Angst und Vergnügen (55)

Gerade spürten wir die Auswirkungen eines starken Erdbebens in Izmir (200 km entfernt) von ca. 6,8 auf der Richterskala, und so ein Stoß aus der Tiefe lässt uns demütig und dankbar dafür werden, das wir noch am Leben sind und unser Haus noch steht. Alles, was hier gerade noch wichtig war und in unseren Köpfen herumschwirrte, hat sich in ein paar Sekunden, als Lampen und Wände wackelten, in Luft aufgelöst. Auch wenn wir das Haus verließen und aus alter Gewohnheit Angst aufkam, kann mich nichts wirklich in meinem Vertrauen erschüttern. Dies habe ich diesem wunderbare Yoga-Weg zu verdanken. Möge es nicht zu viele Tote und Verletzte in Izmir und Umgebung geben. 

1999 hatte ich das große Erdbeben in der Türkei hautnah miterlebt, und ich wünsche so eine Erfahrung niemandem. Vielleicht schreibe ich meine Erinnerungen hierzu auch einmal auf. Aber heute geht es erst einmal weiter mit Krishnamurti und seinen Vorträgen, die für mich im Jahr 2015 ein wahres Geschenk waren. 

Ich habe gelernt, egal was da draußen passiert, es geht immer darum zu erkennen, was macht es mit mir. Es kommt nie darauf an, was andere tun, sondern wie ich mit dieser neuen Situation umgehe. Es gibt keinen Schuldigen, sondern nur Veränderung und ich bin ein Teil davon. Ich notierte mir Auszüge aus seinen Vorträgen in mein Tagebuch, und immer wieder tauchte die Frage auf, warum haben wir nicht wenigstens einen Teil dieser Weisheit zu Hause oder in der Schule gelernt? Wir alle könnten dann besser und entspannter mit den großen Herausforderungen des Lebens umgehen, anstatt uns immer mehr von einander zu entfernen und einer Illusion hinterher zu laufen. 

Tagebuch 28.01.2015:

Im Westen wurden Zweifler als Ketzer verbrannt und in der östlichen Welt wurde das Zweifeln gar gefördert. Es gehört dazu, um von allen auferlegten Illusionen frei zu werden. Zweifel ist so wichtig, damit der Geist und das Gehirn aktiv sind und eine tiefe Forschung betrieben werden kann. 

Ich glaube, dass mich die östliche Weisheit auch deshalb so anzieht, weil ich von Natur aus sehr skeptisch bin. 

Ich höre bei Krishnamurti, dass alles, was unser Dasein ausmacht, alle Ideen und unser Befinden, ja sogar unser Überbewusstsein Teil des Denkens ist. 

Er wirft die Fragen auf, warum das Vergnügen und der Besitz für den Menschen so wichtig sind, und auch ich stelle mir diese Fragen zum ersten Mal. Wir haben Vergnügen an Macht, an Besitz und wir empfinden Vergnügen dabei, anderen zu helfen. Warum? Ja selbst die Suche nach Gott bereitet uns Vergnügen. 

In welchem Zusammenhang steht das alles mit der Liebe? Ist Liebe ein Ausdruck von Vergnügen oder Verlangen oder bedeutet Liebe etwas ganz anderes? Es muss ja eine Unzufriedenheit vorhanden sein, die uns antreibt und dazu bringt, weiter zu suchen nach dem Vergnügen. 

Krishnamurti sagt, dass Illusion solange vorhanden ist, solange Vergnügen, Verlangen und Kummer da sind. Solange wir nicht wissen, wo die Unzufriedenheit herkommt, dieses Feuer, die Suche und das Verlangen, solange werden wir der Illusion nachgehen. Können wir diesen Drang nach Erfüllung nicht befriedigen, entstehen Ärger, Wut und Kummer. 

Den Drang nach Vergnügen zu unterdrücken ist auch keine Lösung. Das haben schon die Mönche und alle Religionen versucht. Es entsteht nur noch mehr Verlangen. Können wir unser Verlangen beobachten, ohne zu unterdrücken oder zu beurteilen, ob es gut oder schlecht ist? 

Und dann gibt Krishnamurti ein Beispiel für die Beobachtung des Aufsteigens des Verlangens. Es fängt mit unseren Sinnen an. Wir sehen, hören oder riechen etwas. Wir sehen z.B. ein Kleidungsstück im Schaufenster oder ein Auto. Es entsteht also hier in diesem Fall der erste Kontakt mit den Augen. 

Anschließend entsteht Denken, und Gespräche finden im Kopf statt. Wie es wohl aussehen würde, wenn ich dieses Kleid morgen zum Abendessen tragen würde, oder wie die anderen wohl schauen würden, wenn ich mit diesem Auto in der Firma vorfahre? Verlangen beginnt. 

Wir haben anschließend Bilder im Kopf und Vorstellungen darüber, was dieses Objekt alles auslösen wird. Der Partner wird sich sicherlich darüber freuen, wenn ich in diesem Kleid erscheine oder alle werden in der Firma das neue Auto bewundern usw.“

Wenn wir dieses sich immer wiederholende Spiel nicht durchschauen, sind wir praktisch Gefangene unserer eigenen Konditionierung. 

Ihr denkt jetzt vielleicht, dass ist doch ganz einfach und logisch und dass ihr euch darüber im Klaren seid. Aber ist es tatsächlich so oder lassen wir uns von unseren Sinnen völlig unbewusst durchs Leben ziehen, wie eine Sinnes-Puppe? Ihr erkennt es daran, wenn sich in eurem Leben ständig alles wiederholt. Ängste, Depressionen, Trauer und die falschen Partner, Gewalt etc. Dann habt ihr euer Muster, also eure Konditionierung noch nicht durchschaut. 

Wer einen Hund hat, kann sehr gut beobachten, wie Sinne funktionieren und was sie auslösen. Wenn es draußen geregnet hat, dann ist unser Hund nicht mehr zu halten. Wie eine Wildsau schürft er förmlich mit seiner Nase den ganzen Boden vor sich auf. Sein Geruchssinn treibt ihn von links nach rechts und von rechts nach links. Er sieht und hört uns nicht mehr. Sich und seine Triebe und sein Verlangen zu erkennen ist das, was uns vom Tier unterscheidet. Wir können uns der Macht der Sinne bewusst werden und sie nach innen leiten, um nicht von ihnen versklavt zu werden. Das heißt nicht, dass wir auf irgendetwas verzichten müssten. Es geht um das Erkennen und dem Wissen, dass wir darüber hinaus gehen können. 

“Krishnamurti sagt, dass das Denken erkennen muss, warum es diese Bilder erzeugt. Dann wird auch kein Konflikt mehr entstehen. Wo Verlangen ist, mit den Bildern des Denkens, entsteht das Vergnügen. Wird Vergnügen verhindert, entstehen Angst, Wut und Feindseligkeit, und dies ist immer die Wurzel aller Gewalt auf dieser Welt.“

Ich möchte nur ganz kurz auf die Pandemie eingehen, denn dieser angesprochene Konflikt ist auch der Grund dafür, weshalb gerade jetzt viele Menschen so aggressiv und laut auf bestimmte Regeln oder Verbote während dieser schweren Zeit reagieren. Angst ist da. Aus der Dunkelheit steigt sie auf, weil sie eng mit dem Vergnügen verbunden ist. 

Würden alle mal zwei Wochen mit ihrem A…. zu Hause bleiben und auf ihr Verlangen nach Vergnügen verzichten, gäbe es schon längst keine Pandemie mehr und nicht nur viele Krankheits- oder Todesfälle könnten so vermieden, sondern auch viele berufliche Existenzen erhalten werden. Aber stattdessen holen wir uns den Ballermann von Mallorca nach Deutschland, wie ich im TV staunend sehen konnte. Vergnügen bis ins Grab.

Wenn wir so auf Vergnügen fixiert sind, besteht die Gefahr, dass wir ganz übersehen, dass es einen großen Unterschied zwischen Vergnügen gibt, welches immer nur für kurze Momente Befriedigung verschafft, und wahrer Freude. Um das selber zu begreifen, habe ich mir hierzu wieder Krishnamurtis Beispiele notiert. 

Wenn wir eine schöne Landschaft oder einen Sonnenuntergang betrachten, so löst das Freude in uns aus. Wenn diese Freude jedoch durch das Denken zu einer Erinnerung wird und der Wunsch oder das Verlangen auftaucht, dass es morgen wieder so einen schönen Anblick geben soll, dann wird daraus ein Vergnügen. Unser Gehirn, das alles aufzeichnet, lässt durch die Vorstellung für den nächsten Tag ein Bild entstehen. Wenn das dann am nächsten Tag nicht befriedigt wird, gibt es Enttäuschung, weil es regnet oder, was noch viel schlimmer ist, es gibt wieder einen schönen Sonnenuntergang, aber wir sehen ihn nicht mehr so, als würden wir ihn zum ersten Mal sehen, sondern wir sehen nur die Erinnerung.

Das Aufzeichnen der Freude in Form von Erinnerungen ist ein Festhalten am Vergnügen. Es ist nicht das Schöne im Augenblick, sondern eine Erinnerung an die Schönheit.“

Krishnamurti sagt weiter, dass wir mit der Angst, die aus dem Versagen von Vergnügen entsteht, leben und sie so hinnehmen, wie wir Kriege oder Nationalitäten hinnehmen. Wir wagen nicht, dies alles in Frage zu stellen, weil wir Angst haben. Angst, Familie, Freunde, den Job zu verlieren. Angst vor der Einsamkeit und dem Verlust der Sicherheit, die wir in all diesen Dingen vermuten. 

Er stellt auch die spannende Frage, ob es Angst an sich gibt oder ob die Angst immer an ein bestimmtes Objekt gebunden ist, und ich möchte auch näher hierauf eingehen, weil es diese ganzen Fragen waren, die meine eigenen Ängste in einem neuen Licht erscheinen ließen. Es ermöglichte mir den Beginn der Erforschung meiner Konditionierung, und ich kann nur jedem empfehlen, der sich mit Ängsten, Depressionen, Wut oder Traumata herumquält, diese ebenfalls tief zu erforschen, bis er sich allem stellen kann. Damit meine ich jedoch nicht, sie zu analysieren. Also die Frage zu untersuchen, wann sind sie entstanden und warum, wer ist Schuld daran und liegt das an der Kindheit oder der Pandemie usw. 

Vielmehr geht es darum festzustellen, wie wir selbst diese Gedanken/Erinnerungen daran immer wieder hervorholen, bis sie zur Gewohnheit und ein scheinbarer Teil von uns werden. Wir identifizieren uns dann endgültig damit. 

Krishnamurti stellt also die Fragen, “ob Angst etwas Angeborenes ist, so wie das Sehen oder Hören oder ob ihr Wesen das Verlangen nach etwas ist, wie die Sicherheit, Macht, jemand sein zu wollen und somit Sicherheit vor Einsamkeit und Tod?

Aber den Tod schieben wir in der Regel erst einmal weg. Der kommt später. Der Gedanke, dass wir sterben könnten, liegt immer irgendwo in der Ferne und somit betritt die “Zeit” die Bühne. Krishnamurti fragt, ob die Angst eine Folge der Zeit oder die Folge des Denkens ist? Oder sind gar Zeit und Denken das gleiche? 

Hat man etwas in der Vergangenheit getan und nun Angst, es könnte in der Zukunft herauskommen, dann hält man an etwas fest, dass es sich in der Vergangenheit befindet und schon längst vorbei ist. 

(Oder jetzt vielleicht passender und besser vorstellbar: ist vor vielen Monaten die Pandemie aufgetaucht und haben wir jetzt Angst vor den persönlichen Konsequenzen in der Zukunft?)

Dann erkennen wir ganz klar, die Bewegung des Denkens ist die Bewegung in der Zeit!

Ist also Angst eine Bewegung des Denkens und somit eine Bewegung in der Zeit? Müsste ich jetzt sofort sterben, gibt es keine Angst, da dem Leben sofort ein Ende gemacht wird. Aber ich will ja noch leben und hoffe, es geht noch 5, 10 oder 30 Jahre weiter. Also taucht die Angst nur in der Zeit und im Denken auf. 

Wenn man versteht, was Zeit und Denken sind, dann hört die Angst ganz auf.”

Und dann setzt sich Krishnamurti mit der Zeit auseinander. Es war für mich mit das Wichtigste, womit ich mich beschäftigen konnte. Ich wurde hier intellektuell von Krishnamurti ziemlich herausgefordert und erst etwas später, als ich auch noch Eckhart Tolle las, ging mir endlich das Licht mit der Zeit auf. Erst dann begriff ich, dass es so etwas wie Zeit überhaupt nicht geben kann. Darüber werde ich später noch schreiben. 

Tatsächlich jedoch haben wir alle zu Hause und in der Schule gelernt, was Zeit bedeutet. Schließlich haben wir alle eine Uhr am Arm, an der Wand oder im Telefon. Es gibt doch nachweislich ein Gestern, Heute und Morgen. Ich brauche Zeit, um von A nach B zu kommen. Die Nachrichten kommen um 20 Uhr und um 7.30 Uhr muss ich jeden Morgen aufstehen. Im Prinzip richtet sich unser ganzes Leben nur nach der Zeit. Krishnamurti nennt dies die physische Zeit und bringt dann die psychologische Zeit ein.  

Die psychologische Zeit ist die, die sich in unserer Psyche abspielt. Heute bin ich Studentin aber in einigen Jahren werde ich einen guten Job haben. Später werde ich mal sehr viel Geld verdienen und etwas erreichen. Dann geht‘s mir besser. Wenn ich Renter bin, werde ich viel reisen usw. Dann habe ich endlich Zeit. Wenn die Pandemie vorbei ist, dann bin ich pleite oder psychisch am Ende. Ich bin hier und stelle mir etwas für mich in der Zukunft vor und dann ist die Zeit der Mittel zum Zweck, um dieses Ziel zu erreichen oder zu verhindern. 

Wir entfernen uns mit dem Verstand von hier weg, von dem, was ist und stellen uns etwas vor, wie es sein sollte. Damit entfernen wir uns von der Wirklichkeit. Wir wissen ja nicht, wie etwas kommen wird. Was es wirklich gibt, ist nur das, was gerade vorhanden ist. Warum geht der Verstand von dem weg, was gerade ist? Warum ist er unfähig, das zu beobachten? 

Mit Hilfe der konzentrierten Beobachtung kann man diese psychologische Zeit im Denken erkennen. Sie hetzt uns. Sie treibt uns. Sie ist es, die den Stress in uns verursacht und den wir dann nach außen tragen. Man kann lernen, mit vollkommener Aufmerksamkeit einfach im Beobachten stehen zu bleiben und Zeit löst sich auf. Keine Zeit, kein Denken. Kein Stress. 

Durch die täglichen Yoga-Übungen (Asanas, Atemübungen und Meditation) auf der Matte hatte ich über die letzten 5 Jahre wunderbarerweise Balance gefunden und es gab das erste Mal tiefes Vertrauen. Und zwar genau da, wo mir ja persönlich alle Sicherheiten weggefallen waren. Da gab es nichts Materielles mehr, an dem ich mich hätte festhalten können. Und doch war immer alles gut. Ich erkannte, das Leben war nicht gegen mich. Nichts ist gegen uns. Nicht die Regierung und auch nicht die Pandemie. Das spielt sich immer nur in unseren Köpfen ab.

Die Aussagen von Krishnamurti bestätigten mir noch einmal die Wichtigkeit dieses Zusammenspiels von all diesen unterschiedlichen im Yoga angelegten Übungen. Die Einbeziehung von Körper, Atmung, Geist und Umwelt durch das tägliche Zentrieren, die Reflexion und das zur Ruhekommen. Weg vom Kopfballast, hin zum Hier und Jetzt. Nicht Denken, einfach nur atmen und vertrauen. Mehr brauchen wir wirklich nicht zu machen. Aufmerksamkeit ist das Beobachten mit unserer ganzen Energie. Unaufmerksamkeit ist die Bewegung weg von dem, was ist, und das kostet uns nur Energie. 

Wenn das ernsthaft verstanden und geübt wird, dann wird der Geist irgendwann ganz ruhig, und beim Beobachten wird dann auch das, was beobachtet wird, verschwinden. Der Beobachter, das Beobachtete und das Beobachten selbst verschmelzen. Es bleiben nur Staunen, Freude und Liebe. 

Ich hatte mir notiert, dass ich nach diesem Vortrag von Krishnamurti wunderbar einschlafen konnte. Ich konnte alles Denken und alle Sorgen einfach an das Leben abgeben, da ich langsam ahnte, dass es sich schon um alles kümmern würde. Das wünsche ich Euch auch und ein schönes Wochenende.