Sich hinter sich lassen (73)

Wir können das Geheimnis des Lebens nicht entdecken, wenn wir nicht anfangen, uns selbst und somit auch unser Verhalten zu beobachten. Es wird uns sonst nicht möglich sein zu erkennen, dass wir von Konditionierungen Getriebene sind und uns völlig unbewusst im Kreis drehen. Da kommen wir mit dem Verstand nicht heraus, denn der ist es ja, der konditioniert ist und uns in diese Spirale führt. 

Ich könnte mir vorstellen, wenn kein Lehrer da ist, der immer wieder mit seinem Finger auf unser Ego zeigt, ist es womöglich noch schwerer, zum einen seine Konditionierung zu erkennen und zum anderen da herauszukommen. Da ich keinen spirituellen Lehrer hatte, hielt ich mich an Krishnamurti. Ich hatte seine Texte und seine Videos im Internet. Das musste reichen. Warum auch immer, ich wusste einfach, dass er aus der Wahrheit sprach und ich wollte endgültig und ein für alle mal aus der Angst raus. Und wenn es diese Wahrheit gab, dann wollte ich sie erkennen, wollte aus meiner Konditionierung erwachen und von mir aus auch verstehen, was Erleuchtung bedeutet. 

Erleuchtung bedeutet ja nichts anderes, als auf diese Welt zu blicken ohne unsere Konditionierung/Gedankenmuster. So offenbart sich die göttliche Schau, die frei ist von unseren Bewertungen und Ängsten. Dafür müssen wir alles – wirklich alles und somit auch uns selbst – hinter uns lassen. 

Der Blick auf das Geschehen muss also völlig ungefiltert sein, bis wir erkennen können, dass sowohl unsere Gedanken als auch alles, was vor unseren Augen erscheint, aus der gleichen Quelle kommen. Und zu dieser Quelle wollte ich vordringen. Die Ängste nicht mehr wegatmen, sondern ich wollte bis an die Wurzel gehen und die Angst, und wenn es sein muss, auch mich selbst, endgültig ausradieren. 

Ich meditierte also im Sommer 2015 jeden Tag und um mich und mein Verhalten besser kennenlernen und beobachten zu können, hielt ich mich an Krishnamurtis sehr wenige Hinweise, die ich mir ins Yoga-Tagebuch notierte. Ich kann nur jedem, der wachsen und aus seiner Konditionierung ausbrechen möchte, von ganzem Herzen empfehlen, sich selbst mal eine Zeitlang an diese sieben Hinweise zu halten. 

Das ist wahre Selbsterforschung und eine extreme Herausforderung, denn im Alltag still zu halten, wenn der Verstand seine Bedürfnisse und Meinungen äußert oder gar dringend irgendwo hin oder etwas tun möchte, wenn er aufschreit und seine Macht demonstrieren und durchsetzen möchte, dass ist unheimlich schwer. Es zeigt ganz klar, dass er immer der Boss war und ist. 

Tagebuch 31.07.2015:

  1. Konzentriere dich auf die Dinge, die aus erster Hand kommen und lasse alles aus zweiter Hand weg. Egal, womit wir uns beschäftigen, es kommt in der Regel aus zweiter Hand. Alle Medien verbreiten Filme und Texte, die von anderen Menschen entwickelt wurden. Es war deren Kreativität oder Meinung und die nehmen wir auf. Wir bewerten es, mögen es oder auch nicht. Je mehr wir Informationen aus zweiter Hand aufnehmen, desto voller werden wir und bleiben doch völlig leer, weil nichts davon – außer dass wir eine Meinung darüber haben – von uns selbst kommt. 

Gelesenes Wissen ist keine Intelligenz. Intelligenz ist die völlige Freiheit von Angst. 

Es ist wichtiger, der Natur zu lauschen, sie anzuschauen und sie zu fühlen. Dies ist echte Schönheit und sorgt für eigene Kreativität.

  • Sei mit einem Wunsch ganz allein. Betrachte ihn, ohne eine Aktivität zur Erfüllung einzuleiten. Rechtfertige ihn nicht und leiste auch keinen Widerstand gegen diesen Wunsch. Sei dir dieses Wunsches nur bewusst und sei einfach nur mit ihm allein. Dies führt zu einem Zustand ohne Willensaktivität. Es kommt zur Transformation und der Wunsch verändert und verwandelt sich. 
  • Zieh den Mantel der Würde noch mehr aus. Menschen ziehen sich den Mandel der “Würde” mit dem Beruf und einer gesellschaftlicher Stellung an. Nimmt man ihnen diesen Mantel weg, bleibt nichts übrig. Jeder möchte “etwas” sein. “Nichts” zu sein jedoch, heisst frei zu sein. Frei von der Vorstellung über ein falsches Ego. Wahre Würde kann einem niemand nehmen.  
  • Sei für alles empfänglich, ohne es zu bewerten. Was immer auch passiert, nimm die Dinge leicht aber sei wachsam für alles, was innerlich oder äußerlich passiert. Beobachte, wie der Verstand ständig über alles urteilt. Nimm die Dinge wahr, ohne sie zu benennen. 
  • Sei frei von dem Verlangen nach mehr. Hierfür müssen wir erst einmal innerlich einfach werden, d.h. nicht in Begriffen denken wie Zeit, Fortschritt, etwas erreichen wollen, Ergebnisse erzielen wollen usw. Wenn das möglich ist, lösen sich alle inneren Konflikte auf. Dann kommt auch ganz automatisch das äußere Entsagen an weltlichen Dingen.
  • Sorge dafür, dass der Verstand aufhört, zu suchen. Erkenne, dass der Verstand immer auf der Suche ist. Erkenne die Bedeutung des Suchens mit seinen Schmerzen und Frustrationen. Befriedigung und dann Frustration sind das Ergebnis. Kannst du erkennen, wie er sucht und kannst du damit aufhören?
  • Stirb jeden Tag, um jeden Tag neu geboren zu werden. Alle Erfahrungen, alle Gedanken müssen jeden Tag, jede Minute enden, sobald sie auftauchen, damit der Verstand nicht Wurzeln in der Zukunft schlägt. Dies ist der Schlüssel zur wahren Freiheit und führt zur Befreiung von Abhängigkeiten.

Wir kennen das Leid und den Tod als Höhepunkt des Leidens und dies führt zu Trennung, Einsamkeit und Isolation. Tatsächlich jedoch sind der Tod und das Leben eine Strömung! 

Leben ist Sterben. Jeden Tag sterben und alles hinter sich lassen, um jeden Tag neu geboren zu werden.”

Ich schrieb diese sieben Punkte auch auf einen Zettel und der hing am Schrank. Er sollte mich stets daran erinnern, dass ich darauf achte, womit ich mich gerade beschäftigte. Das bedeutete, dass ich ständig auf mich Acht gab und somit immer in Kontakt mit mir war. Das war wie eine Dauermeditation und führte dazu, dass ich mir dessen, was ich den ganzen Tag über tat, immer bewusster wurde. 

Während man in der Meditation nur eine gewisse Zeit unbeweglich sitzt und seine Gedanken beobachtet oder sich auf eine Sache fest konzentriert – was am Anfang schon schwer genug ist – ist diese Dauerachtsamkeit über den ganzen Tag hinaus sehr viel herausfordernder. 

Es gilt nicht nur einen gewissen Zeitraum nicht zu sein, sondern sich den ganzen Tag über mit seinem Ego in seinem Umfeld zurückzunehmen. Die Bedürnisse und Wünsche zu untersuchen, sobald sie auftauchen. Alles anzunehmen, wie es kommt und nicht damit zu hadern, selbst wenn es Wut, Angst oder Schmerzen sind, die sich da auftun. Fernsehen oder Unterhaltungsliteratur waren gestrichen. Ich konzentrierte mich auf das, was in mir auftauchte und auf das, was um mich herum geschah.

So kam es, dass ich vor allen Dingen auch meine Mitmenschen immer mehr kennen lernte. Ja, ich kann sagen, dass es mir ganz besonders erst bei den Menschen um mich herum auffiel, dass sie immer das gleiche sagten und taten. Das war für mich eine unglaublich intensive Erfahrung. Als ich plötzlich still wurde und mich bei Gesprächen mit meiner eigenen Meinung extrem zurückhielt, stellte ich plötzlich fest, dass da immer wieder nur ein Jammern und ein Klagen waren. In den Gesprächen ging es nie um Verstehenwollen oder um Veränderung. Es ging um Selbstdarstellung und darum, für seine eigene Meinung eine Bestätigung zu bekommen. Das brauchen wir, denn damit wird unser Ich bestätigt und mit diesem Bild von uns selbst identifizieren wir uns dann. 

Das meine ich jetzt nicht überheblich, denn ich wusste, dass ich tatsächlich genauso funktionierte. Nur jetzt mit meinem Schweigen fiel es mir immer mehr ins Auge. Es ist auf jeden Fall erst einmal einfacher, das bei anderen wahrzunehmen, wobei man aufpassen muss, nicht in die übliche Falle der spirituellen Arroganz zu tappen. Das passiert, wenn man glaubt, dass man aufrund dieser Feststellung jetzt gar über den anderen stehen würde. 

Tagebuch 13.08.2015:

“Wir sprechen mit unseren Freunden über das Land in dem wir leben und über die Politik. Ich rede kaum mit. Ich beobachte. Höre zu. Fühle. Ich registriere, wie sie miteinander umgehen und auf dem Weg nach Hause arbeitet es in meinem Kopf. 

Mir wird auf einmal völlig klar, dass es in diesem Land oder sogar auf der ganzen Welt keinen Frieden geben kann, wenn wir nicht einmal in der Lage sind, mit uns selbst oder in der eigenen Familie friedvoll miteinander umzugehen. Durch meine Beobachtung wurde mir klar, dass wir ohne Mitgefühl sind bzw. nur beschränktes Mitgefühl haben. 

Wir haben Verständnis und Mitgefühl für Lebensformen, die uns persönlich wichtig sind, weil wir hierzu eine besondere Beziehung haben. Wir haben aber kein Mitgefühl mit den Lebensformen, die anders sind als wir, denn vor denen haben wir Angst oder wir fühlen uns ihnen überlegen.  

Solange wir in unseren Köpfen Krieg führen, wird es auf diesem Planeten immer wieder Krieg geben.”

Das sind vielleicht keine neuen Erkenntnisse für euch, und auch ich hatte davon gehört und kopfnickend zugestimmt, wenn ich darüber las. Aber ich konnte es das erste Mal nicht nur intellektuell verstehen, sondern den Zusammenhang und die Wahrheit dieser Aussage ein für alle mal erleben und zog die einzig richtige Schlussfolgerung für mich: 

Ich muss immer bei mir bleiben und in mir selbst für Frieden sorgen, damit die Welt um mich herum friedlich wird. Es sind nie die anderen, die etwas falsch machen. Falsch und richtig gibt es nicht und tauchen nur auf, wenn wir eine Meinung über etwas haben, und dann ist Trennung da und dann ist der Weg für Wut, Hass, Angst und Krieg gemacht. 

Und das konnte mir nur deshalb klar werden, weil ich still wurde. Ich wollte in Unterhaltungen nicht mehr recht haben. Keine eigene Meinung mehr durchsetzen. Kein Redner, sondern ein Zuhörer sein. Andere Meinungen nicht mehr bewerten, sondern nur verstehen wollen. 

Das ist mir nicht so leicht gefallen, wie es sich hier vielleicht anhört. Man sitzt im Restaurant mit zehn Leuten an einem Tisch oder ist irgendwo zu Besuch und ist auf einmal nicht mehr da, weil man den “Mantel der Würde” am Eingang abgelegt hat. Man nimmt sich völlig zurück und schaut, was passiert. Ja auch mit einem selbst, denn es ist für das Ego nicht einfach, die Klappe zu halten, wenn es seit 50 Jahren schließlich  auch zu allem immer eine Meinung hatte.

Tagebuch 14.08.1015

“Auch ich war früher ein Hitzkopf und da hatte ich weniger Kopfschmerzen, weil ich meine Wut rausließ. Raus und weg damit. Jetzt versuche ich, mein Gemüt ruhig zu halten. Das funktioniert nicht immer, denn ich habe das Gefühl, ich sehe gerade zu viel. Und was ich sehe und sich als Wahrheit langsam in mir breit macht, macht mich zugleich hilflos und traurig. Ich erkenne die Zusammenhänge und begreife, dass ich meinen Mitmenschen das nicht vermitteln kann. Dieses Verstehen geht gerade sehr weit und tief. Ich habe noch so viel zu lernen. Mitgefühl und Liebe wurden uns nicht gelehrt.”

Die Erkenntnis, dass bei mir und allen anderen solange immer wieder die gleichen Probleme im Leben auftauchen werden, bis wir uns selbst erkannt haben, war einerseits heilend und für meine spirituelle Reise essenziell, aber auf der anderen Seite fühlte ich mich wieder sehr einsam. Ich konnte als Freundin oder gar als Yoga-Lehrerin nicht helfen, wenn die Person vor mir nicht bereit war, sich selbst – also ihre eigenen Gedanken und ihr Handeln – zu hinterfragen. 

Jeder möchte, dass der andere sich ändert, die Welt sich ändert. Die Weisen sagen, wir selbst sind die Welt und auch hier wusste ich instinktiv, dass das die Wahrheit sein muss. Durch meine eigene Zurücknahme und die Konzentration auf die Beobachtung offenbarte sich das für mich nun auch immer mehr. Vielleicht musste ich das erst einmal so konkret fühlen und mit dem Verstand aufnehmen, damit sich später die Tür zu meiner inneren Welt überhaupt öffnen konnte? 

Denn wenn ich mich mit meinem Körper und meinen Gedanken identifiziere, wie soll da Platz sein für Gott oder die Weisheit? Ich musste erst durchsichtig werden, damit gesehen werden konnte, dass ich nicht nur die Welt selbst, sondern sogar die Evolution und auch das Universum bin. 

Aber wie sollte ich das meinen Freundinnen oder Bekannten erklären? Wie sollte ich weiterhin Yoga unterrichten, wenn keiner verstehen möchte, wie er funktioniert? Wer ist bereit, auf sich selbst zu schauen? Wir – unsere Egos – lieben es doch, da draußen auf dem Meinungs-Schlachtfeld unsere Rollen zu spielen oder? 

Wie sollte ich erklären, dass diese Unterhaltungen den gleichen Wert haben, wie das Zwitschern der Vögel da draußen im Garten? Und nichts ist gegen den Gesang zu sagen, denn ich höre dem gerne zu. Aber ändern wird sich dadurch nie etwas. Änderung passiert erst, wenn wir unsere Konditionierung erkannt haben und unser altes Ich hinter uns lassen können.

Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende, Monika