Experiment mit der Identifikation (74)

Ich wollte unbedingt verstehen, wie ich funktioniere. Ich wollte meine Konditionierung sehen und hinter mir lassen. Ich wollte keine Angst mehr haben. Keine Angst vor dem Verlust von materiellen Dingen oder Menschen, vor Krankheiten oder dem Tod. Das Forschen ging daher weiter. 

Während ich bei anderen Menschen die ständigen Wiederholungen im Denken und Handeln durch mein eigenes Zurücknehmen und Schweigen immer deutlicher erkannte, war mir klar, dass ich nun intensiv in mir weiter forschen musste. Wo waren meine Wiederholungen und womit identifizierte ich mich? 

Tagbuch 14.08.2015:

„Ich lese bei Krishnamurti über das Experiment mit der Identifikation. Identifikation kommt aus dem Bestreben, Dinge festzuhalten. Wir sagen meine Schuhe, mein Haus, meine Arbeit, mein Gott usw. Das wird zur Gewohnheit und jede Störung, die diese Gewohnheit unterbrechen möchte, erzeugt Schmerz. Anschließend bemühen wir uns, diesen Schmerz zu überwinden. 

Die Identifikation aber – also diese Vorstellung von MEIN – ist auf etwas Bleibendes gerichtet. Hiermit muss ich experimentieren.

Ich muss mir dessen bewusst werden, ohne den Wunsch aufkommen zu lassen, etwas wählen oder verändern zu wollen. So soll ich erstaunliche Dinge in meinem Inneren entdecken können.“

Ich machte mir eine Liste und forschte nach, ob und wie stark ich mich mit den jeweiligen Punkten identifizierte:

  1. meine Familie und meine Vergangenheit
  2. meine Ausbildung und Beruf
  3. meine Kinder
  4. mein Besitz  

Es ist nicht leicht, diese Fragen ehrlich zu beantworten. Ihr könnt es ja mal selbst versuchen. 

Ich wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und daher gab es keine Identifikation nach dem Motto: wie redest du mit mir, weißt du eigentlich, wer ich bin?

Aber ja, ich sehe aus wie meine Mutter und wie mein Vater. Ich lebe z. T. sogar deren Wünsche und Ängste weiter. Der Körper und der Verstand sind so konditioniert. Und obwohl ich das nicht leben möchte, kann ich gar nichts dagegen tun. Ich werde mit dem Alter äußerlich meiner Mutter immer ähnlicher. Daran kann ich auch nichts ändern. 

Die Frage lautet daher bei mir eher, identifiziere ich mich mit diesem Körper? Bin ich dieser Körper? 

Ich war Schülerin, Lehrling, Studentin, Selbstständige, Chefin, Yogalehrerin und noch bis heute Mutter. Identifizierte ich mich damit? Und wenn ja, mit allem gemeinsam oder immer mit dem, was gerade anstand? 

Den Besitz betreffend gab es nur das kleine Grundstück mit dem Haus, was nicht fertig wurde und ich merkte, wie sehr ich daran hing. Es sollte mir Sicherheit für meine Zukunft geben. Es war ein Ersatz für den Verlust einer „intakten“ Familie und meines Hauses bei Istanbul. Es sollte mir Geborgenheit geben. Und schon mein Vater wollte doch immer ein Haus haben. Es bot mir eine Rückzugsmöglichkeit und die Gewissheit, dass mir niemand mehr etwas wegnehmen könnte. 

Tagebuch 16.08.2015:

„Krishnamurti sagt, lass das Leben fließen und werde vom inneren Willen frei. Wenn du das Leben nicht fließen lässt, führt es zu Zielen, Interessen und letztendlich Gewohnheiten. Erkenne was Gewohnheit heißt. Es bedeutet zu wählen, zu benennen, ein bestimmtes Interesse zu verfolgen. Erkenne dies und dann geschieht das Wunder: Der Wille verschwindet!“

Ich ließ alles in Istanbul zurück, selbst meine Kinder, aber es schien so, als wäre der Wunsch nach diesem kleinen Haus noch so etwas wie eine starke Gewohnheit in mir. Der Drang, immer wieder von vorne anzufangen und mir ein Nest der Sicherheit und Geborgenheit zu bauen. Ein Wunsch, der schon von meinen Vorfahren gelebt wurde. Aber wie sollte ich dieser Gewohnheit entkommen? Ich wusste, ich musste lernen wenn nötig, auch dieses Haus loszulassen.

Ich wurde der strengste Beobachter meiner eigenen Gedanken, Wünsche, Hoffnungen und Handlungen. Hierbei unterstützte mich die Liste mit den sieben Punkten von Krishnamurti (siehe Beitrag 73), die in meinem Zimmer hing. Um mich noch näher kennen zu lernen und mir noch näher zu kommen, achtete ich also sehr darauf, womit ich mich beschäftigte und ließ alles weg, was mich nicht zu mir, sondern von mir wegführte.

Hierzu gehörten vor allen Dingen die Medien, die mich mit jedem Klick sofort vom Augenblick, dem Umfeld und von mir selbst fortführten. Statt fernzusehen meditierte ich abends, und als nächstes wollte ich mein Facebook-Konto löschen. Da wir jedoch in einem Land lebten, wo es praktisch keine freie Presse mehr gab, war es für uns neben all diesen Kontakten zu einer wichtigen Plattform für notwendige Informationen geworden. Wir waren uns nicht mehr sicher, ob wir überhaupt hier weiterleben konnten und wollten. 

Tagebuch 18.08.2015: 

„Die letzten Tage hatte ich sehr viel meditiert und heute Nacht habe ich viel geträumt.

Traum: Ich liege im Bett, das in so etwas wie einem Lager oder Kaufhaus steht. Ich lausche. Das Bett ruckelt von selbst und macht Geräusche. Ich bekomme Angst und denke, hoffentlich hört das niemand. Ich sehe sie nicht, weiß aber, dass da noch andere Leute in der Nähe sind. Meine Angst ist, sie könnten glauben, ich hätte Sex. Ich lausche wieder. Dann höre ich sie und bekomme Angst. Sie kommen und ich sehe sie nun und bekomme noch mehr Angst. Dabei sehen sie freundlich aus, ganz normal. Sie ziehen sich aus. Ich bekomme Panik. Ich will das nicht und weiß doch, ich kann es nicht verhindern.

In dieser aussichtslosen Situation (ich hatte Angst vergewaltigt zu werden) werde ich wach und bin völlig aufgelöst und verängstigt. 

Sofort denke ich an meine Kinder. Ich schließe die Augen wieder. Dann sehe ich eine Tür und ein Teppich ist davor. Ich bin nicht durch diese Tür gegangen. Angst war da.  

Ich erinnere mich, dass die Angst auch gestern Abend ein Thema in Krishnamurtis Buch war. Muss ich durch diese Tür gehen?“ 

Natürlich versuchte ich, diesen Traum zu deuten und ich notierte, was diese Angst vor einer Vergewaltigung zu bedeuten haben könnte. Die allgemeine Deutung, die auf Erfahrungen und schlechte Erinnerungen hinwies, traf für mich nicht zu. Ich hatte keine Angst vor dem Sex, aber es gab bei genauerer Betrachtung tatsächlich durch die regelmäßigen Meditationen eine Veränderung in meinem Denken hinsichtlich meines Sexuallebens. 

Ich konnte z. B. damals nicht aus der Meditation treten und dann ins Bett gehen und Sex haben. Ich trennte das irgendwie. Ich wollte nach einer intensiven Meditation mit Gott einschlafen und nicht mit meinem Partner, der mit diesen Dingen, die mich so sehr bewegten, nichts zu tun haben wollte. Ja, wenn ich ganz ehrlich bin, dann fühlte sich das irgendwie falsch an. Das müsste dann Sex sein, der nicht nur auf sexuelle Befriedigung gerichtet ist, sondern auch auf totale Verschmelzung von Körper und Seele. Aber wenn doch einer keinen Zugang zu seiner Seele hat, wie sollte das dann funktionieren?

Ich hatte noch weitere Träume in dieser einen Nacht. 

„Ich bin unterwegs mit Freundinnen und meine Kleine ist auch dabei. Wir schlafen unterwegs irgendwo und meine Freundin S. kocht für sich einen Kaffee. Für die anderen nicht. Ich schaue und sehe nur Frauen und viele Wege, die mir alle unbekannt sind. 

Ein Bahnsteig. Eine Toilette. Ich sehe einen Mann, der dort pinkelt. Er winkt mir zu. Ich gehe ebenfalls auf die Toilette und benutze anschließend statt Papier glatte Steine, um mich zu reinigen. Es sind flache Steine, so wie ich sie stets am Strand suche, um sie mit nach Hause zu nehmen oder über das Wasser gleiten und hüpfen zu lassen. Anschließend werfe ich die Steine in die Toilette. Ich stelle fest, dass die Steine nach dem Abwischen voller Sand sind. Ich denke, es ist nicht gut, zu viele Steine ins Becken zu werfen, denn der Abfluss wird verstopfen und dann werfe ich sie in den Eimer.“

Ich notierte mir, dass ich hierzu keine Traumdeutung finden konnte. Hygiene mit Steinen? Auch heute noch habe ich Probleme, diesen letzten Traum zu deuten. Generell bedeuten Steine Härte und Beständigkeit. Sie können auch heilende Wirkung haben. Wichtig für die Deutung ist, was man mit den Steinen im Traum macht. Ich reinigte mich damit, gab Sand an die Steine ab und warf sie dann ins Wasser. 

Während ich das hier aufschreibe fällt mir auf, dass das doch im Wachzustand ganz genau anders herum war. Ich hob diese glatten weißen Steine am Strand auf, die von den Wellen angespült wurden, entfernte den Sand und nahm sie mit nach Hause oder gab sie ans Meer zurück, indem ich sie darüber so oft wie möglich springen ließ.  

Ich lese weiter in meinem Yoga-Tagebuch und erkenne meine Ungeduld. Ich ärgere mich auch darüber, dass mein Partner meine Disziplin und mein Streben und meine Suche nicht versteht. Ich bin nicht in der Lage, längere Zeit abzuhängen oder zu entspannen. 

Nur so dahinzuleben, das ist nichts für mich. Es macht mich auf Dauer einfach nur unzufrieden. Mein Streben, immer weiter kommen zu wollen, versteht er nicht. Ich weiß aber, dass es genau das ist, was mich ausmacht. Was mich über all die Jahrzehnte letztendlich zur Sucherin nach der Wahrheit gemacht hat. 

Ich lese heute bei Krishnamurti über die Einsamkeit und die harte Disziplin auf diesem Weg. Es ist also alles richtig? 

Ich weiß, ich hätte gestern im Traum/Wachtraum durch diese Tür gehen sollen.“ 

Ich brauchte noch ca. ein Jahr, bevor ich durch diese Tür gehen konnte und das erste Mal aufwachte/die Wahrheit sah/Identifikation mit dem Körper wegfiel. 

2015 war ich noch nicht soweit, da der Verstand noch nicht durchschaut wurde und noch nicht mitspielte. Was mir hier heute auffällt ist, dass im Traum 2015 ein Teppich vor der Tür auftauchte. Das ist an sich schon ungewöhnlich. Aber es war der Teppich, der 2016 vor mir auf dem Boden lag und auf den ich starrte, als ich nach dem Erleuchtungszustand meine Augen wieder öffnete. 

Ich erkannte, ich war der Teppich selbst in all seinen kleinsten subatomaren Teilchen. 

Klar wurde erkannt, ich existiere nicht, wenn keine Identifikation stattfindet. 

Und wie im Traum 2015 waren es meine Gedanken, die mich aus diesem Erleuchtungszustand wieder herausrissen. Ich dachte an meine Kinder und die Frage stieg auf: existieren sie dann etwa auch nicht? Das machte mir solche Angst, dass ich wieder zur liebenden Mutter und Monika wurde. Identifikation war wieder da und Staunen. 

Ich wünsche euch ein tolles Wochenende, Monika