau anzuschauen, was der Tod eigentlich bedeutet, befreit uns von den Ängsten, führt uns zum prallen Leben und somit direkt in Gottes Arme. 

Ich saß nun meines Erachtens einigermaßen fest im Yoga-Sattel und hatte so viel Vertrauen wie noch nie in meinem Leben. So ließ ich mich langsam immer mehr auf das Thema Tod ein, um ihn nicht mehr als Bedrohung zu begreifen, sondern ihn zu untersuchen und zu verstehen. Die Buddhisten sind da ziemlich deutlich und arbeiten ganz gezielt mit den Fakten, wie Alter Krankheit, Vergänglichkeit und Tod. Themen, die in unserer Gesellschaft versteckt werden und vor denen wir Ängstlichen ganz besonders davonlaufen. Ich hörte mir den Vortrag von Ayya Khema „Die Angst vor dem Tod“ an und notierte:

Tagebuch 04.01.2016:

„Ich habe das Gefühl, bei diesem Vortrag spricht mich Ayya Khema direkt an!  

Buddha spricht von den 5 täglichen Betrachtungen,die die grundlegende Wesenheit der menschlichen Existenz beschreiben: Nichts Existierende hat Bestand. So ist auch der menschliche Körper aufgrund seiner zusammengesetzten Natur vergänglich. Veränderung und Vergänglichkeit sind ein Bestandteil der Wirklichkeit: 

  1. Deswegen ist Altern natürlich – also: ich bin dem Altern unterworfen!
  2. Deswegen sind Krankheit, Veränderung, Schwächung, Verfall natürlich – also: ich bin der Krankheit unterworfen!
  3. Deswegen ist der Tod natürlich und niemand kann sich ihm entziehen – also: ich bin dem Tod unterworfen!
  4. Deswegen müssen wir alles loslassen, dem wir als Existierende anhaften – also: alles was mein ist und mir lieb ist, wird sich ändern und vergehen. 
  5. Das Karma-Prinzip sagt: 
    1. Wir tragen innerhalb dieses Entstehens und Vergehens unserer Existenz Verantwortung für unser Handeln.
    2. Nur wir selbst können Urheber unseres eigenen Tuns sein.
    3. Wir sind in das, was wir tun, eingebettet.
    4. Durch die Qualität unseres Handelns im Jetzt beeinflussen wir die Qualität der Folge.
    5. Durch unser Handeln erzielen wir Resultate, die auf uns selbst und andere Wesen eine Wirkung ausüben. 

Also: Ich bin der Eigentümer meines Wirkens, geboren aus meinem Wirken, umgeben von meinem Wirken, getragen von meinem Wirken. Wie immer mein Wirken sein wird, dessen Erbe werde ich sein.

Genau vor diesen Tatsachen bin ich immer davongelaufen. Wer nicht? Tun wir nicht immer so, als würden wir ewig leben? Als müsse alles so bleiben, wie es ist? Als gehöre uns dies und das und als hätten wir ein Recht auf alles. Was für eine Arroganz. Texte und Videos über den Buddhismus werden mich in den nächsten Wochen des neuen Jahres 2016 erst einmal sehr beschäftigen und auch herunterziehen.  

Denn Buddhas Weisheit beginnt mit Dukkha, dem Leiden des Menschen und seiner Vergänglichkeit und ist daher, wenn man ihn falsch versteht oder nicht gut vorbereitet ist, erst einmal sehr niederschmetternd. Er erinnert uns daran, dass dieser Körper nichts ist. Er besteht aus fast 80% Wasser. Nichts wird von ihm am Ende übrigbleiben. Buddha sagt uns hier gar nichts Neues, denn jeden Morgen können wir die Veränderung und Vergänglichkeit im Spiegel erkennen. Aber wir ignorieren sie. Wir schmieren Make-up drüber oder beschäftigen uns mit Dingen, die uns davon ablenken sollen. Viele glauben auch, dass sich durch viel Macht über andere Menschen etwas an diesen Naturgesetzten ändert. Aber auch sie werden am Ende zu Staub zerfallen. 

Wer diese 5 Betrachtungen täglich vor Augen hat, muss aufwachen. Muss ehrlich zu sich und anderen werden. Wird befreit von Angst, Wut und Arroganz. 

Tagebuch 04.01.2016: 

„Ich fühle mich von diesen Aussagen sehr angesprochen und auch bestätigt. Es war gut, alles zurückzulassen und mich zurückzuziehen, weil ich immer mehr das Gefühl hatte, ich weiß tatsächlich gar nichts. Das fing an mit der Lektüre von Krishnamurti und Paramahansa und nahm immer mehr zu, je länger ich Yoga machte und meditierte. Alles was im Yoga-Studio in Istanbul passierte, hatte nichts mit dem wahren Yoga zu tun. 

Ich habe gelernt loszulassen, was ja auch so etwas wie ein Sterben ist. Nun achte ich auch schon darauf, dass es nach meinem Ableben für die Hinterbliebenen keinen Streit geben wird.

Mit Ayya Khemas Vortrag begreife ich, dass ich den Tod in mein Leben integrieren muss, damit er nicht fremd und bedrohlich wirkt. So kann man auch die Existenzangst loslassen. Ich erkenne, dass Aggression nichts anderes als Angst vor dem Tod bedeutet und Ursache aller Probleme ist. 

Ich verstehe, dass ich nicht hier bin, um die Probleme anderer zu lösen, sondern um meine eigenen Probleme zu erkennen und loszulassen. Alles andere ist sinnlos. 

Um aus dieser Verblendung herauszukommen, muss man üben. Praxis, Übung, Verständnis und Hingabe nennt es Ayya Khema, und das ist fast identisch mit der Aussage von Patanjali in seinen Yoga-Sutras. Es wird mir völlig klar, wer nur den engen Horizont von Ich, Mein, Mir, Mich vor Augen hat, der muss Angst vor dem Tod haben. 

Bei mir und auch bei meiner eigenen Familie habe ich es erlebt, dass die Überbrückung/Unterdrückung der Angst mit angenehmen Sinneskontakten keine Lösung ist. Denn sobald wir hier gestört werden, fangen wir an, auch unsern Hass auf diese Menschen zu übertragen. 

Ich begreife, ich kann anderen Menschen nicht helfen, wenn ich meine eigene Angst noch nicht vollständig losgelassen habe. Hören und Lesen alleine reicht hier nicht. Wir selbst sind das Laboratorium, wo wir diese Arbeit verrichten können. Wir können nichts für einen anderen tun, was wir nicht auch schon für uns getan haben!

Diese Todesangst ist auf die Illusion aufgebaut, dass wir effektiv jemand sind. Wenn wir einmal merken, dass das nur eine Idee ist, dann spüren wir den dummen Witz, der dahintersteht.“

Und mit diesem letzten Satz von Ayya Khema möchte ich meine Tagebuch-Notizen im heutigen Beitrag beenden. Damals war ich tatsächlich mit Hilfe von Yoga schon frei von meinen Panikattacken und ich konnte auch wieder ins Flugzeug steigen. Was sie jedoch mit dem „dummen Witz“ meinte, konnte ich zwar glauben aber noch nicht verstehen. 

Dass sie damit recht hatte, durfte ich aber später tatsächlich erkennen, als Denken aufhörte und die Person Monika plötzlich nicht mehr existierte. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis das erste Aufwachen passierte. All diese wunderbaren Texte von diesen engagierten Menschen haben mir dabei geholfen, so viel Vertrauen in diese uralten Weisheiten zu fassen, dass ich es zulassen konnte, die Illusion, ich sei jemand, loszulassen. 

Und in diesem Sinne wünscht euch die schon mal aufgewachte und somit schon gestorbene und doch noch hier schreibende Monika ein wunderschönes und lebendiges Wochenende. 


2 Gedanken zu “Den Tod untersuchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s