„Es“ schießt und trifft (57)

Zwei Wochen Urlaub, in denen ich nur krank war, viel meditierte und eine andere Dimension wahrnahm (siehe Beitrag „Fremde Wesen“). So kehrte ich am 14.02.2015 nach Istanbul zurück. Ich nahm meine Arbeit als Yoga-Lehrerin wieder auf und beobachtete alles um mich herum und in mir sehr genau. Was dabei sehr half, war der Umstand, dass ich weiterhin – nun schon über einen sehr langen Zeitraum – einmal in der Woche schwieg. 

Das Zurückhalten der schon immer auf der Zunge liegenden Worte sorgte dafür, dass ich begriff, dass Gedanken immer sofort und völlig spontan auftauchten und als Meinungen und Ansichten aus meinem Mund strömten, noch bevor das Wahrgenommene überhaupt richtig angekommen war. Ich hatte so die Möglichkeit, auf meine Emotionen zu schauen, die damit verbunden waren, und da kam eine Menge hoch. Das war der Blick in den Spiegel und nicht immer angenehm. 

Meine Freundin aus Deutschland kam zu Besuch nach Istanbul. Es waren nun mehrere Monate vergangen, seitdem sie ihren Mann verloren hatte und ich freute mich darauf, sie wiederzusehen. Worauf ich mich jedoch überhaupt nicht freute, waren Lärm und zu viele Menschen, denn wirklich jeder Gast aus Deutschland liebte es, sich in das Getümmel von Istanbul zu stürzen und auch gute Restaurants zu besuchen. Ist ja auch verständlich. Wer nicht in Istanbul leben und arbeiten muss, hat einen anderen Umgang mit dieser Metropole. Wir als Istanbuler waren jedenfalls immer sehr bemüht, dem turbulenten Treiben aus dem Weg zu gehen. 

Hinzu kam bei mir sicherlich, dass durch die bewusste Yoga-Reise die Sehnsucht nach immer mehr Ruhe im Vordergrund stand. Es gab kaum noch etwas, was mich da draußen reizen konnte. Das, was sich mir innerlich langsam offenbarte, war wesentlich interessanter, als alles, was ich je gesehen und erlebt hatte. Die Schriften verhießen am Ende die absolute Freiheit und da konnte das Reich der Sinne nicht mithalten. 

Ich beschäftigte mich außerdem mit den Veden und dem Tod, um für meine Freundin, wenn sie darüber sprechen wollte, eventuell eine Hilfe zu sein.

Tagebuch 16.02.2015:

„Die Vorstellung, heute Abend essen gehen zu müssen, verursacht mir Kopfschmerzen und Übelkeit.

Vor dem Tod können wir nicht wirklich Angst haben, weil wir nicht wissen, was er ist. Eher der Schmerz vor dem Verlust unserer Verbindung mit dem Bekannten, an dem wir haften. Furcht offenbart die Blindheit und Ichbezogenheit unserer Denkweise (Frawley, die spirituelle Praxis des Vedanta). 

Heute war ich im Studio. Ich sehe, die neuen Eigentümer haben schwer zu kämpfen. Sie sagen, es fehlt den Lehrern an Professionalität. Ich fühle, dass ich helfen möchte, aber auch Angst habe zu verlieren. Was? Einfluss? Einen Namen? Lasse ich sie im Stich? Kann ich loslassen? Ja. Soll ich loslassen? Weiß ich noch nicht. Worum geht es mir? Ist es, weil ich mich verarscht fühle? Weil mein Ex-Geschäftspartner hinter meinem Rücken handelte? Weil niemand Danke sagt? Geht es hier um Stolz, Ego?

Angst. Wut. Eifersucht. Neid. Verletztheit. Verlustangst. Stolz. Enttäuschung. All diese Gefühle standen so klar im Raum, weil ich meditierte und still war. Nicht schön, sich so zu sehen, aber es ist wichtig, einen ehrlichen Blick darauf zu werfen, um sich und sein Leben – vielleicht auch die Wiederholungen im Leben – verstehen zu können. Das alles kommt nicht von außen und daher spielt es keine Rolle, was andere sagen oder tun. Es sind immer unsere Gefühle, die durch unsere Konditionierungen hervorgerufen werden. 

Tagebuch 18.02.2015:  

„Heute schweige ich. Istanbul ist völlig zugeschneit. Alles ist still und weiß.

Ich lese das Buch „ZEN in der Kunst des Bogenschießens“ von Eugen Herrigel (1884 – 1955):

 …Trotz aller Bemühungen zenistischer Künder ist indessen der uns Europäern bisher vergönnte Einblick in das Wesen des Zen unleugbar überaus dürftig geblieben… Der Grund für diese schmerzlich empfundene Unzugänglichkeit ist in gewisser Hinsicht im Stil der Darstellungen zu suchen, welche das Zen bisher gefunden hat. Kein Verständiger wird verlangen, dass der Zenist die Erfahrungen, die ihn befreit und gewandelt haben, dass er die unausdenkbare und unaussagbare „Wahrheit“, aus der er fortan lebt, auch nur zu umschreiben versuche. 

Das Zen ist in dieser Hinsicht der reinen Versenkungsmystik verwandt. Wer mystischer Erfahrungen nicht teilhaftig ist, bleibt, wie immer er sich auch drehe und wende, außerhalb stehen. Dieses Gesetz, dem alle echte Mystik gehorcht, lässt keine Ausnahme zu.

Ich schrieb in Klammern dahinter, dass ich mich vielleicht mehr an diese Aussage halten sollte und fügte noch drei Ausrufezeichen hinzu!!!

Auch heute noch sollte ich mir diesen Satz hinter die Ohren schreiben und aufhören, andere Menschen glücklich machen zu wollen, ihnen die Ängste nehmen zu wollen und ihnen von dem Wunder und der Schönheit hinter allem erzählen zu wollen, wenn sie es doch gar nicht hören können oder wollen. 

Es artet immer nur in Frust aus. Ich habe stets das Gefühl, ich würde gegen eine Mauer reden. Ich gebe mir so viel Mühe, die sie einengenden Gedankengänge nur einen Spalt zu öffnen, aber sie können ihre Konzepte nicht für eine einzige Sekunde hinter sich lassen. Sie nehmen ihren Verstand und alles, was er seit Jahren, ja seit Generationen erzählt, so wichtig und als wahrhaftig an, dass sie dieses konditionierte Wissen nicht für wenige Minuten mal an der Garderobe ablegen und wirklich zuhören können. 

Und ich? War ich vor Yoga nicht genau so? 

Auch wenn ich nicht von meinen Erlebnissen erzähle, sondern Texte oder Gedichte von Krishnamurti, Rumi, Jesus oder Buddha vorlese, in denen versucht wird, diese unfassbare Schönheit und Weisheit hinter allem anzudeuten, stoße ich nur auf Unverständnis. Ja es scheint sogar so, als würden die Texte in diesem Augenblick ihre Heiligkeit und Aussagekraft verlieren, wenn ich es teile, weil mein Gegenüber anfängt, über die Worte zu diskutieren. 

Es wird nicht im Geringsten verstanden, dass die Wahrheit hinter den Worten liegt und somit hinter dem Verstand zu finden ist. Erst diese Woche hatte ich genau wieder diese Erfahrung gemacht. Es ist deprimierend und jedes Mal sage ich mir, sprich nicht mehr darüber. Teile nicht. Schweige. 

Warum ich hier im Blog noch schreibe, weiß ich nicht. Vielleicht sind es mehr oder weniger Selbstgespräche, die sich aus der Einsamkeit in dieser Schönheit ergeben? Ich glaube, ich kann einfach gar nicht anders. Konnte noch nie anders. Ich musste immer alles Schöne teilen. Es ist meine Natur. 

Und schon wieder passt daher heute diese Stelle im Yoga-Tagebuch wie die Faust aufs Auge. Demnach habe ich seit 2015 meine Lektion noch immer nicht gelernt. Und ich lese staunend weiter in meinen Notizen und aus dem Buch von Herrigel:

„Dem widerspricht nicht, dass es eine verschwenderische Fülle heilig gehaltener Zen-Texte gibt. Sie haben indessen die Eigenschaft, nur dem ihren lebensspendenden Sinn zu offenbaren, der aller entscheidenden Erfahrungen gewürdigt worden ist und somit aus diesen Texten die Bestätigung dessen herauszulesen vermag, was er unabhängig von ihnen schon hat und ist. Dem Unerfahrenen gegenüber bleiben sie dagegen nicht nur stumm – wie sollte er auch in der Lage sein, gleichsam zwischen den Zeilen zu lesen? – , sondern führen ihn unweigerlich in eine heillose geistige Irre, auch wenn er sich ihnen mit scheuer Behutsamkeit und selbstvergessener Hingabe naht. 

Auf die Frage, an den Meister, was Zen sei, ist die Antwort: Schweigen! 

Als der Schüler Herrigel sich über gute Treffer im Bogenschießen freut, bekommt er von seinem Meister zu hören: 

Über schlechte Schüsse sollen sie sich nicht ärgern und über gute nicht freuen. Sie müssen lernen, in gelockertem Gleichmut darüber zu stehen, sich also so zu freuen, wie wenn ein anderer und nicht sie gut geschossen hätten. Sie können gar nicht ermessen, wie wichtig das ist.“ 

Als der Schüler Herrigel seinen Meister fragte, wie er später nach der Rückkehr in die Heimat ohne ihn weiterkommen könnte, sagte dieser:

„…Sie sind auf einer Stufe angelangt, auf der Lehrer und Schüler nicht mehr zwei, sondern eins sind. Sie können sich also jederzeit von mir trennen.

… ich weiß, dass sie das geistige Bogenschießen nicht mehr lassen können… 

Nur auf eines muss ich sie vorbereiten. Sie haben sich im Laufe der Jahre verändert. Dies bringt die Kunst des Bogenschießens mit sich: eine bis in letzte Tiefen reichende Auseinandersetzung des Schützen mit sich selbst. Sie haben es bisher wahrscheinlich kaum bemerkt, werden es aber unweigerlich spüren, wenn sie in der Heimat ihren Freunden und Bekannten wieder begegnen: Es klingt nicht mehr wie früher zusammen. 

Sie sehen vieles anders und messen mit anderen Maßen.“

Dann reichte er dem Schüler zum Abschied seinen besten Bogen und sagte: „Wenn sie mit diesem Bogen schießen, werden sie fühlen, dass die Meisterschaft des Meisters gegenwärtig ist. Geben sie ihn keinem Neugierigen in die Hand! Und wenn sie ihn bestanden haben, bewahren sie ihn nicht als Erinnerung auf! Vernichten sie ihn, dass nichts zurückbleibt, als ein Häuflein Asche!“

In meinem Tagebuch steht an diesem Tag als letzter Satz, dass ich nach diesen Zeilen anfange zu weinen und ich mich von ganzem Herzen nach einem Lehrer sehne. 

Und da ist sie wieder, diese Einsamkeit, die sich daraus ergibt, dass man sich mit dieser Erkenntnis von dem vorherigen Leben immer mehr verabschiedet. Man lässt nicht nur alte Ideen und Konzepte hinter sich, sondern auch die uns vertrauten Menschen. Dann gibt es entweder viel Diskussionen oder Schweigen. Viel gemeinsame unglückliche Stunden oder zufriedene Einsamkeit, die sich irgendwann in Gott auflöst und es niemanden mehr gibt, der einsam sein könnte. 

Tagebuch 20.02.2015:

Die Meditation ist mein Glück. Sobald ich in meiner Pose sitze, entspannt sich der Körper. Der Atem wird ruhiger. Manchmal spüre ich sogar schon eine kindliche Vorfreude und warte nur darauf, dass zu Hause endlich Ruhe einkehrt, damit ich in irgendeiner Ecke meditieren kann. 

Tiefes Wissen scheint in uns zu schlummern, eine kosmische Kraft die sich durch Bewusstheit, Freiheit und Kreativität ausdrückt. 

Wo stehe ich? Ich spüre, dass da immer mehr Beobachtung ist. Innen und außen. Mehr Aufmerksamkeit. Mehr Bewusstheit. Es scheint so, als würde ich mir jeden Tag Stück für Stück immer mehr Freiheit erkämpfen, weil ich begreife, dass alles andere keinen Sinn mehr macht. Und ich hoffe ganz stark, dass dann endlich wieder Kreativität aus mir sprudelt.“

Egal, ob es um Bogenschießen geht, um die Ausübung einer Yoga-Asana, der richtigen Atemübung oder der Meditation, die Konzentration in diesen Übungen sorgt dafür, dass die Schwankungen im Gemüt erkannt und aufgelöst werden, noch bevor der Drang auftaucht, ihnen nachzugehen und sich mit ihnen zu beschäftigen. 

Und warum das so unermesslich wichtig ist, wie der Meister betonte, kann man beim Bogenschießen besonders schön erklären und verstehen. 

Erst nach langer Übung, wenn der Geist absolut ruhig geworden ist, wird der Bogenschütze, der Bogen und der Pfeil eins mit dem Ziel. Es gibt keine Trennung mehr. Der Schuss trifft mitten ins Ziel und der Schüler wacht auf. 

Der Zen-Meister fragte dann, verstehen sie jetzt, was es bedeutet? „Es“ schießt. „Es“ trifft.

Und mit diesen schönen Worten möchte „Es“ ein tolles Wochenende wünschen

(PS: auf dem Foto seht ihr meine Tochter und das Bild ist diesmal nicht von mir, sondern von Nurcan Sevindi)