Autorität und Unordnung (54)

Nach meinem interessanten Traum (siehe letzten Blogbeitrag) und der Kino-Gala für meine Tochter schrieb ich am nächsten Tag in mein Yoga-Tagebuch, wie ich mich gerade selbst sehe und fühle. 

Tagebuch 27.01.2015:

“Schock, wenn ich mich auf Fotos sehe. So kann ich kein Foto auf Facebook teilen. Ich sehe aus, als wäre ich aufgedunsen und als würde alles an mir herunterhängen. Furchtbar. Plötzlich alt und fett. Plötzlich Schmerzen überall. Plötzlich bricht alles weg. Alte Oma! Ich fühle mich hässlich und alt. Ich habe nichts mehr gemeinsam mit der Frau auf den Bildern vor einigen Monaten oder Jahren. Aus Frust habe ich nach dem Gala-Abend gestern erst einmal 4 Nutellastullen g e f r e s s e n. Und so etwas macht Yoga?”

Ein Außenstehender hat diese Veränderung sicherlich nicht so krass wahrgenommen wie ich selbst, aber Fakt ist, mit dem Alter verändert sich der Körper. Man kann daher ab einem bestimmten Alter entweder weiter an seiner äußeren Erscheinung anhaften und daran herumoperieren und versuchen, ihn jung und schön zu halten, oder man kann mit Hilfe dieser körperlichen Veränderung den Körper und die äußere Welt immer mehr loslassen, seine Sinne nach innen richten und erkennen, dass er tatsächlich nur die Hülle für etwas sehr viel Schöneres ist, das in uns allen ruht. 

Ich jedenfalls ließ meinen Körper und das Nutellaglas erst einmal in Ruhe und konzentrierte mich wieder auf Yoga. Im Internet sah ich mir, wie geplant, die Videos von Krishnamurti an. Obwohl ich seine Biografie las, war es noch immer nicht einfach zu verstehen, was er da hinsichtlich unseres Verstandes immer wieder vortrug. Es wurde mir jedoch bewusst, dass dies der Schlüssel zur völligen Auflösung meiner Sorgen und Ängste sein wird. 

Tagebuch 27.01.2015: 

Das Gehirn des Menschen ist bei allen Menschen gleich. Es gibt nicht mein Gehirn und dein Gehirn. Das Denken ist uns allen gemeinsam. Das Denken gehört nicht mir oder dir. Das heutige Denken hat die industrielle Welt erschaffen, die Erfindungen, die Kriege usw. Die Frage ist, kann man dieses heutige Denkmuster auflösen? 

Warum hat das Gehirn seine eigenen Probleme bis heute nicht gelöst? Das Denken entspringt dem Wissen und der Erfahrung und es wird daher zur Erinnerung. Dies ist ein materieller Vorgang. 

Der Geist (das Denken) muss erst einmal frei sein von allen Verhaftungen (Ideen, Gurus, Religionen usw.), sonst kann er gar nicht prüfen, ob er sich selbst verändern kann. Dies wiederum ist sehr schwer, weil der Mensch sich mit seinen ganzen Verhaftungen viel sicherer fühlt. “

Wie wahr diese Aussage ist, konnte ich später immer wieder bei mir und auch bei anderen Menschen feststellen. Unsere Gewohnheiten, auch die negativen, sind ein so fester Teil von uns geworden, dass wir sofort unsicher werden, wenn sie wegfallen. Es entstehen Angst und Wut. 

(Da meine persönlichen Lehrer die Angst und die Schmerzen waren, werde ich diese hier in der weiteren Diskussion als Beispiel nehmen. Ihr könnt statt der Angst aber auch Eifersucht, Wut, Depressionen, Trauer oder andere Emotionen einsetzen. Das spielt keine Rolle.)

Auch ich wurde am Anfang meiner Yogapraxis ganz unsicher, wenn meine Ängste wegblieben und hatte deshalb wieder Angst, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Wenn die üblichen körperlichen Schmerzen wegfielen, tauchten Unsicherheit und Sorgen auf, weil es sich nicht “normal” anfühlte. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, die Rolle des Opfers und der leidenden Person zu spielen, dass bei einer plötzlichen positiven Veränderung ein Problem mit der Identifikation auftritt. Unser Gehirn schlägt Alarm. All das gilt auch für unser Gefühl hinsichtlich der Nationalität oder der Religion. Entweder durchschaut man diese Konditionierung des Gehirns und durchbricht sie oder, wie Krishnamurti weiter sagte, man wird:  

“korrupt, weil man an einer Person, einem System, einer Richtung oder einem Gefühl anhaftet. Es entsteht Angst, Sorge und Leid. Jede Autorität führt zwangsläufig zur Korruption, das ist eine Tatsache. Autorität bedeutet, dass man jemandem und einem Konzept Folge leistet. Und das ist es, was die Welt in das Chaos gestürzt hat, weil es zur Teilung und nicht zum Frieden führt. 

Ist es möglich, sich selbst ein Licht zu sein, keinen Autoritäten zu folgen, auch keinen spirituellen? Wer Autoritäten anerkennt, wird nicht in der Lage sein, tatsächlich zu beobachten, was in uns selbst passiert, ohne es zu verfälschen und zu bewerten.

Nachdem ich mich mit den Aussagen von Krishnamurti immer mehr auseinandersetzte, wurde es mein tiefster Wunsch, meine eigene Konditionierung zu verstehen. Das ist eine sehr radikale Erforschung unseres eigenen Geistes und erfordert absolute Aufmerksamkeit und Ehrlichkeit. 

Ich versuchte zu verstehen, was denn der Weg ist, den Krishnamurti da aufzeigte. Wie komme ich da hin und was muss ich dafür tun? Aber hier gab er keine Antworten und das ist auch nur konsequent, denn es ging ja gerade darum, dass er keine Autorität darstellen wollte, der man folgen sollte. Der einzige Weg ist der nach innen, hin zum eigenen Licht. 

Krishnamurti sagte, das Universum ist in völliger Harmonie und hat seine Ordnung. Die Natur hat ihre Ordnung. Der menschliche Geist jedoch lebt in Unordnung, da er aufgrund seiner Anhaftung korrupt ist. Ein Geist in Unordnung kann die absolute Ordnung von Universum und Natur niemals erkennen. 

Wie kommen wir da raus? Kann Unordnung ein Ende haben? Was eine Ursache hat, kann auch ein Ende haben. Angst und Schmerz haben Ursachen, also können sie auch beendet werden. Entweder durch Medikamente oder letztendlich durch den Tod. 

Erst einmal sollten wir uns beobachten und feststellen, dass wir in Unordung leben. Wo passen wir uns an? 

Wo war meine eigene Unordnung im Denken und im Verhalten? Bei meinen Ängsten war es ganz klar erkennbar, dass zwischen der Tatsache (alles war in bester Ordnung) und meinem Denken (ich habe Angst, ich könnte jetzt sterben = Panikattacke) ein starker Widerspruch herrschte. 

Alles Denken beruht auf Wissen und Erfahrung. Aber unser persönliches Wissen ist begrenzt. Niemand hat vollständiges Wissen, und daher hat der Mensch Gott erfunden, der das Sinnbild für vollständiges Wissen ist. 

Bleiben wir bei den Ängsten. Mein Wissen und meine Erfahrung schaffen Konditionierungen in meinem Gehirn. Tatsache ist jetzt die Umgebung und das Gefühl der auftauchenden Angst. Hier gibt es noch gar kein Problem und noch keine Unordnung. Die Unordnung tritt erst auf, wenn nun Erinnerung hinzukommt und das Denken und die Dialoge im Kopf beginnen: 

Ich habe Angst und ich sollte keine Angst haben. Es ist nicht gut Angst zu haben. Du weißt, dass es schöner ist, wenn man keine Angst hat und glücklich ist. Was passiert, wenn jetzt eine Panikattacke kommt und ich völlig ausfalle, ohnmächtig werde oder gar sterbe, weil mein Herz zerspringt?. 

Dieses Denken hat nun einen Gegensatz zu dem geschaffen, was tatsächlich da ist, nämlich einfach Angst. 

Dieses Denken ist aber keine Tatsache, sondern ein Gegensatz, der nur im Geist geschaffen wurde. Die Erinnerung daran, dass es mir besser gehen sollte, es anders sein sollte, schafft einen Widerspruch zu dem was wirklich ist, also zur Tatsache. Nun haben wir ein Problem und Unordnung, weil wir die Tatsache plötzlich nicht mehr haben wollen.

Aber wie kann man eine Tatsache abschaffen? Das ist nicht möglich. Es ist, was ist und es ist nie ein Problem, wenn man es einfach akzeptiert. Man kann sich mit Tatsachen befassen, diese beobachten und akzeptieren aber mit Nicht-Tatsachen kann man sich nicht beschäftigen oder mit ihnen fertig werden. Sie existieren nämlich nicht. 

Ich muss angstfrei sein. Ich muss etwas werden. Ich muss etwas schaffen. Ich muss, muss, muss…Das sind alles nur Gedanken. 

Krishnamurti sagte, “wir leben in Unordnung und versuchen mit dem Denken Ordnung zu schaffen. Wir erfinden Ordnungsprinzipien, Wertesysteme und es entstehen Verhaltensmuster. Aber gerade weil das “beschränkte Denken” versucht, Ordnung zu schaffen, entstehen immer wieder neue Konflikte. So lebt unser Gehirn in Mustern und erkennt nicht die Tatsachen. Wer eine Tatsache deutet, tut es mit Hilfe seines “beschränkten Wissens” und entfernt sich von der Tatsache. 

Können wir also die Tatsache beobachten, ohne sie zu deuten oder sie zu erklären? Gibt es Trennung zwischen dem Deutendem und der Tatsache, dann erzeugt das einen Konflikt.“

Wenn ich also meine Angst beobachte, ohne sie zu deuten, dürfte es keine Probleme mehr geben. Angst ohne einen Denkenden ist einfach nur eine Emotion. Wenn ich kein Wissen aus der Vergangenheit über meine Angst aufrufe, dann bleibt nur die Tatsache Angst. Es gibt also keine Trennung zwischen der Tatsache Angst und einem Deutenden. 

Somit nehmen wir uns die Möglichkeit, die tatsächliche Situation, also die Tatsache zu erkennen, weil wir schon mit dem Denken in der Erinnerung, also in der Vergangenheit verschwunden sind. Wir können daher nie sehen, dass das, was jetzt passiert, eigentlich zuvor noch nie passiert ist. Es gibt keine Wiederholungen, außer im Verstand. 

Dies alles erschien mir sehr logisch. Es war etwas, das ich mit Hilfe der Meditation beobachten konnte. Es dauerte jedoch noch Jahre, bis ich in der Lage war, diese Konditionierung der Angst vollkommen zu durchschauen und ihr vor allen Dingen anschließend ohne Angst zu begegnen. 

Dieses Erforschen der eigenen Konditionierung ermöglichte es mir später auch, das Buch zu schreiben und aufzuzeigen, wie man mit Hilfe der Atmung und Meditation aus diesem Kreislauf der Angst herauskommen kann. Hierfür benötigt man nur den ernsthaften Willen und eine gewisse Disziplin zu üben. 

Aber diese Selbsterforschung ging dann irgendwann bei mir über das Erkennen der Konditionierung hinaus. Es blieb nur noch reines Beobachten, und ich und alles um mich herum verschwand. Es trat erst nach einigen Jahren ein, was Krishnamurti wie folgt formulierte und ich in meinem Yoga-Tagebuch ebenfalls am 27.01.2015 festhielt: 

“Wenn reines Beobachten da ist, dann gibt es auch keine Tatsache mehr. Nur solange der Denkende etwas tut, erzeugt er die Tatsache! Ist der Denkende und somit der Beobachtende nicht da, gibt es auch keine Tatsache. Die Tatsache braucht einen Beobachter, der sie zu einer Tatsache macht. “

Krishnamurti kommt hier mit einem etwas anderen Ansatz zu den gleichen Ergebnissen, wie die Yoga-Sutra I,2 (Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist) und I,3 (Dann ruht der Wahrnehmende (Sehende) in seinem wahren Wesen) des Patanjali. 

Und wenn der Beobachter, der Denkende und Wertende wegfällt, dann fällt die oben beschriebene Ursache weg und dann ist dies das Ende der Unordnung, und das ist nichts anderes als der Tod der Person. Oder, man könnte auch sagen: Aufwachen der Person für einen Augeblick bzw. Erleuchtung, wenn man dauerhaft in diesem völlig unpersönlichen Zustand verweilt. 

Aber bis dahin musste ich noch einige Jahre lernen, wie man weiter ruhig atmet und sich konzentriert, obwohl Angst auftaucht. 50 Jahre Konditionierung mussten im Kopf und in jeder Zelle meines Körpers aufgelöst werden. Alte Maßstäbe und Konzepte mussten über Bord geworfen werden. Das löste so viel Kopfschmerzen und auch Rückenschmerzen aus. Es kamen Jahre der Schmerzen und der Verzweiflung. Als würde all das Alte mit einem spitzen Messer aus meinem Körper in kleinen Schritten herausgeschnitten. 

Lohnt sich das, fragen die meisten und meine Antwort lautet, dass es gar nichts Wichtigeres im Leben geben kann, als dieses wunderbare Geheimnis in uns zu entdecken. Wahrscheinlich sind wir auf diese Welt gekommen, nur um zu erkennen, dass wir Licht und Liebe sind. 

Ich wünsche euch ein ganz wunderschönes Wochenende, Monika