Die Projektion des Verstandes (62)

Mehrere Wochen war ich wie gelähmt. Ich las in meinem Yoga-Tagebuch und schrieb auch ein paar Zeilen, aber es kam nichts Vernünftiges zustande. Ich schob es auf die z. T. starken Erdbeben der letzten Wochen, auf die ständigen Wetterwechsel von fast sommerlichen Temperaturen von 20 Grad auf Schnee und Frost und jede Menge Angelegenheiten, die erledigt werden wollten. Mein Kopf und mein Körper reagieren inzwischen sehr heftig auf jede Veränderung in meinem Umfeld. 

Seitdem wir nicht mehr in der Großstadt leben, erlebe ich z. B. ein Gewitter schon viele Stunden, bevor es am Himmel auftaucht, in meinem Kopf. Wenn ich die Augen schließe, dann vibriert, funkt und donnert es in meinem Schädel. Ich spüre den Luftdruckwechsel in meinen Ohren, weil Töne erklingen. Ich bin das Wetter, sage ich zu meinem Mann. Vielleicht kennt ihr das? 

Aber seit heute Morgen weiß ich, dass das alles nicht der Grund für die Schreibpause war. Es lag ganz einfach daran, dass ich im März 2015 feststeckte. Es gab weniger Notizen als sonst. Und genau das blockierte mich auch jetzt wieder. Ich erlebte diese Trägheit in den letzten Wochen in gleicher Weise und konnte daher nicht schreiben. Ich konnte auch nichts anderes machen. Ich wollte einfach nur sein. Ich wollte über nichts nachdenken. Nichts fühlen. Vor allen Dingen nicht diese Einsamkeit. 

Der Rückzug geht immer so lange gut, bis es irgendwann in mir explodiert und ich mein Umfeld angreife. Manchmal versuche ich vorher noch z. B. meinen Partner in meine Gefühle einzubeziehen. Ich stoße dann zwar auf Liebe und Verständnis, was meine Person betrifft, ansonsten jedoch auf totale Ignoranz. Wenn ich von Ignoranz spreche, meine ich es nicht böse, denn schließlich hielt ich meinen Verstand/Ego ja auch 50 Jahre lang für den besten Begleiter und Führer „meines Lebens”. 

Wenn ich auf diese Ignoranz stoße und die Einsamkeit nicht überwinden kann, schreit mein Ego auf. Es fühlt sich verletzt und missverstanden. Ich fahre dann härtere Worte auf und greife an und führe dadurch nur noch mehr Trennung herbei. Ich sehe es ganz genau, noch während ich denke und die Worte ausspreche. Wie im Kino komme ich mir vor. Ich erkenne, dass ich etwas tue, was totaler Blödsinn ist und mache trotzdem weiter. 

So war es auch diesmal. Ich explodierte. Als ich später alleine war und meine Augen schloß, wollten die Tränen kommen. Ich sah mit geschlossenen Augen, wie sich die Mimik auf meinem Gesicht veränderte. Der Mund verzog sich nach unten und die Stirn bekam Falten. Ein Bild von einer Schauspielerin tauchte plötzlich in meinem Gedächtnis auf und ich dachte, was für ein Schauspiel treibe ich hier eigentlich? Sollte jetzt der Teil Selbstmitleid kommen? Das war so offensichtlich, dass genau diese alte bekannte Spur nach der Auseinandersetzung abgefahren werden sollte.

Ich beobachtete es. Atmete durch. Entspannte den Körper und auch das Gesicht. Ich konnte nicht darüber lachen. Das nicht. Aber sofort sprang ich aus dieser Selbstmitleidrolle heraus. Ich wurde still und war total erschöpft. Ich dachte für einen kurzen Augenblick, Gott hätte mich verlassen oder vielmehr, ich hätte Gott verloren. 

Aber wie können wir mit Gott sein, wenn wir einen Teil um uns herum und somit einen Teil von uns selbst angreifen? Ich bin noch immer in meinem Ego gefangen und das zu erkennen hat so geschmerzt. 

Bin ich noch immer da, wo ich 2015 war? 

Immer wieder will mein Ego den Konflikt erhalten, weil es so Trennung herbeiführen kann. Es will mich davon überzeugen, dass nur es selbst in der Lage ist, mich von Konflikten zu befreien, damit ich es nicht endgültig ziehen lasse. 

So projiziert es den Konflikt von meinem Verstand auf andere, um mir vorzumachen, ich wäre das Problem durch die Verlagerung nun auf diese Weise losgeworden. Noch während ich redete und versuchte, jemand anderem zu erklären, was Wahrheit bedeutet, wurde mir klar, dass ich mit mir selber sprach. Ich sprach nicht zu meinem Partner, sondern zu mir: Monika, versteh doch, wir leben in einem Konzept. Wenn wir nicht wenigstens versuchsweise für eine Minute akzeptieren können, dass 1 + 1 nicht gleich 2 ist, können wir auch nicht erkennen, was die Wahrheit ist. Formeln, Mathematik und Sprache sind Konzepte des Verstandes, um sich zu orientieren und haben nichts mit der Wahrheit zu tun. Die Wahrheit offenbart sich erst, wenn wir nicht denken, also ohne Konzepte sind und das bedeutet auch, ohne unser Ego sind. 

Als ich mich wieder beruhigte, dachte ich, wenn kein Ego mehr da ist, wen interessiert dann, was andere denken und glauben? Es kann doch nur dann Probleme geben, wenn ich noch ein derartig starkes Ego habe. Ich weiß nicht, ob ich mein eigenes Ego jemals so klar erkannt und durchschaut habe.  

Ich nahm das Buch in die Hand, dass ich ebenalls seit mehreren Wochen liegen ließ und las: 

„Wenn du jemandem begegnest, so erinnere dich daran, dass es eine heilige Begegnung ist. 

Wie du ihn siehst, so wirst du dich selbst sehen.

Wie du ihn behandelst, wirst du dich selbst behandeln.

Wie du über ihn denkst, wirst du über dich selbst denken.“

Und ich werde daran erinnert, dass ich gar nicht auf meinen Partner wütend bin, sondern nur auf mich selbst, wieder mal im Dunkeln herumirrend und weit vom Licht entfernt. 

„Du kannst dich nicht finden, indem du nur dich selber ansiehst, denn das bist du nicht. Jedes Mal, wenn du mit jemandem zusammentriffst, lernst du, was du bist, weil du lehrst/sprichst, was du bist.”

Mein Partner verließ das Zimmer nicht mit Freude, sondern mit Schmerz und daher war es mein Ego, was da sprach und versuchte zu lehren. So einfach ist das. 

Wenn ich ein Teil Gottes bin, der alles ist, dann kann ich immer nur mir selbst begegnen, als Teil von ihm. 

Ja, tatsächlich ist es wie ein Witz. Ich streite, weil ich mich unverstanden und einsam fühle und führe dadurch noch viel mehr Trennung herbei, und im Ergebnis gibt es nicht nur Einsamkeit, sondern auch Wut, Enttäuschung und Traurigkeit. 

Ich habe meinem Ego wieder einmal erlaubt, die Reise zu behindern. Also hat sich seit 2015 tatsächlich nichts geändert? 

Doch, es gibt einen wesentlichen Unterschied. 2015 gab es noch kein „Aufwachen”. Deshalb weiß ich heute, dass es die absolute Wahrheit ist wenn da steht: 

„Du kannst nicht die Welt sehen und Gott erkennen. Nur eins ist wahr.

Wenn Angriff von meiner Seite aus da ist, dann identifiziere ich mich mit meinem Körper.

Ich denke, Angriff kann mir etwas verschaffen, was ich möchte (Recht haben, Aufmerksamkeit, Verständnis, Mitgefühl), sonst würde diese Idee keine Anziehungskraft auf mich ausüben. 

Wenn ich mich mit meinem Körper gleichsetze, werde ich immer Depressionen verspüren. 

Bist du mit Gott, dann ist der Körper ein Kommunikationsmittel und dient der Ausdehnung. Bist du im Ego verhaftet, dann wird der Körper benutzt, um sich von allem anderen zu trennen. 

Von sich aus ist der Körper wertlos.”

Dann denke ich an den leblosen Körper eines lieben Nachbarn, der jetzt nur wenige Schritte entfernt auf dem Friedhof liegt. Eine abgelegte Hülle. 

Ich kann die Illusion meiner Einsamkeit nicht aufrecht erhalten, wenn ich mich an diese Momente des Aufwachens erinnere. Ja, ich muss diese Welt überwinden, aber das geht nicht, indem ich angreife. Ich muss mich immer wieder und immer wieder daran erinnern, was ich wirklich bin. 

Davon wusste ich 2015 noch nichts. Da gab es nur eine Ahnung und sehr viel Vertrauen, dass sich über die Jahre mit dem Yoga entwickelte. Und da war das Licht, dass ich immer öfter wahrnahm. 

Im März 2015 gab es nur noch einen wichtigen Traum, den ich mir im Tagebuch notierte, und auf den ich hier noch kurz eingehen möchte. 

Die Bilder in meinem Traum drückten alles aus, was für mich in dieser Zeit der inneren Erforschung wichtig war. Kann man dem Traumdeuter Glauben schenken, dann sollte sich mein Wunsch erfüllen, da ich im Traum laufe und geradewegs darauf zurenne. 

Eigentlich unfassbar – aber ich sah mich im Traum als Piratin. Eine Gesetzlose, die alle sozialen Regeln und Verpflichtungen ablehnte. Tatsächlich wollte ich ja weg aus einer gefühlten Enge. Meiner eigenen Enge, produziert durch Gedanken. Ich wollte Ausbrechen aus Konventionen. Yoga hatte etwas in mir entfacht und ich lief dem unaufhaltsam entgegen. Der Wunsch nach Freiheit und Abenteuer war da, aber ich war noch immer orientierungslos. 

Tagebuch 30.03.2015:

„Traum: Ich befinde mich in einer Gruppe. Ich gehe voran. Wir laufen auf einer Wiese am Wasser entlang in Richtung zu einem Schiff. Ich gehe schneller. Dann renne ich. Ich jogge. Laufe und laufe und freue mich über meine Energie. Menschen kommen mir entgegen. Ich reagiere sehr freundlich auf alle. Ich bin so froh. Fühle mich so frei. 

Dann sind wir am Schiff. Es gibt eine organisierte Schifffahrt und wir sollen so tun, als würden wir das Schiff entern. Wir sind Piraten. Wir gehen an Deck und ins Innere des Schiffes und dort stehen Tische für uns. Ich treffe dort alte Freunde. 

Ich gehe auf die Toilette, um mir ein Tuch um den Kopf zu binden, damit ich wie ein Pirat aussehe. Ich will auch auf die Toilette aber der Raum ist so eng, dass es mir nicht gelingt. Es ist auch irgendwie eklig. 

An den Tischen erzählen wir Witze und machen Gesellschaftsspiele. Dann befinde ich mich auf einem längeren Flug im Flugzeug und finde anschließend nicht den richtigen Bahnsteig, als ich mit dem Zug weiterfahren möchte. 

Traum Ende. 

Gestern ist es mir besonders aufgefallen aber eigentlich ist es ein Phänomen, was schon seit vielen Tagen vor dem Einschlafen da ist. Sobald ich abends meine Augen schließe, bleibt ein Licht vorhanden. Es kommt von oben. Es scheint so, als sei es irgendwo oben in mir heller, sobald ich die Augen geschlossen halte. Ich nehme dieses Licht wahr und schlafe mit einem lächeln ein.“

Dieses Licht ist auch heute noch immer da. Im Grunde sind wir und alles um uns herum ja nichts anderes als Licht. Licht von Liebe beseelt. Das ist erfahrbar aber nicht wirklich erklärbar.

Vielleicht sollte ich meine Trägheit nicht negativ bewerten. Es ist auch ein Abfallen von scheinbaren Notwendigkeiten. Wenn man erkennt, dass sich eigentlich immer alles nur wiederholt, dann lässt man vieles einfach sein. Tatsächlich gibt es ja auch nicht mehr zu erreichen, als das, was gerade da ist. Das Haus ist warm. Es gibt zu essen. Wir können spazieren gehen in einer wunderschönen Natur. Es ist friedlich. Wenn kein Frieden da ist, liegt es nur an meinem unruhigen Geist. 

Es gibt nichts zu tun und ich entspanne einfach. Hänge herum, ohne zu denken. Etwas, was ich früher überhaupt nicht kannte und konnte. Es gab immer ein MUSS. Nun existiert dieses Wort fast gar nicht mehr in meinem Leben. Es gibt keine Anstrengung mehr, außer beim Laufen in den Bergen oder meinen Yoga-Übungen.

Alles ist absolut perfekt und wenn ich es nicht so sehe, dann liegt es daran, dass ich es nicht erkennen kann. So ist es. Nicht zu schreiben ist in Ordnung. Schreiben ist in Ordnung. Es spielt einfach keine Rolle, weil es keinen Unterschied macht. 

Ich wünsche euch einen schönen friedlichen Abend, Monika