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Bevor ich mit Yoga anfing, hatte ich mich nie mit meiner Atmung beschäftigt. Der Atem war irgendwie da und wurde von mir nicht bewusst wahrgenommen. Das geht sicher den meisten Menschen so und ändert sich erst, wenn es Probleme mit der Atmung gibt. Der Atem ist das zarte Band, welches uns ans Leben bindet. Als ich lernte, meinen Atem zu kontrollieren, wurde er mein Anker und zum Werkzeug, das mich aus der Angst führte.

Als ich in unserem Yoga-Studio in Istanbul Yoga unterrichtete, versuchte ich vor jeder Yoga-Stunde bei allen Anwesenden erst einmal den Fokus auf die Atmung zu legen. Es ergab für mich keinen Sinn, Yoga-Übungen durchzuführen, wenn die Teilnehmer nicht wussten, ob sie gerade ein- oder ausatmeten oder nicht in der Lage waren, in den Posen die Atmung zu vertiefen. 

Im Dezember 2015 hatte ich durch den Umzug an die Ägäis wieder mehr Zeit, mich intensiver mit meiner eigenen Atmung zu beschäftigen. Ich begann die Pranayama-Kurse von B.K.S. Iyengar in meinen Alltag einzubauen. Ich notierte mir in einem gesonderten Heft jeden Tag die durchgeführten Übungen und die Länge der Ein- und Ausatmung in Sekunden. Ziel war es, die Atmung weiter zu vertiefen, zu verlängern und letztendlich in jeder Situation zu kontrollieren. 

Wer die Atmung kontrollieren kann, der hat auch die Kontrolle über seinen Verstand. So sagte es Iyengar und das ist richtig. Ich kann keine Angst haben, Blödsinn denken, gedankliche Dialoge führen oder mir im Kopf Stress machen, wenn ich auf meine Atmung achte. Man kann sich nur auf eine Sache konzentrieren. 

Ich studierte also wiederholt sein wunderbares Buch „Licht auf Pranayama“, und wie immer hielt ich die für mich wichtigsten Informationen in meinem Yoga-Tagebuch fest. Ich zeichnete sogar die Bilder ab, um die Anatomie des Körpers besser verstehen zu können. Wenn man begreift, welche Körperteile an der Atmung beteiligt sind und wie sie funktionieren, kann man bei den eigenen Atemübungen – oder auch bei den Schülern – all diese Punkte hervorragend in die Atmung mit einbeziehen. 

Tagebuch 03.12.2015

„Das Zwerchfell, welches als Trennwand zwischen Brust und Bauchhöhle fungiert, ist der wichtigste Muskel für die Einatmung. Im Ruhezustand übernimmt es 60% – 80% der Muskelarbeit für die Einatmung. Dabei ist es nur 3-5 mm dick. Es ist hinten mit dem Brustkorb am 1. Lendenwirbel verbunden, seitlich an den unteren 6 Rippen und vorne am Schwertfortsatz des Brustbeins.

Neben dem Zwerchfell und der Lunge selbst ist aber auch die Haut des Menschen an der Atmung beteiligt. Der Yogi dehnt mit seinen Übungen die Haut seines Rumpfes, damit die Interkostalmuskeln (Muskeln zwischen den Rippen) optimal angesprochen werden und so den Atmungsvorgang unterstützen. 

Und auch die Muskeln des Halses, des Rumpfes, der Wirbelsäule und des Bauches sind an der Atmung beteiligt und wirken als Hilfsmuskel. All das wird beim Yoga berücksichtigt und mit den Übungen auf der Matte trainiert.“ 

Ich werde nie vergessen, wie ich meinen ersten bewussten tiefen Atemzug während eines Yoga-Retreats erlebte. Ich spürte die Wärme und ein Brennen, als der Atem das erste Mal bis tief in meine Lungenspitzen vordrang.

Bei den meisten Menschen ist die Atmung nur auf den oberen Brustbereich beschränkt und sehr flach. Um diese Atmung zu vertiefen und von oben nach unten in die Bauchatmung zu verlagern, kann man die Atemtechnik lernen und anwenden. Wenn jedoch mein Körper steif ist wie ein Brett und mein Verstand über die Jahre verhärtet, kann der Atem nie weich fließen. 

Wesentlich effektiver ist es also, wenn man den ganzen Körper mit einbezieht. Atmung, Geist und Körper müssen eine Einheit bilden.

Den Ablauf einer tiefen Einatmung nach Iyengar habe ich mir zu dieser Zeit aufgeschrieben und bis heute sieht jeder sehr tiefe Atemzug bei mir genau so aus:

  1. „Die Einatmung fängt im Bauch an. Ich ziehe die untere Bauchdecke in Richtung der Wirbelsäule und gegen das Zwerchfell, während die Haut zu den Muskeln und die Muskeln zu den Organen bewegt werden. Es entsteht hier schon eine Tiefenmassage. 
  2. Dann hebe und dehne ich den unteren Brustkorb aus mit der Konzentration vorne und an den Seiten. Die Muskeln zwischen den Rippen werden so betätigt und einer nach dem anderen geöffnet und gedehnt. Nun kann der Brustkorb sich weit möglichst nach oben und zur Seite ausdehnen. 
  3. Jetzt werden die oberen Zwischenrippenmuskeln und die Muskeln, die Oberrippen, Brustbein und Schlüsselbein mit Nacken und Schädel verbinden, zusammengezogen und geben dem bereits erweiterten Brustraum so noch mehr Platz, um sich nach oben, nach vorne und zur Seite auszudehnen. Die Lunge kann sich nun bis in die Lungenspitzen mit Sauerstoff füllen.“

Wusstet ihr, dass jede Lungenseite 300 Millionen Luftbläschen (Alveolen) hat, und wenn man diese nebeneinanderlegen würde, dann kämen da 80-120 m2 zusammen. Das entspricht dem 40 – 50fachen unserer Hautoberfläche. 

Und wusstet ihr, dass man diese Lungenbläschen – wie all unsere Muskeln im Körper – ebenfalls trainieren kann? Wer sich einmal das Video von B.K.S. Iyengar angeschaut hat, in dem er in hohem Alter einen tiefen Atemzug nimmt, der ganze zwei Minuten dauert, der wird das spätestens dann glauben.

( https://www.youtube.com/watch?v=fcPjvp4La8A )

Während ich mich also im Dezember 2015 weiter intensiv mit den Yoga-Sutras des Patanjali, den Atemübungen von Iyengar, den Meditations- und Yoga-Übungen beschäftigte, brodelten die nicht verarbeiteten Konflikte und Unsicherheiten in mir unbewusst weiter. Auch mit Yoga-Übungen kann man diese nicht ausschalten, wie einen Lichtschalter. Wenn sie tagsüber nicht wahrgenommen und geheilt werden, dann tauchen sie eben in der Nacht auf.

Tagebuch 05.12.2015:

„Traum: Ich bin in Australien. An meiner Seite sind auch meine Mutter, mein Schatz und meine kleine Tochter. Ich mache meiner Freundin einen Überraschungsbesuch. Als sie mich sieht, umarme ich sie. Es fällt mir nicht leicht, wie damals, als ich sie vor drei Jahren am Uluru in die Arme nahm. Aber diesmal halte ich sie einfach fest. Ihr Freund kommt dazu und schließt den Kreis mit einer festen Umarmung und auch mein Schatz stellt sich zu uns. 

Traum: Ich bin im Fahrstuhl. Er fährt aber in die falsche Richtung. Ich will nach oben und er fährt nach unten. Ich frage die anderen Leute im Fahrstuhl, ob sie wüssten, wie man den Lift nach oben bringen kann. Keiner wusste es.“

Der erste Traum beschäftigte sich ganz klar mit meinem Wunsch auf Versöhnung mit meiner Freundin und dem Wunsch, auch meine Mutter aus ihrem Angst-Käfig zu befreien und mit auf eine Reise zu nehmen. 

Der zweite Traum sollte eine noch tiefere Reise in das Unterbewusstsein werden. Wer von einem Fahrstuhl träumt, will in der Regel nach oben. Ich hatte mir mit dem Umzug an die Ägäis vorgenommen, mich zurückzuziehen und mich ganz auf die Yoga-Reise einzulassen. Diesbezüglich weiterzukommen. Die spirituelle Leiter hinaufzusteigen. Gar schneller jetzt. Mit dem Fahrstuhl. Schön bequem. Nun hatte ich ja Zeit. 

Aber stattdessen ging es immer weiter nach unten. Laut Traumdeutung hat man bestimmte Erwartungen nicht erfüllt. Und wenn der Fahrstuhl gar im Keller landet, dann ist da noch etwas im Dunkeln, was erforscht werden will. 

Spirituell deutet eine Fahrt mit dem Aufzug eine Wandlung an. Im Traum konnte mir auch niemand sagen, wie der Lift wieder nach oben fährt. Ein Hinweis darauf, dass ich noch immer auf der Suche nach Hinweisen oder einem Lehrer war, der mir die Richtung weisen konnte?

In meinem Yoga-Tagebuch notierte ich an dieser Stelle auch, dass ich das Gefühl hatte, ich würde immer wieder stecken bleiben auf meiner Reise. Ich konnte nicht wissen, dass dieser Traum ein Hinweis darauf war, dass meine Reise eindeutig weiterging, aber erst einmal nicht nach oben, sondern in den Keller. Eine Yoga-Reise kann nur erfolgreich sein, wenn es keine Leichen mehr im Keller gibt, und das bedeutet, dass man sich seinen größten Ängsten stellen muss. 

Alles Wichtige in meinem Leben musste ich immer nebenher machen. Neben der Schule noch arbeiten, um Taschengeld zu haben. Neben der Arbeit das Abitur nachmachen, damit ich studieren konnte. Als Mutter studieren und den Haushalt führen. Als Mutter arbeiten und zwei Kinder großziehen. 

Und nun dachte ich, wo ich nichts mehr für irgendwen tun musste und endlich frei war von jeglicher Verantwortung, könnte ich mich ganz auf diese eine Sache – meine Yoga-Reise – konzentrieren und das ganz locker durchziehen. 

Aber sobald alles nach und nach von mir abfiel, ging es immer weiter in die Tiefe. Da war da plötzlich die totale Erschöpfung, die gespürt werden wollte. Ich hatte keine Kraft mehr, meine Yoga-Übungen so zu machen, wie ich es eigentlich wollte. Ich wohnte am Meer und war später im Sommer nicht in der Lage, im Meer zu schwimmen, weil ich zu kaputt und mir ständig schwindlig war.

Das konnte ich alles Anfang Dezember 2015 noch nicht verstehen und ich war oft verwirrt und hilflos. Mein Körper wollte kein anstrengendes Yoga mehr. Er wollte nur mal Ruhe und Erholung. Tausende von Stunden hatte ich im Studio Yoga unterrichtet. Es kam jetzt nicht mehr auf die Flexibilität und Kräftigung des Körpers an, sondern die Seele wollte befreit werden. Um in diese Tiefen vordringen zu können, brauchte ich jetzt meine ganze Energie und Konzentration. 

Wenn kein Lehrer da ist, dann führt einen das Leben eben selbst. Wenn der Körper Ruhe braucht und wir sie ihm nicht geben, dann gibt es eben kleine Unfälle, die einen zwingen, sitzen oder liegen zu bleiben. Oder es gibt Schmerzen, die einen fast in den Wahnsinn treiben, bis man sich ihnen total hingibt und lernt, was Hingabe an das Leben eigentlich bedeutet. Da wartete also noch so einiges auf mich. 

Ich hatte Pläne für meine neue Freiheit und dachte, ich könnte nun alles Alte und Vergangene hinter mir lassen und die Fahrt ginge jetzt direkt nach oben in Gottes Arme. Deshalb gestaltete ich mir auch den Tagesablauf so präzise (siehe unten). Stattdessen musste ich mir jetzt erst einmal meine dunkle Seite anschauen, damit ich später ruhiger und stiller werden konnte. Ich musste die Sprache meines Körpers verstehen und akzeptieren lernen. 

Mit meiner eigenen immer weiter fortschreitenden Veränderung spielte aus meiner Sicht mein Umfeld auch immer weiter verrückt. Während mir die einfachsten körperlichen Bewegungen immer schwerer fielen, war da gleichzeitig diese Freude in mir, die ich mit niemandem teilen konnte. Mein Blick auf meinen Körper und alles und jeden um mich herum wurde so intensiv, dass ich besonders die negativen Einstellungen der Menschen fast körperlich spüren konnte. Auch die meines Partners. Ich wurde so unglaublich sensibel, ja fast durchlässig.

„Ich fühle mich körperlich so alt. Gerade erst ging es doch etwas besser und ich hatte das Gefühl, ich hätte mich schon so lange ausgeruht und könnte jetzt wieder nach vorne schauen mit neuer Energie. Dann sagt mein Schatz etwas und zieht mich damit total runter. Bin ich faul und träge mit ihm geworden? Habe ich keine Disziplin mehr? Genau einen Tag habe ich es durchgehalten, um 7.00 Uhr aufzustehen und keinen Zucker mehr zu essen. Ich bin über mich selbst erschrocken und enttäuscht. Ich bin jetzt äußerlich frei und doch in mir gefangen. 

Wenn ich auf ihn und die anderen Menschen schaue, dann habe ich das Gefühl, aus ihnen selbst kommt nicht die geringste Freude. Sie nehmen nur von außen auf durch TV, PC, Telefon, Buch, Leute, Essen, Trinken. 

Ich verliere Gott immer wieder im Alltag. Überall um mich herum scheinbar gläubige Menschen, aber niemand ist mit Gott. Und dann bin ich noch mit einem Ignoranten zusammen, der alles durch den Kakao zieht. Was für eine harte Prüfung.

Mein Tagesablauf: 

  • Ausschlafen 
  • Kaffee trinken
  • Atemübungen und Meditation
  • Yoga, Frühstück (zw. 11.00 und 12.00 Uhr)
  • Erledigungen/Einkäufe etc.
  • Kaffee und Kleinigkeit essen
  • Yoga-Literatur studieren
  • Meditation
  • Abendessen kochen
  • Essen
  • Yoga-Literatur studieren 
  • Meditation
  • Schlafen
  • Nachts Meditation“ 

2015 versuchte ich meinen Körper von außen und mit dem Verstand besser wahrzunehmen, ihn zu verstehen und ihm zu helfen und das zu geben, was er brauchte. Dabei begriff ich meinen Verstand als etwas Getrenntes von meinem Körper, den Körper als etwas Getrenntes von meinem Umfeld. Das sollte sich schon bald ändern. 

Heute weiß ich, dass ich nicht der Körper bin, sondern einen Körper habe und dass Verstand und Körper identisch sind. Sie sind nicht voneinander getrennt. Deshalb kann es heute passieren, dass ich Teile meines Körpers von innen mit geschlossenen Augen wahrnehme. Teile, die man nur mit einem Mikroskop wahrnehmen kann, tauchen vor meinem “inneren Auge“ (so würde ich das nennen) so klar und deutlich auf, wie ich mit meinen geöffneten Augen nie schauen könnte. Irgendwie sinke ich da mit meinem Bewusstsein hinein. Farbig und wunderschön stellt sich mir dieses Innenleben dar. Pulsierend, so lebendig. Ich habe keine Ahnung, wie das möglich ist. Ich kann es nicht erklären. Ich notiere diese Erlebnisse ins Tagebuch und zeichne das, was ich sehe, auf. 

Manchmal suche ich im Internet danach, um Erklärungen zu finden. Tatsächlich jedoch ist es mir inzwischen egal und ich bin nur noch dankbar dafür und voller Freude darüber, dass ich diese wunderbare innere Reise machen darf. 

Ich wünsche euch allen eine schöne Woche, Monika