Umkehrung des Denkens (58)

Am 21.02.2015 schrieb ich darüber, wie sehr sich meine Yoga-Praxis unter dem Einfluss der ganzen Literatur verändert hat.

Tagebuch 21.02.2015

“Heute habe ich das zweite Mal nach langer Zeit wieder einmal Yoga für mich selbst gemacht. Ich merke, dass ich ganz anders übe. Gefühle von Dankbarkeit , Ehrfurcht, Demut und Freude schwingen in den Bewegungen mit. Meine Yoga-Sequenz ist kein Turnen mehr, sondern sie gleicht einem sanften, fließenden Gebetstanz. Ich mache mir Meditationsmusik an oder lasse dezent Naturgeräusche im Hintergrund laufen.

So gleite ich in die Übungen und entwickle immer mehr meinen eigenen Yoga-Stil. Da ist etwas von Grazie und Harmonie in den Bewegungen und auch im Zusammenhang mit dem Atem. Meditation in der Bewegung und in der Pose selbst. Aber die Achtsamkeit geht auch über den Körper hinaus, denn ich nehme auch alle Punkte auf der Matte wahr, die mein Körper berührt. Es ist einfach nur schön.”

Es blieb nicht aus, dass Zeilen aus diesen ganzen Büchern mir gerade während meiner Yoga-Übungen/Meditation durch den Kopf gingen.

Da war zuletzt die Rede

  • von dieser Grenzenlosigkeit, die in uns und in allem, was wir wahrnehmen liegt und nur durch unsere selbst erzeugte Begrenzung verschleiert wird;
  • davon, dass die Erinnerung eine Last ist, an die wir uns klammern und die somit unsere ganze Energie schluckt. Der Geist wird zum Müllschlucker, denn wir füllen ihn mit unseren Sorgen und Ängsten und es bleibt kein Platz für natürliche Harmonie und Freiheit im Dasein;
  • davon, dass unsere Betrachtungsweise auf anders denkende Menschen und auf unsere eigenen Emotionen, aus unseren Konditionierungen herrührt. Wer andere als Feinde betrachtet, leugnet automatisch die Einheit des Menschseins. Die negative Betrachtung wird sich dann später umgekehrt immer gegen einen selbst richten und für Erniedrigung und Vernichtung sorgen. Negative Emotionen existieren nur, weil wir keine Ehrfurcht haben;
  • davon, dass unser Geist nicht objektiv sein kann. Er unterliegt seinen Konditionierungen und kommt daher immer zu einer Sichtweise, die er zu rechtfertigen versucht. Erst wenn er still wird, lösen sich Meinung und Vorurteil auf;
  • davon, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine Vorstellung im Verstand sind. Aber die wahre Gegenwart ist nicht zeitgebunden. Das Bewusstsein beobachtet die Zeit, aber verändert sich nicht mit ihr. Meditation bedeutet daher nicht, dass wir im gegenwärtigen Augenblick verweilen, sondern im Sein, dass immer gegenwärtig ist.

Ich versuchte, das alles irgendwie sacken zu lassen. Versuchte diese wundersamen Aussagen nicht mehr mit dem Verstand wegzudiskutieren oder anzuzweifeln, obwohl er mir seit 50 Jahren doch etwas ganz anderes erzählt hatte. Mir eine ganz andere Sicht auf diese Welt zeigte, so wie allen Menschen um mich herum. Der beste Weg für mich war daher, alles mit meinen Übungen und dem tiefen Atem in jede einzelne Zelle meines Körpers einzuarbeiten, damit sich diese alten Denkprozesse und Konzepte im Kopf langsam auflösen konnten und eine Umkehrung eingeleitet werden konnte.

In der gleichen Nacht hatte ich einen Traum, der zeigt, wie tief das alles ging und wie sehr es an der alten Struktur von Körper und Seele rüttelte.

“Ich träumte vom Bettnässen. Ich war zu Besuch und sollte auch dort übernachten und zwar lag ich dann in einem Bett zwischen einer Mutter und einem Kind. Ich hatte etwas in die Hose genässt und bin aufgestanden und weggegangen. Ich hatte die Hoffnung, dass es niemand merkte und ich keine nasse Stelle im Bett zurückgelassen hatte.”

Was für ein Traum. Was kam denn da nach 50 Jahren hoch? Was meine Kindheit betrifft, so ist da hauptsächlich ein großes schwarzes Loch. Aber dieser Traum erinnerte mich nun wieder daran, dass ich als kleines Kind tatsächlich ins Bett gemacht und dafür jeden Morgen getadelt wurde. Ich wurde beschimpft und bestraft. Ich wurde nachts geweckt und zur Toilette geschickt aber nichts half. Ich hatte absolut keine Kontrolle darüber. Und auch später konnte ich es am Tage nicht mehr rechtzeitig bis zur Toilette schaffen und hatte unsagbare Schmerzen im Unterleib, wenn ich es zurückhielt.

Ein Psychologe könnte aus diesem Traum sicher jede Menge herausholen. Ich habe aber nie mit irgendjemandem darüber gesprochen. Auch nicht mit meinen Eltern. Die nächtliche Pisserei war wahrscheinlich ein Hilfeschrei, ein Ausdruck meiner Angst. Fast jeden Abend brach für mich meine Welt zusammen, wenn meine Eltern sich stritten oder wir mitten in der Nacht aus der Wohnung fliehen mussten, weil mein damals alkoholkranker Vater zu Hause mal wieder alles kurz und klein schlug.  Misstrauen in meine Eltern und absoluter Vertrauensverlust in eine Welt, die für mich aus Zweifeln und Angst bestand.

Interessant finde ich, dass Bettnässen auch eine spirituelle Bedeutung hat, nämlich das Bedürfnis nach Freiheit des persönlichen Ausdrucks. Und diese nächtliche Einpisserei war wohl die einzige Möglichkeit meines freien persönlichen Ausdrucks in dieser Zeit, wenn Verstand und Körper schliefen. Dann sprach die Seele.

Ich, inzwischen selbst Mutter, liege zwischen einer Mutter und einem Kind. Geht es um Vergebung und Versöhnung?

Und hier erlebe ich gerade wieder das nächste Wunder. Denn die Zeit schmilzt hier vor mir wieder auf einen Punkt zusammen. Kindheitserlebnisse, die Tagebuchnotizen von 2015 und das, womit ich mich heute gerade beschäftige, treffen sich. Bevor ich heute mit diesem neuen Blogbeitrag anfing, schrieb ich in einem anderen Zusammenhang folgendes in mein Tagebuch:

  • Vergebung ist eine notwendige Berichtigung für all die Fehler, die wir gemacht haben.
  • Vergebung anzubieten ist die einzige Möglichkeit, sie selbst zu haben, denn sie spiegelt das Gesetz des Himmels wider, dass Geben und Empfangen dasselbe sind.
  • Vergebung ist das Mittel, durch das wir uns erinnern werden. Durch Vergebung wird das Denken der Welt umgekehrt.
  • Die Welt, der vergeben ist, wird zu der Himmelspforte, weil wir uns durch ihr Erbarmen endlich selbst vergeben können.
  • Indem wir keinen in der Schuld gefangen halten, werden wir frei.
  • Indem wir Christus in allen unseren Brüdern erkennen, erkennen wir seine Gegenwart in uns selber wieder.
  • Indem wir alle unsere Fehlwahrnehmungen vergessen und wenn nichts aus der Vergangenheit uns zurückhält, können wir uns an Gott erinnern. Wenn wir bereit sind, wird Gott Selbst den letzten Schritt in unserer Rückkehr zu Ihm tun.

Und hier ihr Lieben, brauche ich erst einmal wieder eine Pause. Schweißausbruch. In meinem Kopf gibt‘s gerade Stillstand.

–  * –

Das ist selbst für mich wieder sehr verwirrend. Nie habe ich einen Plan, wenn ich anfange zu schreiben. Ich beginne einfach dort, wo die letzten Notizen im Tagebuch endeten und schaue, wo es mich diesmal hinführen wird. Sehr oft bringen mich die Zeilen von damals wieder hierher. Ein Kreis scheint sich dann zu schließen.

Worte wie Vergebung und Versöhnung waren und sind mir völlig fremd. Sie haben etwas mit der Bibel zu tun und auf diese, da Religion, reagierte ich, wie meine Eltern, allergisch. Heute ist es anders. Ich habe das Gefühl, dass die alte indische Weisheitslehre mich praktisch von diesen Vorurteilen befreit hat. Den Boden geebnet hat, um die “Worte Jesu” überhaupt verstehen zu können. Genausowenig, wie Buddha Buddhist war, war Jesus ein Katholik oder Evangelist.

Und da ich als Tochter eines Atheisten nie an einem Religionsunterricht teilnahm und die Worte in der Bibel somit überhaupt keine schon belegte und benutzte Bedeutung für mich hatten, lese ich sie mit einem ganz freien Geist. Ja ich bin regelrecht begeistert darüber, wie sehr die Aussagen von Jesus mit der der indischen Weisheit übereinstimmen. Sie kommen ohne Zweifel aus der gleichen Quelle.

Wenn ich Buddha sein kann (siehe meinen Beitrag vom 7.7.20: „Ich bin Buddha“), kann ich auch Jesus Christus sein.

Und gerade schreibt mir meine Mutter eine SMS und fragt, wie es mir geht. Soll ich mich jetzt darüber wundern?

Verdrängen ist kein Verzeihen und Vergeben. Ich werde sie heute anrufen und ihr sagen, dass ich ihr vergebe, dass sie meinen hilflosen kindlichen Worten, “ich kann nichts dafür, dass ich ins Bett mache”, keinen Glauben schenkte. Dass sie mich aus eigener Hilflosigkeit und Verzweiflung verurteilte, beschimpfte und auch schlug. Ich verzeihe ihr, denn sie war eine Gefangene in sich selbst, in ihrer eigenen Geschichte und in der Beziehung mit meinem Vater. Ich hege nicht den geringsten Groll gegen meine Eltern. Sie hatten eine schwere Zeit. Eine andere Kindheit nach dem Krieg. Aufgewachsen ohne Väter und mehr als strengen und einsamen Müttern in großer Armut.

–  * –

Ich habe meine Mutter angerufen und wir hatten ein wirkliches Gespräch. Ich sagte ihr, dass ich gerade schreibe und was mir hier im Tagebuch begegnet ist. Ich möchte nicht, dass du dich schuldig fühlst, sagte ich ihr und da war sofort Erleichterung. Ich habe ihr versichert, dass ich ihr nicht die geringsten Vorwürfe mache. Tränen. Sie gab das erste mal zu, ihr Leben lang ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben und dass dies der Grund dafür war, dass sie keine wirkliche Nähe zulassen konnte.

Eine riesengroße emotionale Distanz wurde gerade mal in 10 Minuten einfach so hinweggefegt. Ich erfuhr auch viel über meine Oma und ich empfand nur tiefe Liebe und Verständnis für meine Mutter. Ich bin sicher, sie hat immer das Beste für mich und meine Schwester gewollt.

In dem Gespräch wurde mir auch mit einem Schlag klar, wie ich auf die Distanz von meiner Mutter immer mit Arroganz reagierte. Schau, ich habe es besser gemacht als du. Schau, ich habe etwas aus mir gemacht. Schau, meine Kinder sind dies und das. Schau ich bin selbstbewusst. Natürlich nicht so direkt, eher auf subtilere Art. Ich sagte nichts aber ließ es sie doch irgendwie spüren. Es war mir über all die Jahre selbst gar nicht nicht bewusst. Aber jetzt, wo es wegfallen kann, sehe ich es ganz klar und deutlich vor mir. Dabei hätte ich sie lieber in den Arm nehmen und lieben sollen, anstatt von oben herab auf sie zu schauen.

Was für ein verrückter Tag und was für ein verrückter Beitrag.

Nun, so ist es eben. Und es scheint so, als hätte das Verinnerlichen der weisen Sätze beim Yoga im Jahre 2015 dafür gesorgt, dass sich eine Tür öffnete und die Bedeutung der Worte, die ich heute gelesen habe, aufgenommen und verstanden werden konnten.

Weg von Schuldzuweisungen und Erwartungen, hin zu Vergebung und Versöhnung. Das ist tatsächlich eine radikale Umkehrung des Denkens und es scheint zu wirken. Dass Veränderung immer bei uns anfangen muss, ist mir schon lange klar. Dann wird auch irgendwann deutlich, dass der ganze Kosmos eine Manifestation unseres eigenen tieferen Seins ist.

Womöglich gibt es noch so einiges, was versöhnt und vergeben werden muss, bevor auch der Verstand auf Dauer nachgibt. Ich hoffe, ich schaffe das in diesem Leben, denn seien wir mal ehrlich, wer will denn das noch einmal alles durchmachen?

Habt ein wundervolles Wochenende, Monika