Träume und Entscheidungen

Wenn ich meine Yoga-Tagebücher lese, um hier über die innere Reise zu berichten, dann staune ich jedesmal sehr über meine Traumnotizen. Durch Yoga bekam nicht nur mein Leben eine andere Richtung und eine Tiefe, sondern auch die Träume veränderten sich auf wundersame Weise. 

Führen wir ein Leben in Angst, so beschränken sich auch die Träume darauf. Als ich noch Flugangst hatte, träumte ich ständig davon, dass ich in einem Flugzeug sitze, welches nicht wirklich abhob. Es flog nur in geringer Höhe über Städte und Landschaften. Meine Existenzängste sorgten dafür, dass mich des Nachts jedesmal eine riesengroße Welle bedrohte, die mich und meine Kinder holen wollte. Ständig waren wir in meinen Träumen auf der Flucht. 

Als meine Ängste mich verließen, begrüßte mich endlich das Leben, und auch meine Träume bekamen ganz andere Dimensionen. 

Statt von einem Flugzeug zu träumen, bewegte ich meine Arme und erhob mich einfach selbst und flog über alles hinweg. 

Als ich schon vier Jahrzehnte auf dieser Welt gelebt hatte, erfuhr ich, dass man Träume analysieren kann und dass wir alles, was im Traum erscheint, selbst sind. Als man mir das damals erzählte, muss ich wohl wie eine Kuh geschaut haben. Meine Güte, ich war so naiv und so dumm. Ja dumm, weil ich dachte, ich wüsste so viel. Ich dachte, ich wäre klug und intelligent. Ich würde mich und die Welt verstehen, dabei hatte ich von nichts eine Ahnung. 

Ich war so unbewusst und unschuldig wie ein kleines Baby, wenn es um mich, meinen Körper, meine Seele und das Leben an sich ging. Nie hat irgendwer mit mir darüber gesprochen. Nie haben meine Eltern zu mir gesagt, dass ich und diese Welt ein Wunder seien. Auch in der Schule lernt man das nicht. Bis heute. Wir lernen so viele Dinge und haben keine Ahnung, wer wir wirklich sind.

Ich hatte wohl früher nie darüber nachgedacht, woher Träume kommen. Da gab es diese allgemeine Aussage, dass das Gehirn in der Nacht nur sortieren würde. Ordnung ins System bringen würde. Man könne das nicht beeinflussen. Es sei wie ein Herunterfahren des Computers.

Aber das stimmt so nicht. Natürlich kreieren wir alle Formen im Traum selbst. Sie erscheinen in unserem Bewußtsein und wir sind deren Schöpfer. Deshalb sind Träume auch so interessant und ich habe so viel Freude daran, sie zu analysieren. Ich weiß heute, sie sprechen zu mir. 

In den letzten Jahren träume ich wenig. Es gibt kaum noch Konflikte, also muss da auch nicht unbewusst auf etwas hingewiesen werden. Wenn am Tage alles in Ordnung ist, womit soll sich dann das Unterbewusstsein auseinandersetzen? Es herrscht Frieden auf allen Ebenen. 

Ich träume eigentlich nur, wenn ich mich mit etwas auseinandersetzen möchte oder mich zum träumen auffordere. Wenn ich Fragen habe. Wenn ich die innere Reise wieder vertiefen möchte. 

Wer eine innere Reise macht und Veränderung zulässt, wird in seinem Leben ganz bewusst das eigene Reifen und Wachsen erfahren und die unglaublichsten Sachen im Traum sehen. All dies kann aber nur passieren, wenn man es wirklich möchte und zulässt. Sich also nicht verschließt oder noch zu viel Angst hat. 

Die Traumwelt und die “reale Welt” gehören zusammen. Die Welt, die wir als real bezeichnen, ist tatsächlich auch nur eine Traumwelt. Es geht nicht anders, wer nach innen reist, wird es erkennen. Alles was hier ist, sind wir selbst. Wir sind die Schöpfer unserer eigenen Welt. Das kann man bei den Weisen lesen, aber begreifen und akzeptieren wird man das erst, wenn man wenigstens einmal aus dieser scheinbar realen Welt aufgewacht ist. Es ist unbeschreiblich. 

Für diesen Beitrag heute lese ich in meinem Yoga-Tagebuch, dass ich von meiner Mutter geträumt habe. Ich kann mich nicht daran erinnern, je zuvor von meiner Mutter so konkret geträumt zu haben. 

Tagebuch 05.11.2015:

“Im Traum habe ich das Gesicht meiner Mutter gesehen. Es war sehr groß. Sie sprach zu mir aber ich kann mich nicht daran erinnern, was sie sagte. Aber meine Deutung/Gefühl ist positiv. 

Ich träumte auch von B.S.K. Iyengar und dass ich an seiner Seite war und sein wollte. “

Beide, Iyengar und auch meine Mutter, waren in ihrer Kindheit und Jugend sehr zerbrechliche Persönlichkeiten. Sie hatten es, jeder auf eine andere Art, sehr schwer. Beide haben sich in ganz verschiedene Richtungen entwickelt. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Entsprechend seines Umfeldes und Einflusses. Das können wir uns nicht immer aussuchen. Die eine Person entwickelte Ängste, blieb darin gefangen und führt bis heute ein angstbestimmtes Leben, welches auch auf die Kinder übertragen wurde.

Die andere Person erhielt Hilfe aus dem familiären Umfeld und wurde mit Yoga nicht nur geheilt, sondern auch zu einem der wichtigsten Hatha-Yoga-Lehrer des 20. Jahrhunderts. 

Erst heute offenbart sich mir die Bedeutung dieses Traumes. Ich wollte Heilung, ein glückliches und zufriedenes Leben führen. Ich wollte mich und das Leben verstehen und den Dingen auf den Grund gehen. Ich wollte keine Angst mehr haben und hatte mehr Vertrauen in Yoga und die Weisheit, die dahinter stand, als zu meiner Mutter, von der ich lernte, dass das Leben mehr oder weniger nur Gefahr darstellt. 

Es gibt keine Vorwürfe, denn es waren andere Zeiten und es ging meistens immer nur ums Überleben. Das hatte ich übrigens auch übernommen. Den Gedanken, ich müsste ums Überleben kämpfen. Das Leben gibt nichts von selbst. Man darf nicht zuviel verlangen und erst recht nicht alles.  Daher kämpfte ich auch fast 50 Jahre nur, anstatt zu l e b e n.

Passt es da nicht hervorragend, dass ich mich am nächsten Morgen nicht an die Worte meiner Mutter erinnern konnte? Dass ich sie zwar als liebendes und zärtliches Wesen wahrnahm, aber ihre Worte nicht mehr hören und ihnen somit auch keinen Glauben mehr schenken konnte?

Mit Yoga durfte ich endlich erkennen, dass das Leben ein Wunder ist. Ein Gottesgeschenk. Liebe ist. Freude ist. Ja auch Leid ist. Aber selbst im Leid steckt die Liebe. Ich hatte also im Traum schon die Wahl für meine Zukunft getroffen. All das ergibt sich gerade hier beim Schreiben und wieder ist es so, als würde sich ein Kreis schließen.  Als betriebe ich hier eine Selbsterforschung in der Selbsterforschung. Kurz bevor ich anfing diesen Beitrag zu schreiben, rief mich meine liebe Mutter an. Der erste Anruf nach sehr langer Zeit. 

Im letzten Beitrag ging es um die vier Bewusstseinszustände, die in der Yoga-Surtra des Patanjali beschrieben wurden und sich über mehrere Stufen aufteilen. Ich studierte die Yoga-Sutra des Patanjali fleißig und voller Wissensdrang weiter und kam nun zum x-ten Mal zur 18. Sutra.

Tagebuch 06.11.2015:

“Interessant ist, dass Sukadev (Yoga-Vidya) beim Asamprajnata-Samadhi, in dem es keine geistigen Aktivitäten mehr gibt, von Selbstverwirklichung spricht, Patanjali selbst und auch Iyengar es so interpretieren, dass es sich hier nur um einen Ruhe-Zwischen-Zustand handelt. In diesem Zustand darf man nicht verweilen, sondern muss noch weiter gehen und sogar die Anstrengung verdoppeln, um zu Nirbija-Samadhi zu kommen. 

Man kann durch Geburt (19. Sutra) oder durch Glaube, Energie, Erinnerung und Sammlung von Weisheit (Bewusstheit, 20. Sutra) in diesen Zustand kommen. 

Glaube bedeutet, dass man Vertrauen haben muss. Es darf Skepsis geben – die brauchen wir für die ehrliche Erforschung- aber nicht ständige Zweifel. 

Energie bedeutet, dass wir tatsächlich soviel Energie wie möglich in diese Praxis stecken müssen, damit etwas zurückgegeben werden kann, was dann ein Vielfaches von dem ist, was wir selbst hineingesteckt haben.

Erinnerung ist insofern wichtig, dass wir uns immer wieder fragen, warum machen wir das alles? Wir dürfen das Ziel nie aus den Augen verlieren und uns immer wieder an Gott erinnern. 

Bewusstheit weist darauf hin, dass wir bewusst durch die Welt gehen und die Gegenwart ganz bewusst erfahren.

Die 21. Sutra spricht davon, dass Befreiung schnell erreicht wird, wenn der Wunsch wirklich intensiv ist. Der Wunsch nach Befreiung kann mäßig, mittelmäßig oder intensiv sein, so die 22. Sutra. 

Ich stelle mir die Fragen: 

  1. Was will ich im Leben noch erreichen?

Antwort Monika: Ich möchte den Yoga-Weg weitergehen, so weit ich kann.

2. Worauf wäre ich bereit zu verzichten?

Antwort Monika: auf alles! (nur meine Kinder dürften nicht darunter leiden).”

Wenn ich diese 6 Jahre alten Notizen lese, erkenne ich heute ganz klar meine damals selbst formulierten Einschränkungen. Dass ich es bis zur Befreiung schaffen könnte, davon ging ich da noch gar nicht aus. Ich erkenne auch die Angst, die ich um meine Kinder hatte und die mich später tatsächlich aus dem Zustand der Leerheit/Einheit wieder herausreißen sollte. Das hier zu  lesen, ist für mich heute sehr wichtig. Was ich nicht zulasse, kann auch nicht eintreten. 

Ich verstehe nun auch, wie ich mich in dem “momentan erreichten” Zustand ein wenig ausgeruht habe, weil es mir so viel besser geht, als jemals zuvor in meinem Leben. Wer 30 Jahre in Angst gelebt hat, kann sicher verstehen, welche Freude es nun ist, das Leben mit ausgestreckten Armen zu genießen. Genießen, das kannte ich ganze 50 Jahre nicht in meinem Leben. Vielleicht gehört es jetzt dazu, all das nun auch aufzunehmen, ohne dem Genuss verhaftet zu bleiben. Ohne mehr zu wollen. Ohne dafür Leidenschaften zu entwickeln oder diese als Einziges im Leben anzustreben. Denn das tue ich sicher nicht. 

Wenn ich die Sutra heute wieder lese, kommt mir das alles so bekannt und vertraut vor. Ich spüre, dass ich in jedem Augenblick immer wieder selbst entscheiden muss, ob ich weitergehen möchte. Ich erkenne, wie ich es wirklich will und mich dann doch wieder ausbremsen lasse. Da ist auch immer wieder Unsicherheit, weil kein Lehrer da ist. Keiner der sagt, es ist in Ordnung. Es kann nichts passieren. 

So einfach ist es nämlich nicht, denn am Ende bedeutet Aufwachen zu sterben. Alles zurückzulassen. Nicht nur sich, den Körper und seine Gedanken und Meinungen, sondern auch die eigenen Kinder. Meine Kinder, deine Kinder gibt es dann nicht mehr. Alles ist eins. 

Ich spüre auch diese Einsamkeit und Isolation, mit der ich ab und zu zu kämpfen habe und die in der 19. Sutra von Iyengar im Kommentar erwähnt wird. Es gab nur für Augenblicke das Gefühl der Körperlosigkeit und Einsheit und doch – und das ist das Aberwitzige – trennt sie mich absolut von allen anderen Menschen. Denn es scheint so, als würde mich jetzt niemand mehr verstehen.

Ich fühle mich heute durchaus noch viel mehr als damals von der 20. Yoga-Sutra angesprochen. Ich weiß, ich muss diese spirituelle Selbstzufriedenheit durchbrechen, wenn ich weitergehen möchte. 

Ich nehme heute die Worte von Iyengar unter der 20. Sutra mit auf dem Weg, um mich daran zu erinnern, dass ich mit noch mehr Vertrauen und Tatkraft die Übungen vertiefen und weitergehen sollte, damit auf diesem Weg mit noch mehr Weisheit, Versenkung, Bewußtheit und Aufmerksamkeit vorankomme. 

Es erscheint unlogisch, weil Aufwachen da war und klar ist, dass nichts so existiert, wie wir denken. Und dann ist hier wieder in den Sutras die Rede von Erinnerung, Weg und Ziel. Aber ich verstehe genau, was gemeint ist. Der Reiseweg und das Ziel sind nicht irgendwo da draußen. Es geht immer nur um den Nullpunkt. Um das Stillwerden. Erkennen. Etwas, was in weniger als einer Sekunde passieren oder auch Jahre dauern kann. Es spielt keine Rolle. Denn es ist immer jetzt. Meine letzte Notiz unter der 22. Sutra lautete:

“Der Grad der Priorität des Wunsches nach Befreiung bestimmt, wie schnell es mit der Vewirklichung geht.”

Mögen sich alle eure Wünsche erfüllen und habt ein schönes Wochenende, Monika