Die Wiederholungen (79)

im Leben habt ihr sicher auch schon bemerkt, oder? Über Jahre die gleichen Probleme in der Beziehung. Das wiederholte Auswählen von Partnern/Partnerinnen, mit denen wir nicht harmonieren. Unmögliche Wohnsituationen. Probleme auf der Arbeit oder mit der Familie. Anstrengende Nachbarn. Schlechtes Wetter usw. Diese Liste ist endlos. 

Alles, was uns an Problemen begegnet, wird uns immer wieder einholen, egal wohin wir gehen, denn wir nehmen sie mit. Das geht solange weiter, bis wir erkennen, 

  1. dass Veränderung nur möglich ist, wenn wir uns selbst verändern und 
  2. dass es da draußen in der Welt nichts gibt, was uns wirklich glücklich machen kann. 

Sobald ein Wunsch erfüllt wurde, taucht der nächste auf und bis wir diesen erreicht haben, gibt es nur Hindernisse und wieder neue Probleme. Was für ein blödes Spiel treibt der Verstand da mit uns? Alle Meister/Weisen haben das geschrieben, und wie oft haben wir es gelesen und gedacht, wir würden es verstehen, um dann genauso wie vorher weiterzumachen.

2015 hatte ich Istanbul verlassen, um mich zurückzuziehen, dem Trubel zu entkommen. Dem Lärm auf den Straßen am Tage und in der Nacht. Diesen vielen Menschen und dem Autoverkehr, der nicht mehr kontrollierbar war und alle nur noch aggressiv machte. 

Und dann gehe ich zu meinem Schatz in ein kleines Dorf an der Nordägäis, um vom Regen in die Traufe zu kommen. So etwas konnte ich nicht erahnen, so etwas kann sich gar kein Mensch ausdenken. 

In meinem Gepäck hatte ich die Hoffnung auf Ruhe, viel Zeit für Yoga und Meditation. Ich war voller Vorfreude auf wunderschöne Spaziergänge im Wald und tägliches Schwimmen im Meer. 

Was mich dort erwartete, waren extreme Hitze, die ich überhaupt nicht vertrug, und Lärm von morgens bis in den nächsten Morgen hinein. 

Ich hatte schon einmal erwähnt, dass der Vermieter seine kranke Tante aus Deutschland in das von uns gemietete Haus brachte und sie in dem illegal ausgebauten Keller unterbrachte, ohne uns zu fragen.  Diese arme Frau schrie von morgens bis abends. Sie war schwer gestört und wurde 24 Stunden am Tag betreut. Zum Keller führte eine Treppe auch direkt von unserem Flur hinunter. Es gab nicht einmal eine Kellertür, sondern sie stellten einfach einen Schrank vor den Eingang. So drang jeder Ton von unten nach oben und wenn die Schreie kamen, litt ich ohne Ende. 

Es war Hauptsaison und die Disco am Ufer spielte von abends bis in die Morgenstunden Technomusik, so dass ich erst meditieren konnte, wenn dieses dumpfe Schlagen und Hämmern ausgestellt wurde. War an einem Abend mal Ruhe, fingen die Hochzeiten, Beschneidungsfeste oder sonstige Musikveranstaltungen an, die schon am Vormittag fröhlich mit viel Trommellärm angekündigt wurden. Wenn wir sehr viel Pech hatten, fand das Fest direkt in der Nähe statt, und dann konnten wir sehen, wie die großen Lautsprecher mit dem LKW herangefahren und auf der Straße im Ort für den Abend und die Nacht aufgestellt wurden.

Ich war verzeifelt und völlig überfordert mit diesen neuen Eindrücken, denn ich wollte doch eigentlich nur meine Ruhe haben. 

Tagebuch 30.08.2015:

“Wieder habe ich das Buch von Krishnamurti durchgelesen und ich spüre eine Leere. Was gibt es dem noch hinzuzuführen? Bisher übersteigt das alles, was ich bisher gelesen hatte. Was bleibt mir nun, außer zu praktizieren und zu forschen? Noch mehr Meditieren? 

Aber wie soll ich das machen? Tagsüber jammert und schreit die kranke Frau und es hallt durch das ganze Haus. Es ist so deprimierend, da es mich ständig mit Krankheit, Kummer, Schmerz und Leid konfrontiert. Gerade weil ich soviel Mitgefühl habe, macht es mich so fertig. Ich kann es unmöglich ignorieren. 

Ab 22 Uhr fängt das Bummern in der Disco an. Der Wind treibt den Lärm immer direkt hierher. Gestern habe ich mit dem Geschäftsführer geredet und er sagte mir, dass sich sehr viele Menschen beschweren würden, er aber nichts ändern könnte. Er könne das Gebäude nicht von oben schließen, da mitten auf seiner Anlage ein Baum stehen würde und den dürfe er nicht beseitigen. Er zeigte mir seine offenen leeren Handflächen, zog die Schultern hoch, so nach dem Motto, was kann ich also tun, und machte sein Problem einfach zu unserem und dem aller Anwohner in einem Umkreis von 2 Kilometern oder mehr. Bei Gericht würden schon mehr als 50 Anzeigen vorliegen, und jede Nacht würde man ihm die Jandarma schicken. Er macht die Musik dann leiser, um sie anschließend wieder aufzudrehen. 

Die Temperaturen liegen tagsüber bei 37 Grad im Schatten und alles ist so furchtbar anstrengend. Ich fühle mich wie eine Gefangene in diesem lauten und heißen Haus. Ich kann nicht meditieren. 

Die Bauarbeiten sind während des Sommers verboten und doch machen sie einfach weiter. Wir rufen die Jandarma und dann stellt der Nachbar die Arbeiten kurz ein, um sie so schnell wie möglich wieder fortzuführen. 

Diese ganzen Rücksichtslosigkeiten frustrieren mich dermaßen. Ich möchte mich vom Zurückziehen zurückziehen.” 

Und so ging es bis in den Herbst hinein weiter. Es war furchtbar, denn ich litt sehr. Ich litt an der Hitze, die kein Ende nehmen wollte und an dem ganzen Lärm und wusste mir nicht zu helfen. Ich versuchte voller Verzweiflung in den frühen Morgenstunden zwischen 3.00 Uhr und 5.00 Uhr zu meditieren und nur darauf konzentrierte ich mich. Was sollte ich auch tun und wo sollte ich hin? Ich konnte nicht zurück nach Istanbul und unser eigenes Haus wurde nicht fertig, weil kein Geld mehr da war. Der einzige Ausweg war der Weg nach Innen. 

Tagebuch 13.09.2015:

“Bin ich noch weit entfernt von Gott, wenn ich mir noch immer wünsche, dass unser Haus fertig wird?

Hatte ich bei Sivananda nicht gelesen: wenn alte Wünsche und Begierden wieder aufsteigen, zerstöre sie mit der Zuchtrute der Unterscheidung und dem Schwert des Verzichts?”

Seit 2016 wohnen wir in “unserem eigenen Haus”. Ich setze das in Anführungsstriche, weil ich weiß, dass es tatsächlich niemandem gehört, und wenn ich das nicht berücksichtige und erkenne, bin ich wieder eine Gefangene der Wiederholungen. Während der Pandemie haben wir uns auf den Garten konzentriert und diesen endlich fertiggestellt. Man könnte sagen, jetzt ist alles perfekt. 

Gerade kommt mein Mann vom Spaziergang mit dem Hund zurück und fragt mich, wie soll ich diese ganze Veränderung aushalten? Wie hältst du das aus? Ich kann mit dem Hund nirgendwo mehr langlaufen. Überall Menschen und Baufahrzeuge. Er ist nicht zu bändigen und selbst im Wald verirren sich immer mehr Menschen, so dass ich ihn nicht mehr frei laufen lassen kann. 

Jetzt ist das Haus da und der wunderschöne Garten und nun ist es uns scheinbar nicht vergönnt, hier in Ruhe zu leben. Durch den Bau einer riesigen Thermalanlage am Meer, die im Time-Sharing-System betrieben wird, und für die deshalb über Jahre sehr viel Werbung in allen Medien gemacht wurde, ist unser kleines Dorf sehr bekannt geworden. Zusätzlich haben Baulöwen aus dem ganzen Land diesen Flecken entdeckt. Der neue Bürgermeister hat Ackerland zu Bauland umgewandelt und nun arbeiten sie hier 7 Tage die Woche und bauen ein Haus neben das andere oder ganze Wohnsiedlungen, die kaum noch Grünflächen enthalten müssen. 

Durch die Pandemie und der damit verbundenen Stadtflucht und weil in diesem Land außer dem Häuserbau wirtschaftlich nichts mehr läuft, sehen wir jeden Tag zu, wie die ganze Idylle des Dorfes und die Natur zerstört werden. 

Angesteckt durch meinen Mann und Nachbarn spüre ich, wie der Fluchtreflex immer wieder getriggert wird, aber ich weiß, dass die Flucht kein Ausweg ist. Egal, wohin ich auch gehe, ich weiß schon längst, die Ruhe und der Frieden liegen nur in mir selbst. Die Veränderungen sind nicht aufzuhalten. Und sie geschehen immer schneller und sind immer einschneidender. Habe ich mich 2015 noch über einen Nachbarn aufgeregt, müsste ich mich jetzt über Hunderte von Neubauten und Nachbarn ärgern. Das würde jeden Menschen völlig kaputt und krank machen. 

Und, das ist ja nur meine eigene Sicht auf die Veränderung. Der kleine Händler freut sich, weil endlich Geld in die Kasse kommt. Jeder hat plötzlich Arbeit. Überall gibt es was zu tun. Selbst der Bauer wird gebraucht mit seinem Traktor. Dass sie alles um sich herum zerstören und in einem Jahr von einer großen Marktkette mit niedrigeren Preisen verdrängt werden und ihr Land samt Traktor verkaufen müssen, um zu überleben, das sehen sie noch nicht. Das sind alles Wiederholungen, und wer hat das in Deutschland selbst noch nicht miterlebt oder verstanden? 

Auch die politische Sitution im Land verschärfte sich immer mehr. Die Demokratie, die schon über Jahre ausgehöhlt wurde, zerbröckelte immer weiter, und die Ketten für jeden Einzelnen wurden immer enger und kürzer. Jeder sieht heute zu, wo er bleibt. 

Also auch im größeren Rahmen gibt es diese Wiederholungen der Geschichte der Menschheit und die meisten erkennen selbst das nicht. Faschismus blüht überall auf der Welt wieder auf und wie viele schreien schon wieder nach noch mehr? 

Ich weiß, aus dieser Welt der Veränderungen kann ich nur ausbrechen, wenn ich still bleibe und erkenne, wer/was immer gleich bleibt und auf diese Veränderungen schaut. Das Leben wird mich solange quälen, schieben und schubsen, bis ich begreife, dass es da draußen nichts zu erreichen gibt. Dass ich nur Illusionen hinterherlaufe. Es ist nicht das Haus, das glücklich macht und auch nicht der Garten. Es ist nicht einmal der Partner oder die Familie. Das Glück muss aus uns selbst heraussprudeln und fließen, so dass es sich überall hin ausbreiten kann. Dann hören die Wiederholungen auf und auch das Klagen und das Weglaufen. 

Deshalb sagte Sivananda, dass beim Auftauchen von Wünschen, diese mit der Zuchtrute der Unterscheidung und dem Schwert des Verzichts zerstört werden müssen. Zerschmettere die Illusionen, lasse dich nicht von ihnen verführen und erkenne, was wirklich da ist. Und so lasse ich alle Gedanken und Wünsche los und lass mich von diesem Satz immer wieder ins Hier und Jetzt bringen. 

All diese Unanehmlichkeiten im Jahr 2015 sorgten dafür, dass ich noch mehr Innehalten, noch stiller werden,  genau hinschauen, begreifen, akzeptieren und loslassen musste. Es war eine harte Schule für meine schon über Jahrzehnte sehr belasteten Nerven. Aber ich war eine Suchende und ich gab nicht auf. 

Tagebuch 15.09.2015:

“Sobald ich nur an Meditation denke oder ein diesbezügliches Buch in die Hand nehme, verändert sich mein Körper. Und auch in meinem Kopf verändert sich etwas. Meine Aufmerksamkeit nimmt zu. In meinem Kopf und in den Ohren pfeift und rauscht es und gleichzeitig entspanne ich total, während meine Konzentration zunimmt. 

Wenn ich aus der Meditation trete, ist es so, als würde ich noch immer meditieren. Ich bin still. Langsam. Aufmerksam. Die Augen bleiben lange an einem Objekt hängen. Alles ist friedlich und ruhig. 

Es scheinen zwei Welten zu existieren. Eine innere Gotteswelt und die äußere Alltagswelt. Nun muss ich sie nur noch miteinander verbinden.”

Zu dieser Zeit gab es noch kein Aufwachen/Erleuchtung, aber ich spürte ganz deutlich die Veränderung, die sich in mir breit machte. 

Ich begriff, dass Wünsche kein Ende nehmen und sie auch nach ihrer Erfüllung nie über eine längere Zeit befriedigen. Sie blenden uns, weil wir es so gelernt haben und damit großgeworden sind. Niemand sagte uns, konzentriere dich auf das, was in dir ist. Nur das wird dich glücklich machen, weil du Freude und Liebe selbst bist. Und so laufen wir – je nach Konditionierung – immer den gleichen Dingen hinterher oder vor den gleichen Dingen fort und begreifen nicht, dass das kein Ende haben wird. 

Es sind diese ständigen Wiederholungen, die es zu erkennen gilt, damit wir das Leben und seinen Sinn begreifen können. Wenn wir auf alles schauen und lauschen, als würde es zu uns sprechen, dann erkennen wir irgendwann, dass wir uns selbst und immer wieder nur uns selbst sehen. Deshalb sind es ja Wiederholungen. 

Fast alle Menschen glauben, da draußen existiert eine Welt und wir sind getrennte Wesen, die auf dieser Welt für eine gewisse Zeit leben und von allem und allen anderen getrennt. Und sobald wir morgens die Augen öffnen, geben wir unser Urteil über das Geschehen ab und versuchen alles so zu ändern, dass es uns passt und unsere Wünsche befriedigt. Ansonsten sind wir sauer oder klagen und jammern. 

Tatsächlich begreife ich nun, dass die Welt, auf die ich schaue, nur eine Wirkung auf das ist, was ich glaube zu sehen. Wie also soll ich diese Welt ändern ohne mich selbst zu ändern? 

Nur deshalb schrie mich das Leben im Sommer 2015 richtig an, damit ich zuhören und genauer hinschauen konnte. Ich kann euch sagen, so ein Schrei aus dem Keller ist angsteinflössend. Als würde der Teufel selbst aus dem Keller rufen: sieh doch, es gibt nur Krankheit und Tod und nirgendwo gibt es Ruhe und Frieden, erkennst du das nicht? Du kannst nicht fliehen. Sei still und forsche!  

Wenn es keinen Ausweg mehr gibt und man sich der Situation hingibt, nicht verzweifelt, sondern forscht, dann ist man irgendwann soweit, dass man es erkennen kann. Ich wusste, dass ich bis an die Wurzel vordringen und herausfinden musste, wer ich bin und ob es wirklich wahr ist, was ich da Tag für Tag sah. In dieser Zeit, die so schrecklich belastend für mich war und wo nichts so lief, wie ich es mir eigentlich wünschte, machte ich – wenn man es überhaupt so nennen kann – die größten spirituellen Fortschritte und Erfahrungen. Sie waren der Grund dafür, dass es noch mehr Vertrauen gab und das später Aufwachen stattfinden konnte. 

Ich wünsche euch ein ganz wunderschönes Wochenende, Monika