Palmenzweige

Im Juni 2015 war ich auf dem Sprung und wartete auf einen neuen Lebensabschnitt. Meine Tage in der Metropole Istanbul waren gezählt. Das bedeutete neben einem Ortswechsel vor allen Dingen auch die Trennung von meinen beiden inzwischen erwachsenen Kindern. Jede Mutter weiß, wie sehr das schmerzt. Es ist, als würde man in Stücke gerissen, denn seit 25 Jahren, also die Hälfte meines Lebens, war ich neben allen anderen Aufgaben vorrangig immer “die Mama” gewesen. Das jetzt loszulassen und mich wieder auf mein eigenes Leben zu konzentrieren war eine große Herausforderung. 

Ich hatte einen neuen Lebenspartner, einen echten Freund und Kumpel an meiner Seite und ich hatte den Yoga-Weg. Diese innere Reise würde nun meine ganze Aufmerksamkeit bekommen können. Nichts würde mich mehr davon abbringen oder ablenken können. Diese neue Perspektive war der süße Teil der Trennung und ich freute mich unheimlich darauf, immer mehr Vertrauen aufzubauen und Gott näher zu kommen.  

Tagebuch 20.06.2015:

“Die neuen Eigentümer meines ehemaligen Yoga-Studios heiraten und ich war eingeladen. Ich bin aber nicht hingegangen. Ich hatte keine Lust und außerdem Kopfschmerzen. Mir ist nicht nach feiern. Ich möchte nicht unter Menschen. Istanbul macht krank. Der Lärm macht krank. 

Meine Kleine hat morgen ihre letzte “Abiturprüfung.” Das sind unsere letzten gemeinsamen Tage hier in Istanbul. Nach ihren Prüfungen werde ich die Stadt verlassen und an die Ägäis zu meinem Schatz ziehen, der dort schon ein Haus gemietet hatte und seit einem Jahr auf mich wartet. 

Ob unser eigenes Haus dort jemals fertig werden wird, weiß ich nicht. Würde ich nicht meditieren und Yoga machen, würde ich mir wohl, wie früher, den Kopf darüber zerbrechen. Heute denke ich, es wird so kommen, wie es kommen soll. Eine andere schöne Möglichkeit wäre auch, alles zu verkaufen und mit einem Wohnwagen durch die Welt zu ziehen. Die Welt sehen und Yoga unterrichten. Wer weiß, wo diese Gedanken noch hinführen werden.”

Wie gut, dass ich das Grübeln lassen konnte. Wer meditiert, der grübelt nicht mehr. Man erkennt sofort, dass das keinen Sinn ergibt und reine Energieverschwendung ist, und dann kann man dieses Gerede im Kopf einfach durchziehen lassen. Nie wurde irgendetwas erfunden, verändert oder geschaffen durch Grübeln. Meistens kam es doch immer ganz anders, als man dachte. Wenn wir nicht grübeln, hat das Leben die Möglichkeit, uns zu überraschen. 

Unser Haus stand seit vielen Monaten als Rohbau an der Ägäis auf einem Hügel und der Wind zog durch alle Öffnungen. Es wartete dort einfach auf uns. Da wir kein Geld mehr hatten wußte ich, dass es nicht an uns liegen wird, ob es fertig wird oder nicht. 

Die ganze Zukunft und somit die äußeren Umstände einfach an Gott/das Universum abzugeben waren Standardsätze, die ich in jedem Yoga-Buch lesen konnte. Ich hatte schon gelernt, immer mehr loszulassen, weil mir inzwischen ganz klar war, dass ich als Person tatsächlich gar nichts in der Hand habe. Alles um mich herum passiert irgendwie. 

Was ich aber ändern konnte war, wie ich mit allem umging und fertig wurde. Ich beschäftigte mich wieder mit einem Buch “Sadhana” von Swami Sivananda und schrieb am gleichen Tag in mein Tagebuch:

“Entsagung ist nötig. Verbessere dich. Schule den Charakter. Reinige dein Herz. Werde erst ein guter Mensch, dann kontrolliere die Sinne, dann unterwirf den niederen Geist unter den höheren Geist. Dann wird sich das göttliche Licht herabsenken. Spirituelles Leben ist schwierig und anstrengend. Dauernde Achtsamkeit und große Ausdauer sind zum Fortschritt erforderlich. Leiden sind verkleinerte Gaben, die die Seele reinigen.” 

Wenn ich solche Zeilen notierte, versuchte ich darüber zu meditieren. Ich wollte an mir arbeiten und das Beste aus mir herausholen. Ich konnte mir keinen schöneren Weg für meine Zukunft vorstellen. Ich war es sowieso gewohnt, immer hart zu arbeiten und diszipliniert bei einer Sache zu bleiben. Ich würde es schaffen. Ich glaubte fest daran, dass ich diesen Weg gehen konnte. Nichts anderes interessierte mich. 

Tagebuch 21.06.2015:

“Heute war der letzte Prüfungstag meiner Kleinen. Endlich hat sie diesen Stress hinter sich. Nun ist sie keine Schülerin mehr.

Ich schon, denn ich bin eine Lernende/Übende/Sadhaka, und laut Sivananda wird der Übungsweg/Sadhana von drei Faktoren bestimmt: 

  1. Ständiges Denken an Gott 

(und tatsächlich bin ich die letzten Nächte nur damit eingeschlafen und aufgewacht. Der letzte Brief der Self Realization Fellowship enthielt ein Gedicht von Paramahansa Yogananda und dort stand am Ende jedes Reimes dreimal hintereinander das Wort: Gott Gott Gott. Ich habe dieses Wort immer und immer wieder wiederholt, bis ich eingeschlafen bin. Und damit wurde ich dann auch wach. 

  • Entwickeln von Tugenden vor allem
    • Gewaltlosigkeit (ahimsa)
    • Wahrhaftigkeit (Satya)
    • Enthaltsamkeit (Brahmacharya)
  • Alle Aktivitäten spiritualisieren. 

Spüre, dass du ein Werkzeug in den Händen des Herrn bist und das alle Sinne ihm gehören. Ich bin Dein. Alles ist Dein. Dein Wille geschehe. Dies sind gute Übungssätze für die Selbstaufgabe.” 

Ich muss zugeben, dass hört sich für jemanden, der sich nicht mit Yoga beschäftigt hat, ziemlich fanatisch an, und auch ich hätte niemals mit solchen Sätzen meine Yoga-Praxis anfangen können. Ich hätte Yoga sofort abgelehnt. 

Aber wer hier einen Teil mitgelesen hat weiß, dass ich erst nach fünf Jahren an diesen Punkt kam. Ich glaubte nicht mehr an Gott, ich wusste, dass Gott/Wahrheit/Weisheit existiert und ich wollte mit allen Mitteln Fortschritte machen. Ich wusste, dass dies alles nur Hinweise waren, die mir helfen sollten, bei der Sache zu bleiben und nicht in meine alte Sicht auf diese Welt zurückzufallen. Ich hatte daher keine Berührungsängste mehr mit solchen Übungen. 

Ich hatte weder von meinen Eltern noch in der Schule oder sonstwo gelernt, dass man demütig sein sollte. Ich kannte dieses Wort gar nicht. Hatte es vor Yoga nie in meinem Leben benutzt. Dabei sind es doch gerade die Menschen, die Dankbarkeit und Demut kennen, die glücklicher und zufriedener im Leben sind. Das heißt nicht, dass man sich nicht über Glücksmomente freuen darf oder über Geschenke, viel Geld oder eine schöne Reise. Aber mein Lebensglück hängt heute nicht mehr davon ab. 

Was ich als Kind gelernt hatte war, dass ich Angst haben muss, wenn mir etwas Gutes geschieht, weil dann unweigerlich auch etwas Schlechtes geschehen wird. Ich hatte nicht gelernt, dass ganze Leben in vollen Zügen aufzusaugen und zu feiern, sondern es immer misstrauisch zu beäugen, weil jeden Moment etwas ganz Schlimmes auftauchen kann. Das war keine Demut, sondern pure Angst vor dem Leben.

Tagebuch 22.06.2015:

“Swami Sivananda schreibt über Demut, dass sie die fundamentale Basis für alles Gute im Leben ist, als Stütze und Bewahrer der erworbenen Tugenden dient, als Rüstung und Schild gegen moralischen und spirituellen Stolz wirkt. 

Ich habe zwei Stunden darüber meditiert und auf meinem Scheitel gab es heute nicht nur ein Kribbeln, sondern es hat dort richtig weh getan.”

Tagebuch 23.06.2015:

“Sivananda: Schließe alle 1-2 Stunden für 1-2 Minuten die Augen und denke an Gott und seine göttlichen Eigenschaften, wie Barmherzigkeit, Liebe, Frieden, Freude, Erkenntnis, Reinheit, Vollkommenheit usw. Tue das beim Laufen, Arbeiten, vor dem Einschlafen… Der Körper als bewegender Tempel Gottes. Alles soll zu Yoga werden.”

Tagebuch 24.06.2015:  

“Sivananda: Bleibe nicht stehen, auch nicht für einen Augenblick, denn auf dem Pfand der Heiligkeit und Vollendung stehenzubleiben, ist nicht, wie Mut fassen oder Atem holen, es ist zurückfallen und schwächer werden als zuvor.”

Tagebuch 25.06.2015:

“Heute hatte ich meinen letzten Unterricht im Yoga-Studio. Meine Schüler, meistens Frauen, brachten mir kleine Geschenke mit und bedankten sich sehr herzlich. Der Abschied war emotional besonders schwer für diejenigen, die ihren ersten Yoga-Unterricht mit mir begonnen hatten und so zu Yoga fanden. Meine Gefühle sind heute ganz gemischt. Da sind Freude und Trauer, aber gleichzeitig ist vor allen Dingen eine große Last von mir gefallen. 

Ich spüre auch ganz stark den Konflikt, den es zwischen mir und der neuen Eigentümerin gibt, die heiratet und eine Hochzeitsreise ins Ausland macht, ohne vorher bei mir ihre Schulden für das Studio zu bezahlen. Die keine Worte der Dankbarkeit hatte und sich grob und schroff mir gegenüber verhielt. Ich glaube, genau dieses Verhalten trieb mich endgültig aus diesem Studio und sorgte dafür, dass ich auch nicht daran dachte, später irgendwelche Projekte mit ihr machen zu wollen. 

Ich kehrte dem Studio für immer den Rücken mit dem Gefühl, selbst etwas sehr Gutes hinterlassen zu haben. 

Ich nehme mir vor, dass ich wieder mit dem Schweigen anfangen werde. Immer Mittwochs.”

Tagebuch 26.06.2015: 

“Sivananda: Für Fortschritte in der Meditation ist es wichtig, zu schweigen, leichte Kost zu essen, abgeschieden zu leben, einen persönlichen Kontakt zu einem Lehrer zu haben und sich an einen kühlen Ort aufzuhalten.

Da ich Istanbul bald verlassen werde, mit dem Schweigen schon wieder angefangen habe, hapert es nur noch an der Diät und einem Lehrer. Allerdings dürfte mein neuer Aufenthaltsort an der Ägäis eher heiß statt kühl werden. Wie wichtig das Schweigen ist, weiß ich aus eigener Erfahrung. Sprechen verbraucht viel Energie. Man lernt, nicht mehr unkontrolliert zu schwatzen und den Zorn zurückzuhalten. Man lernt nicht nur, erst zu überlegen und dann zu sprechen, man lernt auch, besser zuzuhören. Es kommt nicht mehr so leicht zu verbalen Verletzungen. 

Versuche in jedem das Gute zu sehen. Siehe Gott überall. Entwickle universelle Liebe.”

Tagebuch 28.06.2015: 

“Sivandanda: Wahrheit, Wissen und Unendlichkeit ist Brahman (göttliche Allmacht).

Es gibt vier Zustände: Wachzustand, Traumzustand, Tiefschlaf und Turiya (Zustand des Überbewusstseins). Der Vedanta-Schüler arbeitet mit diesen und in diesen vier Zuständen. 

Die Wissenschaft jedoch benutzt nur den ersten Zustand. Deshalb ist sie auch unterlegen und unvollständig.”

Ich notiere mir noch am gleichen Tag, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Streben nach dem Angenehmen und dem Streben nach dem Guten. Das erste lässt anhaften und das zweite befreit. 

Wie sehr mich die Texte von Swami Sivananda in den letzten Tagen beeinflusst hatten, sehe ich heute in meinem Yoga-Tagebuch. Besonders die Beschreibung der vier Zustände muss irgendetwas in mir bewegt haben. Ich hatte natürlich schon öfter über den vierten Zustand gelesen, aber wie soll man das wirklich verstehen können, wenn man es nicht selbst erlebt hat. In der kommenden Nacht sollte ich wieder einen Traum erleben, der mir zeigen wollte, was damit gemeint sein könnte. 

Dass der Wachzustand tatsächlich auch ein Traumzustand ist, kann man allerdings erst begreifen, wenn man aufgewacht ist. 

Tagebuch 29.06.2015: 

“Ich habe geträumt und im Traum gemerkt, dass ich träume. Dann dachte ich, wenn das so ist, dann kann ich ja jetzt auch fliegen und fing an, mich in die Luft zu erheben. Ich schaute nach unten und sagte zu den Leuten unten auf dem Boden (da waren auch meine Kinder und ein Mann, mein Ex?): seht ihr, hab ich doch gesagt, dass man fliegen kann. 

Ich wachte morgens sehr glücklich auf und war überrascht, dass ich mit meinem Bewusstsein in die Traumwelt eingreifen konnte. Und passt das nicht sehr zu dem, was ich gestern in mein Tagebuch schrieb? 

Ich bin wie immer in der letzten Zeit mit den Gedanken an Gott eingeschlafen. Ich habe eine Liste mit Liedern auf dem PC und dem Handy gespeichert, die ich manchmal ablaufen lassen, wenn ich Yoga mache. Es sind typische Yoga-Lieder und obwohl das Lied “Hara Hara Maradev” vo Krishna Das nicht mein Lieblingslied auf dieser Liste ist, taucht es immer wieder in meinem Kopf auf. Morgens, wenn ich aufwache und selbst wenn ich in der Nacht aufs Klo gehe, höre ich das Lied und will es vor mich hersingen. Ich verstehe nicht einmal den Text. Was bedeutet das überhaupt? Ich notiere:

Hara und Mahadev sind Namen von Shiva und rufen den Gott Shiva herbei. Mit seiner Energie als großer(Maha) Gott (deva) und auch als Zerstörer und Erneuerer (Hara). 

Die Traumdeutung für das Fliegen hatte ich schon einmal aufgeschrieben. Es bedeutet, dass man eine Erfahrung außerhalb seines Körpers macht. In einem ätherischen oder spirituellen Körper auf Reisen gehen kann. Es hat eine transzendente Bedeutung und steht für spirituelle Freiheit. Hohes Ansehen. Glück und hoffnungsvolle Zukunft. 

Nun ist es abends 20 Uhr und erst jetzt taucht auf, was direkt nach dem Traum im Bett geschah. Als der Traum zu Ende ging, war ich wach aber ich hatte die Augen noch geschlossen. Es war noch mitten in der Nacht. Ich sah ein Licht. Es war so klar, dass ich für einen kurzen Augenblick darüber nachdenken musste, ob meine Augen wirklich geschlossen sind. Mit jedem Auto, das an unserem Haus vorbeifuhr, erschienen Lichterpunkte an der Zimmerdecke, die ich ganz deutlich mit geschlossenen Augen sehen konnte. Ich wunderte mich darüber und gleichzeitig freute ich mich sehr. Es hatte etwas Spielerisches. Dann erschienen lauter Palmenblätter und Zweige über mir. Sah ich das mit dem dritten Auge? Es erschien direkt aus der Mitte meiner Stirn. Wie soll man das wissenschaftlich im Wachzustand erklären? 

Ich schaue im Internet nach und lese: Palmenblätter bedeuten Frieden und ein glückliches Heim. 

Heute, zur Bearbeitung dieses Beitrages lese ich auch die spirituelle Bedeutung dieses Traumes. Palmen bedeuten demnach Wiedergeburt und Unsterblichkeit. Palmenzweige zeigen dem Träumenden, dass es auf einer anderen Ebene nach dem Tod weitergeht. 

Das ist doch eine tolle Nachricht für ein wunderschönes Wochenende, Monika