Unterdrückte Trauer

Seit Wochen wollen die Kopfschmerzen mich nicht verlassen und ich sitze an meinem Blogbeitrag und es fließt einfach nicht wie sonst. Immer wieder taucht stattdessen die Idee auf, über meine Begegnung mit meinem toten Kind zu schreiben. Da war doch H., deren Tochter mit genau so einem Problem gerade nicht klar kam. Vielleicht hilft ihr das ja, wenn ich darüber schreibe, wie man die Trauer überwinden kann. Warum drängelt sich dieses Erlebnis immer wieder in den Vordergrund?

Und heute endlich blitzt ein Gedanke auf, der alles erklärt. Wie kann ich meinen Körper und Geist noch immer nicht verstehen?

Vor wenigen Wochen starb ein Nachbar/Bekannter in unserem kleinen Ort. Wir besuchten seine Frau und natürlich gab es wegen Corona keine Umarmungen. Weil der Körperkontakt wegfiel, gab es Gespräche, die vorsichtig an der Oberfläche blieben. Meine und auch ihre Tränen hielten sich zurück. 

Kopfschmerzen kamen. Kaum waren die Kopfschmerzen nach drei Tagen abgeklungen, tauchten sie wieder auf, nachdem oder gar noch bevor ich sie wieder besuchte und zum Friedhof fuhr, weil sie kein Auto hat. 

Heute waren wir wieder zusammen. Diesmal sollte alles anders sein. Ich wollte nicht über das Wetter reden oder über die Behördengänge hier bzw. in Deutschland. Ich habe mich vorbereitet. Sie saß wie immer hinten. Alles mit Maske und Abstand. Ich ließ sie am Grab alleine, damit sie beten oder sich mit ihrem Mann unterhalten konnte. Ging selbst zwischen den fremden Gräbern spazieren. Dann fuhr ich sie wieder nach Hause. 

Diesmal saßen wir noch bei ihr zu Hause im Wintergarten. Die Fenster waren geöffnet. Jeder am Ende eines großes Tisches und dann erzählte ich ihr von meiner eigenen Trauer und meinen Erlebnissen, nachdem geliebte Menschen gestorben sind. 

Ich erzählte ihr vom Tod meiner Freundin und ihrer Tochter, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen, als ein Tanklastwagen ungebremst in eine Kreuzung raste. Wie ich sie anschließend im Verkehr an meiner Seite spüren konnte und sicher war, dass sie mich vor einem sehr schweren Vekhrsunfall bewahrte. 

Ich erzählte auch vom Tod meines Kindes. Es starb in meinem Bauch, während ich 36 Stunden lang am Wehentropf hing. Fast zwei Jahrzehnte lang trug ich diese Trauer in mir, ohne wirklich Abschied von diesem kleinen Wesen nehmen zu können. Ich wusste nicht, wie man das macht. Ein Betondeckel lag auf dieser Wunde, bis M. in mein Leben trat. Er legte mir nahe, dieses Trauma endlich zu verarbeiten und irgend ein Ritual durchzuführen. Ich dachte darüber nach und begriff, wie wichtig das tatsächlich war.

Ich erzählte ihr, dass ich meinem Kind begegnete, als ich endlich soweit war, und was das für eine Befreiung in mir auslöste. Seitdem taucht keine Trauer mehr auf, wenn ich an diesen Verlust denke, sondern nur das wunderschöne, mich glücklich anlächelnde Gesicht. Was für ein Segen. 

Dann erzählte ich ihr von meinen Kopfschmerzen und dass ich erst heute begriff, woher sie rührten. Ich öffnete meine mitgebrachte Tüte und nahm ein selbstgestricktes großes Tuch heraus und legte es ihr um die Schultern. Ich sagte ihr, dass es meine Umarmungen darstellen soll, die ich gerade jetzt in dieser Pandemie nicht geben kann und wie leid es mir tut, dass wir nicht zusammen Arm in Arm weinen können. 

Dann endlich liefen bei uns die befreienden Tränen. Worte waren nicht mehr nötig. Meinem Kopf ging es besser.

Es tut mir auch so unendlich leid, weil ihre Kinder, die in Deutschland und in Zypern leben, sie in dieser schweren Zeit nicht besuchen und begleiten können. Ihre beste Freundin hatte jetzt auch noch Corona und ist im Krankenhaus, um ihren eigenen Mann dort zu pflegen, den es noch schlimmer erwischt hat. Das Krankenhauspersonal schafft es nicht mehr und braucht Unterstützung von den Familienmitgliedern. 

Ich bin froh, dass sie eine so starke Frau ist und freue mich darüber, dass wir uns näher gekommen sind. 

Im Prinzip behandelte mein schon angefangener Blogbeitrag zum Yoga-Tagebuch genau dieses Thema. Wir können uns generell im Leben oder auch besonders in schweren Zeiten, wie der Pandemie, entweder für die Angst oder für die Liebe entscheiden.   

Ist Angst da, jammern wir, dass wir dieses oder jenes nicht machen können oder gar den Job/Betrieb verlieren. Wir schauen auf die, die es scheinbar besser haben. Angst trennt uns von den anderen. Angst läßt uns andere anklagen und beschuldigen. Angst macht unzufrieden, erzeugt Wut und Hass. Angst macht einsam. 

Wir können uns aber auch gegen die Angst und für Liebe und Mitgefühl entscheiden und dann gibt es statt Trennung Vereinigung. Es entsteht Freude, Frieden und Harmonie. Ich bin so froh, dass wir zusammen weinen konnten und ich glaube, wir werden weiter eine schöne Zeit miteinander haben. 

Bleibt gesund, Monika 

(PS: Das Foto machte ich mit dem Handy während unseres Friedhofbesuchs)