Alles ist rund!

 „Bin ich arm?“, fragte ich mich am 11.12. 2015 und notierte diese Frage in mein Yoga-Tagebuch. Ich bekam nach 20 Jahren Arbeit in der Türkei eine Rente von 1.280 TL. Das machte umgerechnet ca. 400 Euro. Damals konnte man noch weit vor dem 65. Lebensjahr in Rente gehen, wenn man mindestens 20 Jahre gearbeitet hat. Heute ist das nicht mehr möglich. 

Dass ich diesen Abschnitt heute lese, ist witzig. Es sind nun seitdem fast genau auf den Tag sechs Jahre vergangen und meine Rente beträgt mit den vergeblichen Anpassungen zur Inflation über die Jahre jetzt 2.850 TL, ist aber nur noch schlappe 160 Euro wert. Im Moment sind die Kursschwankungen so erheblich, dass sie sich täglich, ja sogar stündlich ändern. Gebannt schauen wir fast stündlich aufs Telefon. Kein Tatort-Krimi könnte spannender sein. 

(Nachtrag 20.12.: die Rente ist auf 140,- Euro gesunken. Nachtrag: 21.12. wieder auf 190,- Euro gestiegen, 22.12. auf 200 Euro gestiegen). Die Währung hat sich nach einem extremen Tiefflug wieder etwas stabilisiert, nachdem man tonnenweise Dollar aus Katar ins Land geflogen hat. Der Preis hierfür ist, dass das Land nach und nach an die Araber verkauft wird. 

Diese ganzen Achterbahnfahrten der Währung in den letzten Wochen macht tatsächlich den Kohl auch nicht mehr fett. Die Preise bleiben oben und Erhöhungen von Gas, Benzin, Strom und Lebensmitteln steigen wöchentlich. Man kann mit dieser Währung, dem Mindestlohn, der Rente oder einem normalen Gehalt weder eine Wohnung mieten und deren Nebenkosten zahlen, noch kann man sich oder eine Familie davon ernähren. Alle sind verschuldet.

Ich möchte hier keine politische Diskussion anstoßen und schreibe daher nur die Fakten auf. Den Rest kann sich jeder denken. Ich habe als Geschäftsführerin gearbeitet und gutes Geld verdient, und es gibt Menschen, die müssen mit der Hälfte meiner Rente – also 80 – 100 Euro im Monat auskommen. 

Eine weitere Tatsache ist, dass die Preise in den letzten 6 Jahren sehr gestiegen sind und in den letzten Monaten und Wochen sogar um das Doppelte und z. T. auch um das Dreifache. Ihr denkt vielleicht, hier ist alles billiger. Aber das ist schon lange nicht mehr so. Lebensmittel sind im Moment in der Regel teurer als in Deutschland. Wenn man im Supermarkt oder z. B. in der Metro einkaufen geht, sind neben alkoholischen Getränken auch Honig, Babynahrung, Sonnenblumenöl und viele andere lebenswichtige Lebensmittel mit einem Alarm ausgestattet. Die Diebstähle nehmen zu. Wusstet ihr das eigentlich? Ich glaube, die meisten Menschen in Deutschland wissen nicht, was hier in der Türkei gerade passiert. Es gibt ja auch seit Jahren keine freie Presse mehr. 

Wenn ich mich an die Zahlen richtig erinnere, so haben fast eine halbe Million Kleinhändler in den letzten Jahren ihren Betrieb eingestellt oder man könnte auch sagen, sind pleite gegangen. Über 200.000 Produktionsbetriebe wurden geschlossen. Die einfachsten Lebensmittel, wie Linsen, Kartoffeln, Bohnen, Reis und Mehl müssen importiert werden. Importiert wird jedoch alles auf Dollarbasis. 

Ja, die meisten sind hier verarmt. Egal, ob es Rentner, Studenten, Arbeiter oder Lehrer, Ingenieure oder Ärzte sind. Froh ist, wer überhaupt eine Arbeit hat. Wir werden inzwischen mit Afrika verglichen und ich glaube wir liegen selbst da, was die Gehälter betrifft, ganz weit hinten.

An den Grenzen kommen nun Bulgaren (7 türkische Lira sind gerade 1 Lew wert), Iraner, Aserbaidschaner und Georgier ins Land und kaufen in der Türkei ein. In ganzen Scharen strömen sie ins Land. Vor noch nicht allzu langer Zeit war das umgekehrt. Da hat man diese Menschen hier als billige Arbeitskräfte in Betrieben oder im privaten Haushalt beschäftigt. Meistens illegal, weil die „reiche Türkei“ diesen Menschen keine Arbeitserlaubnis gab. 

Die türkische Lira ist letzte Woche sogar unter die Ägyptische Währung gefallen. Das gab es noch nie. Auch viele Araber kommen ins Land und kaufen alles auf, was nicht niet- und nagelfest ist. Schmuck, Wohnungen, Häuser, Firmen, Häfen, Grundstücke usw. 

Und doch gibt es auch die, die in den letzten Jahren sehr sehr reich geworden sind.

Wenn ich das von diesem Gesichtspunkt aus betrachte, so war ich damals, also 2015 arm und bin es heute noch viel mehr. Ich sage immer, ich bin der ärmste Mensch, den ich kenne, eine arme Sau und fange an zu lachen.

Bin ich deshalb je verzweifelt? Nein. Ich habe mir diese Fakten angeschaut und habe weiter Yoga gemacht. Wenn kein Geld da war, habe ich Yoga unterrichtet. 

2015 las ich Eckhart Tolle und habe zu allem Ja gesagt. Ja, ich bin arm. Ich bin niemand mehr. Ich habe alles dem Leben überlassen, um nichts mehr gekämpft und daran geglaubt, dass ich frei werden kann, von allen Sorgen und Ängsten.

Tagebuch 11.12.2015:

„Anerkennen, was jetzt ist. Ja sagen zu dem, was ist. Um frei zu werden von den Formen. Sie existieren weiter aber wir ruhen in der Stille. Einssein mit dem inneren Sein verändert plötzlich auch die Formen. Durch die Unabhängigkeit von den Formen werden wir glücklich, da wir nichts mehr von der Welt verlangen.“

Auf diese Sätze von Tolle konzentrierte ich mich, anstatt mir über meine Armut Gedanken zu machen. Ich wollte diese Tiefendimension erreichen. Diesen Frieden und diese Stille finden, von der Tolle und die Yoga-Weisen sprachen. 

Frei zu werden von den Formen und Normen, die mich umgaben war mein Ziel und tatsächlich habe ich so meine Armut und all die Gedanken der Minderwertigkeit, die man damit verbindet, überhaupt nicht gespürt. Anstatt mir im Kopf Szenarien über meine Zukunft unter der Brücke zu kreieren und womöglich andere dafür zu beschuldigen (Exmann, Regierung, Mobber usw.), bin ich einfach immer tiefer gegangen und immer stiller geworden. Ich hatte mir auch gesagt, vielleicht ist es gut so, weil mich so nichts von meiner inneren Reise ablenken kann. Kein Geld. Keine Reisen. Kein Konsum. Keine Wünsche. 

So passierte es, dass meine nach außen gerichteten Wünsche immer mehr zurücktreten konnten. Der Fokus lag nur noch auf der Befreiung. Es entstand Aufmerksamkeit statt Widerstand. Ich lernte auf der Matte so die Hingabe an das, was ist.

Und dann schenkte mir das Leben einen Mann an meine Seite, der Gott sei Dank seine Rente aus Deutschland erhält. Nun scheint es so, als wäre ich mit einem Millionär verheiratet. Und das Leben hat uns dieses wunderschöne Haus gegeben. Wie konnte das alles passieren? Zusammen sind wir hier stark und können alles bewältigen. Es ist ein selbstverständliches Geben und Nehmen. 

Wer hat das arrangiert, wenn nicht das Leben selbst? Nie hätte ich das gedanklich kreieren und vorhersehen können. Der Kopf produzierte außer Sorgen keine vernünftigen Gedanken und war nie eine Hilfe. 

Ich bin also auch heute, wenn man nur meine Renteneinnahmen betrachtet, extrem arm. Nicht nur aus deutscher Sicht. Und obwohl ich mir damit nichts kaufen kann und auch gar nichts kaufen will, weil ich nichts brauche, ist es mir nie besser gegangen. Alles ist einfach da. Als würde es vom Himmel fallen. Das ist das Wunder.

Ich muss weinen, wenn ich daran denke. Mein ganzes Leben lang hatte ich nur gekämpft, und versucht zu überleben und zu geben und nun purzelte alles was ich brauchte, einfach auf mich zu. So voller Leichtigkeit, ohne dass ich mich anstrengen musste. Nur weil ich die Arme aufmachte und Gott in mich hineinließ.  

Wie könnte ich je wieder klagen über dies oder das? Keine Klage kommt über meine Lippen, denn ich weiß heute, dass alles genau so richtig ist. Wer könnte das besser wissen, als diese wunderbare Schöpfung, deren Teil wir sind. 

Zu dieser Zeit im Dezember 2015 stieß ich im Internet auch auf die wunderbare Ayya Khema. Sie ist leider schon verstorben. Sie war eine ganz außergewöhnliche Frau und eine sehr engagierte Buddhistin. Wer mehr über sie erfahren möchte, kann das hier gerne nachlesen: https://www.buddha-haus.de/ayya-khema/

Hier nur ein kleiner Auszug: „Ayya Khema hinterließ ein großes Werk mit einem buddhistischen Seminarhaus, einem Waldkloster, einem Stadtzentrum und einem Verlag. In den acht Jahren, die sie bis zu ihrem Tod in ihrer Heimat Deutschland lebte, hat sie schier Unglaubliches auf die Beine gestellt, zusammen mit einer sehr kleinen Gruppe von Helferinnen und Helfern. Das konnte sie nur erreichen, weil sie unermüdlich aktiv war. Ihr Schaffensdrang, ihre Energie, ihre stets neuen Ideen und Visionen schienen grenzenlos zu sein. Ihr enormer Einsatz galt einzig der Verbreitung des Dhamma.“

Wer etwas über Buddhismus erfahren möchte und ihren aufrichtigen und klaren Stil mag, der wird viel Freude an ihren Videos im Internet oder ihren Büchern haben. Im Dezember 2015 fing ich also mit meinem ersten Video von Ayya Khema an und war gleich fasziniert. 

Tagebuch 11.12.2015:

„Ayyah Khema sagt, Achtsamkeit auf unsere Stimmung und unseren Gedankeninhalt ist wichtig. Wir sollen auf uns aufpassen, wie eine Mutter auf ihr Kind achtet, dass wir achtsam zu uns selbst und zu anderen sind. Das hilft, Gemütsstimmungen in uns selbst zu erkennen, bevor sie sich nach außen in Reaktionen und Verhalten bemerkbar machen. Wir merken so, dass wir eine Grundgemütsstimmung haben und wir dann immer in ein Verhaltensmuster fallen. 

Es gibt nur drei Gemütsstimmungen: Frohsinn – Verneinung/Ablehnung – Schwermut. 

Man muss darauf achten, dass die negative Gemütsstimmung sich nicht in Hass und Gier umwandelt. 

Stell dir daher immer die Frage: Wieso habe ich diese Gemütsstimmung? 

Denke ich, dass jemand anderes daran Schuld hat oder die Welt im Allgemeinen? 

Wer Frohsinn hat, muss aufpassen, dass er nicht mehr Sinneskontakte sucht, wie schönes Essen, Leute, Kleider u.s.w. Um diese Stimmung aufrecht zu erhalten ist daher Achtsamkeit erforderlich. Einen Nachteil hat diese Stimmung, denn man meint, man müsse nicht praktizieren und an sich arbeiten.

Ganz im Gegensatz zur negativen Gemütsstimmung. Sie hat den Vorteil, dass man unbedingt praktizieren möchte, weil es sich nicht gut anfühlt. Man weiß, dass man sich ändern kann und es nicht nötig ist, andere zu beschuldigen. 

Der spirituelle Pfad fängt da an, wenn man spürt, dass es alles bei einem selbst innen vergeht. Das verlangt eine innere Ehrlichkeit. 

Wenn man z. B. feststellt, dass man gleich explodiert und etwas sagen will, was nicht freundlich aufgenommen werden wird, dann muss man nach innen gehen und sich ehrlich fragen, warum ist das jetzt so? Muss ich das jetzt wirklich sagen oder kann ich einfach selbst etwas tun?“

Wie recht sie hatte. Nach sechs Jahren lese ich also zum ersten Mal wieder diese Zeilen von ihr und meine eigenen Notizen dazu.  Ich schrieb unter ihrem Zitat, „wie sehr ich gerade mit der Gemütsstimmung meines Partners zu kämpfen“ hatte. Er befand sich in einem Zustand der Unzufriedenheit. Vielleicht weil er sich noch nicht daran gewöhnen konnte, nun Rentner zu sein? Oder lag es daran, dass wieder ein Jahr zu Ende ging und er älter wurde? 

„Seine Unzufriedenheit und dieser Frust, den er ausstrahlt. Die ganze Zeit habe ich mich zurückgehalten. Erst am letzten Tag vor seiner Abreise nach London ist mir der Kragen geplatzt, weil es mich am Ende soviel Kraft gekostet hat, ihn jeden Tag zu motivieren. Tag für Tag versuchte ich, ihm die Schönheit um uns herum zu zeigen und klar zu machen, wie gut wir es haben. Nichts davon half.  Am Ende wollte ich mich dann nur noch selbst zurückziehen. Es ist auf Dauer nicht zu ertragen und ich spürte, wie ich selbst immer depressiver wurde.

Ich höre am gleichen Tag das Video von Ayya Khema weiter an und sie sagt: Die Gemütsstimmung eines Menschen beeinflusst die Umwelt. Wir lassen uns sehr davon beeinflussen, wenn jemand schlecht drauf ist. Das heißt, nicht einmal unsere Gemütsstimmung gehört uns, wenn wir so leicht beeinflussbar sind. Dies gilt es zu erkennen. 

Umgekehrt können wir die Umwelt positiv beeinflussen. Hierfür braucht man Verantwortungsgefühl. Wir haben die Verantwortung für uns und für die Menschen um uns herum. Das schaffen wir aber nur, wenn wir uns selbst läutern. Hierfür ist sehr viel Kraft erforderlich.“

Der letzte Satz in ihrem Zitat ist entscheidend. Und so hat es nun nach sechs Jahren auf der Matte dazu geführt, dass ich heute nicht mehr so leicht aus meiner eigenen Gemütsverfassung herausgerissen werden kann. Außerdem habe ich begriffen, dass es nicht meine Aufgabe ist, andere aus ihrem Loch herauszuholen, wenn sie es nicht wollen. Das hat nie etwas gebracht und die Situation nur noch angeheizt und mich unheimlich erschöpft. Ich selbst hatte mich dann völlig aus den Augen verloren. 

Alles ist rund und wenn man genau hinschaut, merkt man, dass man im Leben immer wieder an den gleichen Punkt kommt, um es diesmal anders zu machen oder gar irgendwann besser zu machen. Erst diese Woche hatten wir tatsächlich eine ähnliche Situation, wie damals vor sechs Jahren. Warum mein Schatz solch eine miese Laune hatte, war ihm selbst nicht klar, wie er später gestand. Er steckte da irgendwie drin fest. Auf ganz alltägliche Fragen bekam ich unglaublich blöde Antworten und wie so oft reagierte ich erst einmal mit Unverständnis. 

Ich spürte, wie ich sauer wurde. Ich wollte verbal auf ihn losgehen. Dann zog ich mich zurück und setzte ich mich auf meine Matte. In mir war soviel Freude und solche Glücksgefühle durchströmten mich, dass Tränen über mein Gesicht liefen. 

Mit dieser Liebe ging ich anschließend nach oben, damit wir gemeinsam essen konnten. Voller Ungeduld und hungrig wartete er schon, während ich noch in meiner Glückswolke hing. Ich umarmte ihn einfach und dann war alles gut. Wir hatten dann einen wunderschönen Tag zusammen. 

Heute kann die schlechte Laune eines Menschen oder eine andere Meinung mein Gemüt nicht mehr so stark beeinflussen. Ich lernte – auch mit Hilfe von Ayya Khema – was es heißt, bei sich zu bleiben.

Ich bin für das, was um mich herum geschieht und wie ich mich fühle, selbst verantwortlich. Kein anderer Mensch kann mich glücklich machen. Glück oder Freude ruhen allein in uns selbst und sind immer da. Man muss diese Quelle nur anzapfen.

Und in diesem Sinne wünsche ich euch eine runde, besinnliche Weihnachtszeit, Monika