Ashram II (64) – oder: lasst mich alle in Ruhe –

In diesem Beitrag geht es nicht darum, einen Ashram oder Personen schlecht zu machen. Das möchte ich vorab klarstellen. Als ich 2015 im Ashram von Sri Swami Vishwananda war, bin ich mit meinem sehr kritischen und zweifelnden Verstand unterwegs gewesen. Ich beobachtete alles um mich herum mit meiner eigenen persönlichen Geschichte, Konditionierung und dem Einfluss der Literatur von Krishnamurti. Ich lehnte schon immer jegliche religiöse Institution ab, und alles, was im Ashram passierte, erinnerte mich jedoch genau daran. Deshalb hatte ich auch vom ersten Tag an, bis zur Rückkehr nach Hause in Istanbul starke Kopfschmerzen. Auch wenn ich mit dem ganzen Drumherum in so einem Ashram meine Probleme hatte, wollte ich mich davon überzeugen, ob Sri Swami Vishwananda ein erleuchteter/aufgewachter Geist ist.

Am 8.05.2015 abends gab es im Ashram (https://bhaktimarga.de/about/paramahamsa-vishwananda/) einen Darshan. Knapp ausgedrückt könnte man sagen, dass es sich dabei um eine Zeremonie handelt, in der der erleuchtete Yogi oder Heilige den Teilnehmern seinen Segen gibt. Der Darshan begann um 18.00 Uhr und ging bis ca. 1.00 Uhr nachts. 

Ich betrat den großen Raum zwar mit meinem Herzen, aber ich nahm auch meinen wertenden Verstand mit, anstatt ihn draußen vor der Tür an den Kleiderhaken zu hängen, um den ganzen Segen solch einer Veranstaltung in mir aufzunehmen. So war ich zwar neugierig und offen für alles, aber gleichzeitig wappnete ich mich, indem ich der strengen Beobachterin in mir stets den Vortritt ließ. 

Es waren Hunderte von Menschen gekommen, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Meine Freundin und ich, wir hatten Glück, dass wir einen Stuhl zum Sitzen hatten, denn für unsere Gruppe aus der Türkei wurden Plätze reserviert. All die Stunden saßen wir auf diesem Platz und Musiker spielten ohne Unterlass Musik. Ich sah, dass sie sich abwechselten. Der Swami selbst kam etwas später und sang dann ebenfalls mit.

Tagebuch 09.05.2015:

“Gestern gab es einen Darshan. Ununterbrochen spielten die Musiker und meinem Kopf hat das nicht gerade gutgetan. Mitgegangen, Mitgefangen. Schließlich bin ich doch freiwillig hergekommen oder? Nach ca. zwei Stunden Musik und Gesang fing die eigentliche Zeremonie an. Jeder einzelne in diesem Saal rutschte nun nach und nach auf den Knien zum Swami nach vorne, um sich von ihm segnen zu lassen. Unsere Gruppe selbst ordnete sich erst sehr spät in die Reihe der Knierutscher ein.

Ich auf Knien. Auf den Knien rutschte ich mit den anderen Zentimeter für Zentimeter vorwärts auf den Swami zu. Was machte ich da? Fehlen mir Demut und Hingabe? Als ich selbst beim Swami ankam, war mir nicht mehr zum Weinen zumute, so wie bei der ersten Begegnung mit ihm. Ich fühlte mich stark und wohl. Ich gab ihm die kleinen Geschenke aus der Türkei und hielt ihm vier Mala-Ketten hin, die er segnen sollte. Ich wollte sie an bestimmte Menschen verschenken. Ich schaute ihm direkt in die Augen. Dieser Moment erschien mir unendlich lang. Er hatte dunkle Augen und die Tiefe in diesen Augen nahm kein Ende. 

Ich hatte nun einen nassen und kalten Aschefleck auf meiner Stirn und einen Beutel mit Asche und Rosenblättern. Mehr als vier Stunden lang hatte er jede Person in diesem Raum geduldig empfangen, in die Augen geschaut und gesegnet. Jeder einzelne hatte seine vollkommene Aufmerksamkeit und Liebe. Wo nimmt er diese Geduld und Energie her? Am Ende kamen noch die ganzen Mitarbeiter des Ashrams an die Reihe.

Ich schaue mich um und sehe überall Bilder und Schmuck an den Wänden. Die Dekoration ist bunt und fröhlich. Gold und Glitzer überall. Ich höre von Y., dass der Swami nur zwei Stunden am Tag schläft. 

Im Bett ohne Abendbrot. An Schlaf war jedoch nicht zu denken. Es musste sich erst einmal alles in mir beruhigen.“

„Um 7.00 Uhr morgens klingelte schon ein Wecker im Zimmer von meiner Mitbewohnerin. Sie kommt aus Russland und ist Sängerin. Sie singt hier für den Swami und ich lasse mir gleich zwei CDs von ihr andrehen. Natürlich konnte ich danach nicht mehr einschlafen. Um 10.30 Uhr gibt es die nächste Veranstaltung draußen in einem riesengroßen Zelt: 

Lakshmi Yagna.“

Diese Veranstaltung war auch ausschlaggebend für unsere Reise. Maha Lakshmi ist die göttliche Mutter, die ihren Kindern alles bietet. Mit ihrer Barmherzigkeit beschützt sie sie und schenkt all jenen, die aufrichtig zu ihr beten, den Segen geistigen und materiellen Reichtums. Hierfür wird in der Zeremonie ein heiliges Feuer (Yagna) entzündet, um sie symbolisch zu verehren und sich bei ihr zu bedanken. Es heißt, Maha Lakshmi schafft Gleichgewicht, indem sie Körper, Geist und Seele vereint. Sie sorgt dafür, dass wir auf unserem spirituellen Weg vorankommen können

Es wurde darum gebeten, zur Zeremonie in angemessener Kleidung zu erscheinen. Kein Zwang, aber trotzdem fühlte ich mich unter Druck gesetzt und kaufte mir dort in dem Shop widerwillig einen Sari, weil ich keinen langen Rock dabei hatte. Auch musste der Kopf von Frauen bedeckt werden. Das ärgerte mich und noch mehr regte ich mich darüber auf, dass es in der Buchabteilung nur Literatur von oder über Swami Vishwananda gab. Dabei hätte ich so gerne, wenn ich schon mal in Deutschland war, auch andere neue Yoga-Bücher eingekauft. 

Es gab Hinweise, wie die Zeremonie ablaufen wird und wer, wo und wie sitzt. Frauen mit Menstruationen mussten weiter weg vom Feuer sitzen und durften auch nicht in das Yagna/Feuer opfern. All das stieß mich ab, weil es mich an alle anderen religiösen Vorschriften und Regeln erinnerte. Ich dachte, dann hätte ich auch gleich in eine Kirche gehen und mir vom Priester Weihrauch ins Gesicht wedeln lassen können.

“Im Zelt gab es drei offene Feuerstellen. Der Swami kam ca. 1-1½ Stunden später, und bis dahin wurde wieder gesungen. Er erzählte von der Göttin Lakshmi, und dann sangen wir wieder zusammen weiter, während er in Sanskrit betete. 

Wir saßen auf einer schmalen Holzbank ohne Lehne und mir tat alles weh. Meine Füße froren, weil die Schuhe draußen vor dem Zelt standen. Ich legte mir meinen Mantel unter die Fußsohlen, um die Kälte von unten abzuhalten. 

Um 14 Uhr erst ging die eigentliche Zeremonie los. Bis dahin sagte ich mir immer wieder, dass ich Geduld haben müsse und stand ab und zu auf, um mir die Beine zu vertreten. Endlich wurden die Feuer dann entfacht und jeder hatte abwechselnd die Gelegenheit, an einer Feuerstelle zu sitzen, um zu beten, zu singen und Reis ins Feuer zu werfen. Bis 18.00 Uhr ging es immer so weiter. Am Ende wurden alle anderen Opfergaben ins Feuer geworfen. Es stieg sehr viel Rauch auf. Meine Kopfschmerzen wanderten von der rechen Seite auf die linke.“

Es gab auch einen ganz speziellen Meditationsraum im Ashram, der wie eine Höhle ausgebaut wurde. Eine Anlehnung an Babaji’s Höhle in Indien. Ich glaube, ich hatte zweimal versucht dort zu meditieren und bin jedes Mal verärgert wieder weggegangen. In meiner Wohnung in Istanbul war es sehr laut, und das Meditieren fiel mir dort extrem schwer aber ich war wenigsten allein im Raum. 

Hier in der Höhe konnte ich nie entspannen, selbst wenn nur sehr wenige Menschen anwesend waren. Sie hatten nicht die Fähigkeit oder den Willen, geräuschlos und unsichtbar für andere zu sein, sondern selbst hier noch in der dunklen Höhle den egoistischen Wunsch, in irgendeiner Form aufzufallen.

Am schlimmsten waren die, die ein gelb-orangefarbenes Gewand trugen. Sie schnieften, sprachen/beteten laut oder bewegten sich ständig. Es ging nicht anders, ich musste dann stets aufschauen und nachsehen, was da passierte. Ich fühlte mich gestört und konnte nicht abschalten. Sie verhielten sich genauso wie andere junge Männer, die mit einem fetten Auto und vergrößertem Auspuffrohr laut über die Straßen von Istanbul pesten. Wo war hier der Unterschied? Überall das gleiche Ego.

Als ich zurück auf mein Zimmer kam, war inzwischen eine weitere Bewohnerin in unser Zimmer eingezogen. Sie kam aus Portugal. 

Tagebuch 10.05.2015:

„Noch immer habe ich Kopfweh. Ich kann auch nicht auf die Toilette, weil es niemals Ruhe in unserem Zimmer gibt. Ich kann nicht entspannen. Die Russin hat auf unserem kleinen Tisch einen Altar aufgebaut. Statt Platz zum Schreiben oder Essen zu haben, haben wir nun vier Götter dort zu stehen, die mit Blumen, Blättern, Muscheln, Kettchen und Glitzerstoff verziert wurden. Jeden Tag legt sie nun auch noch Lebensmittel dazu, die in diesem kleinen Raum vor sich hingammeln und wenig angenehme Gerüche verbreiteten.

Außerdem hatte die Russin, die etwas korpulent ist und sich sowieso in diesem engen Raum nicht geräuschlos bewegen kann, zu allem Überfluss auch noch ein Band mit Glöckchen um ihre Knöchel gebunden, so dass ich sie nun schon aus der Ferne hören kann. Im Gegensatz dazu ist die Portugiesin sehr still und zurückhaltend. 

Heute ging es weiter mit dem Lakshmi-Agna, aber bevor wir uns ins Zelt begaben, ging ich mit meiner Freundin erst einmal in der Gegend im Wald und neben den gelb blühenden Feldern spazieren. An den Feuerstellen wurden dann wieder Mantra gesungen und symbolische Opfer gebracht. Wir durften uns am Ende auch etwas wünschen und ich wünschte mir Gesundheit für mich und meine Familie im weiteren Sinne und Frieden und Freude für meine zwei Freundinnen, die trauerten. Anschließend konnte man in einen Umschlag Geld spenden. Ich tat nur sehr wenig rein, weil ich gar kein Geld mehr hatte. Ich hatte alles, was ich für das Yoga-Studio bekam, für diese Reise ausgegeben. 

Danach verteilte der Swami persönlich eine besondere Süßigkeit an jeden einzelnen, der vor ihn trat. Ich kam erst an die Reihe, als schon alles abgeräumt wurde und wollte schon wieder weggehen, als Leute von der Organisation draußen sagten, ich solle ruhig noch einmal reingehen, denn es gab doch noch neue runde süße Bällchen. Es schien so, als würde der Swami mir das Bällchen irgendwie lustlos in die Hand werfen. Ich kam mir plötzlich vor wie eine Bettlerin. Ich konnte es daher nicht aufessen. Es war mir auch zu süß. Ich warf es weg und war anschließend total frustriert. 

Ich hatte ein Buch von ihm gekauft und ich las dort, dass er Ringe materialisieren konnte und diese verteilte. Zwei Leute aus unserer Gruppe haben wohl so einen Ring bekommen. Warum weiß ich nicht. Ich habe auch gesehen, wie Leute ihn direkt darauf ansprachen und um einen baten. Als Jugendlicher soll er damit angefangen haben und ich weiß nicht, was ich davon halten soll. 

Es ist eine gefährliche Atmosphäre und man kann sich leicht anstecken lassen von diesen Eitelkeiten und diesem spirituellen Ehrgeiz der Menschen hier. Das Verhalten vieler widerspricht dem, was ich in den Yoga-Sutras des Patanjali gelesen habe. Sie spielen ihre Rollen in anderen Gewändern weiter. Die Frauen in bunten Saris und angehende Swamis in orangefarbenen Tüchern. Die reservierten Plätze, erinnern mich an Sitzordnungen in Kirchen und Moscheen. All das macht mich völlig meschugge. Alle achten hier sehr auf ihr Äußeres und auch der Swami, der ein wunderschönes Gesicht hat, liebt das Schöne. 

Nach Abschluss der Zeremonie hatte ich das starke Bedürfnis zu duschen und mich umzuziehen. Ich möchte mich nicht verkleiden. Es geht mir um die inneren Werte. Wie viele Kopfschmerztabletten habe ich hier eigentlich geschluckt? 

Ich sollte nach diesen Erfahrungen auf jeden Fall von einer Reise nach Indien absehen. Ich spüre hier im Ashram alles, nur keine Spiritualität. Das Schönste war für mich heute die eine Stunde Ruhe auf dem Balkon, als alle draußen bei der Zeremonie waren. Hier mit dem Blick in die Natur fühlte ich mich Gott wirklich nah. Gott ist in der Stille. Nicht im Lärm. So viele Vögel hier. Herrlich. 

Man sagt, Musik öffnet die Herzen. Das stimmt. Aber was hier im Ashram passiert, ist nichts für mich. Ich sehe aber, das andere Menschen sehr glücklich damit sind. Es ist jetzt 20.00 Uhr und ich habe keine Lust mehr, das Zimmer zu verlassen. Zu viele Leute. Zu laut. Hier scheinen alle anderen genau das zu genießen. Liegt es daran, dass die nicht aus Istanbul kommen? Die Portugiesin legt sich früh ins Bett, weil sie um 03.00 Uhr aufstehen muss, um zum Flugplatz zu fahren. Das wird dann wieder keine ruhige Nacht werden. Morgen hat das endlich alles ein Ende und ich freue mich auf zu Hause, auf die Kinder und unseren dreibeinigen schwarzen Kater.“

In der ersten Nacht in Istanbul konnte ich vor Aufregung kaum einschlafen.

Tagebuch 12.05.2015:

Erste Nacht in Istanbul. Ich spüre Aufregung und Erschöpfung. Ich habe den Kindern vom Swami und seinem Ashram erzählt. Dann habe ich ihnen Bilder gezeigt und das hat mich wieder sehr aufgewühlt. In der Nacht bin ich irgendwann wach geworden und habe meditiert. Als ich mich wieder hinlegte, hatte ich das Gefühl, dass sich etwas an meiner Stirn öffnete. Lichter kamen von dort nach draußen oder kamen sie von draußen nach drinnen? Mit diesen Lichtern schlief ich dann ein.

Am Morgen wachte ich glücklich aber auch noch immer etwas müde auf. Ich möchte jetzt erst einmal von allem, was ich im Ashram erlebt habe, Abstand haben. Ich muss all die Eindrücke sacken lassen. Deshalb brauche ich jetzt erst einmal einen guten Krimi und vor allen Dingen einen Kaffee.

Ich freue mich, dass meine Tochter Paramahansa Yogananda liest. Zu ihm fühle ich mich noch immer sehr hingezogen. Meine Bitte ist daher auch, dass ich endlich meinen spirituellen Lehrer finden möge.”

Und mit dieser Notiz dürfte ja wohl klar sein, dass ich Sri Swami Vishwananda nach dieser Reise nicht als meinen Lehrer ansehen konnte. Die Suche ging also weiter…

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, Monika