Das Feuer

stand diese Woche bei uns vor der Tür und bescherte uns einige aufregende Tage. 

Am 22.08. war Vollmond und ich konnte sowieso erst sehr spät einschlafen. Am nächsten Morgen hämmerte unsere Nachbarin ungewöhnlich früh ganz aufgeregt an der Tür und an Ausschlafen war nicht mehr zu denken. 

Es brennt, sagte sie. Zuvor brannte es an vielen anderen Orten im Süden der Türkei, und wir hatten noch die schrecklichen Bilder aus Bodrum, Marmaris und Antalya im Kopf. Nun waren also wir an der Nordägäis an der Reihe. 

Dass so etwas einmal passieren würde, war uns klar. Wenn wir mit dem Hund im Wald unterwegs sind, sehen wir die herumliegenden Flaschen und Glasscherben, die die Leute nach Saufaktionen oder Picknickausflügen einfach liegen lassen. Oft sammeln wir diese Reste ein, vor allen Dingen dann, wenn sie der Sonne ausgesetzt sind. Nach der diesjährigen langen Hitzeperiode mit Temperaturen über 40 Grad in der Sonne war es also nur eine Frage der Zeit, bis sich da mal etwas entzündet. 

Zusammen mit der Nachbarin gingen wir ins Haus nach oben in den ersten Stock und blickten aus dem Küchenfenster. Ich traute meinen Augen nicht. Tatsächlich stiegen Rauchwolken hinter dem ersten größeren Hügel unseres Hauses auf. Das ist sehr nah, dachte ich.

Wir zogen uns etwas über und gingen die kleine Anhöhe hinter unserem Grundstück hinauf, denn von dort aus hat man einen freien Blick auf die Ida Berge (Kazdaglari). Die Nachbarn und viele Einsatzkräfte waren schon auf unserer Straße. Überall Unruhe, Angst und eifriges Tun. 

Hinter den Olivenfeldern kann man schon das Naturschutzgebiet sehen und genau dort brannte es. Helikopter kamen und fingen an von oben zu löschen. Ich lief weiter vor, ganz vorsichtig, weil ich in der Eile nicht die richtigen Schuhe angezogen hatte und schaute dabei auf den Boden unter mir. Auf den völlig vertrockneten roten Kiefernadeln lag da doch tatsächlich ein noch halb gefülltes Einmalfeuerzeug. Direkt in der Sonne strahlte es mich an, zusammen mit vielen kleinen Glasscherben. Ich nahm das Feuerzeug mit und dachte, oft sitzen sie auch hier, trinken, grillen und rauchen. Ich selbst habe vor wenigen Jahren hier ein Feuer gelöscht, als Jugendliche ihre Kippen zurückließen. 

Wir hatten starken Nordostwind und der heizte das Feuer mächtig an. Das war ein großer Nachteil. Der Vorteil für uns war jedoch, dass er das Feuer von unserem Dorf hinfortwehte. Wir schauten auf unsere Handys, wie sich der Wind in den nächsten Stunden und Tagen entwickeln würde. 

Im Laufe des Tages nahm der Rauch und somit auch das Feuer zu. Die Einsatzkräfte merkten bald, dass mehr Hubschrauber und auch Löschflugzeuge nötig waren. Ich sah auf einem im Internet geteilten Video, dass das Feuer aus einer tiefen Schlucht aufstieg. Ein Hubschrauber hatte das gefilmt. Da es im Naturschutzgebiet fast keine Straßen oder Wege gibt, mussten erst mit schwerem Gerät Schneisen geschlagen werden. Daher kamen nun auch Bagger und andere große Baufahrzeuge, die es der Feuerwehr ermöglichen sollten, den Brand auch vom Boden aus zu bekämpfen. 

Schließlich waren es 9 Hubschrauber und zwei Löschflugzeuge, die ich wahrnahm. Der Krach war unglaublich. Sie flogen über unser Haus zum zwei Kilometer entfernten Meer, nahmen dort Wasser auf, um es anschließend wieder zwei Kilometer von uns entfernt in der anderen Richtung abzuwerfen. 

Mein Mann und ich, wir packten jeder einen Koffer und sammelten hierfür die wichtigsten Unterlagen zusammen. Auch packten wir etwas zum Anziehen, unsere Fotoalben und natürlich unsere Laptops und die Kamera ein. Alles war bereit. Falls der Wind umschlägt und das Feuer sich ausbreiten würde, könnten wir das Haus sofort verlassen. Die Koffer auf den Rücksitz. Den Hund in den Kofferraum und die Katze auf den Schoß. 

Wir haben in Griechenland und im Süden vor ein paar Wochen gesehen, wie schnell sich ein Feuer ausbreiten kann. Die Leute konnten nicht mal mehr ein Hemd aus dem Haus holen. 

Meine Tochter war zu unruhig und kam mit ihrem Schatz aus Istanbul angereist. Sie wollten uns unterstützen und haben auch ein größeres Auto, so dass man zur Not noch mehr mitnehmen könnte. 

Ich dachte und sagte auch, dass es nicht nötig sei aber tatsächlich musste ich schon am gleichen Tag feststellen, was für eine große Erleichterung es für mich war. Es hat so sehr geholfen, in solch einem Moment die Familie bei sich zu haben. 

Bis abends um acht Uhr ging der Hubschrauber-Lärm ununterbrochen weiter. Dann war es dunkel. Inszwichen waren auch die politisch Verantwortlichen hier und versammelten sich um unser Grundstück herum. Wagen mit Wärmebildkameras und großen Antennen standen für die Nacht bereit. 

Am Abend drehte sich der Wind für kurze Zeit und der Rauch kam nun in unsere Richtung. Ich öffnete ein Fenster und trat dann auf den Balkon. Sofort mit dem ersten Atemzug wurde mir schlecht. Was für ein schrecklicher Gestank! Das kann man nicht beschreiben. So etwas hatte ich nicht erwartet. Es roch nach verbranntem Holz, aber auch etwas Schweres lag in diesem Geruch. Es roch nicht so, wie der Rauch, der im Winter aus dem Kamin aufsteigt. Der Rauch, der aus dem Wald kam, schnürte einem sofort den Hals zu und ließ Übelkeit aufsteigen. Tod und Leid lagen in ihm. 

Als ich mich in der Nacht hinlegen und schlafen wollte, konnte ich nicht abschalten. Ich war so erschöpft und meine Lider waren schwer, aber mein Körper holte sich nicht den nötigen Schlaf, sondern spielte total verrückt. Kaum hatte ich mich hingelegt, stieg Übelkeit auf. Magenschmerzen waren da. Das kannte ich noch nicht. Lange lag ich wach, während ich hörte, wie meine Tochter mit ihrem Partner oben ständig auf den Balkon gingen und in die Berge schauten. Das Feuer schien immer wieder aufzuflammen. Es kursierten Bilder im Internet von Flammen. Man konnte die Gespräche der mobilen Einsatz- und Leitzentralen mithören, die den Feuerwehrmänner im Wald über Funk Anweisungen gaben. Wenn wir selbst Fragen stellten, gaben sie auch immer bereitwillig Auskunft. 

Die beiden jungen Leute schliefen überhaupt nicht und ich konnte erst am Morgen für kurze Zeit einnicken. Die ersten Hubschrauber flogen schon mit Sonnenaufgang übers Haus und rissen mich aus dem Schlaf. 

Inzwischen kamen auch aus Bursa, Izmir und Istanbul Spezialfahrzeuge und Einsatzkräfte. Überall um uns herum und im Dorf waren die Jandarma und Feuerwehrmänner im Einsatz. Die Straßen waren wahrscheinlich schon für die Neugierigen und Touristen gesperrt, denn ich sah, wie Autos aus dem Ort heraus und umgeleitet wurden. 

Das Feuer nahm nun noch einmal Fahrt auf und fraß sich von der Schlucht immer weiter den Berg hinauf Richtung Canakkale, und daher wurde weiter an drei Tagen jeweils 24 Stunden gearbeitet, um das Schlimmste zu verhindern. Wir fühlten uns wirklich sicher mit dieser Art der Organisation, die so gar nicht zu dem passte, was wir über die Einsätze in Bodrum und Antalya hörten. 

Noch heute sind wenige Hubschrauber im Einsatz. Sie kontrollieren die Gegend von oben und werfen auch noch Wasser ab. Wahrscheinlich gibt es immer wieder mal kleine Brandherde. Wie wir heute feststellen konnten, sind auch noch in der ganzen Gegend verteilt, Einsatzfahrzeuge stationiert. Man will anscheinend kein Risiko eingehen und das beruhigt uns ein wenig. 

Gestern habe ich das erste Mal wieder geschlafen und heute sogar ausgeschlafen. Auch haben wir schon das erste Mal das Haus zum Einkaufen verlassen. Auch wenn wir in den letzten Tagen kaum schliefen, so lagen wir doch nachts in unseren Betten, während diese Männer dort seit Tagen ausharrten und Nachtwache hielten.

Wir sind diesen Menschen sehr dankbar für ihren Einsatz. Alles war sehr professionell organisiert. 

Nun hoffe ich, dass wir mit dem Schlimmsten durch sind. Wenn ich auf mein Leben in diesem Land zurückblicke, dann fällt mir auf, dass ich wohl fast alles an Katastrophen mitgenommen habe, was möglich ist. 

Die Überflutung, wo mein ganzer Haushalt, der frisch aus Deutschland kam und im Keller gelagert wurde, im ein Meter tiefen Schlammwasser schwamm. 

Die Wirtschaftskrisen, wo mein Gehalt z. B. über Nacht nur noch die Hälfte wert war. 

Das Erdbeben von 1999, nach dem ich 6 Wochen lang nicht mehr liegen und schlafen konnte. 

Einen versuchten Putsch und nun dieser Brand. Ich hoffe, sie werden nicht doch noch irgendwann ein Atomkraftwerk in diesem Land bauen, denn am geplanten Standort gab es gerade erst eine große Überschwemmung und ich habe keine Lust auf ein weiteres Fukoshima ala Turka. 

Ich hoffe, da kommt nicht noch sehr viel mehr. Das reicht für ein ganzes Leben. Aber sicher ist, wer mit solchen Naturgewalten oder so einer Regierung zu tun hat, der hat keine Zeit mehr für Panikattacken 🙂

Habt ein schönes erholsames und katastrophenfreies Wochenende, Monika