Gedanken erforschen

Diese Beiträge sind für Menschen, die sich erforschen, erkennen und über das, was sie normalerweise denken und sehen hinauswachsen möchten. Meine Beiträge sollen niemanden verletzen, aber sie sollen auch nicht mein oder dein Ego loben und kraulen. 

Wenn wir uns selbst nicht durchschauen, werden wir nur damit beschäftigt sein, die Welt und alles, was darinnen lebt und passiert- also auch uns selbst und unsere Lebenssituation – zu beurteilen und zu bewerten. 

Ich selbst habe Jahre gebraucht, um das zu erkennen und werde womöglich noch weitere Jahre brauchen, um aus dieser dualen Bewertung endgültig herauszukommen. Je älter wir sind, desto grundlegender sind unsere Konditionierungen. Es ist aber trotzdem niemals leicht, und doch kann man da herauskommen, wenn man es wirklich möchte. Ich wüsste aus heutiger Sicht nicht, was wichtiger wäre, um genau daran zu arbeiten: an der Selbsterforschung.  

Nur so können wir endgültig unsere Sorgen, Ängste, Traumata, Ansprüche, Wiederholungen, toxische Beziehungen, Abhängigkeiten oder Depressionen hinter uns lassen, denn wir begreifen, wie wir und die Welt funktionieren. Alles Vergangene belastet uns nicht mehr. Wir fangen an zu begreifen und zu lieben. Alles. 

Selbsterforschung kann man immer machen. Auch wenn man arbeitet oder Kinder hat und arbeitet. Ich tat es auch. Aber Anfang November 2015 konnte ich mich nun vollkommen auf die Selbsterforschung konzentrieren, denn ich ließ mein altes Leben hinter mir. Es war nicht das erste Mal, dass ich in meinem Leben Abschied nahm von Heimat, Freunden, Arbeit und Wohnung, aber diesmal waren es auch meine Mädchen, von denen ich mich trennte. Sie brauchten mich nicht mehr. Es schmerzte, aber ich hatte ja ein Ziel, und so konnte ich diesen Schmerz annehmen und direkt daran arbeiten, als ich in der Nord-Ägäis ankam. 

Tagebuch 02.11.2015:

“Gleich nach der Ankunft habe ich in dem kleinen leeren mittleren Raum meditiert. Es war ein Nachhausekommen. Alles an mir freute sich auf diesen Augenblick. Und es schien so, als würden sich auch das Zimmer und die wenigen Sachen darin freuen. 

Nachts habe ich viel geträumt. Mir fiel auch auf, dass es wieder nicht dunkel wurde, selbst wenn ich meine Augen schloss. Da war Licht und auch Freude. Ich hörte einen Hund wimmern, und wahrscheinlich habe ich deshalb auch von einem Hund geträumt. 

In meinem rechten Ohr habe ich Stimmen gehört. Viele durcheinandersprechende helle und sehr hohe Stimmen. Auf dem anderen Ohr gab es andere Stimmen, und ich kann mich an deren Klang nur schwer erinnern. Es war, als würden sich Wesen freuen, dass ich wieder da bin. Das dachte ich in diesem Moment und wunderte mich darüber, dass es mir keine Angst machte. Aber etwas unheimlich war es mir schon. 

Heute Morgen scheint die Sonne. Ich mache meine Atemübungen, Yoga und Meditation.”

Voller Elan stürtzte ich mich in die darauffolgenden Tage und Wochen neben meinen Yoga-Atem-Meditationsübungen in die weitere Erforschung der Yoga-Sutra des Patanjali und führte wieder Tage des Schweigens in meinen Alltag ein.

Wenn ich heute diese Notizen lesen, kann ich nur wieder staunen. Vieles, was ich zu dieser Zeit aufschrieb und versuchte zu verstehen, durfte ich tatsächlich später erleben, und ich werde deshalb an den geeigneten Stellen meine Erfahrungen integrieren, damit das alles besser verständlich ist. 

Das heißt aber nicht, dass man es deshalb vollkommen versteht. Man begreift jedoch, der menschliche, auf Dualität ausgerichtete Verstand kann das am Ende niemals erfassen. Und dann lässt man es auch sein, es verstehen zu wollen. Es ist eben so und das ist phantastisch, unbegreiflich und wunderschön. 

Ich kann aber aus heutiger Sicht nicht sagen, dass all meine Übungen, das Verstehenwollen und die Notizen deshalb sinnlos gewesen sind. Nein, sie waren der Weg und das Tor. Sie sorgten dafür, dass Vertrauen entstand und ich die Arroganz meines eigenen Verstandes und somit all jenes materielle Wissen, welches mich formte und beeinflusste, in Frage stellen und dann einfach mal zurücklassen konnte. Das wirklich interessante ist ja, dass Yoga gerade den Verstand mit einbezieht. Er benutzt seine Logik, um sich selbst und seine Grenzen zu durchschauen und dann zu sprengen, um ihn mit etwas Höherem zu vereinen. Die Christen würden vielleicht sagen, dass sie den Verstand mit dem Heiligen Geist vereinen. 

Ich las also die Yoga-Sutra des Patanjali zum x-ten mal weiter und verglich die Auslegungen von B.K.S. Iyengar mit denen von Sukadev (Yogavidya). Oft nahm ich mir nur ein und zwei Sutras pro Tag vor und ließ sie mich den ganzen Tag begleiten. So konnte ich sie bei allem was ich tat wirken und arbeiten lassen. Mir fällt auch heute auf, dass meine Schwerpunkte bei der Yoga-Sutra im Jahr 2015 ganz woanders lagen als in den Jahren davor. Lasst euch von den vielen verschiedenen Namen oder Begriffen nicht verwirren. Die Namen sind für uns nicht wirklich wichtig, weil wir keine Ahnung von Sanskrit haben. 

Tagebuch 03.11.2015:

“15. Sutra: Wünschen entsagen führt zur Nichtanhaftung. 

16. Sutra: Die höchste Entsagung besteht darin, dass man die Gunas transzendiert und die Seele erkennt.”

Die drei Gunas sind die drei Eigenschaften in der Natur. Sattva ist die Reinheit, die Freude und das, was zum Licht führt. Rajas ist die Unruhe und die Bewegung, die zu schnellen Aktivitäten führt. Tamas ist die Trägheit, das Dunkle, die Schwermut und die Zusammenziehung. Wer Yoga macht, wird diese drei Eigenschaften später in sich und in seinem Umfeld deutlich wahrnehmen und versuchen, sein Leben immer mehr in Richtung der Reinheit, also des Sattva zu leben, um am Ende auch dieses zu transzendieren. Die Disziplin, die im Yoga selbst enthalten ist, hilft hier sehr dabei. 

Tagebuch 04.11.2015:

“17. Sutra: Durch logisches Denken, Vernunft, Glückseligkeit und Einssein mit sich selbst gelangt man zu Samprajnata-Samadhi.

Aufgrund von Übung und Entsagung bilden sich vier Arten von Bewusstheit: Versunkenheit des Bewusststeins durch Vertiefung in Schlußfolgerungen und analytische Studien; Vernunft, d. h. Überlegung und Unterscheidung; Glückseligkeit oder Hochgefühl; und ein Einssein mit sich selbst. Dies sind die Stufen des Samprajnata-Samadhi: 

Die erste und zweite Stufe ist Vitarka und ist das bewusste Sicheinlassen auf das Denken und Studieren, was letztendlich zur Wurzel-Ursache führt. Das ist das Bemühen, zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Ein wohlüberlegtes experimentelles Forschen, das vom Groben zum immer Feineren fortschreitet. Vitarka ist eine intellektuelle Analyse, somit eine Funktion des Gehirns und produziert daher nur relatives und bedingtes Wissen. 

Vitarka wird unterteilt in 

  1. Savitarka (42. Sutra) = Überlegung = 1. Stufe 
  2. und Nirvitarka(43. Sutra)  = Nicht-Überlegung = 2. Stufe  

Im Fall a) ist eine Identifikation mit dem physischen Universum in Raum und Zeit vorhanden und es entsteht ein geläutertes Bewusstsein, wo Wörter, ihre Bedeutung und Verstehen eine harmonische Einheit bilden. Dies führt zu besonderem Wissen, welches jedoch noch immer mit dem analysierenden Denken verbunden ist. Hören wir den Vogel, weil er laut ruft und diese Töne unser Ohr erreichen oder hören wir den Vogel, weil sich unser Bewusstsein zu ihm hinwendet und wir es auf diese Art und Weises erweitern? Das ist ein sehr großer Unterschied.

Im Fall b) gibt es eine Identifikation mit dem physischen Universum als organisches Ganzes jenseits von Raum und Zeit. Hierfür muss das Gedächtnis vollkommen geläutert sein und ohne jegliches Denken. Durch die Erfahrung des Nicht-Denkens kann sich das Bewusstsein als reines Bewusstsein manifestieren und makellos und ohne Widerspiegelung äußerer Gegenstände sein.”

In der Vedanta-Philosophie werden diese beiden Meditationszustände auch als Viratsvarupa, “Das ganze Universum ist mein Körper”, bezeichnet.

Im Jahr 2015 war das für mich reine Theorie und für diejenigen, die das selbst auch noch nicht erlebt haben, ist es sicherlich nicht einfach, sich vorzustellen, was hier gemeint sein könnte. 

Ich hatte am 25.06.2021 einen Beitrag geschrieben mit dem Titel: “Ich bin das Universum (76)”. Das in diesem Beitrag beschriebene Erlebnis ist ein gutes Beispiel dafür, worum es hier in diesen aufgeführten Yoga-Sutras eigentlich geht. Als ich erfasste, dass ich das ganze Universum selbst bin, gab es kein Denken. Erinnerung gab es also auch nicht mehr. Alles was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, erinnert uns an etwas, was wir schon erlebt haben, und daher führt es uns von hier weg. Es führt uns in die Vergangenheit oder es bringt uns gedanklich in die Zukunft, wenn es Wünsche auslöst und wir etwas haben oder erledigen wollen. 

Wenn Denken jedoch aufhört, entsteht absolute Gegenwartsbezogenheit. Die universelle Intelligenz bringt Licht und Klarheit in das Gedächtnis und die persönliche Identität verschwindet. So kann man sich den Zustand von Nirvitarka wahrscheinlich besser vorstellen. Es gibt keine Zeit und keinen Raum. Nur Weite, Einheit, Stille und Frieden. 

“Die dritte und vierte Stufe ist Vicara und ist die Vertiefung der ersten Stufe. Es bezeichnet ein differenziertes Erkennen, ein forschendes Nachdenken und Erwägen, das den endlosen Strom der Vermutungen unterbricht und im Sucher/Sadhaka Tiefe und Schärfe, Sensibilität und Subtilität des inneren Sinns entstehen lässt. 

Hier wird unterteilt in 

  1. Savicara (44. Sutra) = rechtes Nachdenken (3. Stufe) 
  2. Nirvicara (47. Sutra) = Nicht-Nachdenken (4. Stufe) 

Im Fall a) identifizieren wir uns mit dem Prinzip des Nachdenkens im Universum, als dem kosmischen Gemüt und seinen Veränderungen. Mit dem Körper nimmt man auch die Emotionen und Gedanken wahr. Hier nun können wir das eigene Gemüt, das kosmische Gemüt oder die Psyche einschließlich Gedanken und Emotionen wahrnehmen und dabei feststellen, dass unsere Emotionen und Gedanken nicht unabhängig von anderen Emotionen und Gedanken sind. Dann können wir versuchen, andere Wesen und Objekte mit ihren Gedanken und und Emotionen zu erfühlen. Das geht soweit, bis wir erkennen, dass wir selbst das Bewusstsein hinter allen Gedanken und Gefühlen sind. Wir fühlen die kosmischen Gedanken und Emotionen, die kosmische Energie in allen ihren Veränderungen. Wir können nicht jede einzelne Veränderung spüren, aber wir merken: Da ist Veränderung, da ist Rhythmus (wie z. B. zu erfassen, dass das Zimmer, der ganze Raum sich freuen, dass ich wieder da bin). 

Im Fall b) gibt es keine reflektierende Betrachtung mehr. Es gibt nur einen Zustand, der von begrifflichen Überlegungen frei ist. Es gibt keine Erinnerungen, frühere Erfahrungen und Eindrücke der Vergangenheit. Es gibt keine Ursache und keine Wirkung, weder Ort noch Zeit. Hier können nun die unbeschreibliche Glückseligkeit (Ananda, 5. Stufe) und das reine sattvische Ich (Sasmita) zum Vorschein kommen und können vom Sucher/Sadhaka erfahren werden. Die Bewegungen des Bewusstseins haben aufgehört. Es gibt nur noch eine Identifikation mit dem kosmischen “Ich bin”. 

Der Erfahrung von diesen beiden Stufen entspricht Hiranyagarbha in der Vedanta, dem kosmischen Geist. 

Mit wachsender Erfahrung stellt sich also durch diese vier Stufen Reife ein und findet Erfüllung in einem Zustand der Glückseligkeit als 5. Stufe (Ananda), der dann den Sucher/Sadhaka vom Zwang des Studierens und Forschens befreit – jetzt weilt er nur noch im Selbst, in der 6. Stufe Asmita-Rupa-Samprajnata-Samadhi. 

Die 7. Stufe ist dann Asamprajnata-Samadhi, wo es keine Erkenntnis mehr gibt. Und kein Bewusstsein. Es gibt nur die Erfahrung reinen Seins. Laut Patanjali ist es der Übergangszustand der Stille (manolaya). Von hier aus geht das Bewusstsein vom Hirnstamm aus zum Herzen hinab, wo es sich in einen nichtmentalen, anfanglosen, endlosen Seinszustand einschmilzt und zum 8. Zustand, Dharma-Mega oder Nirbija-Samadhi wird. 

Ich spüre, dass diese beiden Auslegungen zusammen mein Verständnis für die Yoga-Sutras enorm vertiefen. Die 17. Sutra hat es in sich und ich muss das alles erst einmal sacken lassen. Iyengar bringt auch die Asanas ein und ich merke, dass ich immer mehr Freude an den Yoga-Übungen habe. Sie haben einen tieferen Sinn für mich bekommen. Ich möchte all diese Worte jetzt in Bewegung umsetzen. Atmung + Bewegung + Philosophie = Wonne. Alles gehört zusammen. Deshalb auch immer mein Drang, mich zu bewegen. Erhaltung des Körpers als Tempel. 

Ich spüre, wie regelrecht Lichter in mir aufgehen und von all diesem Wissen immer mehr in mich eindringt. Es ist so logisch. Es gibt überhaupt keine Zweifel mehr, obwohl ich mir schon klar darüber bin, dass ich noch ganz am Anfang stehe. Ich bedanke mich jeden Tag für dieses Geschenk.”

Yoga-Asanas werden nur für die Meditation durchgeführt und wurden auch nur dafür erfunden, damit jede Zelle des Körpers, mit Hilfe der Atmung mit dem Selbst vertraut wird. Die Intelligenz soll sich nicht nur im Gehirn, sondern in jede einzelne Körperzelle ausbreiten. Genau das wird auch ein guter Yoga-Lehrer unterrichten. Ist doch der Körper nur eine Verlängerung des Gehirns. 

Äußere Dinge wandeln sich ständig und eine Analyse ist daher zwangsläufig fehlerhaft. Es ist daher sehr wichtig, sich nicht in der Zeit zu bewegen und somit in der Vergangenheit und Zukunft haften zu bleiben, sondern von Außen nach Innen zu gehen. Wie B.S.K. Iyengar auch schreibt, von der Peripherie zum Kern und zum Ursprung vorzudringen. Vom Groben zum Feinen, vom Körper zu den subtilen geistigen Vorgängen und schließlich zum Ursprung des Seins. 

Würde ich heute noch damit beschäftigt sein, meine Ängste zu analysieren, wären sie immer noch präsent und würden mein Leben weiterhin dominieren und somit lenken. Nur das Vordringen und direkte Anschauen und Anpacken der Angst an der Wurzel ihres Ursprungs konnte sie auflösen. So ist es mit allen Gedanken und Emotionen. 

Ob man das mit Yoga, Vedanta, Nondualität, Buddhismus oder Jesus Christus hinbekommt, spielt keine Rolle. Alles weist immer direkt nach Innen. Allerdings hat mir persönlich das Einbeziehen des Körpers mit den Asanas, die Atemübungen und die tägliche Meditation sehr geholfen, dabei zu bleiben. 

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, Monika