Der Anfall

Gestern hatte ich wieder einen Migräneanfall. Schmerzen und vor allen Dingen chronische Schmerzen haben heute durch meine Meditation/Selbsterforschung eine ganz andere Bedeutung für mich als früher. Gestern lag ich im Kampf und Krampf gegen den Schmerz, bis er sich nach dem Gefühl einer tiefen Einsicht auflöste. 

Seit 30 Jahren habe ich Migräne. Es fing nach der Geburt meiner ersten Tochter an, und seitdem habe ich mindestens einmal im Monat mit starken Schmerzen auf einer Kopf- und Gesichtshälfte zu kämpfen. In der Regel halten sie drei Tage an und anschließend bin ich total erschöft. Manchmal ist der Schmerz nach drei Tagen noch nicht ausgestanden, und dann tobt er auch noch einmal drei Tage auf der anderen Seite meines Schädels. 

Wegen dieser Schmerzen – und nicht zu vergessen, ich hatte ja früher auch noch Panikattacken – fühlte ich mich über Jahrzehnte nur wie ein halber Mensch, der nur zur Hälfte am Leben teilhaben konnte. Die andere Hälfte verpasste ich wegen der Schmerzen, der Erschöpfung und der Angst, wobei die Angst meistens auch noch die schmerzfreie Zeit dominierte. Ich konnte das Leben nicht genießen. Es fühlte sich eher wie ein Kampf ums Überleben an. 

Mit Yoga/Meditation/Selbsterforschung habe ich die Ängste aufgelöst, aber die Migräne ist noch immer da. Wie die Angst ist sie ein Teil von mir und diesem Körper. War es vorher die Angst, die ich erforschte und ziehen lassen konnte, nachdem Vertrauen in mein Leben kam, geht es nun darum, den Schmerz zu ergründen. Er hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. 

Ich hatte schon darüber geschrieben, dass gerade chronische Schmerzen, genauso wie die Angst auch, auf etwas hinweisen wollen. Deshalb ist es auch nicht gut, einfach Tabletten zu schlucken und das alte Leben fortzuführen. Weder bei der Angst, noch bei chronischen Schmerzen. Bei mir helfen Tabletten überhaupt nicht. Der Schmerz will da sein. 

Als ich vor einigen Jahren das Buch “Jetzt” von Eckhart Tolle las, stieß ich das erste Mal auf den Begriff Schmerzkörper. Das half mir sehr, meinen Schmerz besser zu verstehen. Mit Hilfe seines Buches und meinen Meditationserfahrungen konnte ich tatsächlich erkennen, dass dieser chronische Schmerz ein Eigenleben hat. Es ist, als würde er sprechen wollen. Ich bekam eine andere Sicht auf den Schmerz. Der Schmerz selbst wurde Teil meiner Selbsterforschung. 

Bei Schmerzen hat Meditation den gleichen Effekt, wie ein schmerzstillendes Mittel. Hierfür konzentriere ich mich – statt wie üblicherweise auf den Atem – erst einmal nur auf den Schmerz. Meistens wird er dann noch viel heftiger, weil er nun ohne Widerstand wahrgenommen wird. Ich lasse das zu. Akzeptiere es. Kein Widerstand. Dann bringe ich die Aufmerksamkeit wieder auf den Atem, dem Lauschen der Geräusche und meine Gedanken, bevor sie wieder zum Schmerz geht. Und so nehme ich den Schmerz wahr, den Vogelgesang, den Wind, meinen Atem, meine Gedanken und den Schmerz und alles ist gut. Ich bin völlig entspannt. Der Schmerz verliert seine gewaltige Kraft und wird nun ein Teil von diesen ganzen anderen Eindrücken, die ich sonst noch wahrnehmen kann. 

Sehr oft löste sich der Schmerz dann auf. Oft sehe ich mit geschlossenen Augen ein Licht an der Stelle, wo der Schmerz am heftigsten ist. Das Licht bewegt sich. Dann ist der Schmerz weg. Das funktioniert aber nur, wenn ich den Schmerz total annehme, akzeptiere und – das hört sich vielleicht jetzt sehr merkwürdig an, ist aber ernst gemeint – liebe. Nur dann kommt das Licht. 

Sobald ich mich jedoch hinsetze mit dem Wunsch, dass ich jetzt mit Meditation den Schmerz loswerde will, geht es nicht. Es ist nicht meine Entscheidung, ob es klappt oder nicht.

Manchmal jedoch gibt es großen Widerstand, und dann will ich einfach keine Schmerzen haben. Besonders dann, wenn gerade erst eine Woche vergangen ist, bevor der letzte Schmerz da war. Ich kann dann eine gewisse Zeit meditieren und den Schmerz aushalten, aber irgendwann geht es nicht mehr. Die Nerven halten es nicht mehr aus. Sie wollen, dass ich aufspringe, kämpfe, schreie und diesen Schmerz endlich loswerde. 

So war es gestern auch. Ich konnte nur vormittags meditieren und den Schmerz so eine zeitlang ertragen. Dann ging es nicht mehr. Ich hatte so eine Wut. Wut auf Gott und Wut auf meinen Mann, der nichts tut, obwohl ich so leide. Wut auf diese Welt und alles, was Schmerz verursacht. Ich wusste gleichzeitig, dass es totaler Schwachsinn ist, aber es wollte raus. Ich stand auf und lief im Zimmer umher. Ich klagte Gott an und wollte wissen, warum ich immer wieder diese Schmerzen ertragen muss? Warum müssen Menschen leiden und noch während ich es in den Raum rief, wusste ich die Antwort schon. 

Ich warf mich auf den Boden und schrie, ich will diese Schmerzen jetzt nicht schon wieder. Ich weinte laut und der Schädel schien zu platzen. Übelkeit stieg auf. Mein Mann kam irgendwann herunter und war völlig erschrocken, als er mich am Boden so heulend und aufgelöst sah. Ich wollte auch nicht aufstehen. Ich wollte da auf den kalten Steinen liegen und diesem Schmerz den Kampf ansagen oder einfach nur sterben. Ich wollte nicht ertragen, sondern diese Welt und auch Gott anklagen. Gott, der mich immer wieder verlässt, um mir seit 30 Jahren diese Schmerzen zuzuführen. 

Und das erste mal in 30 Jahren sprach ich Worte aus, die mir noch nie in den Sinn und noch nie über meine Lippen kamen. Und das erste Mal schrie ich es heraus und sagte meinem Mann – der nicht der Vater meiner Kinder ist -, wie dramatisch und traumatisch meine Schwangerschaften und Geburten waren. 

Warum wollte ich eigentlich Kinder? Wenn ich keine Kinder hätte, hätte ich auch nicht diese Schmerzen ertragen müssen jammerte ich. Weißt du eigentlich, wie schwer die Geburten meiner Kinder waren? Die Geburt meiner Großen, die mir nach und nach das Steißbein mit jeder Wehe brach (es war versetzt, weil ich als Kind mal in eine Baugrube fiel). Die Schmerzen waren unerträglich. Ich verleugnete mich selbst und sprach plötzlich eine andere Sprache. Ich antwortete dem Arzt auf Englisch. (Keine Ahnung, wo das herkam. Mein Englisch war schlecht und ich hatte auch keine besondere Verbindung zu dieser Sprache.) 

Meine Kleine hat man mir nach der Geburt weggenommen und man ließ mich so viele Stunden in Ungewissheit und meine Brüste wollten bald platzen, weil niemand sich um die Muttermilch kümmerte. Ich weinte ohne Unterlass und schrie nach meinem Kind, während der Vater auf dem Sofa schlief und meine Schwiegermutter meine Hand hielt. 

Und dann war es raus. Ich weinte über diese ganzen Schmerzen, die ich damals alleine ertrug und über die später nie gesprochen wurde. Dann sah ich noch Gesichter vor meinem inneren Auge, die ich nicht kannte. Eine Frau mit dunklen Augen und dunklen Augenbrauen und einem kahlen Kopf. Ein Mann, der rotblonde Haare und einen Bart in der gleichen Farbe hatte. Er trug eine Brille. 

Und ich schüttelte mich und weinte über all das Leid, das so viele Menschen ertragen müssen auf der ganzen Welt. Ich dachte an meine Mutter, die ebenfalls so viele Schmerzen hatte und ich dachte an meine Kinder und hoffte, dass sich das nicht vererben wird. Ich weinte um vergangene Schmerzen und um Schmerzen, die noch nicht da waren. Ich dachte an all die Menschen, die Krebs haben und eine Chemotherapie ertragen müssen und vieles mehr und dann auf einmal nach und nach verließ mich der Schmerz. Er war einfach weg.

Ich saß noch immer auf dem nackten Fußboden. Neben mir überall viele vollgeschneuzte Taschentücher. In mir wurde es jetzt still. Der Atem wurde ruhiger. Ich schaute aus dem Fenster auf den Baum im Garten, während mein Mann hinter mir auf dem Bett saß und meinen Nacken und meine Schultern berührte. Ich lehnte meinen Kopf an sein Knie und ich erkannte: ich verstehe den Schmerz. 

Könnt ihr euch vorstellen, wie unglaublich das ist?  Schmerz war nichts Negatives mehr. Er ist ein Hinweis. Ein Freund. Er will – wie die Angst – etwas erzählen. 

Und ich hatte ganz klar die Einsicht, dass ich all diese über so viele Jahre verdrängten Schmerzen herauslassen, anschauen und umarmen muss. Auch in Worte wollen sie ausgedrückt werden. Natürlich bereue ich es nicht, dass ich Kinder bekommen habe. Ich liebe sie über alles. Aber plötzlich standen diese Fragen im Raum: Warum wollte ich unbedingt Kinder haben? Waren die Schmerzen der Preis für dieses Mutterglück? Bin ich in diese Welt gekommen, weil ich unbedingt Mutter sein wollte? Eine Familie und ein Haus haben wollte? Wo kamen diese Wünsche her? Und wie passt das mit all dem Zusammen, was man Erwachen oder Erleuchtung nennt? Wenn da niemand ist, wie kann denn dann Schmerz da sein? 

Noch während ich auf dem Boden saß, verheult, erschöpft aber nun ganz friedlich, fiel mir der Text von Jacob Böhme (1575 – 1624) ein (danke hier an Art of Arkis, der diesen Link teilte):

„Frage: 

Warum hat Gott ein pein(t)lich leidend Leben geschaffen? Möchte es nicht ohne Leiden und Qual in einem besseren Zustande sein? Weil er aller Dinge Grund und Anfang ist? Warum zerbricht er nicht das Böse, dass allein Gutes sei in allen Dingen? 

Antwort: 

Kein Ding ohne Widerwärtigkeit mag sich selber offenbar werden. 

Denn, so es nichts hat, das ihm widerstehet, so gehet‘s immerdar von sich aus und gehet nicht wieder in sich ein. So es aber nicht wieder in sich eingehet, als in das daraus das es ursprünglich gegangen, so weiß es nichts von seinem Urstand.

Wenn das natürliche Leben keine Widerwärtigkeit hätte und wäre ohne ein Ziel, so fragte es niemals nach seinem Grunde woraus es sei herkommen. So bliebe der verborgene Gott dem natürlichen Leben unerkannt. 

Auch, so keine Widerwärtigkeit im Leben wäre, so wäre auch keine Empfindlichkeit, noch Wollen, noch Wirken. Auch weder Verstand noch Wissenschaft darinnen.

Denn, ein Ding, dass nur einen Willen hat, das hat keine Schiedlichkeit. So es nicht einen Widerwillen empfindet, der es zum Treiben der Beweglichkeit ursachet, so stehet es stille

Denn, ein einig Ding weiß nichts mehr als eines und ob es gleich in sich gut ist, so kennet‘s doch weder Böses noch Gutes. Denn es hat in sich nichts, das es empfindlich macht. 

Denn, also wirket Gottes Zorn in der Liebe. Auf das die Liebe als das ewige Eine und Gute schiedlich, empfindlich, und findlich werde. 

Denn im Streit und im Widerwillen wird ihm der Ungrund als das ewige Eine, welches außer der Natur und Kreatur ist, offenbar. 

Und hat sich Gott mit seinem heiligen Worte der Kräfte darum in Natur und Kreatur dazu in Pein und Qual in Licht und Finsternis eingeführet, auf dass die ewige Kraft seines Wortes in der Weisheit mit seinem ausgesprochenen Worte schiedlich und empfindlich werde, dass eine Wissenschaft sei. 

Denn außer diesem wäre die Wissenschaft des ewigen Einen nicht offenbar und wäre auch keine Freude. Und ob sie wäre, so wäre sie ihr doch selber nicht offenbar. Also offenbaret sie sich durch Einführung in Natur durch die Schiedlichkeit des Sprechens, da sich das Sprechen in Eigenschaften einführet und die Eigenschaften in Widerwillen. So wird durch die Widerwillen das ewige Gut welches sich im Wort des Sprechens mit in Schiedlichkeit führet, schiedlich, kreatürlich und bildlich. 

Sonst, wenn das Böse im Widerwillen kein Nütz wäre, so würde es Gott als das ewige einige Gut nicht dulden, sondern zunichte machen. Aber, also dienet es zur Offenbarung der Herrlichkeit Gottes und zur Freudenreich und ist ein Werkzeug Gottes, damit er sein Gutes bildlich machet. Auf dass das Gute erkannt werde. 

Denn, so kein Böses wäre, so würde das Gute nicht erkannt.“ 

Als ich vor Jahren das erste Mal aufwachte und nichts mehr da war, außer einer unfassbaren Stille und Leere, – Böhme nennt es das Ewige Eine – wurde erkannt, dass tatsächlich gar nichts existiert. Es gibt nur Bewusstsein. Wenn Denken aufhört, verschwindet die Person und ihre Geschichte. 

Irgendwann jedoch fing das Denken wieder an und die ersten Gedanken galten meinen Kindern. Wenn ich nicht existiere, dann existieren meine Kinder ja auch nicht, dachte ich. Und das war ein so großer Schock für mich, dass ich sogleich aus dieser Stille herausfiel und wieder die beschützende Mutter und die Person Monika wurde. Ich konnte anscheinend alles loslassen, selbst die eigene Person, aber nicht meine Kinder. 

Der letzte Schmerzanfall machte mir klar, dass ich noch nicht mit meiner Selbsterforschung, dieser inneren Reise fertig bin. Mein größter und einziger Wunsch, endlich aufzuwachen und nicht wieder zurückzufallen in diese Gedankenkonzepte und diesen schmerzenden Körper, kann sich noch nicht erfüllen. Es gibt noch etwas zu tun. 

Habt ein schönes Wochenende, Monika