Sterben und Erneuerung (61)

Wer sich ernsthaft auf die innere Reise begibt, der kann nicht davon ausgehen, dass man das mal so nebenbei machen und sein Leben wie bisher einfach so weiterleben kann. Womöglich denken die meisten, dass mit Spiritualität sofort ein entspannteres und harmonischeres Leben eintreten wird. Ja, das ist das Ziel der Reise, aber bis dahin wird erst einmal alles, und ich meine wirklich alles, was tief in uns schlummert, an die Oberfläche gezerrt. Und dann gilt es, all seinen Mut zusammenzunehmen und sich dem zu stellen. 

Ist da Schmerz, dann wird man sich diesen genau anschauen müssen, genauso wie die Angst. Immer wieder und so lange werden diese belastenden Emotionen auftauchen und unser Leben beherrschen, bis wir in der Lage sind, sie zu empfangen und zu umarmen. 

Ich war 2015 nun schon ca. 5 Jahre nach innen unterwegs. Ganz am Anfang der Reise schwebte ich förmlich auf Wolken. Ich war sehr optimistisch. Strahlend. Empfand mich als spirituell und etwas weiser als zuvor. All meine Wünsche schienen sich zu erfüllen und ich dachte, dass es immer so weitergehen würde. 

Aus heutiger Sicht könnte ich sagen, es schien so, als wollte das Leben mir mit diesen kleinen Wundern zeigen, was möglich ist. Es wollte mich ermutigen, immer weiterzumachen. Und als es mich an der Angel hatte und genug Vertrauen da war, konnte es mich durch die Hölle schicken, damit die Reise wieder an Fahrt und Tiefe gewinnen konnte. Denn nur so würde ich in der Lage sein, meinem größten Dämon zu begegnen, nämlich der Angst vor der Angst. 

Hätte ich diese Tiefe verpasst und wäre ich an dieser – ich nenne es mal – oberflächlichen spirituellen Ebene hängengeblieben, dann wäre ich womöglich zu einer Schwätzerin geworden. Vielleicht wäre ich arrogant und noch ignoranter geworden. Es hätte passieren können, dass ich mich selbst anlüge und anderen etwas vormache. Hätte kluge Sprüche von anderen Meistern und Lehrern aufgeschnappt und diese fröhlich verteilt, so als spräche ich selbst aus dieser heiligen Quelle. 

Da ich Krishnamurti las, war mir vollkommen klar, dass ich trotz vieler spiritueller Hochgefühle stets auf dem Teppich bzw. auf der Matte bleiben musste. Ich war noch lange nicht am Ende meiner Reise angekommen, denn es gab noch immer nicht genug Stabilität. Ich war noch nicht wach. 

Ich fing nun an, immer mehr in zwei Welten zu leben. Die äußere Welt, die ich ganz intensiv beobachtete und die innere Welt, die immer wichtiger für mich und weiter wurde und so immer mehr mit der äußeren Welt verschmelzen konnte. 

Aber das neue Wissen durch Wachsamkeit und die Steigerung der Sensibilisierung über die Jahre führten noch nicht zur absoluten Klarheit und dem erstrebten Frieden. Das zeigte mir, dass ich weiter forschen musste. 

Tagsüber war ich die Beobachterin und in der Nacht führte mich mein Unterbewusstsein durch die spirituelle Hölle, denn im Schlaf konnte ich nichts kontrollieren. Meine Traumwelt war der Spiegel dafür, was diese Texte und Vorträge, mit denen ich mich vor dem Einschlafen beschäftigte, mit meiner Seele machten. 

Tagebuch 10.03.2015:

“Ich habe so viel geträumt. Ich bin auf einem Boot. Ich spüre, ich bin dort fremd. Störe aber niemanden. 

Ich habe kein Geld. Stehe in einer Müsli-Büfett-Schlange an und denke darüber nach, was ich mache, wenn ich zur Kasse komme. Das ganze gute Obst ist schon weg. Da sind zwei Brüder. Einer ist sehr attraktiv. Flirtet der mit mir? Nein, das kann nicht sein. Ich bin zu alt. Er hat sehr viel Geld bei sich und bezahlt an der Kasse. Für wen zahlt er dort, für seinen Bruder, für mich?

Am Strand. Alles ist eklig hier. Eine Frau steckt mit den Füßen im Sumpf und schreit, dass man sie dort herausholen soll. Sie helfen ihr. Ich gehe dann auch da hindurch und mir passiert nichts. Ich bleibe nicht stecken. 

Wieder mit dem Boot unterwegs. Ich sehe merkwürdige Gestalten im Wasser. Sind das Krokodile? Monster? So riesig. Unförmig. Unbekannt. Ich drehe mich wieder weg vom Wasser und schaue aufs Boot. Da steht auch so etwas wie ein Ungeheuer. Es war jedoch zart und klein. Es war beleidigt, weil eine Frau neben mir schlecht über einen riesengroßen Fisch im Wasser, der auf uns zukam,  gesprochen hatte. Dabei fand ich das Tier im Wasser schön und war freudig erregt, als ich es sah. Ich wollte es berühren. Ich sagte zu der Frau, jetzt hast du das Wesen hier verärgert. 

Das kleine Ding auf dem Boot wurde plötzlich gefährlich. Es blähte sich auf und wurde riesengroß. Ich sagte zu den andere Passagieren (wo auch immer die herkamen), dass wir hier ein Problem haben. Ich sagte, das Wesen wird jetzt Feuer spucken und uns großen Schaden zufügen. Ich überlegte, wie ich mich schützen könnte und nahm ein Heft/Buch und halte es vor meinen Kopf. Ich wusste gleichzeitig, dass es mir nicht wirklich helfen kann. Das Wesen beruhigte sich jedoch wieder. 

Auf dem Boot steht nun eine männliche Person neben mir (mein Vater oder ein anderer älterer Mann) und wir schauen aufs Wasser. Alles ist ruhig. Ich frage, das war doch hier früher gar kein Wasser oder? Da waren doch Bäume überall. Es sieht aus wie ein Wald, der jetzt unter Wasser stehen würde. Ist das hier ein Fluss oder ein See? Es ruht. Ist aber trüb. 

Ich sehe einen Bankautomat. Frauen lassen dort versehentlich ihre Taschen stehen und kommen dann zurück, um sie zu suchen. Auch mir passiert das gleiche. Ich finde die Tasche wieder. Sie ist schwarz.

Am Meer. Ich sehe wieder eine Welle, die sich aufbaut. Es ist jedoch ganz klar, dass die an uns vorbeiziehen wird. Gut! :-)” 

Was für chaotische Träume? Wie sollte es auch anders sein, wenn ich gerade bei Krishnamurti las, 

dass der Tod tatsächlich nicht das Gegenteil vom Leben ist,

dass alles Denken sterben muss (und dazu gehört auch, wer ich bin und was ich besser/anders machen könnte/sollte),

dass Denken materiell ist (Gedächtnis = Erfahrung = Wissen) und Liebe verhindert,

dass Liebe jedoch keine Erinnerung ist, keine Erfahrung, kein Wunsch und kein Vergnügen, sondern unser Leben,

und dass wir den Tod hiervon getrennt halten und uns daher vor ihm fürchten. 

Ich versuchte ernsthaft zu begreifen, was ich da las. Aber wie sollte das gehen? Einerseits mit dem Verstand verstehen wollen und andererseits alles ablehnen, was das Denken erzeugt. Unsere Hoffnungen, unsere Eitelkeiten und unsere Bindungen, weil all das dafür steht, etwas zu werden. Denn erst wenn das Denken vollkommen aufhört, dann soll ich eins mit dem Tod sein. Leben ist Sterben und Erneuerung. Und immer wieder Sterben und Erneuerung. Wenn es kein Zentrum “ICH” im Denken gibt, dann geht das Leben Hand in Hand mit dem Tod. 

Kein “ICH”, keine “Monika”, kein Leben, kein Tod existieren? Was bleibt denn dann noch übrig? Ich akzeptierte die Texte als absolute Wahrheit und versuchte, sie nicht anzuweifeln, denn sonst würden mir die Türen verschlossen bleiben, aber im Körper und in meinem Unterbewusstsein spielte alles verrückt.

In den Träumen konnte sich diese Verwirrtheit offenbaren. Es war daher völlig normal, wenn Monster auftauchten und ich mal die Frau war, die über diese Wesen herzog und gleichzeitig diejenige, die die Nähe zu ihnen suchte. Immer wieder war da Wasser, das ein Symbol für die spirituelle Wiedergeburt sein soll, wie ich im Internet beim Traumdeuter nachlas. Wasser ist die Kraft des Lebens. Das Meer ist das kosmische Bewusstsein. 

Mal erschien mir das Wasser bedrohlich und dann wieder war es ein Sinnbild für das friedliche Dasein und ein Übergang zum unbewussten spirituellen Selbst, wenn es glatt war wie ein See. Und war da nicht mein Vater/Mann/Lehrer an meiner Seite? 

Und wenn man den Fluss und das Meer zusammen sieht, soll die Notwendigkeit einer großen Veränderung bestehen und man sollte seine Aufmerksamkeit auf das Unbewusste lenken. 

Trübes Wasser hingegen wies auf eine verzweifelte Lage und Hindernisse hin. Und der Schlamm stand für schlechte Gesellschaft. Natürlich war ich im Traum diejenige, die über den Schlamm hinweglaufen konnte und auch die, die da stecken blieb und um Hilfe rief. Ich verstand es so, dass ich weiter ehrlich und aufrichtig mit mir und der Welt um mich herum sein musste, sonst würde ich nicht weiterkommen. Ich würde ein Showgi und kein Yogi werden. Und weil ich mich damals von den meisten Yogis um mich herum verarscht fühlte, notierte ich mir das auch so. 

Ein Boot symbolisiert unsere Persönlichkeit, mit der wir uns auf dem Meer des Lebens fortbewegen und ist ein Zeichen dafür, dass man eine Fahrt über die Tiefen seiner Gefühle macht. Es ist lebensbejahend und stellt eine vielversprechende Entwicklung dar. Einen Übergang. Veränderung. 

Eine Handtasche stellt spirituell u. a. verborgenes, okkultes Wissen dar. 

Wenn ich morgens mit Hilfe eines Traumdeuters meine Träume anschaute, war ich noch immer fasziniert. Diese Welt blieb mir Jahrzehnte völlig verschlossen, und jetzt erst mit Hilfe des Yoga drang ich dort vor. Das Unterhaltungsprogramm im Fernsehen war ja gar nichts dagegen. Hier war ich mitten drin in den wildesten Filmen und Abenteuern. Mehr ging nicht.

Einige Tage später hatte meine Kleine Prüfungen und ich stand um 5.30 Uhr auf, um Frühstück vorzubereiten und meine Träume aufzuschreiben. 

Tagebuch 15.03.2015:

“Ich bin draußen. Es ist dunkel. Ich schaue hinauf zum Himmel und sehe sehr viele Sternschnuppen. Ich wundere mich darüber, weil es nicht die Jahreszeit dafür ist. Ich suche meine Mutter, damit sie dieses Schauspiel ebenfalls betrachten kann. Dann fallen kleine Teile vom Himmel. Es sieht aus wie Schnee. Sie sind jedoch bronzefarben und haben unterschiedliche Formen. Hauchdünn. Gekringelt. 

Ich denke, das sehe wohl nur ich. Wahrscheinlich ist es so etwas wie eine Vision. Aber dann begreife ich, dass es auch andere Menschen wahrnehmen. Sie schauen ebenfalls staunend zum Himmel empor. 

Ich sehe zwei Planeten am Himmel, die sehr dicht beieinander stehen. Der vordere entpuppte sich dann als Ball und fiel auf die Erde. Der andere blieb am Himmel. Ich und die anderen Menschen auf der Straße bekommen Angst. Hier stimmt etwas nicht. Ich laufe ins Haus. Aufgeregte Familien kommen mir entgegen gelaufen. Das Haus ist wie ein Turm gebaut. 

Geht die Erde jetzt unter? Fliegen wir aus unserer Umlaufbahn? Es ist unheimlich. Ich bin im Haus. Wir schauen von oben aus dem Fenster und sehen, wie eine aufrechte Figur, mit dunkelblauem Fell langsam auf uns zukommt. Ist das ein Menschenaffe? In der Hand hält die Gestalt ein langes Schwert. Wir haben Angst. Ich habe solche Angst, dass ich aufwache. Ich denke beim Aufwachen, war das der Sensemann?”

Da tauchten im Traum die Sternschnuppen auf, die Hoffnungen auf zu erfüllende Wünsche darstellen, und dann fallen sie vom Himmel auf die Erde und es stellt sich heraus, dass es nur kleine Blechteile sind. War das eine Antwort auf Krishnamurtis Aussage, Träume und Hoffnungen fahren zu lassen? 

Und wenn das “Ich” nicht mehr existiert, wie kann dann noch eine sichere Erde existieren? Alles, woran ich im Wachzustand je glaubte, schien nun in meinen Träumen unterzugehen. 

Mein Zuhause war keine Wohnung, sondern ein Turm. Der sollte mir Sicherheit bieten, aber auch dort gab es keinen Schutz. Denn selbst von dort oben kam das Ungeheuer direkt auf mich zu. Ein Affe. Ein unzivilisierter, materialistischer, animalischer und primitiver Mensch. Wollte er mich darauf hinweisen, dass ich mich weiterentwickeln soll? 

Und das Schwert als Element des Krieges. War ich bereit für diesen Weg und diesen Krieg in meinem Kopf: 50 Jahre aufgebautes “Ich” gegen die völlige Hingabe an Gott und somit das Aufgeben meines Egos/Verstandes/Wissens? War ich bereit, schon jetzt zu sterben, um mich endgültig von der Angst vor dem Tod befreien zu können?

Und nachdem ich die Träume aufgeschrieben und meine Tochter das Haus verlassen hatte, sollte mir der Tod tatsächlich noch näher kommen, als in diesem verkleideten Riesenaffen, denn ich legte mich wieder hin und schlief für kurze Zeit noch einmal ein.

Traum: zu Hause. Ich warte auf meine Kleine. Wir wollten zusammen frühstücken. Mein Liebster ist ebenfalls da. Er duscht. Ich denke, das möchte ich auch noch machen und gehe ebenfalls ins Bad. Alle Kleidungsstücke liegen hier durcheinander auf dem Boden. Meine und die der Kinder. Ich suche etwas Hübsches, da mein Schatz da ist. 

Dann schließe ich die Tür ab, weil plötzlich fremde Menschen da draußen im Flur sind. Es ist jetzt wie in einer Arztpraxis. Ich suche nach meinem Duschgel und der Körperlotion, kann aber nur Sachen von meinen Kindern finden. Also nehme ich die Sonnenmilch für Kinder und crème damit meine Beine ein. 

Mein linkes Bein schwillt nun an. Es ist von oben bis unten hart und völlig unbeweglich (das hat seine Ursache in einer bestimmten Krankheit innerhalb der Familie). Ich bekomme Angst. Ich humpele ins Zimmer, denn mir fällt ein, ich muss Geld an das Yoga-Studio überweisen. Ich stehe auf irgendwelchen Stufen und der Bildschirm vom PC, auf dem ich die Überweisung vornehmen möchte, hängt hoch oben in der Luft. 

Mein Bein schmerzt. Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich rufe den Vater meiner Kinder an und meine Große. Ich sage, dass sie mir helfen müssen. Ich kann nicht mehr. Ich breche zusammen. Ich falle in eine Tiefe, die nur aus diesen wenigen Stufen besteht und bleibe erschöpft liegen. 

Ich spüre, wie ich sterbe. Langsam hauche ich das Leben aus. Ich denke an meine Kinder. Noch immer ist niemand da. Dann sehe ich das Licht und werde wach. 

Traum Ende.

Ich bin völlig fertig aufgewacht. Obwohl ich nicht lange schlief, hatte ich das Gefühl, sehr tief und fest geschlafen zu haben. Ich hatte verklebte und verschlafene Augen. War traurig. Entsetzt. Weinte. “

Im Traum durfte der Tod erlebt werden. Da war Leben und Sterben. Und da war das Licht und das Aufwachen. Das Sterben und die Erneuerung. Genauso, wie Krishnamurti es beschrieb. 

Selbst in der Traumdeutung, die ich anschließend ins Tagebuch notierte, wird das erlebte Sterben sehr positiv ausgelegt. Es weist auf einen neuen Lebensabschnitt hin. Man lässt etwas hinter sich, was man im Wachzustand vergessen möchte, oder um sich neuen Aufgaben zu widmen. Es soll einen seelischen Reifezustand darstellen, der sich positiv auf den Charakter des Träumenden auswirkt und auf sein Verhältnis zu seiner Umwelt. Wenn man im Traum im Sterben liegt, kommt dies einem Reifeprozess gleich, den man bald auch in der Realität wahrnehmen wird. 

Aber wie schwer das ist, möchte ich euch nicht verheimlichen. Womöglich liegt es nicht ausschließlich daran, dass wir nur die eigenen gelebten Jahre und all unser erworbenes Wissen über uns und die Welt zurücklassen müssen, sondern das ganze Wissen, dass wir während der Evolution über Millionen von Jahren aufgenommen und in unseren Zellen gespeichert haben. 

Denn dieses Wissen diente ganz allein dazu zu überleben, also das Ego am Leben zu erhalten. Und jetzt wollte ich ja genau dieses Ego loswerden. Aber es kämpfte um sein Überleben und ich war seine Gefangene. 

Aber wenigstens war ich schon soweit, dass mir das langsam immer klarer wurde. 

Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochendende, Monika