Die Anderen (68)

Die innere Yoga-Reise ging weiter und am 16.06.2015 bekam ich den letzten Brief der Self Realization Fellowship Organisation. Ich notierte in meinem Tagebuch, “dass ich nicht viel aus diesen Briefen “lernen” konnte, aber ich mich dadurch Paramahansa Yogananda irgendwie näher fühlte.” 

Ich schrieb das mit einer gewissen Enttäuschung auf. Natürlich gab es in den Lehrbriefen auch Anleitungen für bestimmte Atem- und Meditationsübungen. Da mich jedoch gleichzeitig Krishnamurtis Beiträge und Bücher begleiteten, gab es stets den inneren Widerstand in mir, irgendwelchen Übungen Folge zu leisten oder gar der SRF beizutreten. Da war die Liebe für diesen wunderschönen Yogi Paramahansa Yogananda in mir verankert, aber ich hatte eine starke Ablehnung gegen jegliche Art von spiritueller/religiöser Organisation. Die Menschen, die hinter dieser Organisation standen, blendete ich einfach aus, was natürlich nicht in Ordnung war, weil sie ja dafür sorgten, dass mich sein Buch und die Briefe überhaupt erreichen konnten. 

Einen Tag später griff ich gleich nach dem nächsten Strohhalm, also der nächsten Lektüre, “Die Essenz der Brahma Sutras” von Swami Krishnananda. Ich dachte noch immer, irgendwo muss doch geschrieben stehen, wie man Wahrheit/Weisheit/Gott finden kann und was man dafür tun muss. Ich muss doch morgens aufwachen können und wissen, was zu tun ist, damit ich nicht falsch handle und immer mehr Zeit verliere. 

Tagebuch 17.06.2015:

“So oft habe ich es schon gelesen und nun steht es hier in diesem Buch schon wieder: 

Der Weg zum Himmel, zu Gott, zum Absoluten ist so scharf, so fein und unverständlich, als würde man auf der Schneide einer Rasierklinge voranschreiten. 

Wenn ich zurückblicke, kann ich das nur bestätigen, und ich habe das Gefühl, dass diese Wahrheit während meiner inneren Reise mit jedem Tag deutlicher hervortritt. So als würde die Klinge immer schmaler und immer schärfer werden.” 

Wie zuvor alle anderen Werke auch, verschlang ich dieses Buch in kurzer Zeit, indem der Autor zu erklären versucht, wie der Mensch durch Lösung von Anhaftungen und Meditation die Befreiung der Seele erreichen kann. 

Ich notierte mir wieder die für mich wichtigsten Stellen in meinem Yoga-Tagebuch und versuchte zu begreifen.

Atman (man könnte das mit dem göttlichen Funken in uns übersetzen) ist nicht innen oder außen. Atman ist überall, in allem. Brahman (den allmächtigen Gott) zu erkennen bedeutet, Brahman zu sein. Der Sucher muss also erst zu “DEM” selbst geworden sein, bevor er “IHN” erkennen kann. Hat er “IHN” erkannt, ist er “ES” selbst. 

Rein intellektuell war es mir verständlich. Man sagt auch, dass wir uns wie ein Salzkorn im Ozean auflösen müssen, um ganz der Ozean sein zu können. 

Dann kam er in seinem Werk zu der für mich so spannenden Frage, was müssen wir dafür tun, um Befreiung zu erlangen und ich notierte: 

Der uralte Königsweg zu spiritueller Befreiung sind die Wege des Handelns und des Wissens, was traditionell als Karma und Jnana bekannt ist.“ 

Wir denken oft, wenn wir handeln, „warum sollte ich mich unnötigerweise zum Segen anderer abmühen?“ Dabei müssen wir begreifen, dass wir „in Wahrheit niemals für andere arbeiten, denn es gibt keine anderen Menschen in der Welt. Der Gedanke von den ‚Anderen‘ sollte, wenn man sich auf den spirituellen Pfad begibt, ein für alle Mal aufgegeben werden.“ 

Ich verstand das theoretisch sofort, da mir schon von anderen Schriften und aus eigenen Erfahrungen bekannt war, dass wir in dieser Welt nur in einen Spiegel blicken. Jeder einzelne von uns ist die Welt. Du bist das, was du siehst. 

„Wenn du also sagst: ‚Ich arbeite für jemand ‚anderen‘ – wer sind die ‚anderen‘? Du selbst gehörst zu dem Haufen der Menschen, die man als die ‚Anderen‘ bezeichnet. Jeder ist für jeden ein ‚Anderer‘. Wenn du dieses Prinzip erkannt hast, und du dieser Betrachtungsweise zustimmst, indem du dich darin einschließt, arbeitest du zum Segen aller ‚Anderen‘, denn dies bedeutet, dass du für die ganze Menschheit arbeitest. Du arbeitest nicht für jemand ‚Anderen‘, denn du gehörst zu den ‚Anderen‘! Dies ist der feine Unterschied.“

Schon in der Bhagavad Gita sagt Krishna zu Arjuna: „Sieh‘ mich an, wer ich bin! – Alle Objekte sind Teil des einen Subjekts!“

Wenn also jeder einzelne von uns die ganze Welt ist, weil er Teil des einen Subjekts (Gott) ist, dann sind all die Handlungen befreiend (und somit ohne Karma), „wenn sie Handlungen im Geiste des ‚einen Subjekts‘ sind.“ 

Dieses Handeln ist dann keine individuelle Handlung einer Person, die sich etwas davon verspricht. 

Das ist „die Kombination von Jnana und Karma (Wissen und Handlung)“. 

Wenn wir mit diesem Wissen handeln, dann entsteht aus jeder Aktivität der Sinnesorgane, also wenn wir sprechen, geben, nehmen, sehen usw. eine spirituelle Handlung. 

„Dies ist weder deine noch meine Handlung oder die Handlung eines ‚Anderen‘. Darum ist Karma oder Handlung niemals für jemand ‚Anderen‘ gedacht. Der Gedanke daran muss sofort ausgelöscht werden. Handlungen, die für jemand ‚Anderen‘ gedacht sind, werden sicherlich zu Bindung führen.“

Dies führt deshalb zu Bindung, weil wir in der Regel nur Handeln, weil wir etwas dafür erwarten oder verlangen. 

Doch wenn bei der Handlung der Gedanke an den ‚Anderen‘ ausgelöscht wird und die Handlung zur Vollkommenen Handlung wird, ist dies befreiend. Auf diese Weise gibt es eine Verbindung zwischen Handlung und Wissen

Dabei geht es also nicht um ein „intellektuelles oder ideologisches Wissen, denn dies ist kein Wirkliches Wissen“, das zu dieser Weisheit und zur Befreiung führt. Es ist nur eine theoretische Art von Wissen und in der „Isavasya Upanishad sogar als nutzlos verdammt, denn es führt zu weiterer Bindung, da es Egoismus in die eigene Natur (Isa Up. 9) infiltriert.

Professorales Wissen oder intellektuelles Verständnis eines Themas der Philosophie, Wissenschaft, Religion usw. sind allesamt wie ein wunderschönes Hemd, dass man überzieht, und dass einem ein wunderschönes Aussehen verleiht, doch es muss klar sein, dass man nicht dieses Hemd ist, sondern etwas Anderes darunter.“

Handlung und Wissen sind die beiden großen Pfade, doch in der Bhagavad Gita steht geschrieben, dass es nicht zwei Pfade sind, sondern ein und derselbe. Richtig verstanden ist Handlung als Universale Handlung dasselbe, wie Kontemplation oder Meditation.“

Ich hatte hier also wieder weitere Hinweise, die ich für mich unbedingt anwenden wollte. Meditation findet also nicht nur dann statt, wenn wir still zurückgezogen im Zimmer sitzen, sondern in jedem Augenblick unseres Lebens, und ich war fest entschlossen meine eigenen Handlungen und Motive im Alltag noch mehr unter die Lupe zu nehmen. 

Dafür musste ich mich selbst noch mehr in den Hintergrund stellen und sozusagen Raum für Gott lassen. Das erfordert extreme Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, und wie sehr das das eigene Ego zermürbt, könnt ihr euch vielleicht vorstellen. Hierbei geht es nicht um Ethik, sondern um die Ehrlichkeit Gott gegenüber. Aber am Ende darf nichts mehr von diesem Ego übrigbleiben. Wir müssen aus unserer üblichen Denkweise hinaustreten, sozusagen über uns hinauswachsen. Das ist der Weg der mühsamen Selbsterforschung. 

Swami Krishnananda schrieb aber auch über die spontane Befreiung, die hier und jetzt geschehen kann. 

„Man stelle sich vor, was das bedeutet? Löst das nicht eine innerliche Erschütterung aus? Die Nerven werden krachen, die Muskeln werden zusammenzucken, wenn sie dies nur hören, denn es bedeutet ein Dahinschmelzen des ganzen verhärteten Egos und der Individualität. Dies sind große Versprechen, und wir sollten darüber glücklich sein, denn wir werden diesen Zustand eines Tages erreichen!

Wenn irgendjemand, der die Zeit hat, nur über DAS nachzudenken und nur DAS in allem zu sehen, was man als äußerlich ansieht, – wenn man im Inneren und Äußeren sowohl als auch dazwischen das Universale erschaut, und wenn man in solch einen See der Universalen Wahrnehmung eintaucht, selbst wenn derjenige in dieser Welt seinen Geschäften nachgeht, gleichgültig ob derjenige Obst auf dem Markt verkauft, – dann binden Handlungen nicht mehr. 

Wenn das Herz derart rein ist, diese Wahrheit zu verstehen, und allein bei dem Gedanken an IHN, ein Erzittern im gesamten System gefühlt wird, ein solcher Mensch wird nicht noch einmal wiedergeboren. Er wird das Absolute Sein erreichen. Dies wird ‚Sadyo Mukti‘ genannt – spontane Befreiung.“

Wer möchte, kann das Buch hier finden und lesen: (https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/krishnananda/die-essenz-der-brahma-sutras/)

Kann man das Erreichen des Absoluten Seins schöner beschreiben, als Krishnananda? Wir sind immer genau da, wo wir sein sollen und wer sucht, wird Wahrheit/Gott/Weisheit finden, egal, wo er gerade ist und was er gerade tut, wenn es sein tiefster Wunsch ist und er all seine Handlungen „IHM“ allein zu Füßen legt. Mein Herz schlägt schneller vor Freude, wenn ich das hier heute noch einmal lese und schreibe. 

Am darauffolgenden Tag beschäftigte ich mich mit dem Abschnitt über die Meditation. Es geht darum, was Meditation ist und ob sie ein Ziel hat. Swami Krishnananda ist ein sehr konsequenter und strenger Lehrer, aber anders geht es meiner Meinung nach nicht. Es geht schließlich um ALLES. 

Tagebuch 18.06.2015:

„Brahman (der allmächtige Gott) muss der zentrale Punkt der Meditation sein. Vedantische Meditation kann sich nicht auf irgendetwas „Anderes“ konzentrieren, denn das All-Gegenwärtige kann nicht auf irgend etwas „Anderes“ meditieren. Der Meditierende wird zur All-Gegenwart und zur höchsten Verehrungswürdigkeit. Das Universale meditiert auf sich selbst. 

Das Ziel der Meditation ist nicht, etwas zu erreichen oder zu bekommen, wie Geld, Macht, Ruhm oder gar Frieden, Glück, Hoffnung usw. Es geht also nicht um die Frage, was willst du, sondern es zielt auf die Frage ab, was/wie möchtest du werden? Das, was man verehrt, das wird man.“

Wenn ich also von jeglichen Fesseln der Einschränkung befreit werden möchte, muss ich auch meine Meditation darauf richten. 

Das bedeutet also, dass in der Meditation alles entfernt werden muss, was bedingt ist und einem das Gefühl des Endlichen vermittelt. Hierzu gehört auch, dass man die Vorstellung davon aufgibt, an einem bestimmten Ort zu sein. Denn wer Befreiung und somit das Unendliche sein möchte, kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. 

„Dies ist nur möglich, wenn man der Begrenzung von Raum und Zeit trotzt. 

Meditation geschieht nicht durch die Sinnesorgane. Tatsächlich ist es nicht einmal der Geist, der meditiert, denn der Geist ist unglücklicherweise von Grund auf eine Sammlung von Sinneseindrücken, die in Form von verschiedenen Berichten, Analysen und Synthesen widergespiegelt und organisiert werden. Aus diesem Grund kann der Geist nicht mehr denken, als ihm die Sinnesorgane geben. Er ist nur der Organisator der Sinneseindrücke. Wenn die Sinne für die Meditation ohne Bedeutung sind, so hat auch der Geist keine Bedeutung für die Meditation. Wer meditiert dann? 

Es meditiert, was zu etwas Anderem werden möchte.

Du möchtest zu etwas Anderem werden, als du tatsächlich bist. Dieses ‚DU‘ ist das, was meditiert.“

Die Frage, die wir uns also ganz ehrlich immer wieder stellen müssen ist, wer bin ich? 

Bin ich der Körper? Die Sinnesorgane? Der Geist? Wir haben oben gelesen, dass dies alles eben gerade nicht meditiert. Auch nicht der Verstand oder der Intellekt. Diese Fragen sind sehr verwirrend, und das ist wichtig und richtig. 

„Schau es dir an! So wie du dich selbst siehst, dies alles, bist nicht du selbst. An dieses ‚ich‘, worauf du dich beziehst, musst du dich erinnern. Wenn du sagst, ‚ich bin hier‘, dann glaubst du, dass es sich um die Sinnesorgane, den Geist oder den Intellekt hier handelt? Das ist nicht darunter zu verstehen. Du möchtest nicht sagen, ‚mein Intellekt, mein Geist ist hier‘. Du hast bereits der Verwirrung der Sinne, des Geistes, des Körpers und dem Intellekt zugestimmt. Jeder weiß das, und doch wird immer noch behauptet, ‚ich bin hier‘. Dieses ‚Ich‘ ist das wirklich meditierende Prinzip. Dieses (große) ‚Ich‘ ist das meditierende Prinzip.

Dieses kleine ‚ich‘ möchte sich selbst in das große ‚Ich‘ transferieren, möchte selbst das unendliche ‚Ich‘ sein, – darin liegt der Sinn der Meditation. Alle anderen Meditationen werden keinen Erfolg haben. Man muss sich erst über den Sinn klar werden. Bevor man seine Wünsche äußert, muss man genau wissen, was man will. Das, was du denkst und von dir selbst behauptest, kommt auf dich zu; das, was du nicht willst, geht von dir fort. 

Um den Pfad der Vollkommenheit zu beschreiten, was auch als Meditation bekannt ist, bedarf es fortwährenden Nachdenkens. ‚Was für ein Mensch bin ich?‘ Bewege diese Frage aufrichtig von Grund auf in deinem Herzen. Es können sehr unangenehme Antworten kommen. Ich bin sicherlich nicht das, was ich vorgebe zu sein.“

Aber hier endet es noch nicht. Der Wunsch und der Drang müssen so überwältigend groß sein, wie die Sehnsucht einer „Mutter, die ihr einziges Kind verloren hat, wie ein Ehemann, der seine frisch angetraute Frau verloren hat, wie eine Ehefrau, die ihren frisch angetrauten Mann verloren hat, wie jemand, der seinen gesamten Besitz verloren hat zu fühlen, – was mag der-/diejenige wohl empfinden? 

Es gibt in diesem Augenblick nur einen Gedanken. Nur an DAS denken. Oh! Ich will IHN; Oh! Ich will IHN! Die Mutter schreit, wenn ihr Kind gestorben ist: Oh! Mein Lieber! Ich will DICH; wohin bist du gegangen? Oh, wo ist mein Kind? Sie will weder schlafen noch essen, sie wird nur noch schreien. Genauso musst du nach der Allmacht verlangen: Oh! Wo bist DU? Ich will DICH!‘ 

Wie der einzige noch in der Welt verbliebene Mensch sprichst du zu Gott. Du hast IHN verloren und darum bist du verlassen. Was für eine elende Situation! Du magst nichts mehr sagen; du willst keinen Trost mehr in dieser Welt; du willst mit niemandem mehr reden. Lieber Gott, wo bist DU? Ich habe DICH verloren.

Du versenkst dich in IHN. Du hast das Interesse an allem Anderen verloren, denn es gibt nichts Anderes außer die göttliche Allmacht.“ 

Ich selbst hatte mir auch immer wieder diese Fragen gestellt: Wer bin ich? Was will ich wirklich? Habe immer wieder darüber meditiert. Aber aus tiefstem Herzen und ganz ehrlich richtete ich diese Frage erst an dem Tag an Gott, als ich am Boden lag und voller Angst war. Als mir endlich alles egal war. Selbst mein eigenes Leben. Als ich absolut keine Wiederholungen mehr wollte. Nicht mehr leiden wollte. Nicht mehr jammern wollte. Endlich wirklich alles loslassen und wirklich verstehen wollte. 

Und dann kam auch die Antwort. 

Habt ein schönes Wochenende, Monika