Der Ton (44)

Die aufbauende therapeutische Yoga-Lehrer-Ausbildung ging weiter. Jeden Tag sieben Stunden Yoga. Ich lernte, wie therapeutisches Yoga bei Skoliose hilft, bei Traumata oder nach einer Krebsoperation. Wir beschäftigten uns mit Neurobiologie und Ayruveda. Wir hörten und hielten Vorträge z. B. über den Hormonhaushalt, das Immunsystem und Yogaphilosophie.

Ich lernte viel, und oft war ich abends sehr erschöpft. Ich war aber auch zufrieden. Als die anderen in die Stadt fuhren, blieb ich lieber allein. Ich genoss die Ruhe. Wenn ich auf meinem Zimmer war, machte ich meine eigenen Atem- und Kriya-Yoga-Übungen und als ich anschließend meditierte, passierte wieder etwas Merkwürdiges.

Tagebuch 31.10.2014:

“Mein Körper ist fit aber auch erschöpft. Nach meinen Übungen meditierte ich und sagte vorher das Mantra OM mehrmals auf. Plötzlich ging vom rechten zum linken Ohr ein Geräusch über. Es war so laut und deutlich wie ein Ton aus einer Trompete, und ich habe mich total erschrocken. Ich hatte Ohrstöpsel verwendet, weil aus der Wohnung nebenan laut Musik zu hören war.”

Warum ich überhaupt mit dem Wort OM meditierte ist mir schleierhaft. Das hatte ich zuvor noch nie gemacht. Vielleicht lag es daran, dass ich mit den Ohrstöpseln und der Silbe OM den Krach aus der Nachbarwohnung übertönen und mich so besser auf die Meditation konzentrieren wollte.

Am nächsten Tag erhielt ich die Gelegenheit, mich mit unserer wunderbaren Yoga-Lehrerin über die bei ihr im Haus gemachten Meditationserfahrungen zu unterhalten. Dabei erzählte sie mir eine Geschichte von ihrem eigenen Meister, und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Hätte sie mir das früher irgendwann einmal erzählt, hätte ich freundlich genickt und die Angelegenheit als “interessante Geschichte” irgendwo in meinem Gehirn abgespeichert und abgehakt. Aber nun gab es ja diese Meditationserlebnisse vom Licht (Der Schleier, Maya (43)) und dem Ton, die ich nur bei ihr erlebte, und daher ergab das alles einen Sinn.

Sie sagte, dass schon vor Jahrzehnten ein großer mystischer Meister (ihr damaliger und inzwischen längst verstorbener spiritueller Lehrer) in diesem Haus war. Er weihte sie damals in dem Haus in die Licht- und Tonmeditation ein. Das erste Mal in meinem Leben hörte ich davon, dass man auf das Licht und den Ton selbst meditieren kann.

Die Linie ihres Meisters lässt sich bis zu dem berühmten indischen Mystiker Kabir (1440 bis 1518) zurückverfolgen. Kabir selbst und alle Nachfolger lehnten jegliche Zuordnung zum Hinudismus, Islam oder Sufismus ab. Sein berühmtester Nachfolger des 20. Jahrhunderts war Kirpal Singh (1894 bis 1974), der lange Zeit der Präsident der 1957 gegründeten Weltgemeinschaft der Religionen war.

Er studierte alle Religionen und erkannte, dass sie alle die gleiche grundlegende Wahrheit beschrieben und dass das Geburtsrecht des Menschen die Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis sei. Sein Ziel war es, Menschen unterschiedlicher Religionen zu vereinen.

Natürlich habe ich mich nach diesem Gespräch mit meiner Yoga-Lehrerin später im Detail mit dieser Meisterlinie befasst und Werke von Kirpal Sing und anderen gelesen. Ich werde noch über meine Erfahrungen diesbezüglich berichten. Hier schon einmal ein Auszug aus dem für mich beeindruckendsten Werk “Naam oder das Wort” von Kirpal Sing, dessen englische und auch deutsche Version man im Internet finden kann.

Auszug aus dem Vorwort:

Indes sagen uns die Mystiker aller Zeiten und Länder einstimmig, dass diese innere Wirklichkeit oder Wahrheit nicht einzig Sache der Intuition und des Gefühls sei, vielmehr eine tatsächliche, übersinnliche Erkenntnis. Und in diesem Zusammenhang enthüllt das Studium des Yoga – insbesondere das des Surat Shabd Yoga – seine Bedeutung. Wenn wir wirklich die Wahrheit suchen, können wir nicht zulassen, dass die Spiritualität übergangen wird, wie es so viele moderne Denker tun wollen; denn sie ist der Pfad zur Wahrheit und, wie bereits angedeutet, vielleicht der einzige Pfad. In diesem Zusammenhang wurde der Versuch unternommen, im vorliegenden Buch die Grundvorstellung der verschiedenen Worte zu erklären (die natürlich die gleiche ist, trotz der endlosen Vielfalt der Benennungen), die von den Meistern gebraucht werden, um den Unaussprechlichen in Seiner ursprünglichen Offenbarung zu bezeichnen – den Lebensstrom, der die unendliche Schöpfung hervorbringt, erhält und regiert…

Prajapatir vai idam agre asit

Tasya vak dvitiya asit

Vak vai Paramam Brahma

(Die Veden)  

Im Anfang war Prajapati (der Schöpfer)

Mit Ihm war vak (das Wort)

Und vak (das Wort) war wahrhaftig

der höchste Brahma

Wie immer war ich jedoch erst einmal wieder sehr skeptisch und hatte extreme Berührungsängste. Hatte ich mich doch gerade erst mit Yoga, Kriya-Yoga und Atemübungen angefreundet und nun erschienen mir Licht und Ton, weil ich in einem Haus meditierte, indem ein Sikh Guru mit einem Turban vor ca. 40 Jahren wirkte.

Ich überdachte meine eigenen Kriya-Yoga Übungen, denn seitdem ich sie anwendete, passierte während und nach der Meditation in oder mit mir überhaupt nichts mehr. Lag es womöglich daran, dass ich nicht genug an Kriya-Yoga und Babaji glaubte? Nicht genug vertraute?

Tagebuch 01.11.2014:

“Ich denke, es ist Zeit, endlich an Babaji zu glauben und meine Meditation in diese Richtung zu verstärken…”

Auf jeden Fall motivierten diese Erfahrungen bei meiner Lehrerin mich sehr und ich versuchte, sobald ich wieder in Istanbul war, noch intensiver und länger zu meditieren. Gleichzeitig wurden meine Geldsorgen zu dieser Zeit immer belastender und meine Kopfschmerzen nahmen zu. Meine Träume wurden wieder intensiver. Je tiefer und länger ich also nach innen ging, desto mehr bröckelte mal wieder alles in der materiellen Welt.

Tagebuch 05.11.2014:

“Traum: Ich bin in Alaska aber es gibt kein Eis. Bin ich auf einer Insel? Man muss anstehen, um auf diese Insel zu kommen. Bin ich krank? Ein netter junger Arzt pflegt mich. Er kümmert sich so rührend um mich, dass ich mich sehr wundere. Er hat einen Freund. Auch dieser ist anwesend. Hat nasse Haare und ein Handtuch auf dem Kopf. Ich möchte duschen und mich umziehen und anziehen. Auf dem Weg zu meiner Unterkunft höre ich von den anderen, dass das Wasser steigt. Der Weg ist schwer. Ich gehe ihn trotzdem. Alles ist gut. Die Wellen sind nicht so hoch und gefährlich. Grünes Wasser. In meiner Bleibe herrscht Chaos.”

Was für ein wunderbarer Traum. Wenn ich das heute nach sechs Jahren zum ersten Mal wieder lese, dann ist klar erkennenbar, was dieser Traum widerspiegelt. Das innere seelische Chaos während dieser mühsamen Reise nach Innen. Die Insel, die man nur erreicht, wenn man Geduld zeigt. Das Wasser, das stets in meinen Träumen steigt und oft als große Welle auftaucht, wenn die Angst vor dem finanziellen Untergang zu groß wird.

Aber ich werde gepflegt und getröstet. Wer kümmert sich hier um mich? Und es würde mich heute nicht wundern, wenn der andere Mann mit dem Handtuch auf dem Kopf ein Symbol für den Sikh und seinen Turban darstellen sollte.

So wie ich im Traum all das selbst bin, die Insel, diese chaotische Hütte und die Personen, so ist es auch im Wachzustand. Das würde ich bald begreifen aber bis dahin suchte ich noch Trost und Kraft in den Worten der Meister, deren Bücher ich gerade las.

Tagebuch 05.11.2014.

“Swami Sivananda schreibt, dass man später selbst mit offenen Augen beim Gehen meditieren können und zu jeder Zeit den Gleichmut bewahren muss. Alles Sichtbare ist Maya. Wahre Erkenntnis wird Maya vertreiben. Sadhana ist geistige Schulung und der unaufhörliche Versuch, sich als das ALL zu fühlen, bei allem, was man tut.

Ich erkenne, dass der letzte Satz die Hauptlehre der Baghavad Gita beinhaltet und genau das versuche ich gerade jeden Tag anzuwenden. Es gibt mir Kraft und Frieden in dieser schweren Zeit.”

In der Gita steht, dass wir uns allein um die Handlung selbst kümmern sollen (TAPAS-SADHANA-MEDITATION) und niemals um ihre Ergebnisse, und ich habe das Gefühl, dass ich genau das im abgegebenen Yoga-Studio und auch bei dem Aufziehen meiner Kinder getan habe. Keine Erwartungen. Selbstlose Liebe.

Weiter notiere ich von Sivananda, dass Vernunft auf das Dasein Gottes schließen lässt und nach geeigneten Methoden zur Selbsterkenntnis sucht. Intuition geht darüber hinaus, steht aber nicht im Widerspruch zur Vernunft. Sie ermöglicht die unmittelbare Erkenntnis der Wahrheit, über die es keine Diskussionen mehr gibt. Beurteilen kann man auf physischer Ebene mit WARUM und WOZU. In der Transzendenz ist Urteilen sinnlos. Sie liegt jenseits der Reichweite des Urteils.

Ich schließe daraus und notiere: Man kann über meine Erlebnisse in der Meditation nicht diskutieren. Es ist! Ich muss das Argumentieren aufgeben. Still werden und in mich gehen.”

Ich tröstete mich in dieser Zeit mit den Zeilen, “dass eine ungeeignete Atmosphäre, äußere Hindernisse den Schüler nur stärker machen und er sich schnell entwickeln kann. Seine Willenskraft und Zähigkeit wird zunehmen.”

Denn ich hatte das Gefühl, mit unglaublichen Hindernissen kämpfen zu müssen. “Kein Geld. Keine Sicherheiten. Menschen um mich herum, die ich in einer anderen Welt zurückgelassen hatte. Kinder und Verantwortung. Keinen Lehrer und keine persönliche Motivation. Jeden Tag aufs neue die Kraft und die Motivation aus mir selbst heraus schöpfen und dafür freie Zeit und Ruhe finden. Dabei gab es um mich herum Tag und Nacht nur Lärm durch Bauarbeiten am Hotel und auf den Straßen. Trotzdem meine Pflichten erfüllen. Ständig Kopfschmerzen.

Und doch ist da auch die Freude und Dankbarkeit. Ich merke, wie ich trotz dieser Hindernisse immer mehr vertraue. Und obwohl ich mich im Alltag von den Menschen scheinbar immer mehr entferne, kommt es durch die Meditation von innen zu einer Art Zusammengehörigkeit mit allem.”

Warum passieren diese erstaunlichen mystischen Geschehnisse immer dann, wenn man sie nicht sucht? Nichts erwartet? Einfach da und offen ist? Muss so etwas wie Unschuld vorhanden sein?

Das war mir damals noch ein Rätsel und niemand konnte mich aufklären. Heute ist mir klar, dass man genau dann, wenn es eben keine Richtung und keine Anstrengung gibt, etwas empfängt, was eigentlich immer da ist.

Es wird nur ständig übersehen, weil der Verstand es nicht kennt, nicht kennen kann. Er übersieht es, weil er selbst an Form und Zeit gebunden und zielgerichtet ist.

Kennt er es, dann ist es verloren. Wird zu einer Erinnerung. Ist dann nicht mehr real. Nicht mehr hier. Wir leben wieder im Verstand und in unseren Konzepten, hinter dem Schleier Maya.

Erleuchtung ist immer da. Weisheit ist immer da. Gott ist immer hier. Der Verstand grübelt aber lieber und irrt in der Zeit herum, so dass er das, was hier ist, nicht wahrnehmen kann. Denn was wir Gott/Weisheit/Wahrheit nennen, ist kein Objekt und kann nicht vom dualistischen Verstand erfasst werden.

Ich wünsche euch noch eine wunderschöne Woche, Monika