Gebündelter Lichtstrahl (78)

Wir hören oder lesen Sätze wie “Gestern gibt es nicht mehr und morgen ist noch nicht da.” oder “Lebe im Jetzt!”. Aber wir begreifen nicht im geringsten, was das genau bedeutet. Diese Worte bleiben im Verstand hängen. Würden wir es verstehen, könnten wir niemals mehr unglücklich sein. 

Und auch ich las und schrieb mir immer wieder die gleichen Sätze von Krishnamurti auf, um zu begreifen und in mir zu forschen.

Tagebuch 27.08.2015:

“Das “Jetzt” besteht aus der psychischen Zeit und Gedanken. 

Das “Selbst” ist ein Haufen Erinnerungen. Erinnerungen sind tot. Sie kommen aus der Vergangenheit. Diese ist vorbei. 

Hört das Denken auf, wird das “Jetzt” zum NICHTS. 

Jegliche Bildung und Wissen ist gleichbedeutend mit dem Streben, etwas zu werden, sowohl im psychischen Sinne, als auch in der Außenwelt. 

Krishnamurti nennt es die Ansammlung von Wissen, und solange dieses Streben existiert, fürchten wir uns davor, “NICHTS” zu sein. Wenn man aber die Illusion des Werdens durchschaut, sieht man, dass es eine endlose Aneinanderreihung von Zeit, Gedanken und Konflikten ist, dann kommt dieser Mechanismus zum Stillstand. 

Die psychische Aktivität, die mit Zeit/Denken verknüpft ist, hört auf. Wir sind “NICHTS”. Dann umfasst das “NICHTS” das gesamte Universum. 

Ich stelle mir immer wieder die Frage, ob ich noch immer strebe? Ist da noch der Gedanke, jemand werden zu wollen? Ich glaube nicht. Nur jeder um mich herum möchte das irgendwie. Ich möchte “NICHTS” und gleichzeitig “ALLES” werden.”

Ich verstehe Krishnaji immer besser und doch habe ich das Gefühl, auf der Stelle zu treten.”

Ich dachte damals, ich würde nicht streben und doch war ich eine Suchende, die nach mehr Erfahrungen strebte. Ich wollte es nicht nur verstehen, ich wollte es auch erleben. 

Aber solange wir davon ausgehen, dass wir Suchende sind, Mutter, Vater oder Kind sind, Koch oder Zahnarzt sind, berühmt oder ein armes Opfer sind, können wir niemals “ALLES” sein, denn wir haben uns selbst schon eingegrenzt. 

Immer wieder stellte ich mir die gleichen Fragen und notierte am gleichen Tag: 

“Meditiere ich nicht genug? Konzentriere ich mich nicht genug? Forsche ich ausreichend? Ist die Umgebung hinderlich? Bin ich reif genug? Will ich es zu sehr für mich oder für andere? Ist mein Herz rein genug? Ist mein Wunsch wahrhaftig und ehrlich? Bin ich zu mir selbst ehrlich genug?”

Die Suche gehört dazu und irgendwann begreift man, dass es eine innere Führung gibt, auf die man sich verlassen kann. Dann wird man entspannter und stiller, denn man begreift, alles soll genauso geschehen. Ja, auch die unangenehmen Dinge gehören dazu und die Bewältigung und Befreiung tief sitzender Schmerzen und Trauer. 

Ich könnte mir vorstellen, dass dies dazu gehört, bevor es uns möglich ist, auf das NICHTS/die Wahrheit zu blicken. Ich nenne es immer, den Diamanten schleifen, bis er durchsichtig und klar wird. 

Bei mir jedenfalls tauchte zu dieser Zeit noch nicht das “NICHTS” auf, sondern mir begegnete erst einmal meine verstorbene Schwiegermutter. Sie war strenggläubige Muslimin und wir hatten, da wir über Jahre Tür an Tür wohnten, unsere Differenzen. Und doch war von meiner Seite aus immer der größte Respekt und auch Liebe da. 

Tagebuch 29.08.2015

Ich hatte geträumt aber an den Traum selber kann ich mich nicht erinnern. Dann wurde ich wach und hatte noch die Augen geschlossen, als wieder dieses Licht vor meiner inneren Stirn flackerte. Ich sah Babaanne (Großmutter meiner Kinder väterlicherseits). Sie stand einfach dort und hatte die übliche Kleidung an. Ich konnte ihr Gesicht ganz klar erkennen. Ich versuchte ihr zu erklären, wohin ich gegangen war und warum ich das gemeinsame Haus verlassen hatte. Dies geschah in Form von Gedanken, ohne zu sprechen. War das eine Art Rechtfertigung meinerseits? 

Ihr Gesicht war so klar. So deutlich. Darüber wunderte ich mich, während ich das sah. Sie hatte keine einzige Falte. Ihre Haut war wie Porzellan. Kalt und klar. Ihre Augen lagen in dunklen Schatten. 

Es war etwas unheimlich aber nicht gruselig. Trotzdem habe ich mich anschließend nicht bis auf die Toilette am Ende des Flurs getraut. Ich sollte nicht so viel während des Vollmonds meditieren. In der Meditation passiert nichts, aber wenn ich noch im Halbschlaf bin.” 

Als ich damals das gemeinsame Familienhaus verließ und auch die Kinder mitnahm, wurde sie nicht lange danach sehr krank und starb, ohne dass ich mich richtig von ihr verabschieden, mich mit ihr versöhnen und aussprechen konnte. Wir hatten beide um die Aufmerksamkeit ihres Sohnes/meines Mannes gekämpft und irgendwann, als ich des Kämpfens müde war und begriff, dass von mir nichts mehr übrig geblieben ist, bin ich gegangen. 

Nun hatte ich es ihr Jahre später ohne Worte erklären können und meinen Frieden mit ihr, und das war sehr wichtig. Erlebnisse aus dieser Zeit belasteten mich gedanklich überhaupt nicht mehr. 

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich im Jahr 2008/2009, als ich mein totes Kind sah und mit diesem Trauma abschließen konnte. Ich hatte keine spirituellen Erfahrungen und auch noch nichts mit Yoga am Hut. Ich hatte nur den guten Hinweis von meinem damaligen Partner, dass ich diesen Verlust, der damals fast 20 Jahre her war, irgendwann mal verarbeiten müsste. Hierfür, so sagte er, wäre ein Ritual sehr hilfreich. Vielleicht eine symbolische Beerdigung oder ähnliches. Ich hatte es in einem anderen Beitrag (Unterdrückte Trauer) schon kurz angesprochen. 

Durch diesen Hinweis meines Partners zog ich diese Möglichkeit das erste Mal in Erwägung. Man muss dafür bereit sein und es wirklich wollen, den schweren Betondeckel, der auf diesen schmerzenden Erinnerungen liegt, anzuheben. 

Dass mein Kind keine Überlebenschancen hatte, erfuhr ich nach mehreren Untersuchungen und einem kleinen operativen Eingriff noch während der Schwangerschaft. Das kleine Mädchen hatte Wasser in den Lungen. Die Organe konnten nicht richtig wachsen, wenn das Wasser nicht entfernt würde. Ich war schon im 6. Monat und aus diesem Grund wurde der Eingriff durch meine Bauchdecke hindurch in die Brust meines Kindes vorgenommen. Ich konnte alles vor mir auf dem Monitor erkennen. Die OP war erfolgreich und das Wasser wurde entfernt. Leider trat es nach einer Weile wieder in die Lungen ein und nun war ich schon im 7. Monat schwanger und es war klar, ich musste das Kind auf die Welt bringen. Für eine Abtreibung war es längst zu spät. 

Ich trug das kleine Wesen noch viele Tage und Nächte unter meinem Herzen, spürte die Bewegungen in meinem Bauch und wusste, ich muss es gebären und es wird nicht überleben. Nur jetzt, solange es in mir war, durfte es hier sein. Das war das Schlimmste, was ich bis dahin in meinem Leben durchgemacht hatte. Ich kann mich an die Nächte nicht mehr gut erinnern, aber ich weiß noch, dass der Schlaf nicht kommen wollte. Meine Hände lagen auf meinem Bauch und ich wusste einfach nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich sprach mit meinem Kind und weinte ohne Unterlass. 

Es war kurz nach Tschernobyl und ich hatte das Gefühl, dass es hier einen Zusammenhang gab. Aber die Ärzte konnten oder wollten mir keine Antworten auf meine Fragen geben.  Noch nie hatte ich mich so einsam und hilflos gefühlt. 

Ich hing 36 Stunden am Wehentropf und hatte Schmerzen ohne Ende. Ein junger, unerfahrener oder völlig überforderter Arzt hätte mich mit einer Rückenmarkspritze und einer falschen medikamentösen Behandlungen fast noch umgebracht. Ich will nicht auf diese Dinge eingehen, denn das würde euch womöglich sehr schockieren. Ich jedenfalls hatte ab da mein Vertrauen in die Ärzte verloren. Ich war diesen Menschen vollkommen ausgefliefert und niemand war in der Lage, sich für mich in dieser Situation einzusetzen und stark zu machen. Weder meine Mutter, noch mein Ex-Mann. 

Das kleine Mädchen kam tot auf die Welt. Kein Kind kann Dauerwehen von 36 Stunden überleben. Ich wollte es auch nicht anschauen und ab da wurde alles verdrängt und tief in meinem Innersten vergraben.

Bis M. kam und sagte, verabschiede dich endlich von deinem Kind. Danke hierfür! Irgendwann, also fast zwei Jahrzehnte später, ging ich abends schlafen und sagte mir, jetzt ist es soweit. Ich kann jetzt von meinem kleinen Mädchen Abschied nehmen. Wo das herkam, weiß ich nicht. Ich war allein. Ich hatte nichts besonderes an diesem Tag erlebt. Es tauchte einfach auf und mit dieser Bereitschaft ging ich schlafen. 

Am nächsten Morgen wurde ich wach und hatte Tränen in den Augen. Ich konnte mich jedoch nicht erinnern, warum ich weinte. Ich saß am Bettrand und dann fiel es mir ein. Ich hatte mein Kind gesehen. Und dann flossen die Tränen weiter und ich war so voller Freude und Glück. 

Ich sah das Schlafzimmer in der alten Wohnung in Berlin. Den Schrank mit den weißen Lamellen. Vor dem Schrank einen Stapel mit Kissen. Hinter diesem Kissenhaufen tauchte ganz vorsichtig etwas auf. Eine Stimme sprach, ich komme jetzt aber bitte erschrecke dich nicht. Alles ist gut. Und ich versprach, entspannt zu bleiben. Kurze schwarze Haare, ganz dicht und ein kleiner süßer Kopf stiegen empor. Die Augen waren dunkel und fragten, ist es wirkich in Ordnung, wenn ich jetzt komme? Ja, sagte ich. Und dann sah ich dieses kleine süße Gesicht, das ganz vorsichtig lächelte und darauf achtete, dass ich keinen Schreck bekam. So unglaublich rücksichtsvoll und mit so viel Mitgefühl, so etwas  hatte ich noch nie erlebt. Ich wusste sofort, dass es mein Baby war und war so unglaublich dankbar, dass ich es nun doch noch sehen durfte. 

Es ist so wunderschön und liebevoll und mir kommen die Tränen, während ich es hier aufschreibe. Was für ein Geschenk. Und bis heute ist dieser liebende Blick ein Teil von mir und immer präsent, wenn ich an mein kleines Mädchen denke. Da gibt es keine Trauer mehr und auch kein Trauma. Es gibt nur noch dieses strahlende Wesen, dass mir zu verstehen gab, dass alles gut ist. Ich liebe dich mein Engel. 

Tatsächlich würde ich heute sagen, dass wir in uns aufräumen müssen, damit wir weitergehen können. Mit allen Erlebnissen gilt es unseren Frieden zu schließen, sonst sind wir womöglich nicht in der Lage, von der Vergangenheit absolut in das “Jetzt” zu treten. 

Denn ist es nicht so, dass zurückliegende schmerzende Erinnerungen jetzt auftreten und wir uns dann vor ihnen auf der Flucht in die Zukunft begeben? Wir lenken uns ab oder verdrängen und dafür brauchen wir Zeit. 

Bewegung, also Flucht oder Ablenkung ist Denken und Handeln und das ist Zeit, und wenn Zeit und Bewegung/Denken da ist, können wir nicht “HIER” sein. Deshalb müssen diese starken Traumata wahrscheinlich befreit werden, damit sie uns nicht wie Haken in der Zeit festhalten. 

Ich verstehe durch diese aufgelösten Traumata heute erst, was Krishnamurti damals hierzu sagte:  

Erst wenn das Gehirn nicht mehr in der Erinnerung feststeckt, kann die Intelligenz des Universums in unseren Geist treten.“ Wenn das Gehirn/Verstand keine Erinnerung mehr hat, wirkt es ganzheitlich und Einsicht ist möglich. Einsicht bedeutet die Befreiung des Gehirns von seiner Begrenzung.

Es bedarf der Beobachtung und ungeheurer Aufmerksamkeit. Wie ein gebündelter Lichtstrahl kommt durch diese Aufmerksamkeit das Licht aus dem Geist auf den Verstand wirkend, befreiend.

Liebe kommt aus einer Dimension jenseits des Verstandes. Liebe ist keine Sinnesempfindung. Ist keine Reaktion. Liebe kennt auch keine Zeit. Der Tod kennt keine Zeit.”

Und das ist mit dem Verstand einfach nicht zu verstehen. Das muss erfahren werden und das geht erst, wenn es keine Gehirnaktivitäten mehr gibt, deren Inhalt nur Maß, Zeit und angesammeltes Wissen ist. 

Womit Krishnamurti mich auch sehr überzeugte war seine Erzählung über einen Dialog mit Gläubigen und Sanyasins. Er stellte ihnen die Frage, was sagt ihr zu einem Menschen, der im Sterben liegt? Die üblichen Antworten waren, wir beten für ihn, wir sagen tröstliche Worte usw. Krishnaji sagte, das hilft einem Sterbenden überhaupt nicht. Das ist ihm kein Trost und keine Hilfe, weil er sich alleine fühlt. Alles zurücklassen muss. Das macht ihm Angst. Er weiß nicht, was ihn erwartet. 

Das einzige, wie man einem Sterbenden wirklich helfen kann ist, ihn beim Übergang zu begleiten. Ihm zu sagen, dass man mit ihm gehen wird und tatsächlich mit ihm stirbt. Krishnamurti sagte, ich sterbe jeden Tag. Ich kenne den Tod. 

Als ich später in die Leerheit blickte, wusste ich erst wovon er sprach. Aber schon 2015 war ich mir sicher, dass er die Wahrheit sagte. Das Leben ist Illusion und auch der Tod. 

Etwas Schöneres kann ich hier für euch gar nicht aufschreiben und damit wünsche ich euch ein wunderschönes Wochenende, Monika