Das Böse (46)

Während meiner Yoga-Reise habe ich mich nur am Rande mit den Chakren befasst. Ich habe darüber gelesen und versucht, die Bedeutung dieser Energiezentren zu verstehen. Es gab aber nie einen diesbezüglichen Unterricht für mich oder gar gezielte Übungen, um möglicherweise ein Chakra zu beeinflussen oder mehr zu öffnen.

Dass unser Körper Energielinien hat, lernte ich in der Ausbildung zur traditionellen Thai-Yoga-Massage. Während dieser Zeit durfte ich auch spüren, dass mein Körper hauptsächlich aus Wasser bestand, denn während wir uns gegenseitig massierten, wurde täglich soviel Wasser aus meinem Körper geschwemmt, dass ich alle 20 Minuten ins Bad musste. Auch reichten zwei Packungen Taschentücher am Tag nicht aus, um den Fluss aus meiner Nase zu bändigen.

Es gab also bei meinen täglichen Yoga-, Atem- und Meditationsübungen keine speziellen Übungen für die Chakren und doch stellte ich fest, dass sich etwas veränderte, nachdem ich meine sich immer weiter verfeinerten Atemübungen abgeschlossen hatte.

Tagebuch 11.11.2014:

“Ich habe das erste Mal das Gefühl, dass sich meine Chakren geöffnet haben. Wie schon einige Male zuvor spüre ich ein Kribbeln auf meinem Kopf, dort wo das Kronenchakra liegen soll. Als wenn dort eine Verbindung nach oben ins All entsteht. Gestern im Bett vibrierte es in meinem Unterleib sehr stark. So als würde Strom durch meinen Uterus fließen.”

Ich las wieder die Yoga-Sutras des Patanjali, aber diesmal war es eine Interpretation von T. K. V. Desikacher.

Tagebuch 12.11.2014:

„Diese Auslegung ist wesentlich einfacher. Schlicht. Verständlich. Es fehlt aber ein wenig die Tiefe. Es macht Freude, diese jetzt zu lesen, nachdem ich vorher Iyengars Interpretation gelesen habe.

Heute passt und hilft mir die Sutra 1.20:

Es ist Vertrauen, das uns die notwendige Kraft gibt, Widerstände erfolgreich zu überwinden und weiterzugehen, ohne die Richtung aus den Augen zu verlieren.

Die Verwirklichung des Zieles des Yogaweges ist eine Frage der Zeit. Das Vertrauen ist eine Überzeugung, die in der Tiefe unseres Herzens wurzelt. Es ist jenes tiefe Vertrauen, das uns auch dann die Kraft gibt weiterzumachen, wenn wir verzagt sind oder den Bezug zu unserem Ziel verloren haben. Wenn wir uns durch Fehlschläge nicht entmutigen lassen, sondern unsere Suche kontinuierlich fortsetzen, dann werden wir dieses Vertrauen in uns immer deutlicher spüren.

Ich denke, dass dies der wichtigste Punkt ist. Ich hatte früher kein Vertrauen. Ich vertraute niemandem. Ich konnte daher vieles nicht machen und auch nicht fliegen. Eigentlich gar nicht richtig leben. Ich war immer permanent in Sorge. Das hat mit meiner Kindheit zu tun. Angst und Zweifel waren schon immer meine Begleiter. Und daher: Vertrauen ist der Schlüssel zu allem. Ohne Vertrauen kann sich dem Menschen sein wahres inneres Wesen nicht enthüllen, weil er nur damit beschäftigt ist, vor sich selbst davonzulaufen.

Sind wir also am Ende tatsächlich diese Liebe, diese Wärme und dieses helle Licht, welche ich in der Meditation erfahren durfte?

Tagebuch 14.11.2014:

“Rechnungen warten auf mich. Steuern vom Yoga-Studio sind noch zu bezahlen. Das Yoga-Teacher-Training ist zu bezahlen. Die Kreditkartenschulden müssen beglichen werden. Der Schulbus und die Musikstunden für die Kleine. Ich darf nicht daran denken.“

Was mich neben diesen finanziellen Sorgen in dieser Zeit auch sehr beschäftigte, war die Frage: “Verlange ich zuviel von meinen Mitmenschen?”

Während ich immer mehr meine eigenen Konditionierungen erkannte und verstehen lernte, fiel es mir auch immer einfacher, andere Menschen zu verstehen. Ich sagte ihnen zwar auf den Kopf zu aber sehr liebevoll, wie sie etwas ändern könnten, damit sie sich besser fühlten. Dabei musste ich erkennen, dass das eigentlich niemand wissen wollte. Es ging eher immer nur um Aufmerksamkeit, um Trost und Verständnis und nicht um die Erkenntnis, wie man endgültig aus allem Kummer herauskommt und daran wächst.

Ich kenne wirklich niemanden, der bereit ist, seine eigenen Eitelkeiten, seinen Kummer, seine Trauer oder seine Angst zu hinterfragen. Es ist nicht der Wille da, die ständigen Wiederholungen und Muster in den eigenen Verhaltensweisen, die man immer wieder an den Tag legt, zu erkennen.

Während ich mich ständig fragte, ob ich arrogant wirkte oder zuviel verlangte, wenn ich dieses schreibe oder sage, schlug mir von meinem Umfeld statt Offenheit, Neugierde und Freude darüber, dass es eine ganz andere Betrachtungsweise und möglicherweise einen Weg aus diesem Elend geben kann, nur Aggressivität entgegen. Selbst bei meinen engsten Freundinnen stieß ich nur auf Widerstand. Es war, als fühlten sie sich ertappt. Gab es da vielleicht auch Angst? Ich reagierte auch darauf mit Geduld, schlug verbal nicht zurück, sondern wurde immer stiller, bis der Graben unüberwindlich wurde. Ich konnte unmöglich zurückspringen.

Mitte November sollte ich für die neuen Eigentümer nachmittags das Yoga-Studio betreuen, da sie einen Termin hatten.  Es fand nur eine Osho Meditation statt und weil ansonsten nichts los war, nahm ich das erste Mal sehr neugierig an so einer Meditation teil.

Tagebuch 15.11.2014:

„Es wurde im Stehen getanzt, durch Mund und Nase eingeatmet und das Becken stark bewegt. Dabei wechselte die Musik, und mal sollten negative und mal positive Dinge mit dem Tanz aus dem Körper herausgelassen werden. Ab und zu ging eine junge Frau raus und es schien so, als würde sie sich draußen mehrmals übergeben. Weiß der Geier, was sie da visualisiert hat. Anschließend legten wir uns hin. Vom Band gab es eine Meditationsanleitung.

Ich fühlte mich die ganz Zeit nicht wohl und die Frage stieg auf, was hat das alles mit Yoga/Meditation zu tun? Auch in den Yoga-Sutras ist davon nicht die Rede.“

Wie oft wollen wir ein altes Trauma immer wieder hochholen und aus diesem Körper heraustanzen oder -kotzen, anstatt ihm in der Stille – und das ist Meditation für mich – gegenüberzutreten. Auf das, was wir ständig unterdrücken wollen direkt schauen, bis klar wird, dass es weder dies noch das gibt, sondern sich alles nur im eigenen Verstand abspielt.

Wir können uns natürlich für kurze Momente das Trauma, die Angst oder Depressionen aus dem Leib tanzen und uns befreien, aber sobald wir wieder mit uns und unseren Gedanken alleine sind, dreht sich der Verstand im Kreis und kommt nicht zur Ruhe. Das gilt es zu erkennen mit Hilfe der Meditation. Wie passend ist hier das Gedicht von Thayumanavar, dass ich mir drei Tage zuvor ins Tagebuch notierte.

Tagebuch 12.11.2014:

„Ein Gedicht von Thayumanavar (S. 437 Autobiographie eines Yogi):

Du magst den wilden Elefanten zähmen,

Des Bären und des Tigers Rachen schließen,

Auf einem Löwen reiten und mit einer Kobra spielen,

Durch Alchimie dein Brot erwerben;

Du magst das Universum unerkannt durchwandern,

Die Götter dir zu Sklaven machen, ewig jung erscheinen,

Magst übers Wasser wandeln und im Feuer nicht verbrennen:

Doch besser und weit schwerer ist es,

Die eigenen Gedanken zu beherrschen.“

Nur wer mal still ist, der weiß, wovon dieser Heilige Südindiens spricht. Alles ist leichter, als nur zu sitzen und sich nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren oder gar alle Gedanken frei fliegen zu lassen, ohne an ihnen anzuhaften.

Nach dieser Osho-Meditation sprach ich auch noch abends mit meiner Mutter über Skype. Wie gerne würde ich mit ihr über meine Erfahrungen und mein neu gewonnenes Vertrauen ins Leben sprechen. Wie gut würde ihr das tun zu erfahren, dass man aus der Angst herauskommen kann.

Aber auch hier stieß ich nur auf Widerstand. Ich zügelte meine Euphorie und sprach nicht über meine Erlebnisse, sondern machte nur Andeutungen und sagte, wenn sie möchte, könnten wir mal über Meditation sprechen. Gerne sagte sie, wenn ihr Mann nicht dabei sitzen würde. Der saß aber immer dabei, wenn sie Skype öffnete, dachte ich und erkannte sofort, dass sie es nicht will. Ich konnte ihre Angst körperlich spüren und musste erleben, wie sie immer eine Mauer hochzog, die nur Worte durchließ, die ihr nicht zu nahe kamen. Stets wurden Telefonate sofort beendet, wenn irgendetwas zu tief ging mit der Begründung, das Gespräch würde nun zu teuer oder es würde nun zu spät werden.

Deshalb ist unsere Kommunikation immer sehr oberflächlich. Ich kann nie diejenige sein, die ich bin. Die Zweiflerin, die immer alles hinterfragen muss, wenn es nicht logisch klingt. Die Kämpferin, die sich nicht von der Angst geschlagen geben will und mit ihrem Schwert auch immer alle anderen beschützen möchte. Stattdessen muss ich den Ball flach halten und erzähle nur, was sie hören will. Alles ist gut. Alle sind gesund. Das Leben ist schön.

Ich versuche, nicht enttäuscht zu sein und zeige ihr trotzdem immer, dass ich sie liebe. Aber es ist sehr merkwürdig für mich, so oberflächlich und vorsichtig zu sein. Dann bin ich diejenige, die fast Krämpfe beim Telefonieren bekommt. Alles was wichtig ist, bleibt verborgen. Auch hier ein großer Graben. Allerdings gibt es die Verbindung mit dem Herzen von Tochter zu Mutter und umgekehrt.

Da ich keine religiöse Vergangenheit hatte, gab es in meiner Welt nie diese Trennung von Gut und Böse bzw. Himmel und Hölle. Nie hatte ich mich irgendwie mit dem Begriff des “Bösen” beschäftigt. Ich hatte nie eine Vorstellung davon und daher keine Ahnung, ob es so etwas überhaupt gab und was das sein könnte. In der Yoga-Literatur stolperte ich ab und zu über diesen Begriff, und manchmal, wenn ich nachts alleine meditierte, gab es so etwas wie geheimnisvolle Dunkelheit. Da war ein Bereich, der mir völlig fremd war und der mich aus meiner Meditation riss (ich habe bereits davon geschrieben).

Deshalb war ich so überrascht und geschockt, als ich das erste Mal in meinem Leben von “dem Bösen” an sich träumte. Dem voraus gingen Tage mit Schwindel, starker Migräne und extreme Schmerzen im unteren Rücken. Und das als Yoga-Lehrerin. Der Widerspruch in dem, was ich innerlich erlebte und dem, was ich lebte und die finanziellen Sorgen lasteten auf meiner Seele. Ich konnte mich kaum noch aus dem Bett bewegen.

Tagebuch 22.11.2014:

„Ich hatte einen Albtraum, nachdem ich endlich gegen 5 Uhr morgens eingeschlafen bin. Das Böse entfernte sich von mir, indem es mit dem Auto fortfuhr. Ich schaue dem Bösen direkt ins Auge. Ohne Angst. Froh, dass es weg ist. Dann bin ich im Haus. Mein Freund geht raus und betritt einen anderen Teil des Hauses. Später möchte ich ebenfalls dort hingehen und muss aber dafür diesen Teil des Hauses verlassen. Ich sehe die Tür und erkenne, dass das Böse durch diese Tür hinein möchte.

Ich schaue durch ein Loch und sehe eine Frau. Nichts Schlimmes, denke ich. Dann schaue ich genauer hin und erkenne durch den Türspalt, dass da etwas ist, was einen Schirm in der Hand hält und es will damit nach mir schlagen, sobald ich diese Tür öffne. Es ist das Böse. Todesangst steigt auf und ich schreie. Erst kommt kein Ton aus meinem aufgerissenen Mund. Ein lautloser Schrei. Dann so laut, dass ich davon wach werde. Auch mein Liebster neben mir wird davon geweckt und tröstet mich.“

Wunderbar, sage ich heute. Hier bin ich das erste Mal in meinem Leben direkt meinem eigenen Dämon begegnet: Der Angst vor dem Tod. Was für ein gewaltiger Schritt nach vorne. Und als der Tod sich von mir im Auto entfernt, bin ich mutig und blicke ihm hinterher, schaue ihm direkt ins Auge. Ja, den größten Teil meiner Ängste hatte ich über Bord geworfen. Als er aber wieder hinter der Tür steht, so wie er immer und überall für jeden von uns irgendwo lauert, da verlässt mich der Mut und die Angst siegt wieder.

Wie gut, dass ich nicht von meinem Weg abließ, als es mich im Traum eiskalt erwischte. Wie gut, dass ich weitermachte, weil das Vertrauen schon zu groß war. Da, wo ich in der Meditation nur Liebe und Einssein spürte, da gab es keine Trennung zwischen Gutem und Bösem. Alles verschmolz in diesem liebenden Licht. Also was hatte dieser Traum zu bedeuten?

Ich musste noch ein Stück weitergehen auf diesem spannenden Weg, damit ich verstehen konnte, dass in diesem scheinbar Bösen auch nur das Gute liegt. Erst wenn das ICH verschwunden ist und somit der Gedanke, dass da jemand ist, der sterben könnte, kann ich unter dem schützenden Schirm angstfrei leben. Der Tod muss „sterben“, damit ich frei sein kann.

„Zufällig“ bekam ich zwei Tage später das langersehnte und bestellte Buch „Die Upanishaden“ aus Deutschland mitgebracht. Ich möchte hier zum Abschluss dieses Beitrages schon etwas aus der Einleitung zitieren:

“Beim Träumen, bemerkt die Upanishad, verlassen wir eine Welt und betreten eine andere. In dieser Traumwelt gibt es keine Wagen, keine Zugtiere, keine Straßen, sondern man macht selbst Wagen und Tiere und Straßen aus den Eindrücken vergangener Erfahrung. … Jedermann erlebt dies, aber niemand kennt den Erlebenden. Was ist dasselbe in beiden Welten, der Beobachter sowohl der Wacherfahrung als auch der Träume?

Es kann nicht der Körper sein, denn in Träumen löst es sich vom Körper und den Sinnen los und erschafft selbst seine Erfahrungen – Erfahrungen, die hinsichtlich der physiologischen Reaktionen so real sein können wie die des Wachlebens. Wenn ein Mann träumt, dass man ihn tötet … oder er in einen Brunnen fällt, macht er die gleiche Angst durch, die er im Wachzustand empfinden würde: Sein Herz rast, der Blutdruck steigt, Stresshormone ergießen sich in den Körper, genauso, als ob das Ereignis real wäre. Traum und Wachen sind aus demselben Stoff, und für das Nervensystem sind beide Arten von Erfahrung real.

Wenn wir aus einem Traum erwachen, gehen wir also nicht von der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit über; wir gehen von einen niedrigeren Wirklichkeitsebene zu einer höheren über. … Träume sind real, solange sie dauern. Können wir vom Leben mehr behaupten?”

Und mit dieser spannenden Frage möchte ich euch noch eine schöne Woche wünschen, Monika