Universelle Liebe oder wie ich zur Mörderin wurde (70)

Diese Seite auf meinem Blog heißt “scheinbarer” Yoga-Weg, und das darf man bei allen Beiträgen nicht aus den Augen verlieren. Es scheint so, als gäbe es einen Weg und somit ein Ziel. Wahrheit/Gott/Weisheit zu erlangen kann jedoch nur dann geschehen, wenn wir genau das Gegenteil machen, nämlich weg von der Zeit, weg vom Willen (der sich auf die Zukunft richtet) kommen.  

Und genau das lernen wir auf dieser inneren Reise, und daher sieht es so aus, als würde ich mich hier als Person irgendwohin entwickeln. Tatsächlich wiederholt sich jedoch im Wesentlichen alles Tag für Tag. Die Probleme und Sorgen wandeln sich nur unerheblich. Es kommt daher nicht darauf an, die Probleme abzuschaffen und sich dann wieder fröhlich dem Vergnügen hinzugeben, bis die nächsten Probleme auftauchen und wir wieder völlig fertig sind. 

Und so scheint es, als würde auch ich die gleichen Geschehnisse aufzeichnen, und tatsächlich ist es auch so. Da sind die Sorgen, die wir alle irgendwo haben, und dann sind aber statt des Jammerns und des Selbstmitleids, was automatisch immer wieder aufkommen will, die Ausrichtung auf das Hier und Jetzt, das Stillwerden und die Akzeptanz und das Sitzenbleiben. Das war es, was ich von den jahrtausendalten Schriften lernen durfte. 

Wie schwer das auch für mich war, möchte ich euch hier zeigen. Auch bei mir passierte nichts von heute auf morgen. Es brauchte Geduld. Da muss einiges im Gehirn neu vernetzt und verändert werden. Die Konditionierung aufgebrochen werden. Das Zurückkommen auf den Moment und sich nicht in eine sorgenvolle Zukunft oder in das scheinbare falsche Verhalten anderer Menschen zu verlieren, ist das Ziel. Also immer wieder still sein und nicht darauf zu hören, was uns der konditionierte Verstand erzählen will. 

Das erste Halbjahr 2015 schloß ich mit neuen Zielen für das darauffolgende Halbjahr ab. Dabei wurde ich noch immer stark motiviert von Swami Sivanandas Buch “Sadhana” (spirituelle Praxis). 

Tagebuch 30.06.2015:

“Einmal in der Woche werde ich wieder schweigen (Mittwoch), einmal in der Woche eine Metta-Meditation durchführen (Freitag) und jede Nacht um 04.00 Uhr meditieren.”

Ich versuchte mich an die Hinweise von Sivananda zu halten und auf alles was mich umgab, mit universeller Liebe zu blicken,  um zu begreifen, dass die ganze Welt mein Körper ist. 

Ich versuchte, die Schranken zwischen mir und allen anderen Menschen aufzuheben, weil alle Vorstellungen über andere nur aus einem Überlegenheitsgefühl herrühren oder ihren Ursprung in Unwissenheit oder Täuschung haben. 

Ich versuchte mir vorzustellen, dass mein Körper ein bewegender Tempel ist, egal, ob ich beim Einkaufen, im Auto oder beim Spaziergang war und zu verinnerlichen, dass alle Wesen Bilder Gottes sind. Denn Gott arbeitet durch alle Hände, sieht durch alle Augen, hört durch alle Ohren. 

Und wenn ich spürte, dass mich die Sorgen um meine Zukunft wieder einholen wollten, griff ich auch zu der Autobiographie von Paramahansa Yogananda. 

Tagebuch 01.07.2015:

“Ich musste einfach wieder mal ins Buch von Paramahansa schauen. Es gibt mir Kraft und Trost, wenn ich an meine ungewisse Zukunft denken muss und die Geldsorgen, die mich gerade wieder plagen. Nur mein fester Glaube und die Meditationserlebnisse helfen mir aus diesen sorgenvollen Gedankenkreisen heraus. Gott-Vertrauen habe ich von Paramansa gelernt und auch was Liebe und Güte bedeuten.”

Tagebuch 02.07.2015:

“Ich habe es heute Nacht nicht geschafft, um 04.00 Uhr aufzustehen. Ich habe geträumt. 

Große Raupen, so groß wie meine Finger, bewegten sich an einem Baum. Später hatte ich eine davon auf meinem Oberschenkel. Über mir große Hummeln, die näher betrachtet wie fliegende Schafe aussahen. 

Ich betrachtete dieses Schauspiel liegend vom Bett aus, indem ich mit einem Mann (mein Ex-Mann?) war. Der Baum ragte über uns empor. Ich streckte meinen Finger nach oben zu den Ästen aus und wurde sogleich gestochen. Ich sah einen großen dunklen Stachel, der viel größer war als das fliegende Tier selbst und wunderte mich darüber, wie es diesen Stachel überhaupt tragen und als Waffe einsetzen konnte. Mein Ex musste diesen Stachel herausziehen. Ich sagte zu ihm, dass ich ihn lieben würde und dachte gleichzeitig darüber nach, ob das überhaupt stimmte. Traum Ende. 

Heute Morgen musste ich daran denken, dass wir als kleine Kinder auf der Straße spielten und Hummeln fingen. Die Büsche blühten am Straßenrand und es gab unendlich viele Insekten. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob die Tiere dieses makabre Spiel überlebt hatten. Es erscheint mir heute so grausam. Auch haben die Kinder Spinnen gesammelt und ihnen die Beine ausgerissen. Ich glaube nicht, dass ich das auch getan hatte und doch ist es mir in Erinnerung geblieben. “

Die Deutungen dieses Traumes sind sehr vielfältig. Ich glaube, hier habe ich einiges aus meiner Kindheit und meiner geschiedenen Ehe verarbeitet, und manches hat sicher auch eine spirituelle Bedeutung. 

Raupen sind ein Zeichen für Veränderung. Vielleicht hatte ich hier endlich all das alte Leid, was mit dieser Trennung und Scheidung zusammenhing hinter mir gelassen und den schmerzenden Stachel im Traum (in Form von meinem Ex) selbst gezogen? Denn all meine Bemühungen für eine freundschaftliche Versöhnung und einen gesunden Umgang miteinander – schon wegen der Kinder – wurden immer blockiert und abgelehnt. Er wollte diesen Stachel noch immer mit sich herumtragen. Ich nicht mehr. 

Raupen in Schwärmen können auch Ärger und finanziellen Verlust bedeuten oder dass sich jemand als etwas entpuppen wird, wie man ihn so noch nicht kennt. 

Spirituell bedeuten Raupen ein unbewusstes Potential, welches seine Schönheit noch entfalten muss. 

Hummeln, die unruhig herumschwirren, bedeuten unreife Gedanken oder auch Unbeholfenheit im Umgang mit anderen.

Eine Woche nach diesem Traum verließ ich Istanbul und fuhr in meine neue Heimat, an die Nordägäis. Natürlich hatte ich nach meiner Ankunft erst einmal eine ordentliche Migräne, weil mir die Trennung von meinen Kindern so schwer fiel. Der Verstand war mit der Trennung völlig einverstanden aber jede Zelle meines Körpers weinte noch sehr sehr lange. 

Tagebuch 08.07.2015:

“Schlimmer als meine eigenen Zukunftsängste ist der Schmerz, den ich gerade aufgrund der Trennung von den Kindern spüre. Sie brauchen mich nicht mehr. Die Mutterrolle ist zu Ende. Ich weiß, wir sind uns sehr nah, auch nach der Trennung. Ich weiß auch, dass sie unheimlich stark sind und das wiederum macht mich glücklich. Der kleine Löwe und der Skorpion. Sie werden alles schaffen, was sie wollen.

Mein Schatz ist an meiner Seite und streicht mir übers Haar, während ich weine und der Schmerz sich in meinem Kopf langsam auflösen kann. Ja, ich werde hier meinen Rhythmus finden. Meinen Yoga-Weg gehen. Das ist meine Aufgabe und sonst nichts. Nun habe ich endlich die Zeit dafür. Heute schweige ich und stoße nach langer Zeit mal wieder auf das Buch über Krishnamurti (…). Ich lese und meditiere darüber, was ich dort lese: 

Wenn man sich bewusst wird, welche Verstrickung es mit sich bringt, ständig auf andere zu schauen, wird man frei davon, und diese Freiheit ist der Auftakt zur Entdeckung der eigenen Kreativität. 

Diese Freiheit ist wahre Rebellion und nicht die Pseudorevolution sozialer oder wirtschaftlicher Lösungen. Eine solche Revolution ist nur eine weitere Form der Versklavung. 

Unser Verstand baut sich kleine Burgen der Sicherheit. Wir möchten uns aller Dinge sicher sein – unserer Beziehungen, unserer Erfüllung, unserer Hoffnungen und unserer Zukunft. Wir bauen diese inneren Gefängnisse auf, und wehe dem, der versucht, uns dabei zu stören.

Es ist seltsam, wie unser Verstand unablässig versucht, eine konfliktfreie Zone zu schaffen, in der uns nichts stören kann. Unser Leben besteht aus nichts anderem als dem ständigen Zusammenbrechen und Wiederaufbau – in verschiedenen Formen – dieser Sicherheitszonen. So stumpfen wir innerlich ab.

Freiheit besteht darin, keine Sicherheit – welcher Art auch immer – zu haben.” (S. 260) 

Ich verstehe ganz genau, was Krishnamurti damit meint. Nur allzu gut kenne ich mein eigenes Bedürfnis nach Sicherheit. Ich weiß, dass ich hier weiterhin sehr achtsam sein muss, um diese Gewohnheit meines Verstandes immer wieder aufzudecken. 

Wie sehr mir Yoga schon geholfen hat erkenne ich daran, dass zwar aufgrund meiner Konditionierung immer wieder Zukunftsängste auftauchen, ich diesen aber nicht nachgehe. Ich konzentriere mich auf das, was hier ist und nicht auf das, was sein könnte. Ich vertraue einfach. Wird es schwerer, so soll ich noch lernen. Ich werde weiter versuchen, diesen Weisheiten zu folgen,  scheinbare Sicherheiten loszulassen und auch meinen Willen.”

Anschließend las ich weiter und notierte: 

“Das eigentliche Problem ist, vom Willen frei zu werden… Wenn man wahrhaft erkennt, was Gewohnheiten bedeuten, was es heißt, sich an Dinge zu gewöhnen, zu wählen, zu benennen, ein Interesse zu verfolgen, wenn man sich all dessen bewusst ist, dann geschieht das eigentliche Wunder: DER WILLE VERSCHWINDET.

Experimentiere damit, sei dir all dessen bewusst, von Moment zu Moment, ohne den Wunsch, irgendwo anzukommen.” (S. 264).”

Die nächste dramatische Wiederholung stand vor meiner Tür, denn es musste entschieden werden, welche Universität die Kleine besuchen wird, und hierfür mussten wir uns mit dem Vater der Kinder unterhalten. Mein Exmann konnte mich als Person selbst nicht mehr kränken oder enttäuschen, aber wenn es um die Kinder ging, war ich immer noch sehr verletzlich. Über universelle Liebe zu lesen und dem intellektuell zuzustimmen ist etwas ganz anderes, als es zu leben und zu praktizieren. Gott auch in meinem Ex zu sehen war mir wohl noch nicht möglich, denn im Traum wurde ich für meine Kinder zur Mörderin. 

Tagebuch 10.07.2015:

“Gestern mit den Kindern und ihrem Vater über Skype gesprochen. Es ging um die Auswahl der Universität. Es scheint so, als würde er noch unhöflicher geworden sein und ich sehe, wie die Kinder genauso darunter leiden, wie ich es immer tat. Er wirkt böse und verbittert. 

Mir ging es nach diesem Gespräch überhaupt nicht gut. Interessanter Weise riefen mich gestern auch die türkischen Verwandten an, zu denen ich ein ganz freies und herzliches Verhältnis habe. Ich erfahre, dass sie selbst zu meinem Ex gar keinen Kontakt mehr haben. Ich erfahre auch – eher zufällig – dass er Geld für Immobilien erhalten hat, wovon er mir eigentlich einen Teil zukommen lassen wollte, da ich in den letzten 10 Jahren fast ausschließlich alleine für den Unterhalt der Kinder gesorgt hatte. Dieser Verkauf fand schon vor mehr als einem Jahr statt und diese Nachricht schockierte nicht nur mich, sondern auch die Kinder. Er hatte uns demnach seit einem Jahr angelogen. 

Kein Wunder, dass ich heute Nacht diesen Traum hatte: Ich habe ihn (den Vater der Kinder) mit Erdbeermarmelade vergiftet. Ich war mir aber nicht sicher, ob man davon wirklich stirbt. Ich hatte nur gewusst, dass die Marmelade nicht gut ist und sie ihm daher zugeschoben. Er hat sie gegessen. Ich überlegte die ganze Zeit, ob ich ihm sagen soll, dass sie schlecht ist oder nicht. Traum Ende. 

Deutung: Natürlich wird so ein Traum über Vergiftung negativ ausgelegt. Er offenbart Emotionen, wie Wut und Hass und den Wunsch, Probleme mit einem Schlag lösen zu wollen, was jedoch zu noch mehr Schwierigkeiten führen wird. 

Ich werfe ein Blick auf mein Konto. Da ist nicht genug drauf, um die Kreditkartenschulden für diesen Monat zu bezahlen. Die Kleine wird in Kürze ihren 18. Geburtstag haben und ich weiß nicht, ob ich ihr überhaupt irgendetwas schenken kann.” 

Ich notierte mir anschließend wieder meine ganzen Ängste und Sorgen, um sie mir einerseits bewusst zu machen und andererseits aus dem Kopf zu bekommen und auf dem Papier zu lassen. Ich spürte auch, wie sich diese Sorgen wieder im Körper manifestierten. Im Rücken und in der Schulter. Alles in mir wurde hart und der Kopf fing wieder an zu schmerzen. Ich schrieb alle Möglichkeiten auf, wie das angefangene Haus zu verkaufen, meinen Ex zu verklagen, mein Leben zu beenden oder ins Kloster zu gehen. 

Ich bat um Kraft und Liebe und wünschte mir von ganzem Herzen, noch einmal das liebende Licht sehen zu dürfen. 

Aber egal, wie verzweifelt ich auch war und was ich auch darüber notierte, so endeten meine Tagebuchaufzeichnungen an solchen Tagen nie dramatisch. Wie immer, übernahm ich auch an diesem Tag wieder die Verantwortung für die Situation und für mein Wohlergehen. Ich richtete den Blick auf das, was wirklich wichtig war und zog mich selbst wieder an den Haaren aus dem Gedankensumpf heraus:

Darf ich auf ein Leben mit Gott hoffen? Kirshnamurti sagte einmal, dass man Gott auch mit Freude erreichen kann. Das wäre der einfachste Weg. Er hätte aber noch nie jemanden getroffen, dem das gelungen wäre. Dies ist für die meisten Menschen unmöglich, weil die Menschen, die voller Freude sind, ihn nicht suchen würden.

Und Sivananda? Der war Arzt und permanent mit seinem Ashram verschuldet. Und hatte er nicht trotzdem immer weiter gemacht und gegeben? 

Ich sage mir: Meditiere mein Herz!” 

Und das tat ich dann auch. 

Tagebuch 11.07.2015:

“Wir haben über das Haus gesprochen. Wir schaffen es nicht, es fertig zu bauen und wir werden es wohl in diesem Zustand (Rohbau) verkaufen müssen. Das werde ich nicht so einfach wegstecken können. Es wird viel Kraft und jede Menge Meditation bedürfen, um es loslassen zu können. 

Wie immer nehme ich Paramahansas Buch in die Hand und versuche dort einen Satz zu finden, der mir hilft und ich lese, dass er 1931 schrieb (S. 92): Wir müssen anfangen zu erkennen, dass es etwas unendlich viel Größeres gibt, als Geburt und Tod. Wir müssen lernen, das zu verstehen und ich weiß, dass das enorme Anstrengung kostet.”

Und nachdem ich diese Worte las, will ich nichts anderes, als meditieren. Ich weiß, alles andere wäre absolute Zeitverschwendung.”

Das mache ich auch noch heute. Mit mir selbst im Kopf zu diskutieren oder Probleme zu analysieren führt nirgendwo hin. Sobald ich sitze und still bin, ist alles gut. Mehr als DAS gibt es nicht!

Ich wünsche euch wie immer ein wunderschönes Wochenende, Monika