Ich laufe dem Wal hinterher

Am 20.07.2015 gab es ein schreckliches Attentat in der Stadt Suruc in der Türkei, bei dem über 30 junge Menschen ums Leben kamen. Natürlich hatte dieser Anschlag auch seinen Ausdruck in meinem Yoga-Tagebuch gefunden und uns allen war klar, dass dies erst der Anfang einer neuen Gewaltspirale in diesem Land sein würde. 

Dieser Anschlag verdeutlichte mir damals auf ganz brutale Art und Weise, dass alles, was Krishnamurti über den Verstand des Menschen je gesagt hatte, richtig war. Wir müssen begreifen, wer wir sind und warum wir immer wieder auf alle Probleme mit den gleichen Antworten reagieren. Wir sind konditioniert. Wir denken, wir sind irgendwer und wir sind anders, als die Menschen hinter der Grenze, andes als der Nachbar. Die Grenze befindet sich ganz allein nur in unserem Gehirn. 

Ich meditierte zu dieser Zeit das erste Mal 2 ½ Stunden und notierte mir, wie schwer das war, so lange einfach nur still zu sitzen. Früher konnte ich es nicht einmal 10 Minuten durchhalten. 

2015 war es an der Nordägäis im Juli so heiß, dass ich gar nichts tun konnte. Jede körperliche Anstrengung erschöpfte mich total und auch der Geist war so müde von dieser Hitze. Als wenn das Wetter mich ebenfalls zwingen wollte, nicht nur in der Meditation, sondern generell endlich nur zu sein und zu beobachten. 

Ich hielt den Schmerz, der durch die Tötung von so vielen jungen engagierten Menschen in mir ausgelöst wurde, in meinem Yoga-Tagebuch fest und ich beendete zur gleichen Zeit das Buch über die Upanischaden (siehe Beitrag Bücher: Die Upanischaden). 

Tagebuch 20.07.2015:

“Ich bin jetzt beim Nachwort der Upanischaden und weiß schon jetzt, dass ich es unbedingt noch einmal lesen möchte. Es enthält soviel Informationen und ich kann das gar nicht alles mit einem Mal aufnehmen. Aber klar ist, am Ende zählt immer nur die Praxis: meditieren, meditieren! 

Der Unterschied zwischen den Veden und der griechischen, römischen und keltischen Kultur ist, dass es keine Unterwelt, Mittelerde und Himmelreich gibt, sondern die Welt, der Himmel und die Ebene jenseits der Erscheinungswirklichkeit liegen. Und jeder kann durch Tapas (Anstrengung und Disziplin) diese Grenzen überschreiten und alles verändern. “ 

Und heute, für diesen Beitrag lese ich noch einmal das Nachwort und stoße auf den Satz: “Wer auch immer meditiert und diese Weisheit erlangt, lebt hier in diesem Leben auf seinem Höchsstand und in seiner Bestform.”

Man könnte jetzt denken, dass diese alten Schriften vielleicht in unserem modernen Zeitalter gegenstandslos seien, weil wir mit anderen Problemen wie Terroranschlägen, Pandemien, Atomkriegen und Umweltzerstörungen zu tun haben. 

Das stimmt aber nicht, da es damals vor 3000 Jahren die gleiche Gier des Menschen war, die heute nur in anderen Formen ihren Ausdruck findet. Und hier komme ich wieder auf Krishnamurti, der sagte, dass der Mensch immer wieder nur deshalb mit diesen Problemen zu kämpfen hat, weil er nicht in der Lage ist, aus all diesen Konflikten zu lernen. 

Erst wenn der Mensch mit Hilfe der Geschichtsschreibung seine Konditionierung des Gehirns begreift, die eben unter anderem aus Gier und Entfremdung besteht, dann wird sich auch etwas auf diesem Planeten ändern. 

So lese ich dann auch im Nachwort heute wie damals, dass der Krieg immer erst in den Köpfen der Menschen entsteht und so lange andauert, bis Männer und Frauen vor der uralten Aufgabe, Konfliktlösung zu lernen, nicht mehr zurückschrecken. Unsere ererbten Neigungen zur Gier, Entfremdung und Selbstsucht müssen in jedem einzelnen von uns erkannt und befreit werden. 

Auch auf die Pandemie oder den aktuellen politischen Konflikten auf der ganzen Welt – die tatsächlich nur ständige Wiederholungen darstellen – kann man diese Erkenntnis anwenden und schauen, wo sich die Grenze im eigenen Kopf befindet. Wer ist mein “Gegner”? Warum und wo kommt dieser Gedanke her? Das kann nur erkannt werden, wenn man still sitzen bleibt und auf sich selbst schaut, statt auf all die anderen, die scheinbar alles falsch machen, uns etwas wegnehmen wollen, uns schaden wollen usw. 

Die Weisheit in den Upanischaden hatte einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen und das konnte ich wieder an meinen Träumen erkennen. 

Tagebuch 24.07.2015:

“Traum: Ich folge einem Wal (womöglich mit meinen Kindern?). Der Wal hat einen großen Fisch verschlungen. Wir sind auf der Straße und laufen ihm hinterher. Ich bin etwas ängstlich, weil ich nicht weiß, wo er mich hinführen wird. 

Als ich wach wurde, konnte ich mit diesem Traum überhaupt nichts anfangen. Wo kommt jetzt wieder der Wal her und warum läuft man einem Wal auf der Straße hinterher ? Erst die Traumdeutung half mir wieder weiter. Diese Deutungen waren der Zugang zu meinem Innersten.

“Deutung: Der Wal stellt die Macht des Unbewussten dar. Er steht für Wahrheit und Stärke des inneren Seins. Welche große Wahrheit bin ich bereit zu akzeptieren? “

Ich wusste, ich war wieder an einem wichtigen Punkt auf meiner inneren Reise angekommen und die Fragen tauchten auf: Wie weit bin ich wirklich bereit ganz, genau hinzuschauen? Wie weit möchte ich wirklich gehen? Wie ich schon öfter in meinen Beiträgen erwähnt hatte, ist die spirituelle Reise keine Urlaubsfahrt, sondern eine anstrengende Berg- und Talfahrt, die auch schmerzen kann. Und im Traum war ich ängstlich. Ich wollte weitergehen und lief dem Wal hinterher, aber ich war unsicher. Ich stürzte mich also nicht “kopflos”in irgendetwas rein. Das war nie meine Art. Ich hielt noch immer an meinem Verstand fest und an meiner Person und meiner Geschichte. 

Der Wal steht im Traum aber auch für die Sehnsucht nach Harmonie mit der Umwelt, und tatsächlich war das ein sehr großer Wunsch von mir und der Antrieb, Istanbul zu verlassen. Es gab auch noch eine transzendente Traumdeutung, die sagt, dass der Wal eine direkte Botschaft darüber aussagt, wie ich Mutter Erde als Ganzes und insbesondere die Gewässer der Erde heilen kann. 

Während ich das Gefühl hatte ich würde geführt, staunte ich nicht schlecht darüber, wie sich um mich herum alles klärte, ohne dass ich mir wie früher so viele Sorgen machen musste. Noch am gleichen Tag notierte ich im Tagebuch, dass meine Große ein neues berufliches Projekt hat und die Kleine an der Uni angenommen wurde. Ich notierte weiter: 

Alles geht seinen Weg. Die Geräusche dieses Sommers sind: ein Ventilator und das Zirpen der Grillen.” 

Ich notierte mir weiter wichtige Sätze aus dem Nachwort zu den Upanischaden. Es waren Aussagen, die mich sehr berührten, auch wenn ich sie noch immer nicht ganz verstehen konnte. Aber ich begriff irgendwie, dass sie unbedingt wahr sind. 

Und genau darum ging es ja immer wieder. Gewöhnliches Wissen ist entweder objektiv oder subjektiv. Aber aus der Mystik oder der Physik heraus können wir objektiv nichts erkennen. Dinge existieren in Wahrheit nicht objektiv. Auch subjektiv können wir sie nicht erkennen, da sie von unserer vorgefassten Meinung beeinflusst sind. 

Man wird das, was im eigenen Sinn und Denken herrscht. Das ist das immerwährende Geheimnis. 

Liebt einer einen Stein, so wird er ein Stein.

Liebt er einen Menschen, so ist er ein Mensch.

Liebt er Gott – ich wage nicht mehr es zu sagen, denn sagte ich, dass er dann Gott wäre, würdest du mich womöglich steinigen.” 

R. A. Nicholson aus The Mystices of Islam.” 

Um das verstehen zu können, muss man still werden. Es gibt keinen anderen Weg. Da Gott alles erschafft, in jedem Augenblick immer wieder und somit alles liebt, können wir ihm nur nahekommen, wenn wir ihm ähnlich werden. Aber das war mir damals noch nicht so klar. Mein Gehirn zog noch immer Grenzen und hatte Meinungen zu jedem und allem.

Statt also still zu sitzen, kämpfte ich im Urlaub mit der Hitze, die es mir unmöglich machte, mich zu bewegen. Ich haderte mit diesem Zustand. Schließlich hatte ich Pläne, wollte Sport machen und mich spirituell weiterentwickeln und und und…

Tagebuch 27.07.2015:

“Es ist unerträglich heiß. Ich kann überhaupt nichts machen. Keinen Sport. Keine Spaziergänge. Selbst Denken fällt mir schwer und wenn ich meditiere, läuft mir der Schweiß von der Stirn hinunter. 40 Grad im Schatten. Ich fühle mich wie gelähmt. Ich bin so unzufrieden und freue mich, dass ich das Buch von Krishnamurti wieder hier habe. Ich kann einfach nicht den ganzen Tag herumsitzen.”

Ich ermahnte mich aber gleich wieder mit dem Satz: “Tu nichts und sieh, was geschieht.”

Denn darum ging es ja genau. Da meine Meditation damals noch immer Konzentration zur Meditation war, war es sehr anstrengend und deshalb schwitzte ich auch so dabei. Mein Gehirn lief auf Hochtouren, weil es versuchte, nicht zu denken. Ich hatte deshalb nach der Meditation immer extremen Hunger. Oft auch Kopfschmerzen.

Das muss man wirklich mal erlebt haben und dann begreift man sofort, wie sehr wir von unserem Denkapparat benutzt werden. Er lässt uns nicht 10 Minuten in Ruhe. Will uns von hier nach dort treiben und gibt uns ständig das Gefühl, wir würden irgendetwas verpassen, wenn wir nicht sofort dieses oder jenes erledigen würden. 

Er be- oder verurteilt alles und will auch seine gewohnte Umgebung und seinen altbewehrten Tagesablauf. Wer mit dem Meditieren anfängt, der wird sofort erkennen, dass wir Sklaven unserer Gedanken sind. Und Gedanken sind ja nur konditionierte Luftblasen. Also etwas Bescheuerteres gibt es doch wohl gar nicht, und das schreibe ich heute zum ersten Mal in meinem Leben so deutlich auf. 

Es dauert daher auch so furchtbar lange, bis wir von der Konzentration irgendwann einmal zur wahren Meditation durchdringen. Dafür muss Ruhe im Gehirn sein. Zwar hatte ich davon eine gewisse Vorstellung und bemühte mich sehr, diesen Zustand zu “erreichen”, aber was das wirklich bedeutete, davon wusste ich nichts. 

Nachdem ich während dieser Hitze glücklich wieder auf das Buch von Krishnamurti stieß, hielt ich mich daran fest. Das brauchte mein Verstand. Er konnte selbst an diesen Tagen, wo die glühende Luft mich fast blind und lahm machte, nicht einfach nichts tun. Wenn der Körper schon nichts machen konnte, dann wollte wenigstens mein Gehirn Futter, und wenn es eben spirituelle Worte sind. Aber wo ist da eigentlich der Unterschied? Nun, man hat das Gefühl, wenigstens etwas Sinnvolles getan zu haben. Haben, haben. Müssen, müssen… 

Heute schreibt hier jemand, der weiß, es ist der gleiche Sklaventreiber, der dies veranlasst. 

Ich notierte mir damals weiter einen Satz der Autorin Pupul Jayakar aus der Biografie von Krisnamurti (siehe Beitrag Bücher: Krishnamurti, Ein Leben in Freiheit), in dem sie während eines Spaziergangs eine intensive Wahrnehmung der Natur durch ihre Sinne beschrieb. Sie führte aus, dass ihr die Tränen kamen, weil es so überwältigend war. 

Anschließend schrieb ich darunter, dass ich dieses Gefühl kennen würde, weil ich hier im Süden so viel mehr im Kontakt mit der Natur war, als in Istanbul. 

Am schönsten ist es hier, wenn wir abends im Meer schwimmen. Die untergehende Sonne lässt das Meer Rosa, Hellblau und Lila aufleuchten. Das Wassers ist angenehm kühl und der Strand um diese Uhrzeit leer. Ein Glücksgefühl durchströmt mich. Ich freue mich wie ein Kind.”

Heute ist mir klar, dass Pupul Jayakar aus einer ganz anderen Ebene sprach, als ich damals. Mir war es 2015 noch nicht bewusst. Sie sprach tatsächlich aus dem Zustand der Meditation heraus. Das passiert, wenn wir uns auflösen in das was ist, hineinfallen und sozusagen mit allem um uns herum verschmelzen. Da ist niemand mehr da (keine Person/Bewerter/Urteilender), der so wie ich damals sagen könnte, wie schön hier alles ist. Wir erkennen, dass wir diese Schönheit selbst sind.

Um diesem Zustand endlich näher zu kommen, setzte ich mir mit Hilfe Krishnamurtis Aussagen Ende des Monats Juli 2015 folgende Richtlinien:

Tagebuch 31.07.2015:

  1. Beschäftige dich nur noch mit allem aus erster Hand,
  2. sei mit einem Wunsch allein,
  3. zieh den Mantel der Würde noch mehr aus, 
  4. sei für alles empfänglich, ohne zu werden,
  5. sei frei von dem Verlangen nach mehr, 
  6. lass den Verstand aufhören zu suchen,
  7. stirb jeden Tag, um jeden Tag von neuem geboren zu werden.

Und daran halte ich mich bis heute. Ich werde im nächsten Beitrag genauer darauf eingehen und wünsche euch jetzt zunächst ein wirklich wunderschönes Wochenende, Monika