Die Bilder im Kopf (60)

Wer meditiert, wird zwangsläufig immer stiller, im Umgang mit anderen Menschen ruhiger und schaut dafür mehr. Obwohl ich im März 2015 noch immer in einer sehr schwierigen Lebenssituation feststeckte, sprach ich nicht darüber. Ich konzentrierte mich einfach auf die innere Reise und nahm mich immer mehr zurück.

Es schien so, als würden die anderen dafür mehr Raum für sich einnehmen. Als wollten sie mich irgendwie besiegen oder verletzen. Manchmal dachte ich auch, das Leben will mich jetzt ganz nach unten drücken, damit von mir am Ende nichts mehr übrigbleibt. 

Ich fühlte mich betrogen und belogen. Von Geschäftspartnern, von meinen Freundinnen und auch von meinen eigenen Kindern. 

Es schien so, als könnten nun alle ohne Verantwortung einfach auf mir herumtrampeln. Statt die Wut herauszulassen, zu schimpfen und zu fluchen, suchte ich Antworten in der Stille und in den alten weisen Texten sowie in den Worten von Krishnamurti. Tatsächlich versuchte ich das alles um mich herum nicht persönlich zu nehmen, sondern vielmehr wie eine Forscherin diese auffälligen Veränderungen zu verstehen. 

Meine finanziellen Sorgen erdrückten mich fast jeden Tag und ganz besonders am Monatsende, wenn die Rechnungen ins Haus flatterten. Um nicht wieder in die Falle des sorgenvollen Grübelns zu stürzen, notierte ich mir die wichtigsten Gedanken ins Tagebuch und ließ sie dann los.

Tagebuch 06.03.2015:

“Meine Große ist von mir genervt und beteiligt sich zu Hause an gar nichts. Ich gebe mir Mühe, neben dem körperlich anstrengenden Yoga-Unterricht zu Hause alles so ordentlich wie möglich zu halten und Essen zu kochen. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht darüber nachdenke, wo ich für diesen Monat wieder das Geld für den Schulbus der Kleinen und ihren Unterricht hernehmen soll. Aber irgendwie klappt es immer. Ich versuche, nicht zu verzweifeln. 

Das Handeln meiner Großen nagt immer mehr an meinem Selbstbewusstsein, und den letzten Tritt gaben mir das Verhalten meines ehemaligem Yoga-Studio-Partners und der neuen Eigentümer. Ich frage mich, warum sind Menschen, die alles haben, so undankbar und unglücklich?”

Wie sehr mich Yoga schon verändert hatte! Früher wäre ich aufgebraust. Hätte gestritten und geschrien. Mein Ego hätte sich das alles überhaupt nicht gefallen lassen. Es konnte Ungerechtigkeiten nicht ertragen. Anschließend hätte ich heimlich geweint. Hätte mich einsam und verlassen gefühlt. Womöglich alle alten Schwierigkeiten meines Lebens wieder hervorgekramt, um mich endgültig als Opfer dieses Lebens zu fühlen. Die schwere Kindheit. Die eigene Scheidung. Der Kampf ums Überleben in einer fremden Kultur. 

Ja, normalerweise hätte ich gekämpft und mich gerechtfertigt, um mich auf diese Weise wieder groß zu machen und aufzubauen. 

Aber nun war alles anders. Das war mir plötzlich alles viel zu anstrengend. Ich wollte nichts mehr mit aller Gewalt verändern und auch niemanden mehr von dem was ich tue und meiner Person überzeugen. Und ich hatte mich ja entschieden. Die Richtung ging nach Innen und nicht mehr nach Außen.

Aber das auszuhalten war nicht nur eine Sache des Kopfes, sondern vor allem für meinen Körper extrem anstrengend. Während der Geist sich auf die innere Reise konzentrieren und die Probleme somit irgendwie ignorieren und in eine andere Richtung lenken konnte, schmerzte es mich überall und zwar nun fast jeden Tag. Da saßen die Wut und die Enttäuschung in meinem Rücken und im Nacken. Im Kopf drehte sich oft alles und ich hatte so viel Kopfschmerzen wie noch nie. Alles Unausgesprochene lebte in meinem Körper als Schmerz weiter. Konnte das so richtig sein? 

Wie schwer es ist, zu erkennen und sich dann zu ändern! Es ist tatsächlich auch ein körperlicher Prozess, den ich vollkommen unterschätzt hatte. Das ist mir heute erst so richtig klar. Die Konditionierungen befinden sich nicht nur im Gehirn, sondern im ganzen Körper, der irgendwie eine Verlängerung des Gehirns zu sein scheint. 

Aus meinen persönlichen gedanklichen Sorgen und Problemen riss mich der nächste Vortrag von Krishnamurti. Er stellte die Frage, “ob es etwas Heiliges im Leben gibt? Um uns herum wird alles immer brutaler und korrupter und wie können wir uns davon entfernen? Ist es sinnvoll, sich von seinem Umfeld zu entfernen, um z. B. in ein Kloster/Ashram zu gehen oder kann man im eigenen Umfeld normal weiterleben und trotzdem frei sein?”

Woher wusste er, welche Fragen mich gerade beschäftigten? Ich wollte so schnell wie möglich fort von Istanbul. 

Er sagte, “dass wir in unserem Gehirn Bilder aus Ideen entwickeln und Symbole und Konzepte machen und dann danach leben, weil es uns ein Gefühl der Sicherheit gibt. Die Gesellschaft ist das, was wir sind. Solange wir uns nicht radikal ändern, leben wir in einer kaputten Gesellschaft. Können wir leben ohne ein einziges Bild im Kopf zu haben? Gibt es Sicherheit jenseits dieser Bilder, die wir durch unsere Gedanken erschaffen? Wenn uns nicht bewusst ist, was in uns ist, dann erzeugen wir Zerstörung und Zerfall durch unser Leben.” 

Das waren klare und auch harte Worte, aber ich war sicher, dass er aus der Wahrheit sprach und versuchte, alles zu begreifen. Wenigstens intellektuell. Denn hat es je in der langen Geschichte der Menschheit eine Zeit gegeben, in der es keine Trennung, Armut, Elend und Krieg gab? Und hat es je Menschen gegeben, die absolut im Recht waren und welche die absolut im Unrecht waren? Erleben wir nicht ständig eine Wiederholung der Geschichte in ähnlicher Form? Kaum ist Faschismus besiegt und verstanden worden, blüht er schon wieder in der nächsten Generation auf. 

Krishnamurti sagte, mit unserem über etliche Generationen konditionierten Gehirn werden wir nie Frieden schaffen können. Vielmehr müssen wir begreifen, wie wir funktionieren und uns die Frage stellen, ob “unser Bewusstsein radikal geändert werden kann? Unser Bewusstsein besteht aus einem Inhalt. Unser Bewusstsein ist unser Glaube, unser Vergnügen, unsere Ängste, unsere Götter etc. Wir leben und funktionieren innerhalb dieses Bewusstseins. Und wenn wir das mal alles in Frage stellen, anzweifeln, kann dann der Geist vielleicht über dieses Bewusstsein hinaus gehen?” 

Statt Geschichtsbücher zu lesen, sollten wir uns also selbst lesen. Die Geschichte ist in uns. In jeder Zelle unseres Körpers gespeichert. Das ist Selbsterforschung.

Ich konnte Krishnamurti nicht lesen und verstehen wollen und dann mit dem Finger weiter anklagend auf alle anderen oder diese ungerechte Welt zeigen. Das ging einfach nicht mehr. Wenn ich seine Worte ernst nehmen wollte, musste ich ganz ehrlich meine Gedanken und Gefühle hinterfragen. 

Darum blieb ich weiter still und kämpfte nicht mehr, auch wenn es sehr weh tat, weil mein Kopf mir Geschichten über mich und all die anderen erzählte. Ich wollte prüfen, ob sich die Welt um mich herum verändert, wenn ich mich selbst erforsche und verändere. Stimmt das überhaupt, was ich über die anderen denke und was ich denke, was die anderen über mich denken? 

Ich schaute auf meine Kinder und dachte, ich würde sie kennen. Ich dachte, ich wüsste, was sie denken und fühlen, denn schließlich kannte ich sie ja schon ihr ganzes Leben lang. Aber stimmte das überhaupt oder glaubte ich das nur, weil ich ein Bild von ihnen hatte? Und die ehemaligen Kollegen und Mitarbeiter, meine Freundinnen? Die politische Situation im Land? 

Ich erkannte immer mehr, dass es wesentlich einfacher war, über andere zu urteilen, als sich selbst zu erforschen und zu hinterfragen. Ja womöglich ist es das Schwierigste, was man überhaupt machen kann, denn dafür muss man nichts machen. Nicht einmal mehr denken. Nur still sein und alles beobachten. Wer kann das? Ich kannte niemanden. 

Krishnamurti sprach über Meditation und beschrieb einen Zustand, in dem es keinerlei Kontrolle gibt. Wo noch etwas kontrolliert wird, gibt es auch jemanden, der kontrolliert. Und somit sind mindestens zwei Dinge anwesend und das ist schon eine Spaltung und stellt einen Konflikt dar. 

Am Ende seines Vortrages wiederholte er die Frage, “ob man auf etwas Heiliges im Leben treffen kann, wenn der Geist still ist, also der Denkende sich vollkommen auflöst?” und ließ wie immer die Antwort offen. Er sagte nur, wir würden es herausfinden, wenn unser Geist bereit und fähig ist, es zu erreichen. 

Waren meine Meditationserlebnisse kleine Einblicke in dieses Heiligtum? 

Ich wusste, dass ich eine Antwort darauf nur erhalten würde, wenn ich in der Lage war, die Angst, niemand zu sein, loslassen konnte. Die Kontrolle an dieses Leben endgültig abgeben konnte. Das war so schwer und ich notierte mir meinen inneren Kampf zwischen meinem Ego und dem Loslassen. 

Tagebuch 07.03.2015:

“Gestern und heute gibt es in mir einen besonders starken inneren Kampf. Ich sage mir, lass alles, was mit dem Studio zu tun hat, los. Sage nichts zu den neuen Eigentümern. Beschwere dich nicht, dass sie dein über Jahre gesammelte Know-How, ohne zu fragen, an irgendjemanden weitergegeben haben. Ohne dass sie sich Gedanken darüber gemacht haben, was das für mich bedeutet oder dass sie mir irgendetwas dafür gegeben hätten. Sei still und ärgere dich nicht darüber, dass du noch immer kein Geld für das Studio bekommen hast. 

Beobachte und staune darüber, dass es Menschen sind, die Yoga praktizieren. Meditiere. Versuche alles loszulassen. Was für eine große Herausforderung. In mir schreit alles nach Widerstand und die Wut kommt immer wieder hoch. Ich fühle mich erniedrigt und verarscht. Ich will versuchen, ohne Arroganz darüber zu stehen. Es ist mein Ego, was hier aufschreit. Schaue es dir genau an! Was hast du zu verlieren?” 

Und ich las die Bhagavad Gita in der Auslegung von Paramahansa Yogananda und sah die Parallelen zu meinem eigenen inneren Kampf schon auf den ersten Seiten, denn die Geschichte der Bhagavad Gita spielt sich hauptsächlich auf einem Schlachtfeld ab. Dieses Schlachtfeld ist allein unser eigener Verstand. 

Ein geistiger und psychologischer Kampf zwischen der unterscheidungsfähigen Intelligenz, die im Einklang mit der Seele ist und dem blinden sinnverhafteten Gemüt, dass dem Ego untersteht. 

Ich habe diesen Unterschied verstanden. Ich habe ihn sogar am ganzen Körper gespürt. Alles in mir wollte aufschreien, aber ich meditierte und sah mir diese Revolution in meinem Geist und Körper an. Manchmal war ich so voller Wut, dass ich überhaupt nicht meditieren konnte. Zornig saß ich auf meiner Matte und atmete und schaute, wie ich innerlich kochte. Die Folge waren Kopfschmerzen. Nackenschmerzen. Rückenschmerzen. 

War das der Preis, den ich zahlen musste, um aus dem endgültigen Konflikt mit anderen Menschen aussteigen zu können? Ich musste meine Eifersucht, Wut, mein Minderwertigkeitsgefühl, meine Verlustangst und alle erlebten Entäuschungen genau anschauen. All die Bilder die ich von mir und auch von den anderen hatte, zum Einstürzen bringen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren. Ich hatte ja schon alles im Leben erreicht und genau das wollte ich nicht weiterleben. Es macht auf Dauer nicht glücklich und bringt keinen Frieden. Es befreit mich nicht endgültig von der Angst. 

Ich lese heute Morgen, dass “der erste Schritt immer der ist, die Entscheidung zu treffen, die Richtung zu wechseln.” Das hatte ich getan. Die Richtung war, in der Vertikalen zu leben und nicht mehr in der Horizontalen und hinter irgendetwas herzulaufen. Und dieser erste Schritt ist der einzige, den wir selber tun können. 

Ich lese weiter und bin fassungslos, denn hier stehen doch tatsächlich genau die Worte, die ich gestern für den letzten Abschnitt dieses neuen Blogbeitrags noch suchte. 

“Ist der erste Schritt getan, muss man ihn nicht unbedingt vollenden. Man muss sich nur immer wieder in diese Richtung wenden.” Also war es richtig, dran zu bleiben. Auch wenn es schmerzt. Das ist die Übung. 

“Wenn man sich für diesen Weg entschlossen hat, übernimmt man auch die Obhut über diese Reise, die man selbst und nur man selbst alleine beibehalten muss und es scheint so, als würde dieser Schritt nun den Konflikt noch verschärfen, anstatt ihn aufzulösen. Das liegt daran, weil die Wahrnehmung nun umgekehrt wird und das führt zum Konflikt mit der ursprünglich falschen Wahrnehmung, die man noch nicht aufgegeben hat.”

Und beim Lesen steigen mir nun die Tränen auf. Ich denke, ja es kann sogar zu sehr schlimmen Schmerzen führen. Der Text fühlt sich für mich heute an, wie eine zärtliche Umarmung. 

War es doch 2015 so, dass der Verstand mich regelrecht anschrie: Die wollen mir alle weh tun, mich erniedrigen und verletzen. Du musst dich wehren. Angreifen. Das Leben ist schlecht zu dir. Und gleichzeitig dazu las und hörte ich die Worte, die aus der Weisheit/Wahrheit kamen und sagten, alles ist nur Liebe/Gott. Auch die Meditationserlebnisse sprachen dafür. Was für ein gewaltiger Gegensatz und Konflikt! 

Ich lese heute Morgen weiter: “Nun kann man lange in diesem Schritt verweilen und einen sehr akuten Konflikt erfahren. Man kann den Konflikt auch einfach akzeptieren, anstatt weiterzugehen zum nächsten Schritt und zur Lösung hin. Aber sicher ist, da der erste Schritt getan wurde, wird einem nun geholfen. Man ist nicht mehr allein.”

Und damit komme ich genau zu dem Schluß meines Beitrags, den ich gesucht hatte, denn trotz aller Widrigkeiten, traten ab Beginn der inneren Reise die Wunder in mein Leben und ich erlebte das erste Mal tiefes Vertrauen. Und dieses Vertrauen hat mich nie wieder verlassen. Es ist meiner Meinung nach der Nährboden für den Frieden. 

Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende, Monika 

(PS: übrigens seit vielen Wochen dürfen wir u.a. das Haus an den Wochenenden nicht mehr verlassen)