Ich bin das Universum (76)

Krishnamurti half mir dabei, den Unterschied zwischen dem “Glauben an Gott” und dem “Erkennen, dass Gott existiert” zu verstehen. Das war unglaublich wichtig für mich, weil ich nie die Erfahrung einer Glaubensgemeinschaft gemacht hatte und daher nicht mit einem Glauben an Gott groß geworden bin. Glaube bedeutete für mich Institutionen, Enge, Gehirnwäsche. Das lehnte ich ab. 

Er selbst geriet in die Falle einer Organisation und verlor dort, wie er sagte, seine Vitalität. Man wollte ihn zum neuen Messias machen und Menschen dazu bringen, an ihn und diese Organisation zu glauben (ihr könnt darüber im Internet nachlesen, wenn es euch interessiert). Er sagte später, dass man jedoch nur durch Zweifeln Gott erreichen kann und nicht durch das Anerkennen von Autorität, denn das wäre Glauben. Ich notierte mir Ende August 2015 Sätze von ihm ins Yoga-Tagebuch und meditierte darüber. 

“Glauben ist oberflächlich. 

Sich im Glauben verlieren bedeutet das Ende des Zweifels. 

In Indien basiert die religiöse Suche niemals auf Glauben, deshalb konnte sie sich in jede beliebige Richtung wenden. Weil sie nicht auf eine Richtung festgelegt war, konnte etwas anderes entstehen; das ist die Essenz der Buddhas und der Bodhisattvas. 

Es geht darum, dass ihr zu eurem eigenen Licht werdet und nicht das Licht eines anderen übernehmt.” 

Also geht es darum, selber Gott zu werden? Wie soll das möglich sein, frage ich mich am 23.08.2015 um dann zwei Tage später seine Erklärung über das Wesen Gottes zu notieren:

Tagebuch 25.08.2015: 

Krishnamurti:

“Wir alle wollen wissen, und das bedeutet, Gott in den Bereich des Wissens zu holen.

…weiß ich nicht, was Gott ist. Ich bin auch gar nicht daran interessiert, es herauszufinden. Mich interessiert die Frage, ob der Mind (Geist/Verstand/Gehirn) vollkommen frei von angesammeltem Wissen, angesammelten Erfahrungen sein kann

Das Universum befindet sich in einem Zustand der Meditation. Dies ist der Ursprung aller Dinge, der Urgrund. Das ist nur erkennbar, wenn der Meditierende nicht existiert. Es darf kein Anker und kein Stützpfeiler mehr da sein. Das Selbst ist vollkommen verschwunden. 

Kann der Mensch und somit sein Gehirn vollkommen frei vom Meditierer werden? Dann existiert auch die Frage, ob es Gott gibt nicht. Dann ist die Meditation die Meditation des Universums.”

Krishnamurti betonte anschließend, dass man auf diese Frage nicht antworten, sondern diese Sätze auf sich wirken lassen soll. Dadurch würde sich Energie ansammeln und diese Energie würde dann wirken. 

Ich schrieb das Wort “Ende” dahinter und machte einen dicken Punkt. Erst später an diesem Tag notierte ich, 

dass das doch zur Folge haben würde, dass wir selbst das Universum und somit selbst Gott sind oder? Das kann er jedoch nicht sagen, sondern wir müssen es selbst herausfinden. Es darf keine Erwartungen geben, sonst kann der Meditierende nicht verschwinden. Wie klug er ist und wie weise!

Ich freute mich unheimlich über meine eigenen Schlussfolgerungen und notierte, dass ich furchtbar aufgeregt und glücklich bin, wenn ich diese Gedankengänge verfolge und scheinbar verstehe.

Es ist ein anderer Weg, der zum gleichen Ergebnis führt, wie die Upanishaden. Es gibt keinen Dualismus. Gott/Brahman ist ein großes meditierendes Universum. 

Dies war damals eine wunderschöne Vorstellung für mich und die Zeilen von Krishnamurti waren sicher eine extrem wichtige Basis dafür, um später selbst in dieses meditierende Universum fallen zu können. Die Energie wirkte vier Jahre später.

Tagebuch 13.10.2019:

“Drei Tage Migräne. Heute Nacht konnte ich wenigstens schlafen. Die Nacht davor konnte ich weder liegen noch schlafen. Sobald ich mich hinlegte, wurden die Schmerzen noch schlimmer. Tabletten haben nicht geholfen. Es musste erst dieser Weltschmerz aus mir heraus und diese vielen Tränen. Obwohl ich nicht verstehen kann, wo es herkommt. Tatsächlich bin ich selbst im Geist ganz entspannt und friedlich, aber der Körper spricht eine andere Sprache. 

Der Rücken ist hart. Die Arme sind verkrampft und schmerzen. Erst wenn ich weine und mich wende wie im Kampf gegen unsichtbare Geister, entspannt sich auch der Körper wieder. Eckhart Tolle hat über den Schmerzkörper geschrieben und genau so empfinde ich es auch. Dieser Schmerz hat ein eigenes Leben. Er will da sein. Will etwas sagen und durchleben. Es ist eine Konditionierung. 

Ich muss die Schmerzen vollkommen akzeptieren und die Migräne durchziehen lassen. Die Schmerzen sind furchtbar. Inzwischen tut mir das ganze Gesicht weh. Das rechte Auge. Die Nase. Die Wange. Die Schläfe. Die Zähne. Manchmal wandert der Schmerz. 

Drei Tage und drei Nächte habe ich fast nur gesessen und meditiert. Nur wenn ich meditiere, kann ich den Schmerz ertragen. Mein Schatz hat für mich gekocht und massiert mich. Ich bekomme Aufmerksamkeit und Liebe und der Schmerz heilt. Ist es das, was ich brauche und will?

Gestern Nacht saßen wir zusammen im Bett nebeneinander. Er hat meine Hand gehalten und ist neben mir eingeschlafen. Ich habe meditiert und mich dem Schmerz vollkommen hingegeben. Etwas anderes blieb mir nicht. Ich dachte an die Buddhistische Metta-Meditation und fing an, sie innerlich aufzusagen, wobei es mir aufgrund der Schmerzen sehr schwer fiel, mich darauf zu konzentrieren. Gleichzeitig hörte ich neben mir den ruhigen Atem meines Mannes.

Möge ich glücklich sein, friedlich sein, frei sein von Leid. 

Möge ich und alle Wesen in diesem Haus und Garten glücklich sein friedlich sein und frei sein von Leid

Möge ich und alle Wesen in diesem Dorf…

Möge ich und alle Wesen in dieser Provinz…, 

…Land, Erteil, auf dem Erdball, Universum …

Und dann fiel ich in das unermesslich weite Universum. 

Es war, als würde ich mich selbst nach innen kehren. Als bestünde ich aus zwei Seiten, so wie man eine Socke nach rechts und nach links wenden kann. 

Es wurde still. 

Weit. 

Tief. 

Friedlich.

Und ich war es.

Es war ein Geschenk. Ich begriff sofort, dass es das ist, was beim Sterben passiert. Die Hülle wird zurückgelassen und man fällt in das Unermessliche/in Gott.” 

Und da war nun das geschehen, was ich bei Krishnamurti vor Jahren las. Ich, die Meditierende, war verschwunden. Die Schmerzen spielten keine Rolle mehr. Ohne diese wäre ich ja nicht sitzen geblieben. Hätte nicht meditiert. Hätte mich nicht hingegeben. Aufgegeben. Fallen lassen. 

Und aus diesem Erleben ergeben die weiteren Notizen in meinem Yoga-Tagebuch vom 25.08.2015 tatsächlich einen Sinn: 

“Krishnamurti: Tod ist das Aufgeben jeglicher Verhaftung. Alles, was angesammelt wurde – und das ist Zeit – muss enden, damit das Endlose, Zeitlose beginnen kann.”

In diesem Sinne wünsche ich euch ein unendlich langes wunderschönes Wochenende, Monika