Trennungsschmerz ist Liebe (83)

und er war ein Thema, mit dem ich mich Ende Oktober 2015 ganz besonders auseinander setzen musste. Es ist im Grunde egal, ob es der Schmerz einer Trennung ist, der Verlust eines Menschen, eine Krankheit, eine Pandemie, Angstzustände, Wutanfälle, Alkoholsucht, Drogen, Depressionen usw. 

Wir können in diesen – inzwischen schon zu Konditionen herangewachsenen – Zuständen stecken bleiben, jammern und uns bemitleiden, klagen und weinen und uns immer mehr damit identifizieren oder wir können diesen Zustand genauer betrachten, so Abstand schaffen, ihn transzendieren und darüber hinauswachsen. 

Ende 2015 war ich schon sehr mit Yoga vertraut und hatte genug Balance und Kraft, um alle tiefer gehenden Emotionen unter die Lupe zu nehmen. Ich nahm sie jetzt direkt als Forschungsobjekt, um meine eigene Konditionierung immer besser begreifen zu können. Das sorgte dafür, dass ich erstens nie lange in diesen Emotionen fest hing und zweitens immer weiter in die Weisheit des Yoga vordringen konnte. 

Ich möchte hier jedoch betonen, dass es vielleicht auch andere spirituelle Wege gibt, um sich selbst zu erforschen. Ich weiß es nicht. Für mich stand jedenfalls Yoga vor der Tür und ich nahm dieses Werkzeug, um mich immer mehr von aller emotionalen und mentalen Last zu befreien um zu erkennen, dass ich kein Opfer dieses Lebens bin. 

Nachdem ich Ende Oktober 2015 meine fortführende Yoga-Therapie-Ausbildung abgeschlossen hatte, ging es wieder zurück nach Istanbul. Es gab noch einige Sachen abzuholen, bevor ich mit meinem Liebsten wieder an die Nord-Ägäis zurückkehren konnte.  Mit dem symbolischen letzten Koffer, den ich noch in Istanbul hatte, wurde die entgültige räumliche Trennung von meinen beiden Kindern besiegelt. 

Und obwohl ich von Istanbul so genervt war und dort auf keinen Fall mehr wohnen wollte und auch klar sehen konnte, dass hier ein ganz logischer Abnabelungsprozess zwischen Mutter und Kinder von statten ging, reagierte mein Körper so heftig. Es war nicht nur ein Abschied, es war ein Sterben. Jede Mutter kennt das, wenn die Kinder das zu Hause für immer zurücklassen. 

Tagebuch 29.10.2015:

“Istanbul macht mich krank und auch das Chaos in der Wohnung, in der ich in den letzten Jahren mit meinen Mädels zusammen gelebt habe.”

Tagebuch 30.10.2015:

“Ich hatte gestern Migräne. Trotzdem habe ich mit diesen Schmerzen meine Sachen gepackt. Erst in der Nacht habe ich Medikamente genommen und die Schmerzen ließen etwas nach. Heute Morgen geht es dem Kopf besser aber ich bin unheimlich traurig und fühle mich leer. 

Seit meinem Auszug aus dem gemeinsamen Familienhaus mit dem Kindesvater vor etlichen Jahren, tauchte nun zum ersten mal wieder der Wunsch auf sterben zu wollen. In meinem Kopf redete es ununterbrochen: 

Niemand wird dich vermissen. Ich habe meine Aufgabe erfüllt. Ich bin jetzt nicht mehr wichtig. Sie haben ja schon meinen Geburtstag vor ein paar Tagen unter den Tisch fallen lassen. Niemand aus meiner Familie hat sich die geringste Mühe gegeben, um mir eine Freude zu machen.  

Und jetzt will mein Liebster die Rechnung für das Geburtstagsessen meiner Tochter bezahlen und ich denke nur, mich tritt ein Pferd. 

Wird hier meine Bescheidenheit zu meinem eigenen Verhängnis? Heißt Bescheidenheit, dass man blöd ist? 

Mir kommt es so vor, als würden meine Kinder gerade in einer anderen Welt leben. Die eine hängt nur am Telefon und die andere schwirrt wie ein Schmetterling durch die Gegend. Tatsächlich haben sie alle gerade sehr viel Zeit aber niemand ist hier mit mir, mit der Mutter, die gerade Abschied in ein anderes Leben nimmt.

Noch während ich das alles denke, taucht mein eigener gedanklicher Oberrichter auf und gibt auch noch seinen Senf dazu: Sind das nicht alles die eigenen Erwartungen, die hier enttäuscht wurden? Sei doch froh, dass alle so natürlich damit umgehen. 

Heißt “begehre nichts, verzichte, denn alles gehört ihm” auch, dass man von den anderen dann so wie Luft behandelt wird? 

Gibt meine neue und andere Art zu denken und zu handeln, den anderen das Gefühl, sie könnten so rücksichtslos mit mir umgehen? 

Was ist hier meine Aufgabe? 

Ich weiß, wenn ich all diesen negativen Gedanken nachgehe, öffnet es Türen für Krankheiten. Man lädt Krankheiten förmlich ein, wenn man lebensmüde ist. 

Ich merke, wie diese Gedanken, “niemand braucht mich” und “niemand will mich” eine Traurigkeit in mir auslösen, die kaum zu ertragen ist. 

Nur die Meditation und der Wille und Wunsch, weiter an der Selbsterforschung zu arbeiten, geben mir Kraft, Mut und einen Sinn für das weitere Leben. Tief in mir weiß ich, nur das ist wichtig. Nur da ist Liebe. Nur das ist der Sinn des Lebens. 

Gestern lag ich mit geschlossenen Augen auf dem Bett. Ich dachte, die Augen wären offen und ich musste das mehrmals kontrollieren und mir klar machen, dass ich sie geschlossen hatte. Denn im dunklen Zimmer sah ich so viele Lichter/Schatten und Bewegungen. Liegt das an der Migräne?” 

Natürlich wusste ich, dass die Ursache für das Erkennen der Lichter nicht die Migräne war, denn warum habe ich sie dann nicht schon früher wahrgenommen? Schließlich hatte ich die Migräne schon über Jahrzehnte. Das heißt also, die Migräne kann womöglich solche Efekte im Kopf auslösen aber wer sieht das und wie sieht man das? 

Am nächsten Tag nehme ich all diese wirren Gedanken, diese tiefen Enttäuschungen, den Trennungsschmerz und meine Zukunftsängste und erforsche sie. Hierfür nehme ich mir wieder zum x-ten Mal die Yoga- Sutra des Patanjali zu Hilfe. Diesmal arbeite ich wieder mit dem Original und mit der Auslegung von Sukadev (von Yoga-Vidya). 

Mein damaliger Zustand konnte tatsächlich nicht besser beschrieben werden, als in der zweiten Yoga-Sutra des Patanjali. 

Tagebuch 30.10.2015:

“Meinen derzeitigen Zustand würde ich genauso beschreiben, wie in der 2. Yoga-Sutra: Mein Geist ist gerade so vernebelt, wie das aufgewühlte Wasser in einem See, so dass ich vor lauter Wellen den klaren Grund nicht mehr erkennen kann. Ich bin nicht bei mir selbst. Traurigkeit, Verzweiflung, Depressionen wirbeln den Schlamm vom Boden auf. 

Wichtig ist, wie schnell erkenne ich das und wie komme ich da wieder raus. In der 4. Sutra steht, dass man in diesen Zuständen, wo der Geist nicht konzentriert ist, sich mit seinen Gedanken identifiziert. Je mehr man sich also auf diese Gedanken konzentriert, desto stärker werden diese Gedanken. Ansonsten verschwinden sie wieder. 

In der 5. Sutra steht, dass alle Gedanken schmerzvoll oder nicht schmerzvoll sind und das es fünf Arten von Gedankenwellen gibt (wobei Gedanken auch Emotionen beinhalten). 

Ein Gedanke bedeutet Worte+Bilder+Gefühle. Ich denke an einen Baum, dann habe ich ein Bild vor Augen und bestimmte Emotionen. Ich denke an einen Panzer und habe ein Bild vor Augen und ganz andere Emotionen, als beim Baum. Ich denke an mich in einer bestimmten Zeit und muss lächeln. Ich denke an mich heute und es erscheinen nur traurige Bilder und Gefühle. Einsamkeit. Verlassenheit. Unwichtigkeit. Trennung. Enttäuschung. 

Nur wenn der Gedanke schön, erhaben und freudvoll ist, spiegelt er das “Selbst” (das was wir wirklich sind) wieder. 

Die 6. Sutra beschreibt die 5 Arten der Gedankenwellen: falsches Wissen (Irrtum), rechtes Wissen, Einbildung/falsche Vorstellung, Schlaf, Erinnerung. 

Wir haben den Geist (als inneres Werkzeug) und den Körper (als äußeres Werkzeug), um uns auszudrücken. Sie sind Instrumente für die Person. Das Selbst, also das was wir wirklich sind, ist nicht der Körper und auch nicht der Geist. (Theoretisch war mir das alles sehr vertraut. Aber tatsächlich hatte ich diesbzüglich noch keine konkete Erfahrung. Die wenigen Meditationserlebnisse reichten hierfür noch nicht aus, um mir das wirklich klar vor Augen zu führen. Es war allein mein Vertrauen und mein Beharren, dass mich hier immer weiter forschen ließ. Was hatte ich auch zu verlieren? Mein altes Leben löste sich sowieso gerade vollständig auf. ) 

Der Geist besteht aus:  Unterbewusstsein (was die Person betrifft), dem Denkprinzip, der Vernunft, dem Intellekt, dem Ego. 

Die Sinnesorgane wirken durch die Sinneswahrnehmung auf das Denkprinzip ein. Sehen z.B. ist nichts anderes als eine Projektion auf der Netzhaut. Es entsteht ein Bild. Gedanken suchen im Unterbewusstsein und fragen: kann es ein Baum oder eine Person sein, die ich da im Dunkeln sehe? Angst entsteht. Ego taucht auf und weiß etwas besser. Es muss ein Baum sein…

Wie würde ich in diesem schönen roten Kleid, was dort im Schaufenster hängt, aussehen? Wunsch entsteht. Das Ego sieht sich schon im roten Kleid. Wie man wohl strahlen wird zwischen all den anderen. Man identifiziert sich damit. Freude kommt auf. Eventuell taucht auch Vernunft auf und sagt, dass man gerade kein Geld hat und nichts kaufen sollte. Dialog entsteht im Kopf. 

Ich wende das auf meine Situation an:

Ich bekomme keine Geburtstagsgeschenke, weil ich wegen der Fortbildung unterwegs war und denke, ich bin für diese Menschen nicht mehr wichtig. Ich bin hier und gehe entgültig fort und die Kleine geht nur raus und ist nicht da. Ich denke, ich bin für sie nicht wichtig. 

Mein Liebster will das Geburtstagsessen für die Große zahlen und ich hab nicht mal ein Geburtstagsessen zu zweit bekommen und ich denke, ich werde übersehen und nicht ernst genommen. Ich bin nicht wichtig. 

Niemand merkt, das man mich damit verletzt. Ist meine Tochter wichtiger ? 

Mein Körper verändert sich in den Wechseljahren und ich denke, ich verliere Attraktivität und löse mich in Unwichtigkeit auf. 

Ich spüre, diese Gedanken zehren an meinem Selbstwertgefühl. 

Geht dieses Verhalten der anderen tatsächlich gegen mich. Braucht mein Ego Bestätigung von den anderen? Bin ich deshalb unsicher geworden? Bin ich deshalb enttäuscht?

Mit diesen Gedanken setze ich mich hin und meditiere. Ist das wirklich alles wahr, was ich denke? Ich lasse alle Gedanken einfach da. Schenke ihnen keine Beachtung und schon gleich finde ich meine Stärke und meine Gleichmütigkeit wieder. Alles weg, was vorher in meinem Kopf herumschwirrte.

Anschließend bin ich mit mir im Frieden und mein Verhalten scheint sich verändert zu haben, denn ich spüre anschließend, wie die anderen plötzlich verunsichert sind.” 

Am nächsten Tag lese ich hierzu passend die Erläuterung zur 9. Yoga-Sutra. 

Tagebuch 01.11.2015:

“Wörtliche Täuschung wird verursacht durch Identifikation mit Worten, die in Wirklichkeit keine Grundlage haben. Es ist die 3. Form der Gedankenwelle (Einbildung, falsche Vorstellung)und bezieht sich auf Affirmationen, Suggestionen, auf Luftschlösser bauen und auf Lob und Tadel. 

Z.B. Wenn jemand zu dir sagt, Du bist ein Esel, dann hat das nicht den Effekt, dass wir uns plötzlich in einen Esel verwandeln. Und doch beeinflusst uns dieser Satz. Denn es ist ein Tadel und kein Lob. Wir aber wollen Bestätigung und keine Kritik. 

Wenn es keine Geburtstagsgeschenke gibt und keine Aufmerksamkeit, dann zehrt das auch am Selbstwertgefühl. 

Um sich von Tadel und Lob unhabhängig zu machen, kann ich nun, wie schon mit der Ausbildung, Studium, Job, Karriere, Sport, Kleidung etc. mein Selbstwertgefühl wieder aufbauen oder aber ich begreife mich – wie in der Meditation – als Instrument Gottes, dann brauche ich keine Selstbestätigung mehr von außen. 

Tatsächlich müssen am Ende alle fünf Gedankenwellen der 6. Sutra, die die Wellen auf dem See des Geistes verursachen unter Kontrolle bzw. überwunden werden.” 

Aber für mich war dieser Hinweis eine Bestätigung für meine Erfahrung in und nach der gestrigen Meditation. Ich konnte mich nun von meinen Kindern ohne Groll und Enttäuschung verabschieden. 

Tagebuch 01.11.2015:

“Morgens musste ich weinen. Der Abschied stand an. Mit der Großen habe ich dann im Bett gekuschelt und ihr erzählt, was gerade in mir vorging und wie schwer es einer Mutter fällt, die Kinder loszulassen, auch wenn sie weiß, dass es das Richtige ist. Nähe.

Auf der Fähre habe ich der Kleinen noch ein wenig Geld in die Hand gedrückt und beiden Mädchen gesagt, wie sehr ich sie liebe. Der Abschiedsschmerz war körperlich.

Die Unruhen im Land trugen auch nicht gerade dazu bei, dass es mir leichter fiel, die Kinder in Istanbul zu lassen. 

Das ganze Leben ist ein Fluß und immer wieder heißt es Abschied nehmen. 

Während ich das hier schreibe, spüre ich den Schmerz wieder und es ist in Ordnung zu weinen. Es hat so viele Jahre gedauert, bis ich begriff, dass es in Ordnung ist, so sehr zu lieben. Weinen ist Liebe. Schmerz ist Liebe.  

Habt noch eine schöne Woche, Monika