Selbstmeisterung

Wer den Mut und den ernsthaften Willen hat, sich selbst zu erforschen, fängt in der Regel mit irgendwelchen Übungen an, einer Praxis, die er stets wiederholt, um spirituell zu wachsen. Meistens hat man einen Lehrer, der einen genau zu dieser Praxis auffordert oder man sucht einen Lehrer, weil man denkt, man bräuchte genau so eine Anleitung und irgendeine Art von spiritueller Praxis. 

2015 begriff ich langsam, dass jegliche Praxis nur wieder neue Konzepte beinhaltet, die lediglich dazu da sind, dass man sie später wieder verwirft. Aus diesem Grund hatte ich im Herbst 2015 all meine Kriya-Yoga-Übungen, Mantras und Reiki-Rituale schon längst hinter mir gelassen und meditierte tatsächlich nur noch ganz frei. 

Trotzdem konnte ich den Wunsch nach einem Lehrer noch immer nicht loslassen, obwohl ich auch dieses Begehren mit großen Zweifeln betrachtete, was sicher an dem Einfluss von J. Krishnamurti lag, der jegliche Autorität ablehnte. Sowohl Krishnamurtis Ansicht als auch die Aussage vieler Meister, dass ein Lehrer nötig oder wenigstens hilfreich sei, erschien mir schlüssig. Ich war mir einfach noch nicht sicher. 

Deshalb stand ich im Oktober 2015 auf einer Warteliste, um in eine spirituelle Gemeinschaft aufgenommen zu werden, die sich “Pfad der Meister” (Surat Shabd Yoga) nennt und eine lange Linie mit sehr großen und bekannten spirituellen Meistern hat (s. Beitrag 44 „Der Ton, das Wort“).

Diese Aufnahme sollte nach spätestens einem Jahr endgültig vollzogen werden, da ich als ausgebildete Reiki-Lehrerin ein Jahr lang keine Reiki-Praxis anwenden durfte. Ich konnte das damals nicht nachvollziehen, akzeptierte es aber genauso wie den Verzicht auf Alkohol, Fleisch, Fisch und Eier. Bei der Meditation wird dort nicht auf die Atmung, sondern auf den inneren Ton geachtet, den wir alle hören können, wenn wir still sind. Eine höhere Stufe ist die Lichtmeditation.

Bei mir selbst tauchten der Ton und auch das Licht ganz spontan vor längerer Zeit bei einem Besuch im Haus meiner Yoga-Lehrerin auf. Dies war auch der Grund dafür, dass ich letztendlich auf diesen “Pfad der Meister” traf, denn ein Meister dieser Linie ist vor mehr als 30 Jahren in diesem Haus zu Gast gewesen. 

Der Ton, auf den ich mich nach dieser Erfahrung konzentrierte, konnte mal ein hoher Pfeifton sein, ein helles Rauschen oder auch ein Summen, wie von einem fliegenden Insekt. Denn tatsächlich wusste ich von dem inneren Ton so gut wie gar nichts und auch hatte ich noch keine diesbezüglich Initiation erhalten.  

Tagebuch 05.10.2015:

„Es ist, als könnte ich einen inneren Ton immer wahrnehmen, wenn es um mich herum nicht zu laut ist. Vorhin habe ich im Schlafzimmer meditiert. Ein Ton war ständig zu hören. Diesmal war es so, als wenn eine Biene oder manchmal auch mehrere um mich herum oder in mir selbst summen würden. 

Dann fing das Denken an und ich lauschte, ob es sich vielleicht nicht doch um eine Mücke handeln würde. Aber der Ton war immer konstant. Es war nicht so, als würde er näher kommen und sich dann wieder entfernen und somit eine äußere Bewegung, wie ein Insekt, darstellt. Ich hörte ihn manchmal nur stärker in einem Ohr als im anderen. Als ich nach anderthalb Stunden Meditation wieder ins Schlafzimmer ging und mich ins Bett setzte, war der Ton sofort wieder da. 

Ich habe nie mit irgendjemandem darüber gesprochen, auch nicht mit meiner Yoga-Lehrerin. Weil ich jetzt aber doch neugierig geworden bin, habe ich im Internet nachgeschaut. Vielleicht bilde ich mir das ja alles nur ein oder habe einen Tinnitus?

Tatsächlich fand ich sofort Hinweise auf den inneren Ton:

  • Grundsätzlich sei es eine gute Methode, bei der Meditation auf den inneren Ton zu achten, weil dieser Ton uns vom Körperbewusstsein wegbringt. Die Atmung hingegen ist körperbezogen. 
  • Im Kundalini nennt man diesen inneren Ton den Schlangenton, weil das Zischen der Schlage ein Beweis dafür ist, dass die Kundalinienergie fließt.
  • Schon im Bauch der Mutter würden wir diesen Ton hören und er gibt uns daher Vertrauen und Ruhe. 
  • Nur wenn das Gehirn energetisch hoch aufgeladen ist und alle Muskeln völlig entspannt sind, könne man diesen Ton hören (Feststellung im Zuge von Forschungsarbeiten).
  • Kelten und Germanen nannten ihn den Astralton oder Ton der anderen Welt/Monde.
  • Die Inder sagen „Nada“ oder das Zischen der Schlange (s. o.)
  • Wenn man ihn erst einmal gefunden hat, ist es ganz leicht, ihn immer wieder zu finden.
  • Er richtet sich nicht nach dem Takt von Atmung oder Herzschlag. 
  • Längeres Trainieren sorgt dafür, dass man ihn immer hören kann und so erkennt, ob man entspannt ist oder nicht. 

Ich kann es nicht glauben. Ich finde sogar eine Aufnahme von diesem inneren Ton. Ich höre mir diesen Ton an und stelle fest, dass es genau dieser hohe Ton ist, den ich meistens im linken Ohr höre, obwohl ich gelesen habe, dass man ihn eher im rechten Ohr hören kann/soll. Es ist ein extrem hoher Ton. Ich hatte schon die Befürchtung, ich hätte jetzt einen Tinnitus, nachdem ich aus der Großstadt weggezogen war. 

Dieser Ton ist fast immer da, wenn ich meditiere. Und dann sind da noch die Bienen, die summen. Wow. Das ist ja toll. Genau das ist er.“

Ich hatte damals diesen Link auf einer mir unbekannten Webseite gefunden und den Ton als mp3-Datei auf meinem Handy gespeichert. Hier ist der Link für diejenigen, die den Ton noch nicht kennen und mal anhören wollen. Die Webseite selbst kenne ich nicht und kann sie daher auch nicht empfehlen oder nicht empfehlen: (http://www.ipn.at/ipn.asp?BDU ).

Ich war unglaublich aufgeregt, als ich diesen Ton als den wiedererkannte, den ich stets im Ohr hatte. Um das alles besser verstehen zu können, las ich direkt bei einem Meister der Pfade des Licht und Tons,  Sant Thakar Singh über diesen Ton und das Licht nach und notierte aufgeregt weiter in mein Tagebuch:

Diese Hinweise auf Licht und Ton sind nicht bildlich, sondern wörtlich zu nehmen; und sie beziehen sich nicht auf die äußere Beleuchtung oder die Töne dieser Welt, sondern auf die inneren, transzendenten Welten. Die Meister lehren, dass der transzendente Ton und das transzendente Licht die ersten Offenbarungen Gottes sind, wenn er sich in die Schöpfung hineinprojiziert. In seinem namenlosen Zustand ist Er weder Licht noch Dunkelheit, weder Ton noch Stille; wenn er aber Form und Gestalt annimmt, erscheinen Licht und Ton als seine ersten Attribute. 

Dies zu lesen macht mich so glücklich, weil ich doch wieder glaubte, ich würde auf der Stelle treten und auf meiner Reise zu Gott keine Fortschritte machen. Dabei begreife ich jetzt, dass ich mich doch sehr verändert habe. Ich schaue kein Fernsehen mehr. Es interessiert mich einfach nicht mehr. Ich teile mir meine Zeit viel bewusster ein. Ich meditiere jeden Tag mindestens 1 Stunde, meistens mehr. Ich merke, dass Menschen nicht mehr zuhören. Erkenne, wie sie funktionieren. Erkenne mich, wie ich funktioniere und will am liebsten nur noch schweigen. 

Nun kommt mein Liebster ins Schlafzimmer. Früher als erwartet. Noch ganz euphorisch und überglücklich über meine Entdeckung des inneren Tons und seiner Bedeutung prallen jetzt zwei verschiedene Welten aufeinander. Ich möchte so gerne davon berichten und teilen, während er locker drauf ist und Witze über dies oder jenes macht. Der Abend endet nicht harmonisch. Ich bereue, davon berichtet zu haben und den Versuch unternahm, ihn an meiner inneren Erfahrungswelt teilnehmen zu lassen. 

Mir fällt ein, was Swami Sivananda sagt: Rede mit niemanden darüber, der dafür kein Verständnis hat. Daran sollte ich mich halten!“

Einige Tage nach dieser Notiz fuhr ich ein weiteres Mal zu meiner Yoga-Lehrerin, um das letzte Modul für den Yoga-Aufbaukurs “Therapeutisches Yoga” zu absolvieren. 

Tagebuch 11.10.2015:

„Morgen geht es los, dann fahre ich nach B., um das 300 Stunden Aufbau Teacher-Training abzuschließen. Ich freue mich, obwohl mich ein weiteres Zertifikat nicht mehr interessiert. Ich weiß jedoch, ich werde bei meiner Lehrerin wieder sehr viel lernen. Vielleicht kann ich mit ihr auch über die Meditation sprechen. 

Ich spüre, dass ich noch immer schwer zu kämpfen habe mit den letzten Mitteilungen meiner Freundin. Körperliche Reaktionen und Fassungslosigkeit melden sich immer wieder mal und es ist jedes mal schwere Meditationsarbeit, nicht zu verurteilen und alles zu aber auch loszulassen, was an Gefühlen und Gedanken auftauchen möchte. 

Politisch habe ich auch das Gefühl, dass langsam alle durchdrehen. In Ankara gab es gestern einen Bombenanschlag und bisher sind es fast 100 Tote. Zwei Bomben auf einer Friedensdemonstration. Wo soll das noch hinführen?

In Deutschland zeigt sich Merkel menschlich und wird gelobt und verantwortlich gemacht für etwas, was Aufgabe der ganzen Menschheit sein sollte. Putin greift in Syrien ein. Manche sagen sogar, der dritte Weltkrieg stehe bevor. Ich habe keine Ahnung aber sehe, dass Faschismus aufblüht und immer stärker wird. Es gibt so viele Angriffe in den sozialen Medien, meistens anonym und somit feige. Selbst auf meine Tochter gehen sie los, weil sie vergessen, dass sie im TV oder Kino nur eine Rolle spielt. Wie durchgeknallt sind denn all diese Menschen? Haben sie kein eigenen Leben? 

Ich lese wieder die Upanishaden (siehe Beitrag vom 15.08.20))

Tagebuch 13.10.2015:

„Gestern sind wir mit dem Auto losgefahren, damit ich am nächsten Tag am Yoga-Kurs teilnehmen kann. Wir haben in einem Hotel übernachtet. Ich hatte abends Kopfweh, das in der Nacht extrem schlimm geworden ist. Ich konnte nicht schlafen und fing an zu meditieren. Während ich auf meine Atmung achtete und mich entspannte, sagte ich mir bei jeder Ausatmung immer wieder: „Ich bin nicht dieser Körper!“ und „Lass los!“, und auf einmal waren die Kopfschmerzen veschwunden. Ich konnte jedoch nicht mehr einschlafen. Heute Morgen um 8.00 Uhr früh kam ich zum Yoga-Studio. Trotz Schlafmangel habe ich den Tag gut überstanden.

Ich teile diesmal ein Zimmer mit einer anderen mir fremden Kursteilnehmerin. Das fällt mir nicht leicht und auch ihr ist anzusehen, dass sie ebenfalls nicht begeistert ist, eine Mitbewohnerin zu bekommen. Ohne Privatsphäre zu sein ist für mich fast unerträglich und ich befürchte, ich werde kaum meditieren können.“ 

Tagebuch 14.10.2015:

„Der zweite Tag des Teacher-Trainings ist zu Ende. Ich sitze im Zimmer und habe geduscht. Meine Haare sind nass, ich kann sie aber nicht fönen, weil das zu laut wäre. Meine Zimmergenossin skypt gerade. Außerdem muss ich etwas essen. Wenn ich jedoch in die offene Küche gehe, bin ich direkt im Bild. Ich höre, sie sprechen über Essen und mein Hunger wird immer größer. Ich gehe jetzt trotzdem in die Küche und mache mir ein Müsli. Nasse Haare sind Mist.“ 

Auf dieser Reise nahm ich die Upanishaden mit und las sie in meiner Freizeit noch einmal sehr intensiv. 

Am 15.10.2015 las ich die Mandukya Upanishad und auch heute werfe ich für diesen Beitrag einen Blick hinein. Und hier verlässt mich gerade wieder der Mut, weiterzuschreiben. Nicht nur, weil – wie schon längst erwartet – nun tatsächlich der Strom ausgefallen ist und wir bei 38 Grad im Schatten ohne Klimaanlage ausharren müssen, sondern vielmehr, weil sie so wunderschön und ihre Worte so leuchtend sind. Wie soll ich das hier weitergeben? Das hat doch überhaupt keinen Sinn. Am liebsten möchte ich alles in die Ecke werfen und mich nur an der weisen Schönheit, die hinter diesen Worten steckt, erfreuen. 

Die Mandukya Upanishad handelt von den vier Bewusstseinszuständen, Wachzustand, Traumzustand, Tiefschlaf und dem vierten Zustand, der Turiya. Er ist der überbewusste Zustand, der sich weder nach innen noch nach außen richtet und somit jenseits der Sinne und des Verstandes liegt. „In ihm gibt es keinen anderen als den Herrn. Er ist das höchste Lebensziel. Er ist unendlicher Friede, grenzenlose Liebe.“

Sind diese Worte denn zu verstehen? Und doch ist es die Wahrheit, wie ich später erfahren durfte. Und wen interessiert das überhaupt? Ich bleibe heute an einem Zitat von Emily Dickinson hängen, welches im Vorwort der Mandukya Upanishad steht:

„Ich kenn’ ihn nicht, den Mann so kühn,

dass er es wagte, an einsamem Ort

jenem schrecklichen Fremden Bewusstsein

willentlich zu begegnen.“

Und genau das ist es. Darauf kommt es an. Der Blick nach außen ist so einfach und schnell hat man Worte für Kritik und Bewertungen parat. Und auch schnell sind diese Worte ausgesprochen oder gar anonym irgendwo niedergeschrieben, um andere zu verletzten, ohne zu merken, dass sie doch nur dem eigenen Gehirn entspringen und nichts mit einem anderen zu tun haben. Der Andere, das sind wir. 

Der Blick ins eigene innere Selbst jedoch erfordert Mut und einen enorm starken Willen. Es bedeutet, dem Tod ins Auge zu blicken und mit dem Schwert in der Hand direkt auf alles loszugehen, was uns im Denken und Handeln davon abhalten will, die Wahrheit zu sehen. Wer hat diesen Mut? Wer will das?

Wer möchte schon erkennen, warum er schimpft, klagt, jammert, fordert, und immer LAUTER wird, damit er noch immer meeeeehr bekommt? Wer will sehen, warum er etwas liebt, verehrt und begehrt und wovor er Angst hat und was er deshalb HASST

Damals, 2015, notierte ich kein Zitat aus der Mandukya Upanishad selbst in mein Yoga-Tagebuch, sondern nur einen einzigen Satz aus der Anmerkung, weil ich einfach nicht vergessen wollte, dass spirituelles Wachstum bedeutet, dass man an sich selbst und nicht an andere oder an den Lebensumtsänden, die ja einfach eine Tatsache sind, arbeiten kann und soll. Dann kann das Selbst durch das Selbst eintreten und leuchten. 

Tagebuch 15.10.2015:

„Selbstmeisterung, echte spirituelle Unabhängigkeit, ist der erste Schritt in Richtung Selbst-Verwirklichung.“

Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende, Monika