So wollte ich leben (71)

Kennt ihr das? Dieser Moment ist gerade perfekt. Es könnte nicht schöner sein. Ich atme. Tief und lang ein und aus. Ich höre die Vögel und kann ihre Lebendigkeit spüren. Sie fliegen scheinbar wirr umher und zwitschern ganz aufgeregt. Die Schwalben, die Spatzen und die Tauben. Ein Hund bellt. Es ist nicht kalt und auch nicht warm. Es ist so bunt irgendwie. Mein Kleid, die Vorhänge und die Blumen um mich herum im Garten. Und diese Düfte all der Pflanzen, deren Blüten gerade in allen Farben explodieren. 

In meinem Körper vibriert es. Er wird immer lebendiger. Es fällt mir schwer, zu schreiben, obwohl ich fortfahren möchte. Ich will nicht in die Vergangenheit gehen, sondern ganz hier bleiben.

Aber stimmt das überhaupt, dass ich in die Vergangenheit gehen muss, um zu schreiben? Ist nicht alles immer hier? Ist es nicht das, was beim Aufwachen erlebt wurde? Wenn ich mich jetzt und hier daran erinnere, dass ich vor über 30 Jahren auf der Insel Kreta dachte, dass ich später mal genau so leben möchte, habe ich eine Ahnung davon, dass das auch alles in diesem Jetzt passiert. 

Wenn ich in einem Augenblick erfahren durfte, dass ich Buddha bin (siehe Beitrag: Ich bin Buddha) und auch die ganze Evolution, dann muss es doch auch so sein, dass ich in diesem Jetzt auch meine ganze Vergangenheit lebe, oder?

Kann man sich das vielleicht so vorstellen, dass es zwar alle geschriebenen Bücher gibt, aber wir nicht in der Lage sind, sie auf einmal zu lesen? Lass alle Bücher weg. Denke nur an ein einziges. Es steht in meinem Regal und enthält eine ganze Geschichte, auch wenn ich sie nicht gelesen habe. Und doch existiert sie und ich erfahre sie erst, wenn mein Verstand sie nach und nach gelesen hat. Dafür braucht er Zeit. 

Was aber, wenn der Gedanke der Zeit wegfallen darf? Dann ist alles da. Hier und jetzt und immer und ewig. Und ich erfasse es immer dann, wenn der Verstand still ist. Alles ist schon immer da und es taucht für mich das auf, woran ich denke. Was ich denke, das bin ich. 

Ich denke an dieses Haus, in dem ich lebe und daran, wie ich damals leben wollte. Der Kreis hat sich hier geschlossen. Und wenn es keine Zeit gibt, in welche Richtung schließt sich dann der Kreis? Wusste ich damals schon, dass ich heute so leben werde mit diesem Duft der blühenden Olivenbäume und liebte ich es deshalb so sehr, vor einer Ewigkeit auf Kreta Urlaub zu machen? Liebte die Hähne am frühen Morgen. Das Zirpen der Grillen in den warmen Sommernächten. Den Yoghurt mit dem frischen Obst und den Blick aufs Meer. Konnte ich damals sagen, so will ich wohnen, weil ich heute weiß, dass ich tatsächlich so wohne?

Es ist sehr merkwürdig, da immer mehr von diesen Momenten auftauchen, die mir das Gefühl geben, dass es keine Zeit gibt. Der Name der Straße, in der ich aufwuchs, die Namen meiner Kinder und der Drang, in jede Kirche gehen zu wollen und zu schauen, ob ich dort etwas fühlen oder finden würde. Da gab es immer diese Suche und ich hatte es selber gar nicht gemerkt. All das ergibt erst heute einen Sinn, weil ich heute darauf achte. Aufhöre, zu bewerten. Aufhöre, etwas zu wollen. Aufhöre, etwas zu erwarten. Nur lausche. 

Aber 2015 musste ich erst noch lernen, das so sehr ersehnte Haus, diesen Traum loszulassen. Und war es wirklich mein eigener Wunsch oder lebte ich die Sehnsucht meines Vaters? 

Die finanzielle Situation war hoffnungslos. Wir rechneten alles rauf und runter und es war klar, wir würden diesen Rohbau nicht beenden können. Wir sprachen mit Freunden und der Familie darüber und mir liefen dabei die Tränen. Aber ich war bereit, es zum Verkauf anzubieten und es als weitere Prüfung in meinem Leben zu akzeptieren. Ich wollte weiter lernen zu vertrauen, auch wenn es wirklich hart wird. 

Dann kam ein neuer Vorschlag auf. Ich könnte es an meine Große verkaufen. Sie könnte es dann fertigstellen und ich wohne dort. Mit dieser Idee kamen aber auch alte Ängste wieder in mein Leben und das Denken fing an: wenn ihr was passiert, dann geht es am Ende noch an den Vater und dann bin ich wieder von ihm abhängig. Wie konnte ich nur an den Tod meiner Tochter denken, tadelte ich mich. Und das als Yogini. Kaum besitzen wir etwas, haben wir Probleme. Können es nicht loslassen. Wollen nicht, dass es in anderer Leute Hände fällt.

Ich suchte Hilfe bei Gott. Las wieder Krishnamurti und versuchte zu begreifen, dass ich mit diesen ganzen Problemgedanken wieder in der psychischen Zeit herumwanderte. Was wird aus mir werden, wenn ich dieses oder jenes tue? Ich manifestierte damit mein Ego. 

Tagebuch 12.07.2015:

“… Also ich denke nicht nur daran, wie das JETZT ist mit meiner Situation, sondern auch, wie es werden wird, wenn ich es verkaufe und an diese oder jene Person verkaufe. Was wird dann aus MIR, MEINEM LEBEN, MEINEM WERDEN? Krishnamurti sagt, negiere daher jegliches Denken, welches den Wunsch trägt, das, was ist, in das, was sein sollte/könnte zu verändern. Dies führt zu einer direkten Wahrnehmung auf das, was ist und zur Befreiung aus der Zeit. Dann benutzt der Geist das Denken nicht, um sich selbst aufrecht zu erhalten. 

Dann existiert weder der Denkende, noch der Gedanke, weder Erfahrende, noch die Erfahrung. Der Mind, der im Werden oder im Streben gefangen ist, ist das Produkt der Zeit, die sich selbst transformiert. Aus diesem Ansatz der Negierung des Falschen im Moment seines Entstehens, ergibt sich die große Wahrheit.“

Mit solchen Sätzen versuchte ich mich weg von meinem Ängsten hin zum Wesentlichen zu wenden und zu lernen, alles zu akzeptieren. 

Zu dieser Zeit führte ich auch Gespräche hinsichtlich der Aufnahme in eine spirituelle Gemeinschaft, die von Param Sant Kirpal Singh gegründet wurde. Ich hatte schon ab und zu darüber in anderen Beiträgen berichtet. Meistens im Zusammenhang mit spirituellen Erlebnissen, die ich im Haus meiner Lehrerin spontan erlebte. 

Um dort aufgenommen zu werden, gibt es eine Art Probezeit, um zu schauen, ob man überhaupt mit den aufgestellten Bedingungen leben kann und möchte. Hierzu gehört vor allen Dingen, dass man keinen Alkohol trinkt oder Drogen nimmt, Vegetarier wird und auch keine Eier zu sich nimmt. Das erschien mir nicht sehr schwer, da ich sowieso schon wegen der Meditation nichts zu mir nahm, was mein Bewusstsein trüben könnte und über einen langen Zeitraum auch sehr wenig Fleisch aß. 

Ein viel größeres Problem war, dass ich Reiki gelernt und angewendet hatte. Zwischen der letzten Reiki-Anwendung und der Aufnahme in diese Gruppe müsse mindestens ein Jahr vergehen, sagte man mir. Das gleiche galt für Kundalini, aber davon hielt ich – ohne Kundalini Lehrer – sowieso nicht viel und wendete es daher auch nie an. 

Vielleicht wundert ihr euch genauso wie ich damals darüber, dass man wegen Reiki so einen Aufwand betrieb. Ich habe natürlich nachgefragt und auch interessante Antworten bekommen. Ich hörte von Menschen, die sich nach einer langen Praxis als Reiki Lehrer völlig am Boden zerstört fühlten. Ausgesaugt und ausgelaugt. Als wenn etwas anderes die Kontrolle über ihren Körper übernommen hätte. Sie wendeten sich in ihrer Verzweiflung an andere Meister, die das Band zwischen ihnen und den Geistern der Reiki-Gründern trennen sollten. 

Ich war total schockiert und dachte, dass so etwas doch gar nicht möglich sein kann. Ich selbst hatte doch Reiki extra gelernt, um mich nach gegebenen Yoga-Thai-Massagen nicht mehr so ausgelaugt zu fühlen. 

Dass Reiki funktioniert, konnte ich selbst erleben, da ich es bei Schülern angewendet hatte. Unter meinen Händen gab es starke Vibrationen und Hitze, die der Behandelnde spürte, obwohl es keinen direkten Körperkontakt gab. Auch habe ich Reiki bei mir selbst und meiner Familie benutzt. 

Aber ich hatte es auch lange nicht mehr aufgerufen und ich stellte mir selbst die Frage warum eigentlich? Und mir fielen die Zweifel ein, die immer da waren. Da waren diese Zeichen, die man in die Luft und somit in den Raum und über den Körper des Behandelnden zeichnete. Diese Symbole sollten für die Verbindung zu den verstorbenen Meistern und deren Energie führen. Warum nimmt man also Energie mit Toten auf und nicht mit Gott selbst? Das war doch dann nicht die richtige Quelle oder? 

Und als ich meine junge schöne Reiki-Lehrerin das letzte Mal sah, war sie völlig ergraut und sah um vieles älter aus. 

Ich fühlte mich aufgrund der Aufnahmebedingungen dieses Meisters in meinen Zweifeln bestätigt. Ich dachte darüber nach, auf was wir uns da eigentlich mit Reiki einlassen. Was war nun wirklich wahr und richtig? Ich wollte mit diesen ganzen esoterischen Dingen, Symbolen und Energien nichts zu tun haben. Ich wollte keine Heilerin oder Zauberin werden. Es ging mir um die Wahrheit. 

Nachdem ich mich auf die Probezeit eingelassen hatte, die wegen Reiki nun statt drei Monate fast ein Jahr dauern sollte, stand ich unter dem Schutz des Meisters. Und egal, was man hier glauben mag oder nicht, einige Monate später hatte ich ein sehr extremes Erlebnis, worüber ich noch berichten werde, wenn es im Tagebuch an die Reihe kommt. 

Wer in Reiki ausgebildet wurde weiß, dass die Öffnung für die eintretende Energie sich an einer bestimmten Stelle im Nacken befindet. Genau dort sollte bei mir später ein Blitz einfahren und da war mir klar, dass das hier alles keine Spielchen sind, auf die man sich mit seinem Körper und Geist bei Reiki einlässt. Ich bin selbst schon sehr gespannt darauf, was ich damals in mein Yoga-Tagebuch notierte. Ich kann mich auf jeden Fall daran erinnern, dass ich ziemlich geschockt und anschließend auch krank war. 

Während mich also das Leben noch immer hin- und herschaukelte, war ich tapfer bemüht, mich mit Sätzen der Weisen über Wasser zu halten. Nicht nur die Wechseljahre, sondern auch die Sorgen über eine ungewisse Zukunft, der baldige Verkauf des Hauses und diese sehr anstrengende spirituelle Reise führten zu sehr viel Schwindel, so dass ich nicht mal mehr ins Meer schwimmen gehen konnte.  

Hinzu kam, dass im gemieteten Haus meines Schatzes der Vermieter in der ausgebauten Garage seine Tante unterbrachte. Es führte eine Treppe von unserem Flur in diese unteren illegalen Räume und eine richtige Wand gab es nicht. Die haben einfach einen Schrank davor gestellt und das war es. So drang jedes gesprochene Wort von unten zu uns nach oben. Wenn es nur Worte gewesen wären, wäre es vielleicht auch noch in Ordnung gewesen aber es waren Schreie, die uns Tag und Nacht aus der Ruhe rissen. 

Die arme Frau war sehr krank, wurde 24 Stunden am Tag betreut und ihre Schreie waren die einer Wahnsinnigen. Ich wusste, das würde ich auf Dauer nicht aushalten. Angeblich war sie nur vorübergehend dort untergebracht. Später ging ich sie mal besuchen und schaute in ihre Augen. Ihr Blick traf mich wie ein Schlag und lange verfolgte mich diese Dunkelheit. Darüber werde ich später ebenfalls berichten. Ich denke, dass ich mir dazu Notizen gemacht haben muss.  

Ich hatte außerdem das Gefühl, ich war aus Istanbul und dem prallen und lauten Leben geflohen und es kam mir jetzt hier hinterhergelaufen. Die Frau unten im Keller und die Istanbuler, die alle über die Feiertage zu ihren Sommerhäusern kamen, waren ein Zeichen dafür. 

“Ich schaue in den Spiegel und denke an Krishnamurtis Worte: Ist das Herz eines Menschen leer, ist sein Gesicht hässlich. Betrachte hin und wieder dein Gesicht im Spiegel. Zu lieben heißt, einfach und unbestechlich zu sein.”

Tagebuch 17.07.2015:

“Heute ist Bayram. Ich bekam den Kaffee ans Bett, wie jeden Morgen von meinem Schatz. Ich las einiges von Krishnamurti, machte Yoga und dann sind wir zum Strand gefahren, damit ich kurz ins Meer gehen konnte. Danach gab es eine Dusche und Frühstück. Ich las wieder Krishnamurti und dann schlief ich tatsächlich ein. Ein Mittagsschlaf. So etwas kannte ich bisher noch nicht. Nie hatte ich die Ruhe dazu. Ich träumte:

Traum: Ich bin am Strand und dort liegt ein großer Stein, der glitzert. Ich denke im Traum, ich hätte von einem vergoldeten großen Stein geträumt. Ein Stein, wie er sich in meinem Haus in der Steinmauer befinden soll. 

Traum: Ich bin in einem Drogeriegeschäft und neben mir befindet sich der neue Eigentümer meines ehemaligen Yoga-Studios. Während ich mit ihm spreche, wird von einer dritten Person die Kasse ausgeraubt. Der Dieb sagt, ich bring das Geld gleich zurück und lief davon. Ich schaue in den Spiegel vor mir und sehe, dass ich helle Rastalocken habe. Ich frage meine Begleitung, warum er mir nichts darüber sagte. Ich fasse an meinen Kopf. Es fühlt sich sehr fremd und merkwürdig an.“

Dieser zweite Traum kann in sehr vielen Richtungen ausgelegt werden, zumal die Frau meines Begleiters, von der ich mich extrem verarscht fühlte, früher solche Rastalocken hatte. Damals konzentrierte ich mich bei der Auslegung dieses Traumes auf die Locken, die ein Zeichen für die Erfüllung geheimer Wünsche sind und auf bessere Zeiten hinweisen. Heute denke ich, dass es auch sehr viel mit der Person selbst zu tun hatte. Ich war sie und sie war ich. Der Spiegel.

Der erste Traum schließt den Kreis wieder, denn die Wand, auf die ich gerade schaue, besteht aus wunderschönen glitzernden Natursteinen. 

Etwas in mir wusste damals schon so viel mehr als mein Verstand, der sich stets nur auf die Sorgen konzentrieren wollte. Mit Yoga/Meditation konnte ich immer wieder hierher zurückkommen und deshalb bin ich froh, dass ich mich nicht mehr von meinen Sorgen überwältigen ließ, sondern weiter forschte.