Nachtfalter

Wenn wir davon ausgehen, dass wir in der Zeit leben mit Vergangenheit und Zukunft, dann ist der Wunsch, schreiben zu wollen, bei meinen ersten Meditationen in einem Yoga-Retreat 2010 aufgetreten. Auch die Idee, ein Yoga-Studio betreiben zu wollen erschien zu dieser Zeit und die Vorsehung, dass ich Wale sehen werde, obwohl ich damals wegen panischer Flugangst nicht in der Lage war, ein Flugzeug zu besteigen und irgendwo hinzufliegen. 

All das erschien mir in dieser einen Woche mit Yoga, nur weil ich endlich nach fast 50 Lebensjahren still, ganz alleine mit mir sein und auf mich achten und hören durfte. 

Konkret ein Buch schreiben zu wollen, erwähnte ich das erste Mal in meinem Yoga-Tagebuch Ende August 2015. 

Tagebuch 23.08.2015:

“Mein Buchprojekt “Kein zu Hause” ist völlig neu zu betrachten. Wenn ich etwas schreiben sollte, dann nur für meine Kinder. 

  1. Sie sollen meine getroffenen Entscheidungen (Trennung vom Vater der Kinder, trotzdem mit ihnen in der Türkei zu bleiben usw.) besser verstehen lernen. 
  2. Es soll ihnen Mut machen und Kraft geben, damit sie auch als Frau ein selbstbestimmtes Leben in jedem Land der Welt führen können.
  3. Da ich erst sehr spät auf Yoga getroffen bin, konnte ich ihnen die dort gemachten Erfahrungen nicht in der Kindheit mitgeben. Das bedaure ich sehr. Ich möchte aber – und vor allen Dingen möchte ich das unbedingt -, dass sie auch diese dem Yoga innewohnende Weisheit erfahren und ein glückliches und zufriedenes Leben führen können, egal was in ihrem Leben passiert. Sie sollen nicht nur von meiner oder ihrer eigenen Stärke ausgehen, sondern darauf vertrauen lernen, dass es eine universelle Kraft gibt/Gottes Liebe, aus der sie schöpfen können. Sie sollen wissen, dass immer alles gut wird, egal was kommt. 
  4. Sie sollen lernen, alles im Ganzen, also einheitlich zu betrachten und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sie sollen sich nicht verleiten lassen von Macht und Gier. Sich mit den richtigen Menschen umgeben und ein erfülltes Leben führen voller Mitgefühl und Liebe. 

Das ist neben meiner eigenen spirituellen Entwicklung mein größter Wunsch.“

Diese Wünsche für meine Kinder würde ich heute, nach den mehrfachen Momenten des “Aufwachens aus der Zeit”, wahrscheinlich kürzer zusammenfassen: Ich wünsche mir für sie und überhaupt für alle Menschen, dass sie wenigstens einmal aufwachen und in Gottes Arme fallen. Etwas anderes gibt es im Leben nicht zu erreichen. 

Das Buch entstand ja tatsächlich einige Jahre später und war sowohl an meine Familie, an die ich immer dachte, wenn ich schrieb, und an alle Menschen gerichtet, die frei von ihren Ängsten werden wollten. Der damals angedachte Titel “Kein Zuhause” bezog sich darauf, dass ich vor Yoga immer unterwegs, auf der Suche nach einem Zuhause war. Sei es örtlich oder auch partnerschaftlich. Ich konnte nie irgendwo ankommen, denn stets brach mir alles nach kurzer Zeit wieder weg. Bis ich über die Jahre mit Hilfe der Meditation begriff, dass das Zuhause und der Frieden in mir selbst lagen. Das war mir 2015 schon klar geworden und das wollte ich meinen Kindern mit auf dem Weg geben. 

Aber ich musste erst noch in die “Leerheit”, also in den Raum ohne Zeit stürzen, der sich mir später eröffnete, bevor das Buchprojekt rund war. Ohne Zeit gibt es keine Angst und aus dieser Perspektive zu schreiben, hat noch einmal eine ganz andere Bedeutung und Kraft.  

Ich glaube, es sollte noch ungefähr ein Jahr dauern, bis die Leerheit sich zeigte und bis dahin geschahen immer wieder – ich nenne es mal – Wunder, die mich meistens sanft aber manchmal auch mit einem Ruck in diese Richtung führten. Wie immer wurde ich von innen geleitet, wenn mein Verstand schlief oder nicht aktiv war. Und je stärker meine Suche und der Wunsch da waren, um so schneller ging es voran, um dann wieder zu pausieren. Alles musste irgendwie verarbeitet werden. Manchmal auch mit starken Kopfschmerzen oder Selbstgesprächen, tiefen Zweifeln und immer wieder dem Gefühl der Einsamkeit, weil ich mit niemandem darüber sprechen konnte. Das Ego und der Körper kämpften um ihre Macht. 

Auch wenn mein Herz noch immer sehr mit Paramahansa Yogananda verbunden war/ist, war es 2015 vor allen Dingen die Literatur von Krishnamurti, die mich begleitete und dafür sorgte, dass ich immer mehr meine Konditionierung erforschte. Irgendwie wurde mein Gehirn weicher oder darauf vorbereitet, dass Dinge/Wunder geschehen konnten. Um alles besser verinnerlichen zu können, habe ich wieder Sätze aufgeschrieben und auch Skizzen gemacht. Wenn z. B. von einem Fluss der Zeit die Rede war, malte ich mir das Wasser auf und setzte die Worte Geburt, Kontinuität, Oberfläche usw. in die blaue Farbe, um irgendwie wirklich erfassen zu können, was doch der Verstand nicht begreifen konnte oder wollte. 

Tagebuch 26.08.2015:

“Krishnamurti:…nur dadurch, dass alles, was du angesammelt hast – und das ist Zeit – endet, kannst du das Ewige, das Zeitlose kennenlernen. Der Mind muss frei von Zeit sein, und deshalb müssen Dinge enden.

Die Tiefe sehen wir nicht. Das Ende der Kontinuität ist das Ende des oberflächlichen Lebens. Mit dem Tod stirbt die Kontinuität und alles, was ich innerlich und äußerlich angesammelt habe. Der Körper stirbt. Und das Bewusstsein? 

Was ist das Bewusstsein? Es ist der Inhalt des menschlichen Wesens (also seine ganze Gedankenaktivität, wie z .B. die Sprache, Glauben, Dogmen, Angst, Hoffnungen….). Wenn der Strom der Gedanken zum Stillstand kommt, existiert Bewusstsein, so wie wir es kennen, nicht mehr. 

Also verstehe ich es so, dass das uns übliche menschliche Bewusstsein der Strom unserer Gedanken ist und somit auch der Strom der Zeit. Und wir versuchen diese Kontinuität des Stromes aufrecht zu erhalten. Wenn wir diese Kontinuität aber beenden würden, würden wir mit dem Tod leben. Und weil wir es nicht tun, können wir nicht begreifen, welche Schönheit eigentlich in diesem Beenden liegt.

Nachdem ich diese Notizen gemacht hatte, bin ich noch einmal kurz eingeschlafen und bevor ich nach dem Schlaf die Augen wieder öffnete, sah ich zwischen meinen Augenbrauen einen Kreis mit hellem Licht. In diesem Kreis gab es Lichtspiele. Danach sah ich einen Ausschnitt von einem roten Buchdeckel mit brauner mir unbekannter Aufschrift. Der Titel auf dem Buch bestand aus dünnen Linien, die aussahen, als wären sie aus Bambus oder Holz gemacht. Dann zogen wieder, wie schon des öfteren, die weißen Blätter mit den mir unbekannten Schriftzeichen an meinem inneren Auge vorbei.”

Anschließend malte ich dieses Buch in mein Yoga-Tagebuch. Immer wieder sollte später dieses Buch vor meinem inneren Auge erscheinen, genauso, wie die weißen Blätter mit den mir fremden Schriftzeichen. Später fing ich an, danach im Internet zu suchen. Nach einem roten Buch und nach dieser fremden Schrift. Das rote Buch konnte ich noch nicht finden und die Buchstaben auf den weißen Blättern ähneln einer ganz alten Sprache. Obwohl ich sie mit geschlossenen Augen ganz klar und leuchtend vor mir sah, konnte ich das Gesehene anschließend mit offenen Augen nicht mehr beschreiben oder nachmalen. Das geschah erst Jahre später und heute glaube ich, dass es einer sehr alten schon ausgestorbenen Sprache entstammte. Nie zuvor hatte ich solche Buchstaben gesehen. Jedenfalls nicht in diesem Leben.  

Obwohl Krishnamurti nie viel über seine eigenen übersinnlichen Erfahrungen sprach, wusste ich, wenn ich etwas darüber las, dass alles davon wahr war. Dafür reichten mir meine eigenen winzigen Einsichten aus. Ich begriff und notierte mir deshalb auch am gleichen Tag, “dass all das mir Horizonte eröffnete, die mir die Welt hier immer bedeutungsloser werden ließen.” 

Meine Traumwelt wurde immer verrückter und wichtiger für mich. Seit der Selbsterforschung hat sich meine Traumwelt extrem verändert. Vorher gab es immer diese Angstträume. Ihr kennt das sicher alle. Man geht irgendwo verloren oder hat Prüfungsstress. Es gibt Wellen oder andere Katastrophen, die mich und meine Kinder überrollen wollten und ich musste sie beschützen. Aber mit der Selbsterforschung tauchten plötzlich immer wieder Tiere in meinen Träumen auf. Ich begriff, da sprach etwas zu mir und ich hielt weiter jeden Traum schriftlich fest, um ihn am nächsten Morgen zu entschlüsseln. Zum zweiten Mal träumte ich davon, dass ich etwas von meinem Körper abgebe. Das letzte Mal war es Sand und nun waren es Nachtfalter, die aus mir herausströmten.

Tagebuch 28.08.2021:

“Traum: Abenteuer. Freude. Räume. Häuser. Schlafen auf der Straße. Ein Bad. Ich will mich reinigen, als plötzlich Nachtfalter aus mir heraus auftauchen. Verzweifelt versuche ich sie wegzuwischen aber es werden immer mehr. Ich versuche sie auch zu erschlagen. Es hilft nicht.

Diesen Traum kann man auf vielen Ebenen deuten, aber mich interessiert vor allen Dingen die spirituelle Bedeutung. Generell stehen Nachtfalter für die verborgene Seite eines Wesens. Sie symbolisieren die eher kurzlebige Seite der Persönlichkeit., Falter fliegen ins Licht und verbrennen dort. 

Psychologisch gesehen gilt der Falter wie der Schmetterling als Symbol der Seele. Aber eher für die dunkle, fantasievolle Seite des Menschen. Wenn ein Nachtfalter aus dem Dunklen auftaucht, symbolisiert dies die Selbsterkenntnis, zu der jeder Mensch schließlich gelangen muss. Ein Nachtfalter? Ich hatte unendlich viele, die aus meinem Körper strömten. 

Nachtfalter/Schmetterlinge stehen für Transformation und gehören zum Element Luft. Menschen, die in der Zeit vom 23.09. bis 23.10. geboren wurden, gehören zum Schmetterlings-Clan und besitzen die Kraft zur Transformation…”

Tatsächlich kann ich heute nicht mehr klären, was genau dieser Traum zu bedeuten hatte. Klar ist aber, dass ich mich damals mit diesen Tieren nicht wohlfühlte. Ich hatte Angst oder auch Ekel. Entweder war ich da noch nicht so weit, um sie mir anzuschauen und mich dem hinzugeben oder irgendetwas hat mich verlassen und ich wurde davon befreit. 

Dass Nachtfalter einen selbstzerstörerischen Aspekt haben, weil sie immer ins Licht fliegen und auch dort sterben, ist klar. Aber, was noch viel wichtiger ist, dass sie andererseits damit auch den Aspekt der Befreiung in sich tragen. Wer ins Licht geht und sich dort verbrennen läßt, wird mit Gott vereint. Die Persönlichkeit ist weg und es gibt nur noch Liebe, und das beschreibt das, was ich später erleben sollte, als das liebende Licht da war. Man wendet den inneren Blick entweder ab, weil man es noch nicht aushält oder man lässt sich ganz davon verzehren und verbrennen, wie der Nachtfalter. 

Auch wenn man das als Sucher so sagt und denkt, dass man sich der Leerheit oder dem Licht hingeben würde, wenn sie erscheinen, ist es tatsächlich nicht einfach, die eigene Person ins Feuer zu werfen. Es bedeutet das endgültige Auslöschen aller Denkmuster. Nichts ist mehr da. Du nicht. Deine Kinder nicht. Deine Geschichte nicht. Alles ergibt plötzlich keinen Sinn mehr. Wir erkennen, dass wir nur Illusionen hinterhergelaufen sind.

Aber auf der anderen Seite ihr Lieben, sind da plötzlich auch keine Probleme mehr. Keine Ängste. Keine Geburt. Kein Tod. Und das ist der absolute inneren Frieden. Und von diesem stets stabilen, unerschütterlichen und stillen Punkt aus auf das Leben zu schauen bedeutet, dass man es erst richtig erfassen und genießen kann, weil unser Verstand dem Leben nicht mehr im Wege steht.  

Ich wünsche euch ein sehr schönes Wochenende, Monika