Ich treffe mich (53)

Die Yoga-Reise ging auch Ende Januar 2015 noch weiter mit dem Buch von Dr. David Frawley und dem Vedanta (siehe Blogbeitrag:  Vedanta und Angst). Dieses Buch hat nur knapp 170 Seiten, aber jede Seite hat es in sich. Um die Essenz der Veden wirklich aufnehmen zu können, ist es sicher von Vorteil, wenn man sich zuvor schon mit Yoga etwas beschäftigt hat oder wenigstens ganz offen für alles Neue ist. Dann begreift man besser, wie radikal anders sich das Leben mit dieser Weisheit darstellt und was für Möglichkeiten sie offenbart.  

Tagebuch 25.01.2015:

“Zu unserem Unglück sind wir darauf konzentriert, unsere Achtsamkeit achtlos zu vergeuden. Wir nennen das gewöhnlich ”Unterhaltung”. Um uns zu unterhalten, verschenken wir unsere Bewusstheit an eine Person oder an ein Medium. Wir unterliegen der Faszination äußerer Persönlichkeiten und Dramen und übersehen dabei ganz, dass wir nicht mehr Herr über unsere eigenen Gedanken sind. Ganz gleich, woran wir unsere Achtsamkeit verschwenden, es kann uns im Leben nicht erhöhen. Es kann nur dafür sorgen, dass wir die Wahrheit auch weiterhin verschlafen.”

Solche Aussagen sorgten dafür, dass ich meine Gedanken und mein Handeln ständig hinterfragte. Ich schaute nur noch selten in den Fernseher oder in einen Kriminalroman. Ich beobachtete mich und auch die Menschen um mich herum und musste sehr aufpassen, dass ich nicht anfing zu kritisieren oder zu verurteilen. Niemand möchte hören, dass er zuviel in die Glotze schaut oder nicht merkt, was er eigentlich den ganzen Tag macht. Was er damit meinte, dass wir die Wahrheit verschlafen, wusste ich jedoch noch nicht, aber ich wollte es unbedingt erfahren. Und dieser Wille ist erforderlich.

“Wahrer Wille ist Hingabe an das, WAS IST. Wille verschmilzt mit der Energie des Daseins und das ist die größte Vollendung und verlangt: DIE AUFGABE ALLEN PERSÖNLICHEN STREBENS. Wille lässt alles Begehren los, denn er erkennt, dass Begehren von äußeren Zwängen und nicht von inneren schöpferischen Impulsen ausgeht. Begehren und Wille dürfen also nicht verwechselt werden. Wahrer Wille ist Wunschlosigkeit. Frieden erfahren wir in Gewinn/Verlust, Freude/Trauer, Lust/Schmerz. Sonst sind wir Sklaven der Außenwelt.”

Ich bin nicht vertraut mit irgendeiner Religion, aber das erinnert mich stark an eine allgemein sehr bekannte Zeile: “Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.” Bedeutet das nicht die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit? Aber wenn Persönlichkeit nur eine Form der Konditionierung ist und wir somit nur unseren inneren Zwängen folgen, weil das die Eltern schon so gemacht haben und weil das jeder so macht, sind wir dann tatsächlich nicht sowieso Gefangene unserer Autobahnen im Kopf, ohne es zu wissen? Weiter notiere ich:

“In der Meditation ist Verehrung und Hingabe erforderlich. Der Geist ist der Docht, das Wissen die Flamme und Verehrung ist das Öl der Petroleumlampe. Ohne Verehrung ist Meditation trocken und freudlos.”

Darunter schrieb ich: “Oft denke ich an Paramahansa wenn ich meditiere, da ich mir bewusst bin, dass meine Liebe, Respekt und meine Verehrung für ihn mir die Tür zur Konzentration in der Meditation öffnet.”

Dann notierte ich etwas über den Raum, der tief im Inneren unseres Herzens sitzt und hatte da noch keine Ahnung, dass er sich mir eines Tages auch öffnen würde. Aber die Sehnsucht war so groß, die Diziplin war da und auch der Wille. Dann darf man igendwann auf das schauen, was Frawley so schön beschrieb:

“Blicken wir in unseren Geist, sehen wir die Leerheit. Dort ist das ganze Universum, Gegenwart und Zukunft, Erfüllung aller Wünsche. Sehen ist Sein. Alle Welten, alle Geschöpfe wohnen dort. Von Licht erfüllt, wie von tausend aufgehenden Sonnen. Alles Leben wohnt dort und es ist unsere eigentliche Heimat. Die den Raum im inneren Herzen nicht kennen, haben das Wichtigste im Leben versäumt. Da wir das Nichtsein fürchten, müssen wir darum kämpfen, etwas zu werden und stürzen uns in die materielle Welt.”

Ich notierte mir darunter, dass ich “sofort alles loslassen, Istanbul verlassen und mich so gerne nur noch auf die innere Reise konzentrieren würde.

Aber da gab es noch die Verantwortung für meine jüngere Tochter und ich musste noch unterrichten und Geld verdienen. Vielleicht, weil mein Wunsch und meine Sehnsucht so stark waren, wurde vom Leben im Hintergrund schon die Vorbereitung getroffen, damit ich bald alles hinter mir lassen und mich vollkommen auf Yoga konzentrieren konnte.  

Tagebuch 26.01.2015:

“Um 6.30 Uhr meditiert. Heute ist der Tag meiner Großen. Ein weiterer Kinofilm wird der Presse vorgestellt. Abends werden wir dann bei der Premiere im Kino dabei sein. Vielleicht schaffe ich es heute noch, die anderen Videofilme von Krishnamurti anzuschauen. Das wäre schön.”

Ich wundere mich hier selbst darüber, wie konsequent ich da schon mit Herz und Seele beim Yoga war. Selbst an diesem wichtigen Tag für meine große Tochter ließ ich mich nicht von Glanz und Glitter ablenken. Ich wusste, es ist ihre Karriere und ich unterstützte sie, wo ich konnte, aber ich erhoffte mir selbst nichts davon. Es war ihr Weg und es ist kein einfacher. Mir war vollkommen klar, ich kann ihr nur weiterhin eine Stütze sein, wenn ich ganz bei mir und bei Yoga blieb.

Weiter studierte ich den Vedanta und notierte Seite über Seite. Es ging um das Ego, wie Atmung und Meditation miteinander verbunden sind und was das wahre Selbst sein soll. Wie sehr Schweigen und die bewusste Auswahl unserer Worte dabei helfen, unsere Konditionierung zu erkennen und wie wichtig es ist, unseren Geist immer wieder in den gegenwärtigen Augenblick zurückzuholen. So entwickelt sich am Ende unsere ganze Energie auf das unmittelbare Sehen bzw. unsere Wahrnehmung.

Diese starken Hinweise im Vedanta gingen nicht spurlos an mir vorbei. Während ich beim Studieren aus vollem Herzen und auch mit dem Geist zustimmte, war mein Unterbewusstsein scheinbar stark erschüttert, denn hier rüttelte etwas sehr stark an alle Konzepte, die sich das Gehirn seit über 50 Jahren aufgrund Erziehung und Umfeld zurechtgelegt hatte. Deshalb auch der Traum in der kommenden Nacht.

Tagebuch 27.01.2015:

“Traum: Ich kaufe Schreibwaren und einen Stift ein. Dieser stellt sich später fälschlicherweise als Füller heraus, was ich eigentlich nicht haben wollte. Es folgt eine Irrfahrt durch die Stadt mit dem Auto. Dann ein Fußmarsch unter unheimlichen Gestalten. Wollen die meine Tüte mit den Schreibwaren? Ein Restaurant. Eine Café. Fremde Menschen.

Ich drehe im Traum einen Film darüber, wie ich meditiere. Halte meine Ideen dazu fest, eine Art Selbstprojekt, indem ich festhalte, wie ich mich durch Literatur und Meditation verändere und erkenne, was ich eventuell tatsächlich machen will. Danach schaue ich es mir auf meinem IPad an und sehe, wie in drei Schritten meine Seele den Körper verlässt.

Es ist sehr aufregend und auch furchteinflößend. Ich rede im Traum mit meiner kleinen Tochter darüber und möchte ihr auch den Film zeigen. Es ist mir irgendwie unheimlich. Habe ich doch tatsächlich als einzige bisher mit diesem Filmmaterial bewiesen, dass es eine Seele gibt. Dann wache ich auf. Es ist 04.44 Uhr.”

Am nächsten Morgen versuchte ich den Traum zu deuten. Während ich mich 2015 bei der Traumdeutung auf die einzelnen auftauchenden Bilder konzentrierte, wie dem Stift, der Seele usw., wundere ich mich hier beim Lesen und Schreiben gerade über die Vielschichtigkeit des Traumes und die Bedeutung aus meiner heutigen Sicht.

Damals notierte ich: “Die Seele verlässt im Traum den Körper und dazu hatte ich nur gefunden, dass man zu empfindsam ist und und sich für sinnlose Ziele engangiert. Das ist enttäuschend wenig.

Im Traumdeuter steht zum Stift, dass er auf die Kommunikation mit anderen Menschen hindeutet. Man braucht Mittel, um das Gelernte an andere Menschen weitergeben zu können. Ein Füller im Traum gibt dem Gelernten ein dauerhafteres Gepräge als ein BleiStift. Die Kraft, spirituelles Wissen zu übersetzen und es festzuhalten, ist ein notwendiger Bestandteil der Entwicklung.”

Und hier musste ich erst einmal einen Tag Pause beim Schreiben dieses Blogbeitrages einlegen. Gänsehaut…

Heute sitze ich wieder vor dem PC und spüre, wie tief das alles geht. Es verwirrt mich sehr und ich frage mich, wer schrieb damals, wer schreibt hier und wer liest?

Wieviele Ebenen bzw. Traumebenen gibt es hier? Wenn “Erleuchtung” da ist, wird erkannt, dass das Leben selbst einem Traum gleicht, denn es gibt nur Bewusstsein. Um das zu begreifen, muss man aber nicht unbedingt endgültig erleuchtet sein, es reicht auch, wenn man nur ein einziges Mal “aufwacht”, das heißt, einen winzigen Moment ohne Gedanken ist und sich einem die Leerheit hinter allem offenbart. Hier hätten wir also die erste Traumebene: Wachzustand.

Die zweite Traumebene ist der Traum, in dem Monika im Schlaf sieht, wie sie sich selbst beim Meditieren und Sammeln von spirituellen Erfahrungen filmt. Wie sie ungewollt einen Füller kauft.

Und letztendlich haben wir die dritte Ebene, den Film. Hier schaut die sich im Traum befindliche Monika die Aufnahmen auf dem IPad an, wo sie ihre Seele in drei Schritten aus dem Körper austreten sieht.

Und dann scheint es nun noch eine zeitliche Ebene zu geben. Die Ebene, in der ich hier sitze und darüber schreibe. Nicht mit Füller oder Ähnlichen, wie im Tagebuch, sondern mit dem PC und somit nachhaltig und lesbar.

Was mich im Augenblick ganz besonders berührt ist, dass die Notizen in meinem Tagebuch die immer wieder auftauchende und mich sehr quälende Frage beantworten, ob ich hier im Blog weiterschreibe oder nicht. Denn immer wieder gab es diese Gedanken, dass ich mit dem Schreiben dafür sorgen könnte, dass ich meine Person und einen “scheinbaren Yogaweg” immer wieder manifestiere und damit verhindere, endgültig aufzuwachen.

Die Notizen jedoch sagen: “Die Kraft, spirituelles Wissen zu übersetzen und es festzuhalten, ist ein notwendiger Bestandteil der Entwicklung.”

So habe ich es damals notiert und heute vergessen. Dabei war doch die Freude am Schreiben immer da und nur wieder meine Gedanken haben mich verunsichert. Durch das Schreiben erhalte ich auch eindeutig mehr Klarheit.

Und was nun mein Gehirn gerade völlig aussetzen lässt, ist dieses Gefühl, ich würde mich hier mit mir selbst im Tagebuch treffen und unterhalten. Es ist dieser innere Lehrer (Satguru), der immer dann auftaucht, wenn ich Hilfe brauche, da es keinen lebenden Lehrer in meinem Leben gibt.

Ich kann meinen eigenen Gedanken nicht mehr vertrauen, denn Gedanken verhindern, dass mein Leben zu einem Wunder wird. Ist es nicht viel aufregender und schöner zu begreifen, dass wir stets in einem Traum leben? Dass alles was hier auftaucht von einem großen liebenden Bewusstsein erschaffen wird, und zwar immer jetzt? Jetzt taucht das Tagebuch auf. Jetzt sehe ich die Zeilen darin. Jetzt lese ich. Jetzt schreibe ich die Notizen dazu im Blog. Immer wieder alles jetzt.

Ich halte mein Yoga-Tagebuch beim Durchlesen jetzt genauso in den Händen, wie das iPad in meinem Traum. Es fühlte sich auch im Traum so real an. Ich schreibe hier genauso real, wie ich den Stift im Traum in einem scheinbar echten Geschäft kaufte. Ich redete mit meiner Tochter im Traum genauso real, wie hier gerade mit meinem Mann.

Es fühlt sich tatsächlich so an, als würden die Notizen in meinem Tagebuch sagen, schreib weiter. Als hätte ich sie damals für heute geschrieben. Als liefe alles auf einen einzigen Punkt hinaus, der immer wieder hier ist. Es macht mich so glücklich, und aus irgendeinem Grund helfen die Beiträge im Blog auch mir und ich hoffe, ihr habt ebenfalls Freude an diesen Zeilen.

Ich sage euch, es ist unheimlich aufregend zu begreifen, dass mein damals mit dem iPad aufgenommenes Selbstprojekt anscheinend hier seit vielen Monaten gerade durchgeführt wird.

Die Wahrheit zu verschlafen, kommt für mich nicht in Frage, und gerade versuche ich zu begreifen, welche Bedeutung die Seele in diesem Traum hatte, da sie dort in drei Schritten den Körper verließ. Wird sich dieses Rätsel noch aufklären?

Ich las heute eine Zeile von Alan Watts und es wurde mir noch einmal ganz klar, wie fremd und aufwühlend die indischen Veden mit ihrem zentralen Punkt, dem Vedanta, für einen modernen, materialistisch orientierten Menschen im Westen sein muss:

Es ist nicht so sehr die Lehre an sich, sondern vielmehr die experimentelle Erkenntnis, dass du selbst die Wurzel des Bodens des Universums bist. Mit anderen Worten, im Atman, dem Selbst, ist Brahman, der Boden des Seins … Weil Hinduismus als Religion schwer zu charakterisieren ist, vor allem weil wir einer Religion angehören, die … nur Sonntags stattfindet. … Wenn ein Hindu seine Zähne putzt, ist es ein religiöser Akt.”

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, Monika