Dem Licht entgegen

Wenn ich mit Menschen spreche, die aus einem angstbestimmten Leben herauskommen möchten, dann fällt mir immer wieder auf, dass wir erst lange Zeit aneinander vorbeireden. 

Sie wollen sofort ein Rezept und eine Lösung haben und das gleiche Leben – aber eben ohne Angst – fortführen. Dies ist jedoch nicht möglich, es sei denn, man nimmt Medikamente, die Empfindungen/Bewusstsein abstumpfen bzw. unterdrücken. 

Wer seine Angst für immer loswerden will, muss sich unter die Lupe nehmen, sein jetziges Leben ganz genau betrachten und forschen, was Angst eigentlich bedeutet. Hierfür braucht der Verstand Zeit. Er muss umlernen, damit die Konditionierung der Angst durchbrochen werden kann. 

Um es mal ganz klar zu sagen, wir wollen die Angst loswerden, wollen aber nichts ändern und auch keinen Aufwand betreiben. Das wäre so, als würden wir nach dem Führerschein verlangen, ohne je Fahrstunden genommen zu haben. 

Dabei ist doch gerade diese ganze innere Forschungsreise das, was so unheimlich spannend und aufregend ist. Warum ist alles andere noch immer wichtiger als wir selbst? Die Angst kann ja nicht gehen, wenn wir uns an all dem festhalten, was uns umgibt und gerade ausmacht. Natürlich muss das ganz genau angeschaut werden, damit Vertrauen wachsen und Veränderung passieren kann. 

Durch diese innere Reise bekommt unser Leben einen Sinn, und es ist doch egal, wie lange es dauert. Wichtig ist nur, dass man endlich mal damit anfängt, damit man nicht immer über die gleichen Dinge reden muss. Das alte Bewusstsein und die Komfortzone müssen aufgebrochen und erweitert werden. Licht muss kommen, damit Dunkelheit verschwinden kann. 

Ich kann heute schwer nachvollziehen, warum Menschen sich selbst nicht verstehen und kennenlernen möchten. Ich habe in meinem ganzen Leben keine schönere Reise gemacht, als die nach innen. Obwohl wir scheinbar alle auf den gleichen Boden treten, lebe ich jetzt in einer völlig anderen Welt. Deine Füße hinterlassen Fußabdrücke und meine nicht mehr. 

Der Weg selbst ist ein Geschenk und bestückt mit Wundern. Auf das Ziel kommt es überhaupt nicht mehr an. 

Im November 2015 war ich mit ganzem Eifer noch immer auf der inneren Reise/Suche und vertieft im wiederholten Studieren der Yoga-Sutra des Patanjali. Ich war nun wieder bis zur 23. Sutra vorgedrungen und sah, dass Patanjali nur in der 24., 25., 26. und 27. Sutra etwas über Gott selbst schrieb. 

Tagebuch 08.11.2015:

“23. Durch vollkommene Hingabe an Gott wird das eigene Ego gezügelt. Preisgabe des eigenen ICH an IHN. 

24. Gott ist das Höchste Wesen, in Ihm ist nichts Widerstreitendes, das Handeln hat keinen Einfluß auf Ihn, Ursache und Wirkung berühren ihn nicht.

25. Er ist der unübertreffliche Ursprung allen Wissens. In Gott ruht die gesamte Schöpfung. Er ist ewig und einzigartig. Ein Yogi kann zwar unendliches Wissen erlangen, aber nicht die Wurzel dieses Wissens. 

26. Gott ist der erste, oberste und absolute Guru/Lehrer, er ist nicht durch die Zeit eingeschränkt. 

27. Er wird durch die heilige Silbe AUM repräsentiert, die man Pranava nennt. 

Aus diesem Grund wird als Meditationstechnik in der 28. und 29. Sutra das Meditieren über die Silbe AUM empfohlen. 

Ich schaue mir im Internet Videos über Ramana Maharshi und andere große Yogis an.”

Ich wollte diese Yogis verstehen. Dazu passte auch, dass ab der 30. Sutra die Hindernisse für die Selbstfindung aufgeführt werden, die ich mir ebenfalls notierte und auch heute wieder sehr aufmerksam lese.

Tagebuch 09.11.2015:

30. Sutra: Hindernisse sind Krankheit, Trägheit, Zweifel, Achtlosigkeit, Faulheit, Zügellosigkeit, irrige Anschauungen, fehlende Ausdauer und das Zurückfallen hinter das schon Erreichte. Dies alles hat einen unsteten inneren Sinn zur Folge. 

31. Sutra: Durch Kummer, Verzweiflung, körperliche Schwäche und unregelmäßige Atmung entstehen weitere Hindernisse. Hier helfen yogische Übungen, wie Bewegungs- und Atemübungen. 

32. Sutra: Beharrliche Übung in der Meditation über die Eine Wesensnatur wirkt diesen Hindernissen entgegen.

Ich schaue mir ein Video von Eckhart Tolle auf Youtube an.“

Interessant finde ich, dass ich hier anscheindend das erste mal Ramana Maharshi und Eckhart Tolle im Yoga-Tagebuch erwähnte und somit für mich entdeckte. Diese beiden Menschen sollten später noch eine sehr wichtige Rolle bei meiner inneren Reise spielen und dazu beitragen, dass Aufwachen passieren konnte. 

Wie immer habe ich in dieser Zeit spannende und auch wichtige Träume und ich staune jetzt darüber, dass meine Mutter wieder eine Rolle in meinem Traum spielte. 

Tagebuch 12.11.2015:

“Ich träume, dass ich Schmuck von meiner Mutter gefunden habe. Goldene Ringe.” 

In der Traumdeutung steht der Ring für eine Verbindung und wird daher als Zeichen für eine Beziehung interpretiert. Einen Ring zu finden bedeutet Glück. Psychologisch symbolisiert er Sicherheit, Kontinuität und Unendlichkeit, so wie die Verbindung zweiter Menschen untereinander sein sollte. Spirituell symbolisiert er Ewigkeit und Göttlichkeit. Außerdem ist er das Zeichen für eine Verbundenheit, die weder Anfang noch Ende hat. 

Das passt sehr gut, denn die Liebe zu den Kindern oder zur Mutter/Vater ist ohne Anfang und ohne Ende. Selbst wenn uns diese Menschen verlassen haben, bleiben die Liebe und das Gefühl der Verbundenheit bestehen. Im Tagebuch notierte ich damals noch, dass ich vor kurzem eine SMS von meiner Mutter bekommen hatte, in der sie schrieb, dass sie mich lieb hat. 

Erst seitdem ich Yoga mache und gelernt habe, mich zu öffnen, ist das Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter sehr viel besser geworden. Sie öffnet sich nun auch und wir stehen uns viel näher. Meine Arroganz und Vorwürfe mussten erst weichen. 

Am darauffolgenden Tag beschäftigte ich mich mit den Yoga-Sutras 33 – 39. Hier werden von Patanjali die Methoden beschrieben, mit denen der innere Sinn zu befrieden und auf die spirituelle Entwicklung vorzubereiten ist. 

Er erklärt in der 33. Sutra, dass man eine angemessene Lebensweise einüben sollte. Durch die Verwirklichung von Güte, Mitgefühl, Freude und Gelassenheit gegenüber Schmerz, Tugend und Laster erlangt man den Zustand der Abgeklärtheit. Dies führt zum eigenen Wohlbefinden in jeder Situation. Solange wir im Netz der Sinne gefangen sind, werden wir immer wieder voll Kummer und unglücklich sein. 

In der 34. Sutra wird erklärt, welche Rolle der Atem bei der Beruhigung des Bewusstseins spielt. Sanftes und gleichmäßiges Ausatmen und passives Anhalten des Atems nach dem Ausatmen, führt zur ruhigen Klarheit im Bewusstsein. 

Während diese zwei aufgeführten Sutras vorbereitend sind, sind die nachfolgenden fünf Sutras Meditationsmethoden. 

Die 35. Sutra weist darauf hin, dass man auch einen hohen Bewusstseinszustand dadurch erreichen kann, indem man sich mit Interesse und Hingabe vollkommen in einen Gegenstand vertieft. 

Tagebuch 13.11.2015:

“Sukadev (Yoga-Vidya) schreibt im Zusammenhang mit dieser Sutra auch über die Tonmeditation. Durch Meditation können die höheren Sinne aktiv werden. Als Beispiel führt er die Anahata-Klänge auf. Durch die stete Konzentration auf diese inneren feinen Töne werden sie immer schöner. Sehr verbreitet ist der sehr hohe Ton (ich hatte davon in anderen Beiträgen schon berichtet), der sich wie der beim früheren Testbild des Fersehprogramms anhört. 

Wie schön, darüber hier zu lesen. Es bestätigt meine Erfahrungen mit dem Ton und den Klängen, die ich wahrnahm. Der Ton kann mal auf dem rechten oder auf dem linken Ohr wahrgenommen werden oder auch in beiden Ohren. Sukadev schreibt, der Ton wird immer stärker, je ruhiger man selbst wird und ich kann das nur bestätigen. Im Moment ist der Ton sogar sehr laut, wenn ich mich darauf konzentriere und zwar nicht nur dann, wenn ich meditiere. 

Die 36. Sutra weist auf die Konzentration auf das innere Licht hin. Es sitzt tief in unserem Innersten und strahlt und leuchtet dort, wo unsere Seele sitzt. 

Auch Sukadev erwähnt das innere Licht, die subtilen Gerüche, wie z. B. Nektargeschmack im Mund oder das Licht oder Energie durch die Chakren in den Körper fließt. 

Die 37. Sutra richtet sich auf eine Geistesverfassung, die frei ist von Begierde. Es soll helfen, sich auf erleuchtete Weise zu konzentrieren und ihnen nachzueifern (Ramana Maharshi, Sri Ramakrsna, Sri Aurobindo usw.). Durch diese Vorbilder erhält man Zuversicht und Stetigkeit in seinen Bemühungen und eine Verfassung der Wunschlosigkeit. 

Wunschlosigeit bedeutet jedoch nicht die Abkehr von der Welt. Leider wird dies immer missverstanden. 

Die 38. Sutra weist darauf hin, dass man durch die eingehende Erforschung des Traumschlafs und des traumlosen Schlafs die verschiedenen Bewusstseinszustände (unbewusst = traumloser Schlaf, unterbewusst = Schlaf mit Traum, bewusst = Wachzustand, überbewusst = vierter Zustand) unterscheiden lernt und letztendlich diese in eine einzige Bewusstseinsverfassung (vierter Zustand) zu verwandeln. 

Die 39. Sutra erwähnt die letzte Methode einer geeigneten Meditation, und hier soll man sich einen geeigneten Gegenstand für die Meditation selbst aussuchen. Der Gegenstand soll auf den Geist erhebend wirken. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass die Konzentration auf das eigene Selbst, die Wurzel des Seins, das beste Objekt dieser Meditatiton darstellt. 

Bei Sukadevs Auslegung zu diesen Meditationsmethoden lese ich noch, dass die Festigkeit des Geistes leicht begründet wird, wenn durch diese Meditationsmethoden die vier höheren Sinne aktiv werden. Es hilft gegen jegliche Zweifel, weil man sieht und spürt, dass es etwas Höheres gibt.”

Und als ich diese Zeilen in mein Yoga-Tagebuch schrieb, war da natürlich auch die Freude darüber, dass ich in irgendeiner Form selbst solche Erfahrungen machen durfte, ohne zuvor überhaupt zu wissen, dass es so etwas geben könnte und wie es sich anfühlt oder darstellt. 

Es traf mich immer völlig unerwartet. Der Ton im Ohr, die Klänge der Glöckchen im Raum, das liebende Licht, nächtlicher Blumenduft, die Verschmelzung der Bewußtseinszustände von Traum und Wachzustand, weil ich im Schlaf erkenne, dass ich träume und somit schlafe und zugleich völlig bewusst bin. Und letztendlich die Auflösung aller Bewusstseinszustände, als Aufwachen stattfand. 

Und ja, es fegte all meine Zweifel beiseite und sorgte für ein sehr tiefes Vertrauen in die Weisheit dieser Schöpfung und den Wunsch, die Reise fortzuführen. 

Zu dieser Zeit meditierte ich oft über die damals kostenlose App Insight Timer, wo ich selbst auch eine Gruppe für mein damaliges Yoga-Studio gründete. Es sollte meinen Schülern das Meditieren erleichtern. Aus dieser Gruppe wurde dann ohne mein Dazutun eine Meditationsgemeinschaft für die ganze Türkei und man konnte hier nicht nur zusammen meditieren, sondern sich auch über Meditationserfahrungen austauschen. Einige Tage später erhielt ich von Insight Timer die Anfrage, ob ich für die Türkei als Ambassador tätig sein möchte. Ich sagte erst einmal zu, war mir aber sicher, dass ich das nur so lange machen würde, bis ich jemanden gefunden hätte, der es übernehmen möchte. Ich wollte meine Reise und das Meditieren auf keinen Fall zu einem Geschäft machen. 

Am gleichen Tag schrieb ich noch in mein Tagebuch:

“In Insight Timer lese ich, dass einige Meditierende das Gefühl haben, sich während der Meditation hin und her zu bewegen, und sie wollen wissen, ob andere dieses Gefühl auch kennen. Ja, das kenne ich. Es ist eine ganz sanfte Bewegung, die von außen nicht wahrgenommen wird. Es erinnert mich an eine Zeitrafferaufnahme von einem aus der Erde wachsenden Trieb, der dabei ganz langsam in kreisenden Bewegungen zur Sonne hinaufstrebt.” 

Besser kann man einen Suchenden gar nicht beschreiben. Tatsächlich strebt alles in uns zu diesem Licht hin, auch wenn wir es gar nicht wissen. Schöner ist es jedoch, wenn man es weiß :-).

Habt noch eine schöne Woche, Monika