Das Dritte Auge

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal über so etwas wie das “Dritte Auge” schreiben würde. Um mich herum gab es immer nur Menschen, die das als esoterische Spinnerei abgetan hätten. Ich übrigens auch. Was ich früher schrieb, waren juristische Abhandlungen oder Geschäftsführerberichte, Bilanzen und Marktanalysen. 

Wenn meine alten Kollegen oder Freunde diesen Artikel läsen, würden die meisten wohl mit verdrehten Augen sagen, jetzt ist sie völlig abgedreht. Nun, da ist tatsächlich etwas Wahres dran. Denn eine Drehung und somit eine Umkehr der Blickrichtung von außen nach innen hat auf jeden Fall stattgefunden. Dort habe ich die wahren Schätze dieses Lebens entdeckt. 

Ich konnte mich nicht mit der größten Ernsthaftigkeit und Anstrengung, mit Yoga/Meditation beschäftigen, ohne auch irgendwie auf den Begriff des “Dritten Auges” zu stoßen. Ich hatte mich jedoch nie explizit damit befasst. Ich las mal hier oder dort etwas in den Schriften darüber, aber ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was damit gemeint sein könnte. Auch Paramahansa Yogananda schrieb darüber und er nannte es u. a. das Christusauge. 

Ich interessierte mich nicht speziell für Kundalini Yoga oder die Chakren. Dafür hatte ich kein Interesse und man sollte das auch nie ohne einen Lehrer machen. Ich wendete nur bestimmte Kundalini-Übungen im Zusammenhang mit einer besonderen Atemtechnik gegen meine Migräne an. 

Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass man Aufwachen/Erleuchtung genausowenig selbst – also als Person – vorantreiben kann, wie das Öffnen des Dritten Auges. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Bei mir öffnete sich die Stirn einfach so, ohne das ich bewusst etwas dafür getan hätte. Ja, ich nahm es in diesem Augenblick nicht einmal als etwas Besonderes wahr. Anhand meiner Yoga-Tagebuch-Notizen erkenne ich heute, dass mir erst nach und nach dämmerte, dass da ein wirkliches Wunder geschah. Ein Segen. Ein Geschenk. 

Ich befand mich 2015 noch immer im Haus meiner Yoga-Lehrerin, um mit einigen anderen Teilnehmerinnen den fortführenden Yoga-Kurs mit dem Schwerpunkt Yoga-Therapie abzuschließen. Fünf anstrengede Tage lagen nun schon hinter uns. 

Tagebuch 17.10.2015:

“Ich habe die Nacht wegen einer Mücke zum Tag gemacht und daher wenig geschlafen. Der Kurs läuft gut. Es ist anstrengend und ich spüre meinen Rücken. Zum Meditieren komme ich kaum, da ich nicht alleine im Zimmer bin. Also muss ich sehen, dass alles, was gerade geschieht, zur Meditation wird. Ich lese wiederholt die Kena-Upanishad und die Isha-Upanishad. Die letztgenannte prägte Ghandis Bewusstsein:

Handeln ohne Anhaftung an die Erfolge. Der Sieg des Guten über das Böse ist sicher gestellt – aber nicht durch den Handelnden. Wir können diesen Sieg nicht erzwingen aber wir können uns zum Werkzeug machen, indem wir zur Null werden.

Tagebuch 19.10.2015:

“Heute ist der erste freie Tag. Ich nutze diesen, um zu schweigen. Ich habe Kopfschmerzen. Warum weiß ich nicht. Zu anstrengend? Zu viele Emotionen? So vieles geht mir durch den Kopf. 

Gestern hatte ich Geburtstag und unsere Lehrerin hat tatsächlich einen Kuchen für mich gebacken. Wie sehr habe ich mich darüber gefreut! Abends waren wir noch am Hafen und haben zu viert zusammen gesessen und gut gegessen. Ich habe gesagt, sie wären heute Abend meine Familie und somit selbstverständlich meine Gäste. Es war ein netter Abend, aber ich vermisste meinen Schatz und meine Kinder trotzdem sehr. 

Spät am Abend hockten wir zu dritt noch in unserem Zimmer zusammen. A. sowie meine Zimmergenossin und ich. Wir sprachen u. a. über Meditation und ob man einen spirituellen Lehrer/Meister braucht oder nicht. 

Dabei fiel mir ein, dass A. mir gestern Mittag am Strand erzählte, dass sie die Angewohnheit hätte, sich anderen gegenüber als große Schwester aufzuführen und jedem immer mit einem guten Ratschlag zur Seite stehen will, auch wenn die anderen es gar nicht wollen. Sie sagte, sie versuche nun darauf zu achten, sich dieses Verhalten abzugewöhnen. Anschließend musste ich an mein eigenes Verhalten denken und nahm mir vor, mich diesbezüglich mehr zu beobachten. Womöglich habe ich ähnliche Tendenzen. 

Abends im Zimmer, als wir uns dann über das Thema Guru ja oder nein unterhielten, vertrat A. ganz klar die Meinung, dass jeder sein eigener Guru ist. Als ich ihr von meinen Überlegungen nach unserem Gespräch am Strand erzählte, rief sie aus: siehst du, das meine ich. Du beobachtest dich, merkst und handelst. Mehr kann ein Guru auch nicht tun. 

Ich denke darüber nach und stimme ihrer Argumentation zu, während ich gleichzeitig darüber nachdenke, dass ich ja später dem “Pfad der Meister” beitreten wollte. Es gibt also noch immer Zweifel. 

Meine Zimmergenossin ist ein Wirbelwind. Während ich heute schweige und versuche tagsüber ganz hier zu sein, ist sie damit beschäftigt, über Skype den Kauf eines Hauses abzuschließen. Sie hat Stress mit den Banküberweisungen und dem Wechselkurs, denn das Geld ist in England, sie selbst in der Türkei bei einem Retreat – wo man eigentlich alles andere außer Yoga lassen sollte – und das Haus liegt in Spanien. Ich verlasse das Zimmer, denn ich möchte diesen Stress nicht teilen. 

Ich sage mir jeden Tag: Begehre nicht. Verzichte. Denn alles gehört ihm. Wirke durch ihn, alles was du tust, tust du durch und mit ihm. 

Diese wenigen Worte helfen mir so sehr bei allem, was ich tue. Selbst bei den Kleinigkeiten. Ich sitze abends auf dem Bett und habe noch zwei Mandarinen. Ich freue mich total darauf und will sie gerade essen, da fallen mir diese Worte ein und plötzlich ist ganz klar, dass ich eine Mandarine rüberreiche. 

Ich denke, mach dich zur “Null” aber nicht zum Deppen. 

Im Vorwort der Kena-Upanishad lese ich ein Zitat von Meister Eckhart: Manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen.”

Tagebuch 20.10.2015:

“Ich habe geträumt. Im ersten Traum sehe ich Meryl Streep und weil sie so traurig war, erzählte ich ihr, wie sie glücklich werden könne. Auch war ihr Selbstbewusstsein stark angeschlagen. Es gab eine Trennung und ich machte ihr Mut. Ich beteuerte ihr auch meine Bewunderung für ihre Schauspielkunst und ihr natürliches Altern. 

Im zweiten Traum war ich mit anderen Menschen zusammen in einem Haus. Ich trete ins Freie und mache irgendetwas vor dem Haus. Was ich dort mache, daran kann ich mich nicht erinnern. Dann kommt eine sehr große Biene oder etwas ähnliches. Sie brummt unheimlich laut. Sie nimmt etwas von dem, was ich draußen vor der Tür getan hatte und flog damit davon Richtung Hauseingang.

Ich wollte unbedingt verhindern, dass sie ins Zimmer fliegt und laufe hinterher. Ich will die Tür schließen. Es ist aber keine Tür da. Nur ein offenes Türloch. Die Tür wurde noch nicht eingesetzt. Dann sehe ich eine Tür, die da herumsteht. Ich hole sie und will sie in das Türloch setzen, aber die Tür ist viel zu klein. Laut summend fliegt das Tier also hinein und kommt von hinten an mich herangeflogen. Sie fliegt direkt auf meinen Kopf zu. Ich halte meine Hände schützend über meinen Kopf, voller Panik, dass sie mich in den Kopf stechen wird. 

So harre ich einen Moment aus. Es gibt keinen Stich. Ich werde wach. Noch nicht ganz klar lausche ich. Ich höre eine Mücke im Zimmer. Im Halbschlaf denke ich, ach deshalb also dieser Traum. Meine liebe Zimmergenossin hat mal wieder zu lange die Tür offen und alle Viecher hereinfliegen lassen, die leider immer nur mich stechen.”

Wer den Beitrag “Selbstmeisterung (81)”gelesen hat, kann sich vielleicht an den inneren Ton erinnern, über den ich dort schrieb. Deshalb bin ich sicher, dass diese Biene in meinem Traum nicht allzuviel mit einer Mücke im Zimmer zu tun hatte. Aus heutiger Sicht erscheint mir dieser Traum als Vorzeichen für das, was in dieser gleichen Nacht noch passierte. 

Ich wurde nachts ein weiteres Mal wach, weil ich zur Toilette musste. Ich habe die Augen noch geschlossen und dann ”sehe ich” auf meiner Stirn, zwischen meinen Augenbrauen, eine Blume, die aufgeht. Es passiert ganz schnell und doch kann ich jedes einzelne sich öffnende Blatt wie im Zeitraffer sehen. Es könnte eine Lotusblume sein. Ich weiß es nicht genau. Ich war in diesem Moment sehr glücklich. 

Solche Erlebnisse hatte ich vor Yoga und Meditation nie. Das passiert immer dann, wenn ich ganz entspannt bin – vor dem Einschlafen oder kurz nach dem wach werden – und somit die denkende und handelnde Monika noch gar nicht voll da ist.”

Und daher ist für mich klar, was ich auch am Anfang schrieb: Es ist nicht die Person, die spirituell führt, fortschreitet oder zur Erleuchtung kommt. Es kommt alles aus einer anderen Quelle. 

Später begriff ich erst, dass es wohl das Dritte Auge war, welches sich hier öffnete. Unendlich viele weiße Blütenblätter gingen auf. Es war als wollte es kein Ende nehmen.  Anschließend sah ich von diesem Punkt aus immer wieder mit geschlossenen Augen Bilder oder ich wurde in diesen Punkt hinein in eine ganz andere weite Dimension gezogen. Manchmal war es aber auch wie ein Blick ins Mikroskop. Ein Heranzoomen in etwas oder an etwas und ich hatte einen so klaren, deutlichen und detailierten Blick, wie es meine Augen selbst nie fertig bringen könnten.

Am Abend dieses Tages sah ich das erste Mal einen Vortrag vom derzeitigen Meister der Organisation der “Pfad der Meister”. Neben seiner sehr sympathischen und auch sehr bescheidenen Erscheinung (im Gegensatz zum Ashram von Vishwananda, siehe die Beiträge zum Ashram I und II) fiel mir auf, dass seine Augen ständig irgendwo hinwanderten, wo ich nichts wahrnehmen konnte. Dies ist mir auch bei Vishwananda aufgefallen. Man sagte mir, dass sie Dinge sehen, die wir nicht wahrnehmen können. 

Ich sprach auch mit meiner Yoga-Lehrerin über meine Erfahrung mit dem “Dritten Auge”. Ich erzählte ihr auch von den Bildern, die dort erscheinen.

Tagebuch 22.10.2015:

“Ich sehe öfter Sequenzen, wie in einem Film. Figuren bewegen sich. Sie sind schwarz, während der Hintergrund hell ist (weiß oder blau). Ich kann mich noch genau an eine Figur erinnern, die saß und dann aufstand. Die Figuren scheinen sich wie flüssige Tinte zu bewegen, um dann irgendwann zu zerfließen. Die Bilder verschwimmen dann völlig. 

Meine Lehrerin sagt, dass dies vielleicht alles Zeichen dafür waren, dass ich dabei bleiben und auf diesen Meister vertrauen soll. 

Mir ist klar, dass dies alles keine Zufälle sind und mein einziges Ziel ist, dies alles noch mehr zu vertiefen. Mich noch mehr zu verändern. Im innern wachsen. Mehr schweigen. Mehr helfen. Reifen. Mit Gott/dem Universum sein. Einssein mit IHM/ES. Das wahre Gesicht von allem sehen. Maya durchbrechen. Meinen Kindern davon erzählen, damit sie später selbst entscheiden können, ob sie den gleichen oder einen anderen Weg gehen möchten. Sie vom Leiden befreien. 

Je stiller ich werde, desto mehr sehe ich. Wenn denn nun all das wahr ist, was Jesus/Buddha/die Meister/Lehrer sagen, dann ist das Sterben kein Drama und es gibt keinen Grund zur Traurigkeit für die Hinterbliebenen. Der Tod verliert seinen Schrecken. Es ist nur die Angst der Menschen vor dem Loslassen. Besonders die, die man so sehr liebt, will man nicht zurücklassen. Und dann ist da der Gedanke, die Zurückgebliebenen könnten leiden, wenn man geht. Deshalb sollen meine Kinder wissen, dass es in Ordnung ist, wenn jemand geht. Ich verstehe immer mehr, aber von so etwas wie Erleuchtung bin ich jedenfalls noch weit entfernt.“

Ich wünsche euch ein tolles Wochenende, Monika