Der Jongleur (45)

Der Jongleur

Ich habe letzte Woche nach vielen Monaten das erste Mal wieder zum Spaß eine Tarot-Karte gezogen. Ich zog den Jongleur. Er ist der Inbegriff der Balance, kann aber auch bedeuten, dass man mit dem Leben selbst jongliert. Wie immer passt die Karte.

Die Balance ist da, aber auch das ständige Jonglieren mit dem Leben. Das ist kein Widerspruch.

Mit Yoga kam vor Jahren die Harmonie für Körper und Psyche in mein Leben. Die Meditation und Atemübungen verwurzelten mich mit dem Leben an sich. Vertrauen wuchs. Angst verschwand. Frieden trat in mein Leben.

Nach so vielen Jahren der Flucht vor der Angst und dem Hinterherlaufen nach irgendetwas, was gerade nicht da war, konnte ich mich endlich in das Leben selbst fallen lassen. Früher gab es immer etwas, was noch erledigt werden musste. Muss Muss Muss. Immer Ja, Ja, Ja. Nie: Nein! Nie genug. Nie Stille. Nie Frieden.

Nur, weil ich zu Yoga kam oder kam Yoga zu mir? Wie auch immer, es war ein Geschenk. Ein Schatz. Eine neue Liebe, die eine ganz andere Qualität hatte und alles übertraf, was ich je erlebte.

Ist die Basis stabil, wird das Leben leichter. Es wird mehr zu einem Spiel. Diese Leichtigkeit könnte man auch Jonglieren nennen, denn es ist ein Handeln ohne Stress. Durch Vertrauen ist Akzeptanz da und dadurch, dass man Beobachter wird, ergibt sich auch Distanz.

Was nun aber viel komplizierter erschien war der Umgang mit dem, was ich als Leben 50 Jahre zuvor kannte und dem, was sich da plötzlich ab und zu hinter dem Vorhang zeigte, wenn ich meditierte. Da war das Licht. Der Ton. Das Gefühl des Einssein mit dem ganzen Universum. Und da waren die Schriften und Aussagen der Lehrer, die genau dieses kurze Aufblitzen von Erscheinungen als die Wahrheit darstellten.

Wie damit umgehen, ohne das Gleichgewicht in dieser materiellen Welt zu verlieren? Auch das war/ist ein Jonglieren.

Aber auch darum musste ich mich gar nicht kümmern, denn die Wahrheit kratzte immer nur ganz vorsichtig an meinem Verstand. Der Vorhang öffnete sich immer nur ganz leicht und blieb dann wieder zu. Die Wahrheit erschien immer nur dann, wenn ich bereit war oder so verzweifelt, dass mir alles sowieso egal war und ich mich völlig hingeben konnte. Dann blitzte sie wieder auf, so liebevoll und zart.

Erst hatte ich dieses Gefühl, ich müsste es hinausschreien. HALLO, ICH HABE ETWAS ERLEBT, WAS ICH EUCH NICHT ERKLÄREN KANN UND ES IST NUN VÖLLIG KLAR, DASS ES DOCH SO ETWAS WIE GOTT GIBT. Aber wer will das hören? Wer kann damit etwas anfangen? Und sobald ich nur versuchte, es zu erklären, wurde es irgendwie lächerlich. Verlor seinen Zauber. Also wurde ich immer stiller. Immer mehr zum Beobachter, und in der Meditation konnte ich reflektieren. Darauf kam es an. Auf das innere Wachsen. Nicht auf das äußere.

Alle Romane und Krimis blieben liegen. Ich konnte nur noch die Bücher lesen, die mich der Wahrheit näherbrachten. So las ich, dass Nahrung auf spiritueller Ebene eine große Rolle spielen soll. Ist die Nahrung unrein, so ist auch das Bewusstsein unrein. Fleisch, Fisch, Eier, Knoblauch und Zwiebeln sollen für einen Yogi verboten sein. Das ließ ich erst einmal so in meinem Tagebuch als Notiz stehen und ließ es sacken. Ich war mir nicht sicher, ob das so stimmte.

Ich beschäftigte mich auch mit dem Begriff OJAS und notierte, dass es sich hierbei um geistige Energie handelt, die im Gehirn gespeichert ist. Sie entsteht durch Verwandlung der Sinnenkraft (sexuelle Energie, starke Emotionen, wie Zorn, auch Muskelkraft usw.) durch Meditation, Atemübungen oder erhabenen Gedanken in schöpferische Energie, die zur Versenkung und geistigen Erforschug verwandelt werden. Auch das ließ ich erst einmal so stehen, da ich diesbezüglich noch keine Erfahrungen hatte.

Neben meinen üblichen Reiki, Kriya-Yoga, Meditations- und Atemübungen versuchte ich immer wieder mal mit offenen Augen zu meditieren, indem ich meinen Blick ganz starr aber ohne Anstrengung auf einen festen Punkt richtete.

Zusätzlich zur üblichen monatlichen Migräne hatte ich nun immer häufiger Kopfschmerzen. Sind diese jetzt an die Stelle meiner Ängste getreten, um mir zu zeigen, wenn mich irgendetwas stark belastete, oder hat dies gar mit der Meditation zu tun? Konzentriere ich mich zu stark? Auch Krishnamurti klagte ständig über Kopfschmerzen. Ich lese noch immer im Buch von Swami Sivananda “Konzentration und Meditation” und stoße “zufällig” auf eine mögliche Erklärung.

Tagebuch 08.11.2014:

“Wer abends meditiert kann Migräne bekommen. Denn es ist ein harter Kampf, die Eindrücke des Tages (samskara) auszulöschen und Ruhe zu finden. Kosmische Energie (prana), die das Innere in verschiedenen Kanälen durchzieht, ist gezwungen, während der weltlichen Tätigkeiten andere Kanäle zu verwenden und auf diese Weise grobstofflicher zu werden. In der Meditation wird Prana wieder subtiler und steigt bis zum Kopf hinauf.”

Tagsüber war ich Mutter, Geliebte, Hausfrau und Arbeitssuchende (das Yoga-Studio hatte ich ja abgegeben), die sich mit den dazugehörigen Emotionen herumplagen musste, wie Existenzängsten, Eifersucht, Sorgen um die Kinder und den üblichen Reaktionen der Mitmenschen. Wer ernsthaft meditiert und im Alltag auch stiller wird, lernt sich zu verstehen und durchschaut gleichzeitig seine Mitmenschen. Es ist nicht immer einfach auf Missgunst, völlige Unbewusstheit und gar Angst bzw. Hass der Mitmenschen zu blicken.

Dazu kamen nachts die vielen aufwühlenden Träume, die den Alltag widerspiegelten. Wenn ich versuchte zu meditieren, mussten all diese Rollen und Emotionen erst einmal wieder mühsam abgelegt werden. Ich musste versuchen ein Nichts zu sein. Nichts zu denken. Nur hier zu sein. Die Atmung zu beruhigen und den Herzschlag. Was für eine Herausforderung für Geist und Körper!

Ich lese und notiere auch, “wer träumt, ist noch nicht Meister der Meditation”. Das kann ich heute nur bestätigen. Nur wer in der Welt noch mit den Sinnen und Emotionen sehr verhaftet ist, träumt viel und intensiv. Traum- und Wachzustand sind ein und das Gleiche. Was den Verstand im Wachzustand beschäftigt, verarbeitet der Mensch im Traumzustand.

Meine Träume veränderten sich während dieser Zeit sehr. Da ich mich und alles um mich herum viel intensiver wahrnahm, wurden sie auch sehr viel intensiver. Aber dann stellte ich fest, dass es nicht mehr diese alten, sich ständig wiederholenden Träume gab, die meine Ängste aufzeigten. Keine Flugzeuge, die nicht in den Himmel stiegen oder große Wellen, die mich und meine Kinder überrollen wollten. Je mehr Balance ich trotz des Chaos um mich herum hatte, desto mehr ging es auch in meinen Träumen um die innere Reise und nicht mehr um meine Probleme in der materiellen Welt.

Zur Zeit gibt es kaum noch Träume. Ganz selten notiere ich noch etwas in mein Yoga-Tagebuch.

Was mich 2014 sehr erschütterte war, was Swami Sivananda über Verleumdung schrieb, und daher notierte ich es auch am gleichen Tag in mein Yoga-Tagebuch: “Verleumdung ist die wirksamste Art, um in der Welt Unruhe zu verbreiten. Unter vier Menschen gibt es einen Verleumder. Auch unter den Asketen.

Wenn selbst Menschen, die sich für viele Jahre zurückziehen, um Gott zu suchen und hoffentlich auch zu finden, noch in den Höhlen des Himalaya auf andere Asketen mit Neid und Hass reagieren, welchen Sinn macht das denn alles?

Und wie recht er hatte, was diese Unruhe betrifft, die üble Nachrede verbreitet. Ist es doch heute die gängiste Art, wie Menschen mit Hilfe der Medien und sozialen Netzwerke ganze Nationen spalten.

Trotz dieser mich begleitenden Worte großer Meister in Form von Büchern und einigen Meditationserfahrungen und/oder mystischen Erlebnisssen ging also das Jonglieren weiter. Denn sobald ich morgens die Augen öffnete, erschien mir, wie all die letzten fünf Jahrzehnte zuvor meine Person, die einen damals ziemlich schwierigen Alltag zu bewältigen hatte und immer mehr in die Einsamkeit zu versinken schien.

Tagebuch 09.11.2014:

“Mein Schatz ist wieder zurückgefahren ins Dorf. Wir haben wenig geredet. Äußerlich leben wir in einer gemeinsamen Welt aber innerlich war ich weit von ihm entfernt. Das, was mich am meisten beschäftigt, kann ich mit ihm nicht teilen.

Wie geht‘s nun weiter? Nach der Rückkehr vom aufbauenden Teacher-Training-Modul erhielt ich auf meine Bewerbung als Leiterin für eine deutsche Stiftung in Istanbul eine Absage. Ich war wirklich sehr gespannt auf diese Nachricht und für alles offen, so dass mich die Absage nicht wirklich berührte. Die spannende Frage lautet jetzt, wo geht es dann lang?

Das Yoga-Studio wurde nun offiziell meiner ehemaligen Mitarbeiterin und ihren Mann überschrieben. Ich unterrichte dort noch, aber alles ist mir so fremd geworden. Unehrlich. Ich fühle mich nicht wohl.

Ich bin sowas von pleite. Kann kein Brot mehr kaufen, geschweige denn, meine bestellte Brille abholen. Das Monatsende wird wohl der Horror werden, wenn nicht ein Wunder geschieht. Meine Kreditkarte wird fällig und auch muss ich das letzte Modul für das Teacher-Training bezahlen.

Ich überlege, ob ich irgendeinen Job annehme, bei dem ich nicht viel denken muss. So etwas wie Putzen oder Tippen. Irgendetwas, was nicht meine ganze geistige Energie raubt. Etwas, was mich nicht daran hindert, die Yoga-Reise weiterzuführen.

Meine beantragte türkische Rente macht auch keine Fortschritte. Derjenige, den ich mit den Behördengängen beauftragt hatte, taucht immer wieder unter und ist nicht zu erreichen. (In der Türkei konnte man noch bis vor kurzem nach 20 Arbeitsjahren eine Rente beantragen, und meine Hoffnung war, dass ich die nötigen Arbeitstage schon erreicht hatte und wenigstens hier eine winzige finanzielle Unterstützung bekam).

Gestern lange mit meiner Freundin U. am Telefon gesprochen. Ich konnte ihr jedoch nicht von meiner Not erzählen, weil sie immer noch sehr in ihrem Schmerz wegen des Verlustes ihres Mannes gefangen ist.

Die letzten Seiten seines Buches (Sivananda) sind voll von Berichten über Meditationserfahrungen seiner Schüler. Das ist für mich sehr interessant und gibt mir wieder Mut und Zuversicht und die Gewissheit, dass ich mir das alles nicht einbilde oder langsam bekloppt werde. Ich meditiere nun mindestens zwei Stunden täglich.”

Ja, ich, die mühsam neben der Sekretärinnenarbeit das Abitur an der Abendschule und anschließend das Jura-Studium mit Kind abschloss, um irgendwer zu sein, die eine eigene Importfirma in der Türkei hatte, selbst eigene Produkte erfinden, herstellen und vertreiben ließ, die als Juristin im Büro des Vertrauensanwaltes des deutschen Generalkonsulats arbeitete und die Akten vieler deutschen Firmen bearbeitete, die ein deutsches Unternehmen aufbaute und die Geschäftsführung übernahm und am Ende alles verlor, um im Yoga-Studio den Boden für alle zu fegen, deren Füße sie dort hineintrugen, war nun bereit, jegliche einfachste Arbeit zu machen, nur damit ich mich dem, was mir wirklich wichtig war, nämlich dem Yoga, voll und ganz widmen zu können.

Welchen Stellenwert die innere Reise für mich hatte, war völlig klar. Es gab nichts Wichtigeres mehr für mich, und auch meine Träume erzählten davon.

Tagebuch 10.11.2014:

“Ich träumte, ich hätte noch irgendwo 5.000 Euro Reserve, die ich im Notfall ausgeben könnte. Ist aber leider nicht so. “

Tagebuch 11.11.2014:

“Träume: Ich bewerbe mich in einem Anwaltsbüro und fahre mit meinem Vater hin. Wir sitzen im Taxi. Als wir aussteigen, drücke ich schon auf der Straße irgendwelchen unsympatischen Menschen die Hände. Ich begegne K., meinem alten Chef im Anwaltsbüro in Istanbul. Seine Frau ist auch da und sie will, dass ich irgendetwas unterzeichne. Ich weigere mich. Nehme meine Tüte mit all meinen Unterlagen und gehe hinaus.

Auf dem Weg nach draußen sagte eine andere Frau zu mir, ich hätte das Yoga-Studio im Stich gelassen. Sie hat keine Ahnung denke ich und gehe endgültig hinaus. Meine Tüte ist so schwer. Ich habe kein Geld für ein Taxi. Wie komme ich nach Hause? Ich bin nun in Berlin-Neukölln und fahre schwarz mit der U-Bahn. Die Stöckelschuhe und die schwere Plastiktüte, die mein ganzes Leben enthält nerven.

Ich stehe im Yoga-Studio auf einer Leiter und schaue hinunter. Da ist jemand, der dort gereinigte und gebügelte Wäsche verkauft. Wo ist Yoga, frage ich von oben herab. Umgezogen, sagte die fremde Person.

7.30 Uhr. Ich werde von dem Knall der Paletten auf dem Bürgersteig für den Supermarkt vor unserem Fenster wach. Nacken und Schultern schmerzen und meine Zahnschiene ist voller Blut.  

Ich gehe in den Salon und trinke dort meinen Kaffee und lese im Buch von Paramahansa Yogananda: “Herr, wer dich als Geber aller Gaben erkannt hat, wird nie das Glück menschlicher Freundschaft entbehren.”

Dieser Satz gibt mir Kraft und Mut für den Tag.“

Alles tauchte in diesen Träumen auf. Die Loslösung von allem, was beruflich mit Stöckelschuhen und Show zu tun hatte. Der Ekel, der schon begann, sobald ich den Menschen vor dem Gebäude die Hände drückte. Der Betrug des Anwalts, der mit meiner Rentenbeantragung in der Türkei auftauchte. Er ließ mich in der Zeit, als ich schon Vollzeit für ihn arbeitete, weiterhin nur halbtags versichern und schmälerte somit erheblich meine Rentenanwartschaften. Das ist strafbar und seine Frau, eine Deutsche, hat das alles mitgetragen.

Die Last “meines Lebens” in einer Plastiktüte, welche ich mit mir herumschleppte. Es ist heute so klar, dass wir nicht nur in den Träumen unsere ganze Vergangenheit bewältigen wollen, sondern auch jeden neuen Tag damit belasten, sobald wir die Augen morgens öffnen und” ICH” sagen.

Das Studio ließ ich auch im Traum schon los, aber es dauerte noch ein wenig, bis ich diese schwere Plastiktüte mit der ganzen Altlast in den Müll werfen konnte. Alles was war, spielt heute einfach keine Rolle mehr. Es geht immer um das Jetzt, mit dem man herumjonglieren kann, und das ist so viel spannender.

Ich wünsche euch eine schöne unbeschwerte Woche, Monika