Das Wort (66)

Am 19.05.2015 fand ich im Internet eine deutsche Übersetzung des Werkes von Kirpal Singh: NAAM or Word (Naam oder das Wort) und las das Buch noch einmal intensiv in meiner Muttersprache. 

Im Hinterkopf hatte ich dabei noch immer mein Erlebnis beim Yoga-Retreat, als während meiner Meditation ein merkwürdiger Ton in meinem rechten Ohr auftauchte und Lichter im dunklen Zimmer zu sehen waren (Der Ton (44)). 

Tagebuch 19.05.2015:

“Was für ein Glück. Heute habe ich im Internet eine deutsche Übersetzung des Buches von Kirpal Singh gefunden. Was für eine Freude. Der Tag ist gerettet. Juhuu. Ich wollte es heute eigentlich noch einmal auf Englisch durchlesen und nun geht es auch auf Deutsch. 

Die Absolute Wahrheit kam ins Sein als Licht und Ton. Dies wird in den Veden als “Vad”, den Upanishaden als “Udgit” und in den Evangelien als “das Wort” bezeichnet. Im Koran nennt man es “Kalima”, im Granth Sahib “Naam” und bei Laotse “Tao”.

In allen Religionen wird von Gott als dem offenbarten Ton gesprochen. Das “Lebensprinzip”. Ton als Strom, lebendig und bewusst und den Samen der Schöpfung in sich tragend. Ein Glied zwischen Schöpfer und der Schöpfung. Der Mensch kann den physischen Körper damit überschreiten und die wahre Heimat des Vaters – Sach Khand – erreichen. 

Es gibt das innere und das äußere Tonprinzip. Der äußere Ton beinhaltet Worte, die aus unserem Mund kommen. Sie beruhen alle auf unserem Wissen und befinden sich somit auf einer intellektuellen Ebene. Der innere Ton jedoch knüpft an den Tonstrom an, der aus der großen Stille hervorgeht, und liegt somit hinter den Worten. Um diesen inneren Ton wahrnehmen zu können, muss das Gemüt beruhigt und gesäubert werden.”

Größer konnten die Gegensätze für mich in dieser Zeit nicht sein. Da beschäftigte ich mich auf der einen Seite mit der inneren Reise und kam “Gott/mir selbst” immer näher, und auf der anderen Seite spitzte sich meine finanzielle/materielle Situation immer mehr zu.

In meinem Yoga-Tagebuch gab ich den sorgenvollen Gedanken über meine Zukunft jedoch nicht viel Raum, weil sie mich vom Augenblick wegtrugen und nur immer mehr Existenzängste erzeugten. Ich versuchte, diese Sorgen wahrzunehmen und zu schauen, was das alles mit mir macht. Anschließend konzentrierte ich mich dann wieder auf meine innere Reise. Allerdings in der Nacht, wenn ich meine Gedanken nicht kontrollieren konnte, traten die Sorgen und die Sehnsucht nach besseren finanziellen Lebensverhältnissen immer wieder auf.

Tagebuch 20.05.2015:

Heute war ich bei der türkischen Rentenanstalt, um meine Rente zu beantragen (in der Türkei konnte man zu jener Zeit schon nach 20 Jahren Berufstätigkeit seine Rente beantragen, auch wenn die Rentenanwartschaften natürlich dann sehr gering waren. Das Gesetz wurde später geändert. 2015 fiel ich jedoch noch darunter. Nun gibt es auch hier in der Türkei erst Rente mit 65 Jahren.) Das Gespräch fiel nicht sehr gut aus. Wovon ich mal leben soll, ist mir ein Rätsel. Alles ist beim Vater meiner Kinder geblieben. Ich halte die Tränen zurück.”

Tagebuch 23.05.2015:

“Gestern haben wir das Ballkleid für den Schulabschluss der Kleinen gekauft. Es hat, wenn man meine finanzielle Situation gerade betrachtet, ein Vermögen gekostet. Wir haben uns die Ausgaben durch drei geteilt. Sie ist jedenfalls total glücklich und dann bin ich es auch. Auf der Straße haben wir beim Bummeln 5 TL gefunden und uns gefreut.  

Traum: Irgendetwas ist passiert, so dass die ganze Erde aufgewühlt ist und alle Häuser zerstört sind. Ich schaue auf den Boden und finde Geldstücke. Es sind Euro. Ich freue mich und fange an, sie aufzusammeln. Ein Glücksgefühl durchströmt mich, weil es so viele sind. Als ich die Erde zur Seite schiebe, sehe ich, dass darunter noch mehr Geld liegt. Es sind Scheine. Bündelweise. Es kommen andere Menschen dazu und ich verteile das ganze Geld. 

Ich sehe, dass in der Nähe ein Geldautomat steht. Sofort begreife ich, dass das Geld von da kommen muss und somit anderen Menschen gehört. Nun erkenne ich, dass das gebündelte Geld in Umschlägen steckt und auf jedem Umschlag ein Name steht. Dieses Geld müssen wir zurückgeben, denke ich. Es gehört uns nicht. Es hat Eigentümer. Wir legen es zurück. Traum Ende. ”

Was mir in dem Buch “Naam oder das Wort” besonders gefiel war, dass es aufzeigte, wie sehr sich alle Religionen gleichen und dass sie alle den gleichen Ursprung haben. Es liegt ihnen allen die gleiche Wahrheit zugrunde. Was die meisten Menschen jedoch heute daraus machen, hat mit der Quelle nichts mehr zu tun. Ich studierte in den darauffolgenden Tagen weiter ausgiebig das Buch und notierte mir diese Verbindungen aller Religionen über den Ton und das Licht, in der Hoffnung, die Wahrheit herauslesen zu können. Einige Notizen möchte ich hier mit euch teilen:

In der hinduistischen Chandogya Upanishad taucht der “wohlklingende Ton” auf und in der Nad-Brint Upanishad soll man den “Ton” durch das rechte Ohr hören können. Durch die Verbindung mit “dem Wort” wird man taub für äußere Töne und erhält innerhalb von 14 Tagen eine innere Ausgeglichenheit. Die Töne gleichen dem Brausen der Meereswogen, dem Fallen des Regens, dem Rauschen des Baches. Im Hintergrund hört man dann die Glocken und das Rauschen, wie bei einer ans Ohr gehaltenen Muschel. 

Das Licht zu erfahren ist das Schwierigste, aber ein Prozess höchster Verwirklichung. Selbst für den Weisen und Nachdenklichen ist es schwer, diese Meditation durchzuführen, zu erkennen, darin zu verweilen oder über sie hinauszugelangen. In der Tejabint Upanishad steht, dass der Sucher hierfür extrem entschlossen sein muss,  sich das als unzugänglich Erweisende zugänglich machen zu wollen. Es muss sein einziges Ziel sein und dem Guru und nur dieser Sache dienen und somit der Verehrung des höchsten Geistes. 

Selbst bei Zarathustra, in den Sammlungen der heiligen Texte (Avestra) taucht das “Licht des Lebens” auf, worin vollkommene Weisheit erfahren wird. 

Im Buddhismus kennt man aus der Surangama Sutra den transzendenten Glanz, das innere Gehör und den inneren Ton. 

Aus dem Johannes-Evangelium kennt man u. a.: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbige war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist.” 

Oder: “ Herr, Dein Wort bleibt ewiglich, soweit der Himmel ist.” Hebr. 1, 3

Oder: “Das Gras verdorrt, die Blumen verwelken, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.” Jes. 40, 8 

Im Islam gibt es Heilige, die von diesem Ton und dem Licht berichten. 

Bei Khawaja Hafiz heißt es: “Nimm den Stopfen aus deinen Ohren und höre die Stimme der Befreiung, die zu dir dringt. Hänge dich nicht an die materielle Welt; das Elexier des Lebens kommt von oben.”

Mevlana Rumi können wir hier ebenfalls aus dem Masnavi zitieren: ”… erhebe dich über deinen Horizont, o tapfere Seele, und lausche den Melodien, die aus den höchsten Himmeln herunterklingen.”

Der Prophet Mohammed sagte, dass er die Stimme Gottes höre, wie alle anderen Töne auch. 

Shah Niaz sagte: “Die ganze Welt ist voll des Tones; ihn zu hören, brauchst du nur das Tor deines Ohres zu öffnen.”

Während ich die Vorzüge des “Wortes” notierte, drängten sich gleichzeitig immer wieder meine Sorgen und Gedanken des Alltags in den Vordergrund. 

Tagebuch 24.05.2015:

“Naam ist ein Heilmittel für alles Leiden, da es uns immer begleitet. Man kann damit bestimmte Kräfte erzeugen und aus dem Tiefschlaf zur Gotteserkenntnis gelangen. Es vereint die Seele mit der Überseele zu einem unlösbaren Band.

Das klingt so schön und ich merke gerade, wie schwer es mir fällt, trotz alledem nicht in ein tiefes Loch zu fallen. Nicht aufzugeben. Es ist so anstrengend, sich jeden Tag immer wieder selbst aus dieser Dunkelheit herauszuholen. Wenn ich materialistisch/realistisch auf das schaue, was hier ist, dann frage ich mich, was wird mir am Ende bleiben? 

Heute sollte ich den Koffer für die Kurzreise nach Berlin packen. Wir werden meine Familie und auch die meines Liebsten dort treffen. Aber ich habe nicht mal ein Sommerkleid oder Sommerschuhe, die ich einpacken und dort anziehen könnte. Wie soll ich so seinen Verwandten gegenübertreten? Im Prinzip ist es mir total egal, wie ich herumlaufe, aber ist es ihm auch egal?

Immer noch muss ich irgendetwas und irgendwen darstellen. Das macht mich fertig. Dieser Widerspruch zwischen der inneren und der äußeren Welt. Das lässt meinen Körper schmerzen. Jeden Tag. Nur manchmal kann ich damit gelassen umgehen. Bin ich der Bauer, der langsam seine letzte Kuh verliert? (Krishna) Ich hoffe es. 

Wenn ich in einem Kloster leben könnte, wäre es in Ordung. Dort muss ich niemand sein, oder? Dort bräuchte ich nichts. Damit käme ich total klar. Aber hier in Istanbul und dann noch mit einem Mann an meiner Seite, der nicht versteht, dass ich gerade versuche, zwei Wege gleichzeitig zu gehen, geht das nicht. 

Tränen. OM. Lass los. Shanti. Shanti. Shantiii… Nur in einer Höhle könnte ich mich jetzt besser fühlen. Alles weg. Nichts geblieben.

Soviel Geld für ein Kleid, das nur an einen Abend getragen wird, und selber habe ich nicht mal mehr 20 TL in der Tasche. Gott ist mit mir. Ich wünschte nur, ich könnte auch mal wieder das Licht sehen oder den Ton hören. Wer ist mein Lehrer? Wo ist mein Weg? Warum passiert nichts? Vertraue, Monika, vertraue.

Mein Liebster kann damit nichts anfangen. Kann mich nicht trösten. Es macht nichts. Ich erwarte nichts.”

Ich sehe heute, sobald damals Zweifel oder gar Verzweiflung aufkamen, tröstete ich mich selbst gleich wieder. So als gäbe es zwei Wege und zweimal Monika. Woher kamen diese Worte, die voller Liebe und Vertrauen waren wie OM, Shanti, Gott ist mit mir? Ich hatte keine Ahnung, aber ich wusste, sie waren wahr. Ich wusste, alles wird sich regeln, wenn ich das Leben fließen lasse. 

Das tägliche Aufraffen war meine Übung. Ja, du hast kein Geld. Rauf auf die Matte. Atmen. Yoga machen und den Körper gesund halten. Ja, es sieht so aus, als würdest du keine Rente bekommen. Rauf auf die Matte. Atmen. Meditieren und beobachten. Ja, es scheint gerade so, als müsstest du irgendwann auf der Straße schlafen, weil dir nichts geblieben ist. Rauf auf die Matte. Atme. Meditiere und schaue, was hier ist. Nur hier. Ist es wirklich wahr, dass alles so schrecklich ist? Können meine Gedanken wissen, was in der Zukunft passieren wird? Kann ich diesen Gedanken überhaupt vertrauen? 

Sollte ich nicht vielmehr darauf vertrauen, was ich Tag für Tag las und notierte? Was ich ganz tief spüren konnte und schon ansatzweise erleben durfte? Sofort war das Vertrauen wieder da und ich konnte alle Sorgen loslassen. Die Konditionierung des immer bangenden und zweifelnden Verstandes wurde nach und nach durchbrochen. 

Ja, es war ein mühsamer Prozess, aber so lernte ich, mich zu ändern und zu vertrauen. Ich lernte, den Blick auf das richten, was in diesem Augenblick wirklich da war. Gesundheit. Der anstehende Besuch meiner alten Heimat Berlin. Glückliche und entspannte Kinder. Einen tollen Mann an meiner Seite. Ich begriff immer mehr, dass ich jeden Augenblick selbst entscheide, ob ich glücklich hier im Moment sein oder lieber meinen ständig schwatzenden sorgenvollen Gedanken nachhängen möchte, um mich als Opfer und unglücklich zu fühlen. 

Als Opfer von einem Mann, der mir alles nahm. Als Opfer, weil ich eine schwere Kindheit hatte. Als Opfer, weil ich aus meinen Job gemobbt wurde. Als Opfer, weil ich alleinerziehend war und in einer fremden Kultur. 

Nichts war wahr von dem was ich dachte und befürchtete. Es waren nur Gedanken/Ängste. Nichts wurde so, wie ich es dachte und ich bin froh, dass ich diese Gedankenketten immer wieder durchbrochen und den Weg auf die Matte zum Hier und Jetzt gefunden hatte. Ich hätte mir das Leben sonst selbst zur Hölle gemacht. Hätte alles zerstört. Die Beziehung zu den Kindern und zu meinem Partner und am Ende mich selbst. 

Ich las und notierte aus dem Buch Naam die Worte von Rumi:

Mit den fünf physischen Sinnen haben wir auch feine Sinne; sie sind aus reinem Gold, verglichen mit den anderen…”

Ich las weiter und  notierte, dass: der innere Ton ohne Hilfe der äußeren fünf Sinne wahrgenommen wird. Unser Körper hat zehn Tore. Neun davon sind sichtbar. Das zehnte ist unsichtbar. Unser Körper ist wie ein Radio, ein Empfangsgerät. Ein Meister/Guru/Lehrer stellt in einer Initiation die geistigen Wellen bei einem Suchenden so ein, dass er sich mit ihm verbinden kann.”

Dass da etwas dran sein muss war mir vollkommen klar, denn ich hatte die himmlichen Glöckchen (Beitrag 52) nach einer Meditation überall um mich herum wahrnehmen dürfen, hatte den lauten Ton im rechten Ohr und die Lichterscheinungen während eines Retreats. Ich wusste nicht wo das herkam. Hatte nie davon gehört oder so etwas angestrebt. Die Erlebnisse während meiner nächtlichen Meditation im Retreat können nur passiert sein, weil sich dort in diesem Haus vor vielen Jahren – ohne das ich es wusste – ein “Meister des Pfades” aufgehalten hatte. 

Sofort nahm ich die Suche im Internet auf und recherchierte, was es mit diesem “Pfad der Meister” (Surat Shabd Yoga)auf sich hatte. Es hat seinen Ursprung im Sikhismus und eine Linie mit sehr großen und bekannten spirituellen Meistern. Natürlich zog es mich aufgrund meiner Erlebnisse an, aber ich spürte auch, wie fremd mir das alles war. Was hatte ich mit Sikhismus zu tun?  

Am 26.05.2015 nahm ich eine Eigenreflexion vor und las noch einmal die ganzen Notizen in diesem Heft, dem Yoga-Tagebuch von März 2015 bis Mai 2015.  Ich fing im März mit Krishnamurti an und notierte mir seine Aussagen über “rechtes Handeln”, “freien Willen”, “niemand zu folgen” usw. Ich stellte fest, dass es hier einen Widerspruch zu dem “Pfad der Meister” gab. Es beinhaltete eine Abhängigkeit von einer Gruppe und einem Meister. 

Ich notierte: Kann ich auch ohne Meister das Licht und den Ton wahrnehmen? Laut Krishnamurti können wir das. Aber schaffe ich das auch oder brauche ich endlich eine äußere Führung? 

Ich wünsche euch eine schöne Woche, Monika