Traum und Wachzustand (47)

Die nächsten Wochen beschäftige ich mich intensiv mit den Upanishaden. Ich schrieb mir immer wieder Textstellen ins Yoga-Tagebuch, die mir wichtig erschienen, oder meditierte darüber.  

Ich versuchte, die Bedeutung von Atman und Brahman zu verstehen. Begriffe, die uns hier im Westen völlig fremd sind und stellte mir vor, dass es in meiner Person ”Monika“ so etwas wie einen Seelenkern geben muss, der mit der Gottesseele vereint und verschmolzen werden kann. Ich war also noch immer ganz an den Gedanken gebunden, dass es ein “ICH” gibt. Wie sollte ich mir das auch anders vorstellen? Hatte ich je etwas anderes gelernt? 

Ich versuchte zu begreifen, was die Upanishaden mit “Das Selbst ist Brahman” = “TAT TVAM ASI” = “Das bist DU” sagen wollten oder was “SAT CHIT ANANDA”= “Zustand der Freude in der absoluten Seinsrealität” bedeutete. Hatte mein Gehirn doch nur eine vage Erinnerung an das unglaubliche Glücksgefühl während und nach der Meditation vor ca. 2 Jahren.  

Wie ein Sog wirkte diese Erfahrung und trieb mich weiter voran. Ich (der Verstand) konnte aber nicht verstehen, warum man dieses Meditationserlebnis des Einssein mit dem Universum nicht wiederholen und somit hierher, also in den Alltag bringen konnte. 

Heute weiß ich, dass diese mystischen Dinge oder Gotteserfahrungen außerhalb unseres Zeitbegriffes liegen. Sobald der Verstand sich daran erinnert, hat er Besitz davon ergriffen und zieht es auf seine Ebene und somit auf die Ebene der Zeit. Es wird eine Erinnerung und soll in Zukunft wieder für diesen Verstand/Körper erreicht werden. Zeit und Verstand kennen nur, dass man von A nach B geht und nicht, dass man innehält. Erst wenn der Verstand still wird, Zeit sich auflöst, ICH sich auflöst, bleibt das Hier und Jetzt/Gott. 

Ich notierte mir am 25.11.2014 weiter, dass “Selbstverwirklichung also kein ewiges Leben, sondern ein Darüberhinaussein, sowohl über den Tod als auch das Leben ist. Beim Sterben legt man nur den Körper ab und alles bleibt wie vorher im Bewusstsein.”

Es faszinierte mich, aber ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen, denn wer sollte ich ohne meinen Körper sein? Ist mein ICH/Selbst nicht in diesem Körper? Schaut da nicht das Ich/Selbst aus diesen Augen, die zu diesem Körper gehören? Wenn ich diesen Körper ablege, was bleibt dann noch?

Mein Körper war jedenfalls zu dieser Zeit wieder einmal ziemlich am Ende, denn der dritte Teil des aufbauenden Yoga-Teacher-Trainings fand statt. 

Tagebuch 27.11.2014:

“Das Teacher-Training geht weiter. Um 6.30 Uhr aufstehen und den ganzen Tag trainieren und studieren. Anschließend abends noch im Studio Yoga unterrichtet, um Geld zu verdienen. Kaputt!” 

Tagebuch 28.11.2014:

“Nach dem Teacher-Training total im Eimer. Schultern und Arme tun mir weh. Muskelkater überall. Heute Nacht muss ich endlich gut schlafen. Was für ein hartes Training.” 

Tagebuch 29.11.2014:

“Morgens kaum aus dem Bett gekommen. Meine Muskeln schmerzen.” 

Tagebuch 30.11.2014:

“Traum: Während ich aufs Klo gehe, fährt der Bus ab. Ich versuche, ihn mit einem Taxi zu erreichen, aber der Taxifahrer stellt sich irgendwie ungeschickt an. Es klappt nicht und ich muss den Bus ziehen lassen. Es war kein aufregender Traum, aber er hat mich heute Morgen sehr beschäftigt.” 

Tagebuch 01.12.2014

“Nackenschmerzen. Rückenschmerzen. Arme schmerzen. Fünfter Tag des Teacher-Trainings! Ende!”

Obwohl ich körperlich sehr an meine Grenzen kam, hatte ich wieder viel beim Training gelernt, was über die normale Yoga-Lehrer-Ausbildung hinausging. Ich wollte lernen, wie man Yoga therapeutisch anwenden und einsetzen kann. Dabei lernte ich natürlich auch wieder sehr viel über meinen eigenen Körper. Neben den vielen restorativen Posen für Krebspatienten und Übungen für Menschen mit Gelenk- oder Rückenproblemen fand ich ganz besonders spannend, wie man mit Yoga den Stress-Kreislauf eines Menschen durchbrechen kann.

Wenn wir erst einmal in diesem Kreislauf festhängen, ist es nicht so leicht, da herauszukommen. Kein anderer Sport kann da mithalten, da das Gesamtpaket Yoga die Weisheit so vieler Jahrhunderte in sich trägt und viel tiefer geht. 

Dass wir Stress haben, registrieren wir meistens erst, wenn der Körper Schmerzen aufzeigt oder wir nicht mehr schlafen können. Der Verstand rast und muss noch dies und das erledigen und der Körper hat sich schon längst von ihm getrennt, ist zurückgeblieben. Der Körper ist hier. Der Verstand immer schon woanders. 

Das führt auch zu psychischen Reaktionen, wie Depressionen und allgemein negativen Gedanken und dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, weil man das Gefühl hat, alles nicht mehr bewältigen zu können. 

Dies wiederum verändert unsere Atmung. Sie wird schneller und flacher. Bei vielen Menschen beginnen hier auch die Symptome, die Angstzustände auslösen. 

Wir merken plötzlich, dass irgendetwas anders ist und nicht stimmt. Wir fühlen uns körperlich und psychisch unwohl/krank. 

Folglich verspannen sich unsere Muskeln immer mehr. 

Weil wir diesen Zustand jedoch nicht haben wollen, kämpfen wir dagegen an. Vielleicht machen wir jetzt noch mehr Termine, damit wir dieses uns krank machende Alltagsleben weiter durchhalten. Wir bauen ein Fitness-Training oder Jogging-Programm in diese sowieso schon volle Woche ein. Wieder Power, wieder Aktion. Das kann unmöglich zu einer Verbesserung führen, sondern fordert den Körper jetzt noch mehr. Noch mehr Termine, noch mehr Schmerzen und dann sind wir wieder am Anfang. 

Yoga kann hier einen Durchbruch an jedem Punkt dieses sich stets wiederholenden Stress-Zirkels schaffen. 

Durch die Meditation erhalten wir eine Momentaufnahme unserer Situation. Wir werden uns erst einmal bewusst, was los ist, und dass wir etwas ändern müssen. Erst wenn ich das erkenne, kann ich die richtigen Maßnahmen ergreifen. 

Atemübungen entspannen uns und lassen uns ebenfalls bewusster werden. Gleichzeitig führen sie zu Harmonie von Körper und Geist. 

Die Yoga-Übungen/Asanas sind so konzipiert, dass nicht nur die Muskeln gekräftigt und der Körper elastisch gehalten wird, sondern vor allen Dingen auch, dass der Kopf mal abschalten kann. Ein guter Yoga-Lehrer öffnet erst einmal die Atmung, um sie dann in die Bewegung des Körpers zu integrieren. Nun darf jede Zelle deines Körpers atmen und das ganze Nervensystem profitiert davon. 

Auch die Entspannungs- und Stretchübungen sind ein wichtiger Teil einer Yoga-Stunde. Wer seine Beine stretcht, der gibt nämlich dem Gehirn gleichzeitig die Information, dass es sich nun entspannen kann. In der Schlussentspannung lernen wir dann alles loszulassen. 

Mein Körper war jetzt schon etwas mehr 50 Jahre alt, und diese ganzen Übungen über acht Stunden am Tag waren sehr anstrengend für mich, zumal ich vorher zwei Jahre lang extrem viel Yoga unterrichtet hatte. Ich wusste, ich konnte dieses Tempo nicht ewig durchhalten, und die Therapie schien mir hier eine gute Alternative zu sein. 

So verstand ich wohl auch meinen Traum. Am Ende musste ich diesen Bus, der ja irgendein Ziel hatte, einfach ziehen lassen. Scheiß was drauf. Womöglich war mir sogar schon während dieses neuen Trainings unbewusst klar, dass ich später nicht einmal diese Yoga-Therapie anwenden, sondern mich ganz und gar auf die Yoga-Reise nach Innen konzentrieren würde. Noch langsamer, noch stiller werden. Ich hatte das Gefühl, ich würde noch immer nur an der Oberfläche von Yoga herumkratzen und nichts verstehen. Wie sollte ich da Yoga unterrichten? 

Tagebuch 02.12.2014:

“Ich lese “Die Stille” bzw. “Stille ermöglicht den Beginn der Begegnung des Menschen mit dem Geheimnis Gottes” von Mauni Baba. Er schreibt: “Lebst du im Jetzt, kann es kein Ziel geben. Im Aufgeben vom Suchen liegt Frieden”. Der Text ist so wunderschön, dass es mir die Tränen in die Augen treibt.”

Hier ein Link für diejenigen, die den 9seitigen Text lesen möchten: https://www.babajiskriyayoga.net/german/WebPDF/Silence-Mounibaba-DE.pdf)

Warum mir bei manchen Texten die Tränen liefen, wusste ich nicht. Irgendetwas wurde da in mir berührt, was ich nicht definieren konnte. 

Am 3.12.2014 lese ich die Mandukya Unpanishad und notiere mir die vier Bewusstseinszustände des Selbst in mein Yoga-Tagebuch, die mich noch bis heute sehr beschäftigen:

  • Der Wachzustand, der beherrscht wird von seinen nach außen gerichteten Sinnen.
  • Der Traumzustand, in dem die Sinne nach innen gerichtet sind und wir die gleichen Dinge sehen und erleben, wie im Wachzustand.
  • Der Tiefschlaf, in dem es keinen Geist und keine Getrenntheit gibt aber der Schlafende sich dessen nicht bewusst ist. 
  • Dann gibt es noch Turija, den überbewussten Zustand, wo grenzenlose Liebe herrscht. 

Gerade der Traumzustand ist es, mit dem ich mich immer wieder auseinandersetze. Innerhalb von Sekunden lässt unser Bewusstsein im Traum Personen, Landschaften und Handlungen aufleben. Wenn wir träumen scheint alles real. Selbst wenn wir schon wieder aufgewacht sind, durchleben wir noch die Angst oder die Freude, die wir im Traum erfahren hatten. 

Ich schlafe, bin also völlig unbewusst und ich/Monika bin es nicht, die diese Welt des Traumes erscheinen lässt. Es passiert einfach. Ich/Monika lag in Istanbul in meinem Bett und mein Gehirn träumte, dass ich/Monika irgendwo anders auf der Welt auf einem Klo hockte und den Reisebus mit einem mir völlig fremden Ziel verpasste. Es tauchte Ärger auf. Der Wunsch, den Bus noch zu erreichen. Ein Taxifahrer. Alles so lebendig und echt. 

Wer sagt mir, dass es im Wachzustand nicht genauso ist? Wer sagt mir, dass es nicht das Bewusstsein ist, dass in diesem Augenblick alles erscheinen lässt, was ich sehe? Spricht man deshalb vom Aufwachen, wenn man über Erleuchtung spricht? Träumen wir auch gerade jetzt im Wachzustand? 

Könnt ihr euch das überhaupt für nur einen Moment mal vorstellen? Das ist sehr schwer, oder? Es ist so schwer, weil wir all die Jahre gesagt bekommen haben, dass diese Welt real ist. Die Eltern, die Schule, die Uni/der Job. Die ganze Vergangenheit und die Ziele, die es zu erreichen gibt. Aber ist das wirklich alles real oder ist das tatsächlich nur eine Illusion/Maya, so wie die Yogis sagen? 

Nichts auf dieser Welt konnte mehr wichtiger für mich sein, als eine Antwort auf diese  Frage zu finden.

Ich wünsche euch ein traumhaft schönes Wochenende, Monika