Diene, alles ist Yoga (65)

Im Mai 2015 erhielt ich den 75. Brief (jede Woche kam einer aus Amerika) der Self Realization Fellowship, und der muss mich sehr beeindruckt haben, denn ich hinterließ Zeichnungen und Notizen in meinem Yoga-Tagebuch. Es ging in diesem Brief u. a. um die Symbole und ihre innere Bedeutung. Alle echten Symbole, so schreibt Yogananda, stellen auf irgendeine Weise die Unermesslichkeit Gottes dar. Wie immer hatte ich mir zuvor über diese Dinge nie Gedanken gemacht. 

Tagebuch 14.05.2015:

“Jedes Symbol steht für eine Wahrheit. Wenn wir uns aber auf das Symbol und nicht auf die Wahrheit konzentrieren, betreiben wir Götzendienst und das wiederum führt zu Aberglauben und Dogmatismus. 

Das Kreuz versinnbildlicht für Christen nicht nur das Leiden Jesu, sondern auch den Sieg über den Tod. Es bedeutet aber auch die Verbindung des Endlichen mit dem Unendlichen und somit das dualistische Bewusstsein des Menschen. 

Das Dreieck soll Gottvater, den Sohn und den Heiligen Geist symbolisieren. Yogananda schreibt, dass es auch die drei Gunas (aus der indischen Religion), das Gute, das Böse und die aktivierenden Eigenschaften des Menschen repräsentiert. Ist unser Leben frei von den drei Gunas, sind wir eins mit dem Geist geworden. 

Das geistige Auge ist das Sinnbild des Lebens. Es stellt das verkleinerte Ebenbild der gesamten kosmischen Energie im Universum dar. Yogananda nennt es auch das Christusbewußtsein. Ihm wohnt die ganze vergängliche Schöpfung inne und es manifestiert sich als goldenes Licht, welches heller ist, als eine Million Sonnen und doch verbrennt man sich nicht daran, wenn man in dieses geistige Auge blickt. 

Es gibt noch viele andere Symbole, wie Linien, Kreise und Strahlen, die an die Natur erinnern und gleichzeitig die Grenzen der irdischen Existenz sprengen sollen.”

Als ich mir diese Notizen vor nunmehr fast sechs Jahren machte, hatte ich keine Ahnung, was mit dem geistigen Auge gemeint war oder wie es sich anfühlt, die Lichter von Millionen von Sonnen zu sehen/zu erfahren. Ich strebte solche Erfahrungen auch nicht an und forschte hinsichtlich dieser Phänomene überhaupt nicht weiter. Mir ging es nie um spirituelle Erlebnisse, sondern um die Wahrheit/Weisheit. 

Aber ich stellte solche Phänomene und Wunder einfach nicht mehr in Frage. Ließ sie so stehen. Vielmehr fragte ich mich immer mehr, ob meine eigenen Gedanken, meine eigene Person und ihre Geschichte wirklich wahr sind. Entweder haben die heiligen Schriften Recht, sprachen Buddha und Jesus die Wahrheit oder ich und mein ganzes angesammeltes materielles Wissen ist die Wahrheit. Aber wer bin ich schon, dass ich mich über Buddha oder Jesus stellen könnte? 

Und vielleicht trug genau diese Einsicht dazu bei, dass meine eigene Arroganz des Verstandes immer mehr abnehmen konnte. Denn erst wenn wir aus unserer Schablone im Gehirn heraustreten, kann sich zeigen, was wirklich da ist. War dies der Grund dafür, dass sich bei mir dieses Auge/Christusbewusstsein/der Geist immer mehr öffneten? Auch das innere unglaublich helle und liebende Licht zeigte sich später. Ich werde davon berichten. Es schien so, als würde ich mit der Zeit immer mehr darauf vorbereitet zu erkennen , dass das Einzige, was wirklich nicht existiert, Monika selbst ist. 

Zwei Tage später las ich die Autobiographie von Swami Sivananda, und diese berührte mich sehr viel mehr, als sein Buch “Vedanta for Beginners”. Ich machte mir Notizen von den Sätzen, die mich gerade sehr beschäftigten. 

Tagebuch 16.05.2015:

1. Pflicht: 

Geben lernen. Wohltätig sein. In Fülle. Ohne Erwartungen. Das fördert und erfordert Zuneigung, Gefühl, Verständnis, Wissen. 

2. Güte:

Güte in Sein und Tun sind das Fundament des Lebens. Sie ist auch ein Ausdruck von Frömmigkeit und eins der schwierigsten Dinge überhaupt. 

Du brauchst einen Lehrer. Hast du keinen, bete zu Christus, Krishna, Shiva… Dann werden sie dir einen senden. 

Zitate Sivananda:

”Ich liebte die Abgeschiedenheit und befolgte Mouna (Schweigen). Ich mochte keine Gesellschaft und nutzloses Gerede.”

“Ich suchte die Nähe großer Meister, ließ mich aber nie auf Diskussionen ein. Selbstanalyse und Selbstbeobachtung dienten mir als Führung.”

Es fällt uns manchmal so unheimlich schwer zu geben. Womöglich haben wir das von zu Hause aus gar nicht beigebracht bekommen, waren schon immer nur auf unsere Vorteile bedacht, sahen uns im Wettkampf mit dem Rest der Welt, haben sowieso die Veranlagung zu Geiz oder gar Angst vor den Folgen und geben daher nicht. Erstaunlich finde ich, dass es immer diejenigen Menschen geben, die selbst kaum etwas haben.

Ich bin heute – wirtschaftlich betrachtet – sehr arm und doch fühle ich mich so reich wie nie zuvor. 2015 fing ich langsam an zu begreifen, was mit dem Geben und der Fülle gemeint sein könnte. Ich hatte materiell nichts mehr zu verlieren und kämpfte mit bezahlten Yoga-Stunden ums Überleben. Und doch ging es immer irgendwie weiter. 

Es hatte überhaupt keinen Sinn, sich über die Zukunft (keine Rente, kein Vermögen, keine Versorgung) Sorgen zu machen, denn in jedem Augenblick, der sich darbot, gab es tatsächlich gar keine Not. Das wurde mir immer wieder klar, wenn ich meditierte. Wir waren gesund und hatten zu essen und waren nicht hoch verschuldet. Alle Ängste spielten sich nur im Verstand ab. 

Heute ist mir völlig klar, dass man überhaupt niemals etwas verlieren kann. Egal wieviel wir auch geben, wir werden es nie wirklich verlieren. Die Fülle sind wir selbst und alles was ich gebe, wird immer wieder zu mir zurückkommen. Wo sollte es auch hingehen? Das zu erkennen, lässt einen Menschen vollkommen friedlich und angstfrei werden. 

Als ich Sivandandas Worte über die Abgeschiedenheit las, fühlte ich mich nicht mehr so allein mit meinen Gedanken und Gefühlen. Auch ich mochte es nicht mit vielen Menschen zusammen zu sein. Ich fühlte mich danach immer völlig erschöpft und ausgelaugt. Es war so, als würden andere Menschen mir all meine Energie rauben. Man redete nur an der Oberfläche, kritisierte und jammerte. Kaum jemand achtete darauf, was er sagte. Niemand beobachtete sich selbst. Keiner begriff, dass er da draußen immer nur sich selbst sieht und somit immer nur sich selbst kritisiert. 

Sivandandas Zeilen unterstützten mich an diesem Punkt meiner inneren Reise dahingehend, dass es in Ordnung ist, sich zurückzuziehen, stets mit aller Kritik immer bei mir selbst anzufangen und mich genauestens weiter zu beobachten. Außerdem gab ich die Hoffnung nicht auf, dass ich irgendwann einen Lehrer für mich finden würde.

Erinnerung aus dem Ashram stiegen auf und ich notierte am gleichen Tag:

“Es will mir nicht aus meinem Kopf gehen, wie Sri Vishwananda die Süßspeise in meine Hand geworfen hatte. Gerade so, als wisse er, dass ich nur sehr wenig Geld in den Spendenumschlag gesteckt hätte. Ich dachte wieder an meine Enttäuschung und wie sauer ich war, so dass ich das Gebäck hinterher wegwarf. 

Da war auch Scham, weil ich gar kein Geld mehr hatte. In Istanbul warteten noch Kreditkartenschulden auf mich. Hatte ich nicht alles gegeben, was ich hatte? Im Moment geht alles, was ich durch meinen Unterricht einnehme, auch gleich wieder raus. Ich fühle mich gerade wie ein elektischer Leiter, durch den alles hindurchfließt. Yoga. Liebe. Geld.”

Swami Sivanandas Erfahrungsbericht half mir an diesem Punkt der inneren Reise sehr, da er für mich wieder einmal einen Ersatz für einen lebenden Lehrer darstellte. Deshalb notierte ich hinter vielen Sätzen aus seiner Autobiografie oft meine eigenen Gedanken/Gefühle. Meine Zweifel, die eigene Unsicherheit, ob ich alles richtig mache und meine Hilflosigkeit bekamen eine ganz andere Bedeutung, als ich mit großer Erleichterung las, dass es ihm ja oft genauso ging wir mir und dass das in Ordnung ist, so zu fühlen und zu denken. 

Tagebuch 18.05.2015:

“Sivananda schreibt: “Dienen steht höher als die Meditation” und ich denke, dass mir das gefällt, weil ich ständig das Gefühl habe, dass ich zu wenig meditieren kann, weil ich zu viel für andere mache. 

Er schreibt: “Arbeite wie ein Löwe. Brülle wie ein Löwe. Werde ein Entsagter und ein großer Genießer. Überarbeite dich nicht. Reguliere deine Energie. Atme viel Sauerstoff ein. Verkehre nicht mit vielen Leuten. Sprich nur wenig über wichtige Themen. Achte auf deine Gesundheit. Ruhe dich eine Woche aus, was nicht bedeutet, dass man nur faulenzt.”

Oh wie gut mir das tut. Ich habe immer ein so schlechtes Gewissen, wenn ich nichts – für etwas oder für jemanden – tue. Ich fühle mich so erschöpft und will mich nur ausruhen. Selbst für die Suche bin ich zu kaputt. 

Er schreibt: “Diene den Menschen aus ganzem Herzen, bereitwillig, ohne zu murren, ohne das Gesicht zu verziehen. Das ist schwierig. Versuche dein Bestes. Dann wird es Yoga werden. Du musst nicht meditieren, oder andere spirituelle Übungen machen. Wandle jede Bewegung, jeden Atemzug, jede Körperhaltung in reinen Yoga um. Das ist Dienst an Gott. Du arbeitest, lebst und atmest für ihn. Mache dir bewusst, Arbeit ist Gebet, Arbeit ist Meditation. Verneige dich vor allen. Spüre Einheit. Sei freundlich. 

Passe dich an. Ertrage Unrecht und Beleidigungen. Erziehe deinen Geist zur Ausgeglichenheit unter allen Umständen und überall. Nur dann kannst du wirklich stark sein.”

Sivananda schreibt weiter und ich habe das Gefühl, er würde geradewegs nur für mich schreiben:

“Bleibe nicht länger in den Städten. Es wäre schädlich für dein Interesse und deinen Fortschritt. Du brauchst jetzt Abgeschiedenheit. Widme dem (inneren) Studium viel Zeit, denn dein jetziges Wissen ist oberflächlich. Deine innere Natur hat sich noch nicht erneuert.“   

Und während ich das las und mich daher immer mehr bestätigt sah, dass ich Istanbul verlassen muss, wurde im Hintergrund an der Nord-Ägäis an dem Haus gebaut, in dem ich jetzt wohne. Auch davon werde ich berichten. Diese Haus ist das Haus Gottes, denn von  mir wurde es nicht errichtet. Ich hatte nicht das Geld und auch nicht die Kraft dazu. Während ich noch in Istanbul schon völlig ausgelaugt ums Überleben kämpfte, baute das Universum dieses Wunder für mich/uns. 

Tagebuch 19.05.2015:

“Nachts zwei mal sehr lange meditiert. Es fühlte sich so an, als stünde der Atem still, so sanft und zart wurde er. Es passierte nichts Außergewöhliches und als ich mich hinlegte, die Augen schloss und weiterschlafen wollte, erschienen wieder diese Lichter. Weiße flackernde Lichter in meiner Stirn. Sie hatten Tiefe und in der Ferne konnte ich Konturen von Menschen erkennen. Sie standen auf und sie liefen. Alles bewegte sich in diesem Feld. Dann schlief ich sofort ein. 

Traum: Ich schwebe durch ein Zimmer und sage zu mir selbst, wow ich kann ja jetzt schweben. Gut, wenn ich es kann, dann mache ich es auch und dann fliege ich. Ich bewege mich hoch oben in einem Zimmer. Ein Wohnzimmer oder eine Art Wartezimmer? Es gibt alte Sessel und viele Regale. Ich schwebe weiter und spüre plötzlich einen festen Druck an meinem Hals. Er ist sehr unangenehm und ich habe das Gefühl zu ersticken. Ich dachte, entweder hörst du auf zu fliegen oder du wirst ersticken und so hörte ich also auf. 

Ich wachte auf und überlegte, ob ich irgendwie falsch gelegen hätte und deshalb aus dem Traum heraus musste, aber ich konnte nichts finden. Ich lag friedlich entspannt im Bett. Aber den Druck auf meinen Hals, den spürte ich noch immer und es war unangenehm.”

Natürlich deutete ich den Traum am nächsten Morgen und im Traumdeuter konnte ich wiederholt lesen, dass es einen großen Wunsch nach Freiheit in mir gab. Womöglich konnte es auch eine außerkörperliche Erfahrung meines Geistes darstellen aber davon hatte ich keine Ahnung und ging deshalb nicht weiter darauf ein. Solche Hinweise machten mir Angst. Dass unüberwindliche Hindernisse erfolgreich bewältigt werden, gefiel mir da als Deutung schon besser und ich war gespannt, was da noch alles passieren würde. 

Habt ein wunderschönes Wochenende, Monika