Im Ashram I. (63)

Früher dachte ich immer, ich müsste etwas tun, um mit Weisheit/Erleuchtung belohnt zu werden. Vielleicht war ja aus irgendeinem Grund soviel Disziplin und Ehrgeiz für die Gottessuche in dieser Phase nötig. Vielleicht verliert man sonst den Mut oder die Kraft, wenn nichts mehr da ist, woran man sich festhalten kann, und wenn es auch nur die eigene Anstrengung selbst ist. Vielleicht gehört das ja zum Spiel dazu. Oder ist das gar der übliche Weg, der stets erst in die Irre führen muss? 

Im April 2015 jedenfalls kam ich auf einmal irgendwie zu Jesus und kann beim besten Willen nicht erklären, wie das möglich war. Das erste Mal in meinem Leben beschäftigte ich mich plötzlich mit Ostern. Ostern bedeutete für mich eigentlich nichts anderes als Oster-Ferien, solange ich noch in Deutschland lebte. Als ich in die Türkei zog, blieb nur noch das Ostereiersuchen im Garten für die Kinder übrig. 

Tagebuch 05.04.2015:

“Ostersonntag. Ich merke, wie stark mich die ganze Literatur der letzten Monate und Jahre beeinflusst hat. Ostern bekommt auf einmal einen Sinn. 

Ich, die nie gläubig war, ohne Religion aufgewachsen war, trotzdem immer gerne in jede Kirche ging, um um dort still zu sitzen und es genoss und nie wusste warum,  erkennt plötzlich, dass Jesus existiert. 

Ich bin fest davon überzeugt. Ich weiß einfach, dass Gott in allem ist, auch wenn ich es nicht erklären kann. Ich spüre es einfach. Die Tränen kommen.”

Woher diese Gewissheit kam, ist tatsächlich nicht zu erklären. Es war eben soweit. Das immer tiefer werdende Vertrauen ebnete den Weg für diese Erkenntnis. Ich hatte keine weitere Vision und auch keinen Hinweis. Wann hatte ich je Berührung mit Jesus oder mit der Bibel? Dieses – nennen wir es mal Gottvertrauen – blieb immer an meiner Seite. Darüber wunderte ich mich nicht, aber was mich tatsächlich wieder in Erstaunen versetzte war, dass ich mich nicht darüber wunderte. Als sei das das Natürlichste und Selbstverständlichste von der Welt. 

Anstatt nun in diese Erkenntnis einzutauchen, zu entspannen und zu genießen, forderte ich mich schon im nächsten Satz zu noch mehr Disziplin auf. Dabei konnte ich mich schon kaum auf den Beinen halten. Ich rannte noch immer und zwar nun auf dem spirituellen Weg: 

“Ich muss nur endlich wieder mehr meine Disziplin finden. Ich fühle mich noch immer so erschöpft. Schwindel. Kopfweh. So oft. Rücken. Nacken.

Tapas. Disziplin. Früh aufstehen. Meditieren. Yoga. Spaziergänge. “

Ich dachte, ich müsste immer weiter kämpfen, dem Ziel des Aufwachens/der Erleuchtung/Gott entgegen und müsste etwas dafür tun. Dabei ist es doch genau das Gegenteil. Aber woher sollte ich das wissen? Da war niemand, der darüber zu mir sprach, und was habe ich anderes getan, als 50 Jahre lang zu kämpfen und zu rennen, um irgendetwas zu erreichen? 

Ab dem 6.04.2015 beschäftigte ich mich vier Wochen lang sehr intensiv mit dem Buch, “Vedanta for Beginners” von Sivananda. Fleissig schrieb ich mir all die Begriffe und Unterteilungen des Menschen und seiner Natur ins Yoga-Tagebuch. Das Buch war sehr interessant, aber es hatte keinen bleibenden oder entscheidenden Eindruck bei mir hinterlassen. Aus irgendeinem Grund gab es sogar inneren Widerstand. Aber der lernende Geist war beschäftigt und ich machte mir viele Notizen über Namen und Formen in Deutsch und in Sanskrit. Das erfüllte mich eine Zeit lang, und daher träumte ich in dieser Zeit auch nicht viel. 

Tagebuch 21.04.2015: 

“Traum: mein Vater stirbt (er lebt noch). Ich fahre mit einem Schiff nach Amerika. Dieses Schiff hat mit Wellen zu kämpfen und ändert den Kurs. Es versucht in der Mitte einer gebauten Rutschbahn aus rohen Eiern zu fahren. Der Kapitän schafft es aber nicht. Ganz langsam bewegt es sich fort. “

Wahrscheinlich steckte ich spirituell fest. Ein Eiertanz zwischen dem Alltag und dieser Literatur, den ich da vollzog? 

Tagebuch 26.04.2015: 

Ich habe geträumt, dass ich einkaufen war. Ich kaufte mir eine Gesichtscreme. Meine große Tochter bezahlte. Ich suchte mir auch ein zweiteiliges Kostüm aus. Traum Ende. 

Womöglich träume ich so etwas, weil mir nichts mehr passt und ich mir nicht mal eine Gesichtscreme kaufen kann. Alles, was ich mit dem Yoga-Unterricht verdiene, wird für die Lebensmittel benötigt. Nichts bleibt. Alles entrinnt. Ich versuche gelassen zu bleiben, aber ich merke, wie ich die Tränen unterdrücken muss. Ich meditiere. Ich bin mir gewiss, alles ist gut. Ich darf mein Vertrauen nicht verlieren. 

Ich sehe meinen Partner an und spüre, dass auch er sich Sorgen darüber macht, ob er jetzt als Rentner verarmen wird und denke, gemeinsam schaffen wir das.”

Das Tagebuch wurde weiterhin gefüllt mit Begriffen aus der Vedanta, und mein Fazit am 05.05.2015 war, dasss ich feststeckte, alleine nicht weiter kam , einen Lehrer brauchte und Satsang. Und so stimmte ich zu, an einer Reise in ein Ashram in Deutschland teilzunehmen, dass von unserer Kriya-Yoga Gruppe organisiert wurde.  

Ich bekam endlich das – man könnte sagen symbolische – Geld für die Übergabe des Yoga-Studios und anstatt mal zum Friseur zu gehen, mir eine Gesichtscreme zu kaufen oder etwas zum Anziehen, kaufte ich davon das Ticket nach Deutschland und den Aufenthalt für ein verlängertes Wochenende im Ashram Bhaktimarga (https://www.bhaktimarga.org) von Vishwananda. Damit war das ganze Geld schon aufgebraucht. 

Diese Reise widersprach allem, was ich je von Krishnamurti hörte oder las und auch meiner eigenen Natur, denn ich war kein Bhakti oder Ashram-Typ. Andererseits dachte ich, vielleicht ist es ja gerade gut für mich, diese Reise zu machen, weil ich soviel Widerstand mit der Hingabe hatte. Vielleicht würde es meinen Stolz und meine Arroganz brechen und mich von Vorurteilen befreien. 

Dieser Ashrambesuch war dann auch wie eine Selbstkasteiung für mich, denn ich hatte vom Hinflug bis zum Rückflug nach Istanbul nur Kopfschmerzen. 

Vor dem Abflug übernachtete ich wegen der Flughafennähe bei meiner Freundin, die ebenfalls mitkam. Natürlich gab es in der Nacht vor der Reise jede Menge Träume und einen möchte ich aufschreiben, da er meinen Zwiespalt mit dieser Reise klar aufzeigt.

Tagebuch 7.05.2015:

Ich träumte, dass eine große Schlange über mir im Baum vom Ast zum Haus sprang. Ein Hund kam und tötete sie. Später wurde aus dem Hund mein Kater. Dann lag die getötete Schlange auf dem Boden und ich sah, wie sie mit dem Kopf und einem Teil ihres Körpers fauchend durch den Raum zog. Weit riss sie das Maul auf, während links und rechts Rauch heraustrat, wie bei einem Drachen. Ich ging in ein Zimmer und schloß die Tür. Ich wartete bis bis der Spuk vorbei war. Traum Ende. 

Ankunft in Deutschland – Siegen. Ich habe Migräne und starke Schmerzen. Keine Tablette hat bisher geholfen. Das einzige was mir hilft ist Ruhe. Ich ziehe mich ins Mehrbettzimmer zurück. Meine Freundin bringt mir später eine Suppe ans Bett. “

Am nächsten Tag nahm ich mit noch immer starken Kopfschmerzen an einem Workshop über OM-Healing teil. Ich hatte davon im Beitrag “Himmliche Glöckchen (52)” berichtet und auch über meine Erfahrung nach einer solchen Sitzung. Deshalb war ich sehr gespannt darauf zu erfahren, wie solche Meditationen mit Gesang derartige Phänomene auslösen können.

Da jeder Ton eine Vibration auslöst und unser Körper zum überwiegenden Teil aus Wasser besteht, reagieren wir natürlich stark auf diese Schwingungen. Ich habe vieles gelernt in dieser Veranstaltung, aber natürlich ging es auch darum, dass man diese Meditation selbst leiten und durchführen kann, wenn man an einer bestimmten Anzahl von Meditationen teilgenommen und den Segen des Gurus hat. Swami Vishwananda hat diese wohl schon sehr alte Heilungs-/Meditationsmedthode wieder entdeckt. Obwohl ich großes Interesse daran hatte, mehr darüber zu erfahren, kam ab da bei mir gleich wieder Widerstand auf. Ich kann einfach Yoga in Verbindung mit irgendwelchen Bedingungen nicht in Einklang bringen. 

Gott muss ohne Bedingungen sein. 

Tagebuch 8.05.2015:

“Gestern habe ich wegen der Kopfschmerzen alles verpasst. Heute nach dem Workshop habe ich beim Mittagessen das erste Mal Swami Vishwananda gesehen. Ich konnte nicht mehr essen. Im Raum wurde es still. Tränen kamen in meine Augen. Ich wollte einfach nur noch weinen. 

Später fragte ich Y., die schon öfter in diesem Ashram war und  die Reise von Istanbul nach Deutschland auch organisierte, warum die Tränen laufen? Sie sagte, das ginge sehr vielen Menschen so und erzählte mir die Geschichte von einem Afrikaner, der das Buch von Swami Vishwananda in den Händen hielt und nur weinte. Er kam später nach Deutschland und zog in die Nähe des Swamis. Jetzt traten auch Y. die Tränen in die Augen. Er berührt die Seelen, dadurch berühren wir unsere Seelen und die Tränen sind ein Zeichen dafür.” 

Am Nachmittag hatten wir, als kleine Gruppe aus der Türkei, ein privates Treffen mit Swami Vishwananda. In einem engen Raum saß er auf einem Stuhl direkt vor uns, während wir uns zu seinen Füßen niederließen und Fragen stellen konnten. Und während die anderen Fragen stellten, beobachtete ich und versuchte zu verstehen. Später notierte ich mir: 

“Er hat eine starke Ausstrahlung. Die anderen knien vor ihm nieder und mir will es nicht gelingen. Habe ich keine Demut? Fühle ich mich veräppelt? Wie kann ein Mensch soviele Fragen, soviel Drängen, Liebe, Probleme, Zweifel der anderen ertragen? Er lacht immer. Die Augen strahlen. Aber ich sehe auch die Anstrengung hinter all dem und halte mich zurück. Lerne dich zurückzuhalten! Ich habe keine wirklichen Probleme. Welche Frage könnte ich stellen außer, dass ich meinen spirituellen Pfad aus den Augen verloren habe und nicht weiß, wo es lang geht. Brauche ich einen Guru? 

Das Phänomen der Tränen ist wirklich interessant und begegnete mir noch sehr oft. Es spielt im Grunde keine Rolle, was oder wer diese Tränen auslöst. Das kann bei einem Gebet zu Jesus oder Gott passieren, beim Anblick eines Bildes oder dem Sitzen in der Nähe eines erleuchteten/aufgewachten Menschen. Wichtig ist, dass es passiert. Der Kern/die Hülle/der Verstand muss geknackt werden. Man muss Zugang zu seinem Innersten finden, damit diese Liebe uns überhaupt erreichen kann. 

In der Literatur heißt es auch oft, man muss geläutert oder gereinigt werden. Ich würde sagen, bei mir müssen der Verstand geknackt und das Herz geöffnet werden. Und wenn ich den Verstand mit einer Nuss gleichsetze, dann könnte ich auch sagen, dass der Guru für mich als Nussknacker fungieren muss, da ich in dieser Ego-Schale festhänge. 

Jeder Guru/Lehrer hat da seinen eigenen Weg und daher spricht uns auch nur das an, was wir sowieso schon sind und/oder brauchen. 

Und da ich keine tanzende und singende Seele so wie Y. bin, die aus Südamerika kommt, sondern eine immer zweifelnde und völlig auf den Verstand fixierte Person, war diese Ashram-Erfahrung für mich zwar sehr interessant, aber womöglich nicht der richtige Weg. Und doch ging dieses Erlebnis nicht spurlos an mir vorbei, wie ich heute und somit Jahre später in meinem Tagebuch lesen kann. Es passierte etwas mit meinem dritten Auge, und daher werde ich in den nächsten Beiträgen weiter vom Ashram berichten. Wir alle haben schon von diesem dritten Auge gehört oder gelesen und ich selbst hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was damit wohl gemeint sein könnte, bis es sich später völlig unerwartet wie eine Blume öffnete.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, Monika