Vedanta und Angst (51)

Wenn Krähen/Raben in einem Traum auftauchen, soll dies eine Warnung vor Krankheit oder Tod sein. Es kann aber auch Weisheit oder Verschlagenheit bedeuten. Ich hatte keine Ahnung, warum die schwarzen Vögel in dieser Nacht im Januar 2015 erschienen, aber ich staunte nichts schlecht darüber, als an diesem Tag ein rabenschwarzes Lebewesen Mitglied unserer Familie wurde. Abends kam meine Große völlig unerwartet mit einem drei Monate alten und sehr geschwächten Kater nach Hause. Er ist von einem Auto überfahren worden und hatte nur noch drei Beine und überall Operationsnarben. Wir drei Mädels nannten ihn Rocky und päppelten ihn wieder so richtig auf.

Der Januar 2015 war anstrengend. Jeden Tag Yoga-Unterricht im Studio oder privat. Haushalt. Kinder. Beziehung. Eigenpraxis. Immer wieder totale Erschöpfung und natürlich Selbstmitleid. Und obwohl ich ständig mit anderen Menschen in Kontakt war, wurde das Gefühl der Einsamkeit immer größer. 

In meinen Nächten verarbeitete ich die Trennung vom Yoga-Studio, meinem  Geschäftspartner und meine Enttäuschung über die Mitarbeiter und die Menschen im allgemeinen. So musste ich in meinen Träumen weiter unterrichten für Menschen, die in großen Gruppen antanzten und auf gute Unterhaltung hofften. Sie redeten und amüsierten sich und waren mit ihrem Geist nicht anwesend. Niemand interessierte sich wirklich für Yoga. 

Ich träumte davon, dass meine Liebsten mich betrügen und grübelte am nächsten Morgen darüber nach. Ich verstand diese Welt immer weniger. Warum will keiner geben? Warum wollen alle immer nur nehmen und immer mehr haben? Und natürlich reagierte auch mein Körper auf diese Gedanken. 

Tagebuch 15.01.2015:

“Ich fühle mich so einsam und alles tut so weh. Nacken, Schultern und unterer Rücken. Die Seele. Es ist eine sehr einsame und anstrengende Reise.“

Während unseres Aufenthaltes in Berlin kaufte ich mir ein Buch “Die spirituelle Praxis des Vedanta” von Dr. David Frawley. Die nächsten Tage vertiefte ich mich ganz in diese Lektüre und machte mir natürlich wieder Notizen und Zeichnungen, um alles sacken zu lassen. 

Tagebuch: 18.01.2015:

“Vedanta (welche die Essenz der Veden vermittelt) kann als die Philosphie der Selbstverwirklichung und Yoga als die Methodologie zu ihrer praktischen Umsetzung bezeichnet werden. Vedanta stellt fest, dass unser Wahres Selbst Gott ist. “ICH bin Gott” ist die höchste Wahrheit. Dasselbe Bewusstsein durchdringt das gesamte Universum, das auch im Kern unseres Seins wohnt. Uns selbst erkennen heißt Gott erkennen. Echte Selbsterkenntnis bedeutet deswegen auch, dass wir durch sie mit allem eins werden. 

Vedanta ist die älteste und dauerhafteste spirituelle Lehre Indiens. In den Upanischaden ist er vollständig ausgebildet und in der Bhagavad Gita taucht er ebenfalls auf. Bis ca. 3500 vor Chr. können die ersten Vorläufer zurückverfolgt werden. 

Tagebuch 19.01.2015:

Ich meditiere im Flur. Hier ist es dunkel und viel ruhiger, als in meinem Schlafzimmer oder im Wohnzimmer. Als ich meine Augen öffne, gibt es wieder diese Lichter über mir. Ich kann nur nicht so lange meine Augäpfel still halten und so verschwinden sie wieder, sobald ich sie bewege. Es ist anstrengend, sich so zu konzentrieren aber es ist auch wunderschön.“

Ich saugte jede Zeile des Buches von Frawley auf und notierte mir die Gemeinsamkeiten von Vedanta und Buddhismus. Ich begriff, dass beide Lehren zu dem Schluss kamen, dass die Meditation entscheidend ist. Alle anderen Übungen sind auch wichtig, aber nur Hilfsmittel, um den Geist zur Ruhe zu bringen. 

Ich notierte mir die unterschiedlichen Meditationsformen beider Traditionen, damit mein Verstand das alles nachvollziehen und Vertrauen entwickeln konnte. Er fühlte sich nun sicherer, in guter Gesellschaft und musste nicht an sich zweifeln, weil er sich immer mehr von allen anderen Menschen entfremdet fühlte oder Phänomene in der Meditation erlebte. 

Notizen machte ich mir auch über die besten Meditationszeiten und stellte dabei fest, dass ich mich sowieso schon daran hielt. Besonders die Zeit vor dem Einschlafen schien wichtig zu sein, sowie der Zeitpunkt vor Sonnenauf- bzw. untergang. Die Zeit vor dem Einschlafen ist deshalb so wichtig für die Meditation, da der Vedanta im Tiefschlaf die Pforte zum Selbst sieht. 

Einschlafen war schon immer ein Problem für mich. Wenn ich ehrlich bin, konnte ich vor meiner Begegnung mit Yoga nicht einschlafen, wenn nicht irgendwo im Flur oder in der Nähe meines Schlafzimmers ein Licht brannte. Seit meiner Kindheit hatte ich nicht nur kein Vertrauen ins Leben, sondern auch Angst vor der Nacht. Ich musste selbst die Aktionen während der Nacht beobachten und kontrollieren können. Meine übliche Gutenachtgeschichte war der heftige und vom Alkoholismus ausgelöste Streit zwischen meinen Eltern, und so gab es kein leichtes und glückliches Einschlafen. Jederzeit konnte die Situation in Wohnzimmer oder in der Küche eskalieren. Lange lag ich wach und lauschte. Die Angst manifestierte sich auf diese Weise immer mehr in meinem Geist und Körper. 

Wenn wir uns dem Schlaf hingeben, müssen wir alles zurücklassen. Alle Menschen und alle Habseligkeiten. Selbst den Liebsten neben uns. Wir wissen nicht, ob wir je wieder aufwachen werden. Es ist wie sterben. Wir geben die Kontrolle ab und lassen alles los. Wenn die Angst sich jedoch, wie bei mir, konditioniert hat, dann kann man diese auch nicht vor und selbst während des Schlafes zurücklassen. Sie ist immer da. Sie bestimmt alles. Auch den Schlaf. So ist selbst der Schlaf ein unbewusster Kampf und Krampf. Der nächste Morgen zeichnet sich nicht durch Frische und Lebensfreude, sondern durch Erschöpfung und Verspannung des ganzen Körpers aus. 

Interessant war daher für mich zu lesen, dass die Übungen des Vedanta unsere Bewusstheit durch den Wach- und Traumzustand bis in den Tiefschlaf hinein und noch weiter darüber hinaus entwickeln. Der Tiefschlaf ist der Knoten der Unwissenheit; sobald wir ihn durch Meditation auflösen, können wir unser Wahres Wesen und ewigen Frieden entdecken. Die Wahrung unserer Bewußtheit in Traum und Tiefschlaf ist deswegen ein wichtiger und uralter Ansatz des Vedanta.

Während mich das Buch von Paramahansa Yogananda (Biographie eines Yogi) 2012 ohne jegliche Anstrengung und ohne Hilfe meines Verstandes in einen Zustand des Samadhi versetzte, wollte mein Verstand seitdem dieses Phänomen verstehen und wiederholen. Mit diesem Buch nun wurde mein Wissensdrang wieder gut gefüttert. Es war mir unmöglich, mich dem Kriya oder Bhakti Yoga vollkommen hinzugeben. Ich war mein ganzes Leben lang ohne jegliche Spiritualität. Eine Atheistin, Materialistin und dem Verstand völlig verhaftet. Voller Zweifel. Musste immer alles verstehen und hinterfragen. Daher war der Weg der Selbsterforschung für mich anscheinend der bessere. Selbsterforschung ist die Hauptpraxis im Yoga der Erkenntnis (jnana yoga), den man traditionell als den höchsten aller Zweige des Yoga ansieht, weil er uns geradewegs zur Befreiung führt. 

“Der Prozeß der Selbsterforschung ist ungeheuer simpel…Zu seiner Praxis brauchst du nur die Wurzel deiner Gedanken auf den Ich-Gedanken zurückverfolgen, aus dem alle anderen Gedanken hervorgehen. Er wird durch die Frage “Wer bin ich?” in Gang gesetzt. Wenn wir uns fragen, “Wer bin ich?”, konzentriert sich unser Gedankenstrom ganz natürlich auf die Suche nach dem Wahren Selbst, und darüber vergessen wir alle anderen Sorgen und Nöte unseres Geistes. … “ (S. 29)

Tagebuch 19.01.2015:

“Frawley schreibt: In Wahrheit haben wir nicht die geringste Ahnung, wer wir eigentlich sind. Was wir als uns “Selbst” bezeichnen, ist nichts weiter als ein flüchtiger Gedanke, eine sich ständig wandelnde Emotion oder Sinneswahrnehmung, mit denen wir uns zeitweilig identifizieren. Unser Leben ist durch unsere Unkenntnis unseres Wahren Wesens verschleichert. Auslöser dieser Unwissenheit sind unsere unbewussten Gefühle, vor allem aber unsere körperliche Identität. Wir sind nicht der Körper. Der Körper ist vielmehr ein Medium oder eine Hülle, die unser Wahres Selbst verdeckt…

…in allem unserem Tun müssen wir nach unserem Wahren Selbst suchen. Voraussetzung dazu ist ein realer und grundsätzlicher Zweifel an unserer oberflächlichen Identität. 

Somit ist Selbsterforschung nicht bloß ein intellektuelles oder psychologisches Infragestellen, sondern eine tiefschürfende Untersuchung, auf die wir alle unsere Energie und Aufmerksamkeit richten. Sie verlangt unsere ungeteilte und einsgerichtete Konzentration und darf durch das Eindringen anderer Gedanken nicht gestört werden. (Frawley S. 29 ff.)

Bei diesen Notizen muss ich an Krishnamurti denken und die Aussage, dass unser Mind konditioniert ist. Er sagte, dass man in einem Dialog jeder Frage so lauschen müsse, als höre man sie das erste Mal und dabei alle Erfahrungen ausblenden muss. Erst in sich horchen, sich dabei erkennen und dann antworten. So, als hätten wir Gedächtnisverlust. Dann erst würde uns der Kern der Frage erreichen und eine richtige Antwort möglich.” 

Weiter notiere ich aus dem Buch von Frawley: “Wahre Selbsterforschung bleibt nicht im Infragestellen unserer äußeren Identität stehen, bei der Familie oder unseren politischen und religiösen Bindungen – ganz gleich , ob wir eine Ehefrau sind, ein Vater, eine Christin, ein Hindu oder Atheist. Vielmehr stellt sie unsere Gesamtidentität als verkörpertes Wesen in Frage. Sie macht nicht einmal vor einer übergreifenden Identität halt, akzeptiert also nicht, dass wir ein Mensch sind, ein kosmisches oder ein spirituelles Wesen. Vielmehr lehnt sie jede gedankliche Begrenzug als unser Wahres Wesen ab. Sie führt uns zum “reinen Ich” zurück, das mit keiner objektiven physischen oder mentalen Form identifiziert ist. Wahres Selbst geht nicht nur über menschliche Unterscheidungen hinaus, sondern über alle Aufteilungen von Zeit und Raum, Namen und Form, Geburt und Tod. Es liegt jenseits aller Erfahrungen, weil es selbst der Erfahrende oder Beobachter von allem ist. 

Selbsterforschung führt uns am Ende zum Absoluten, in dem die Welt der Phänomene als wenig mehr erscheint als eine Fata Morgana des Geistes und der Sinne. ” 

Während also Karma-Yoga (Yoga der Tat) der Weg des selbstlosen Dienens ist und Bhakti-Yoga der Weg der Hingabe, wo auch viel gemeinsam gesungen und gefeiert wird, haben wir es hier beim Jnani-Yoga bei der Selbsterforschung doch wieder mit einer mentalen Tätigkeit zu tun. 

Das Denken wird hier nicht abgeschafft, sondern es wird als Werkzeug benutzt. Mit Hilfe unseres Geistes prüfen wir uns. Wir richten ihn statt nach außen, verführt von unseren Sinnen, nach innen und versuchen, ihn mit der größeren Intelligenz in uns zu verbinden. 

Dies erfordert laut Frawley “eine Menge klares Denken, vor allen Dingen in den Anfangsphasen; sie erfordert auch die Entwicklung großer Disziplin. Sie verlangt von uns, dass wir ernsthaft bedenken, wer wir sind und was wir mit unserem Leben anfangen. Solange wir unsere Probleme nicht tief erforscht und beobachtet haben, ist es sinnlos, um nicht zu sagen unmöglich, den Geist zur Ruhe kommen zu lassen. “

Wenn ich das hier heute wieder lese, dann erklärt das die ganze Erschöpfung und Verzweiflung über all die noch kommenden Jahre. Es ist eine totale Umkehr des Geistes, die einer Revolution gleicht und daher auch sehr viel Kraft kostete. Nicht nur die Umlenkung selbst und das ständige Hinterfragen der eigenen Gedanken, Taten und Wünsche, sondern auch die Veränderung, die dies alles mit sich bringt und sich auf die nähere Umwelt extrem auswirkt. 

Der Blick auf die Kinder, Beziehung, Arbeit, Politik, Geschichte und Natur. Alles verändert sich. Die Welt wird eine völlig andere. Und das muss jede Zelle im Körper erst einmal erleben und begreifen. Die nächsten Jahre wurde ich immer müder. Wurde dadurch immer langsamer und noch stiller. Und doch gab es keinen einzigen Tag mehr in meinem Leben, der einem ernsthaften Zweifel glich. Verzweiflung ja, aber Zweifel gab es nie wieder, dass dies trotz alledem der einzige und richtig Weg für mich war. 

Frawley hatte recht, wenn er schrieb, dass wir unsere Probleme erst einmal tief erforschen müssen. Mein Problem waren die Ängste. Diese galt es zu erforschen und zu verstehen. Erst als ich mich meiner Angst voller Vertrauen ganz hingeben konnte, kam der Verstand endlich zur Ruhe und die Person Monika löste sich vollkommen auf. Bis dahin war es aber noch ein langer und anstrengender Weg. 

10 Jahre nun mache ich Yoga und der Körper wird trotz meines Alters geschmeidiger und der Atem ist tief und lang. Und genauso, wie wir mit Yoga an unserer Hülle, dem Körper arbeiten, so will auch der Geist langsam und nicht mit einem Bruch freier und offener werden. Es ist eine intensive und mit viel Disziplin verbundene Arbeit von außen nach innen. So würde ich es aus eigener Erfahrung beschreiben. 

Ich hole das Buch von Frawley für diesen Beitrag aus dem Regal und schlage es auf. Sofort öffnet es sich auf Seite 51 mit der Überschrift: Die Botschaft der Angst. 

“Wir dürfen feststellen, dass unsere Kultur eine Kultur der Angst ist…  Solange wir nach äußerer Sicherheit streben, werden wir zwangsläufig unter Ängsten leiden… Ja, der Akt des Denkens an sich führt zwangsläufig zur Angst, weil das Leben nun einmal nicht kontrollierbar ist. …Für die meisten von uns bleibt Angst unüberwindlich; wir können sie nur wegschieben oder beschönigen. Angst ist die unausweichliche Wirkung unserer Lebensweise, und die Wirkung läßt sich unmöglich beseitigen, ohne die Ursache auszulöschen…

Angst ist der Beweis, dass unser Leben seine Harmonie mit der Wirklichkeit eingebüßt hat…Das Problem ist nicht die Angst an sich, sondern die Abhängigkeit von einem Denken, das zwangsläufig Angst hervorbringt – unser Haften an einem Selbst, das fortwährend in Aufruhr ist.”

Mit Hilfe von Yoga (Bewegung, Atmung, Meditation) kamen Harmonie und Vertrauen in mein Leben, und die Ängste verschwanden. Ich konnte ein normales Leben führen und diese Erfahrung habe ich mit konkreten Anleitungen für Menschen mit Panikattacken in meinem Buch geteilt.

Die Selbsterforschung geht hier jedoch noch weiter. Es geht nicht darum, ein besserer Mensch zu werden – somit ist sie keine Persönlichkeitsentwicklung. Sie hat auch nichts mit Religion zu tun. Sie will auch nicht die Welt verbessern. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, ob die Welt tatsächlich existiert oder nur ein Spiegelbild unseres eigenen Denkprozesses ist. Und diese wunderbare Reise hat wohl nie ein Ende…

Es ist so schön, darüber schreiben zu dürfen. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, Monika