Ich bin Buddha

Hier ist es sehr heiß und ich vertrage die Hitze überhaupt nicht mehr. Wer hätte das gedacht? Da träumt man sein Leben lang davon, dass man später mal irgendwo im Süden am Meer wohnen möchte, dann erfüllt sich der Traum und dann kann man im Sommer von 9.00 Uhr bis 19.00 Uhr nicht vor die Tür gehen.

Man ist immer dort, wo man sein soll. Die Vorstellung, dass es einem woanders besser gehen würde, entspricht nie der Wahrheit. Denn wenn wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben, werden wir auch dann, wenn wir unser scheinbares Ziel erreicht haben, wieder anfangen zu jammern. Diesmal über das Wetter, die Menschen, eine Krankheit oder die Politik.

Es gibt nicht den in der Zukunft liegenden perfekten Ort, Job oder den perfekten Menschen. Alles, was hier ist, ist absolut perfekt und das kann man erkennen, wenn man aufhört zu jammern und genau hinschaut oder meditiert.

Gestern war es so heiß, dass mir übel wurde, als ich rausging. Obwohl ich in den letzten Jahren angstfrei bin, gibt es immer wieder Momente, in denen die Angst aus lauter Gewohnheit von neuem aufsteigen möchte. Es kommt nicht zum Ausbruch und es gibt keine Panik aber ich spüre sie und ich vermeide es, sie zu unterdrücken. Ich nehme dieses flaue Gefühl an und beobachte es ganz entspannt, so dass es sich entfalten und wieder abziehen kann, so wie ich es auch in meinem Buch beschrieben habe.

Gestern setzte ich mich mit meinem von der Hitze völlig erschöpften Körper und dieser aufkeimenden Angst hin und meditierte.

Diesmal hörte ich mir über Kopfhörer ein Mantra an. Das hatte zwei Gründe. Zum einen sind oben die Nachbarn aus Istanbul ins Sommerhaus gekommen und sind seitdem nur damit beschäftigt, ihr Haus von Handwerkern aufhacken und zusammenflicken zu lassen. Das ist ziemlich laut und die Frage taucht auf, wie kann es sein, dass man zwei Jahre lang keinen Urlaub hatte, dann ins Sommerhaus kommt und nichts anderes zu tun hat, als sich vom ersten Tag an mit Handwerkern und Baulärm herumzuplagen? Können die Menschen überhaupt nicht mehr abschalten?

Zum anderen sah ich im Internet, dass der Dalai Lama Geburtstag hatte, und da er wegen der Pandemie keine Feier abhalten konnte, schlug er vor, dass man stattdessen ein Mantra für eine bessere Welt aufsagen könnte. Da ich neugierig war, suchte ich nach diesem Mantra im Internet und fand einige Variationen davon. Ich hörte mir die erste an und es kam mir sehr bekannt vor.

Nach einer halben Stunde war es zu Ende und ich suchte eine andere Version und erst da erkannte ich es wieder. Es war genau das Mantra, das ich in meinem Studio vor jeder Unterrichtsstunde auf dem CD-Player anstellte. Die CD war schon immer in diesem Gerät und ich wusste gar nicht, wo sie herkam. Sie gehörte mir nicht. Aber ich fand dieses Mantra so wunderschön und während es lief, reinigte ich den Raum, zündete die Kerzen an und wartete voller Vorfreude auf meine Schüler.

Ich kannte die Worte dieses Mantras damals nicht und sang einfach mit, was ich verstand. Ich kannte die Bedeutung nicht und auch nicht, wo es herkam. Ich liebte es trotzdem. Der Gesang machte mich irgendwie glücklich. Es sind nur vier Worte:

OM MANI PADME HUM (buddh. Aussprache: om mani peme hung)

Gestern nun erkannte ich es wieder und während ich meditierte, kamen Erinnerungen hoch. Das Studio und die vielen lieben Frauen, die regelmäßig kamen, um mit mir zusammen Yoga zu machen. Die fröhliche Stimmung während des Unterrichts. Diese glücklichen Gesichter. Das Strahlen in meinen und in den Augen der anderen, wenn sie wieder nach Hause gingen. Ich war so erfüllt und zufrieden.

All das bewegte mich in der Meditation und hinzu kam, dass ich nun wusste, dass es ein buddhistisches Mantra war, welches tiefes Mitgefühl und den Wunsch, dass alle Menschen Zugang zum universellen Bewusstsein erlangen ausdrückt. Und mit diesem Herzenswunsch meditierte ich weiter und dann durchströmte eine große Freude meinen ganzen Körper.

Ich wünschte mir von ganzem Herzen, alle Menschen würden diese Freude empfinden können. Ich öffnete die Augen und schaute auf mein Handy, in dem das Kabel meiner Kopfhörer steckte und sah das Bild von Buddha auf dem Display. Schön und muskulös in einem goldenen Gewand saß er dort und auf einmal erkannte ich, dass ich mich selbst sah. Ich war/bin Buddha selbst. Es war wieder dieses Aufblitzen. Ein kurzes Erwachen mit der unglaublichen Erkenntnis, dass all das, was ich sehe und was existiert, ich selbst bin.

Es ist mein Traum und immer öfter ruft es in ihm: Wache auf! Wache auf!

Ich lachte laut und weinte. Der Rotz lief mir aus der Nase und die Tränen konnten nicht aufhören aus meinen Augen zu schießen. Ich war so voller Glück und ich war pure Liebe. Alles war so klar. Von Unwohlsein oder der Angst sowieso schon lange keine Spur mehr. Ich hatte noch lange danach Gänsehaut. Dabei waren bestimmt 30 Grad in meinem Zimmer.

Es war ein Wiedererkennen und ich war so unendlich dankbar. Ich faltete meine Hände vor meiner Brust und bedankte mich und verbeugte mich und wusste nicht, vor wem oder was. Ganz natürlich kam diese Geste, ohne dass ich darüber nachdachte. Es war ein tiefes Bedürfnis. Als wollte ich für dieses Geschenk etwas zurückgeben.

Ich bin keine Buddhistin, bin überhaupt keine -istin von irgendetwas. Es geht auch nie um einen Glauben. Es geht darum, was man in dem Moment fühlt und was dieses Gefühl ausgelöst hat. Dies kann ein Mantra sein oder auch der Blick auf eine Blume. Nicht der Verstand schaut in dem Moment, sondern das Herz, bis es das ganze Universum aufnehmen kann.

Ich lese gerade, dass dieses Mantra sehr kraftvoll und wohl das älteste Mantra des tibetischen Buddhismus ist. Es wird dem Erleuchtungswesen des Mitgefühls Avalokiteshvara zugeordnet und steht für die Zusammenfassung der 84.000 Lehrreden des Buddha. Es soll eine reinigende Kraft besitzen und vermag uns von dem Schleier (die Yogis sagen Maya) zu befreien, der unseren Geist verdeckt. Dadurch öffnet sich der Geist für die Liebe und das Mitgefühl und führt zur Erleuchtung.

Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich vielleicht daran gedacht und womöglich wären Hoffnung oder der Wunsch aufgetaucht, ich möge Erleuchtung erlangen. Dann hätte ich jedoch diese Erfahrung nicht machen können, denn dann hätte mich der Wunsch und somit der Verstand geführt.

Aber dadurch, dass ich dem Dalai Lama und allen Menschen von ganzem Herzen nur das Allerbeste und Schönste wünschte lüftete sich der Schleier wieder für einen kurzen Augenblick.

Der Dalai Lama sagt, dass jeder von uns das Bewusstsein eines reinen Buddha erreichen kann, und dieses Mantra dabei hilft.

Dabei symbolisert das OM (AUM) “den unreinen Körper, die unreine Rede und das unreine Bewusstsein des Übenden. Gleichzeitig symbolisiert es aber auch den reinen erhöhten Körper, die reine Rede und das reine Bewusstsein eines Buddha. Alle Buddhas sind Beispiele, in denen Wesen wie wir selbst auf dem Weg schließlich zur Erleuchtung gelangt sind. Die Entwicklung eines reinen Körpers, reiner Rede und reinen Bewusstseins geschieht dadurch, dass Schritt für Schritt die unreinen Zustände überwunden und in die reinen transformiert werden.“

Die nächsten Worte des Mantra zeigen den Weg zu dieser Transformation.

MANI bedeutet übersetzt, das Juwel und “symbolisiert die Faktoren der Methode: die uneigennützige Intention, nach Erleuchtung zu streben, heilende Hinwendung und Liebe. Ebenso wie ein Juwel die Wünsche der Lebewesen erfüllen kann, erfüllt der uneigennützige Erleuchtungsgeist die Wünsche der Lebewesen.“

PADME heißt übersetzt Lotus und steht für Weisheit. Gerade wie der Lotus aus dem Schlamm emporwächst, ohne dass seine Schönheit von dem Schmutz getrübt würde, so kann uns Weisheit in einen widerspruchsfreien Seinszustand versetzen, während wir in tiefe Widersprüche verstrickt blieben, wenn wir diese Weisheit nicht hätten. Es gibt Weisheit, welche die Vergänglichkeit aller Dinge erkennt, Weisheit, die erkennt, dass Personen leer sind in Bezug auf Selbstgenügen oder substanzielle Existenz, Weisheit, die Leere in Bezug auf Dualität erkennt, d. h. Leere in Bezug auf den ontischen Unterschied zwischen Subjekt und Objekt, und Weisheit, die Leere in Bezug auf inhärente Existenz erfährt. Obwohl es also verschiedene Arten von Weisheit gibt, ist unter diesen die Weisheit, die Leere erfährt, die wesentliche.

Das Wort HUM bedeutet, die „vollkommene Reinheit muss durch die unteilbare Einheit von Methode und Weisheit erzielt werden.

So bedeuten die sechs Silben om mani padme hum, dass man in Abhängigkeit von der Praxis des Weges, der eine unteilbare Einheit von Methode und Weisheit ist, den eigenen unreinen Körper, unreine Rede und unreines Bewusstsein in den reinen erhöhten Körper, reine Rede und reines Bewusstsein eines Buddha verwandeln kann.“

Sobald wir nicht mehr davonlaufen, sondern direkt in die Gefühle, wie Angst, Wut, Trauer oder Depressionen hineingehen, befinden wir uns auf diesem Pfad, der hier beschrieben wird. Nicht über diese Emotionen reden und jammern und sie damit immer größer machen und unser Ego damit noch unbewusst aufblähen, sondern versuchen, sie zu durchschauen. Wenn wir mit Hilfe der Meditation den Verstand schärfen und gleichzeitig immer bewusster werden, werden wir sie (Emotionen) und uns verstehen und haben die Möglichkeit, über sie und somit über unser Ego hinauszuwachsen.

Oder wie der Dalai Lama hierzu abschließend zu diesem Mantra bemerkt :

„Es heißt, dass man nach Buddhaschaft nicht außerhalb seiner selbst suchen solle, denn die Grundbedingungen für die Erlangung der Buddhaschaft liegen in uns. Wie Maitreya in seiner Höheren Wissenschaft des Großen Fahrzeugs (Uttaratantra) sagt, haben alle Wesen die Buddha-Natur in ihrem eigenen Bewusstseins-Kontinuum. Wir tragen den Samen der Reinheit, des Wesens des So-Gegangenen (Tathagatagarbha), das verwandelt und zu voller Buddhaschaft entwickelt werden muss, in uns.“

(http://www.ommanipadmehum.de/dalaiman.htm)

Ich musste dieses Erlebnis einfach heute mit euch teilen. Es ist eins von vielen, die jedes Mal in anderer und völlig unerwarteter Form auftauchen. Der „scheinbare Yoga-Weg“, den ich mit Hilfe meiner chronologischen Yoga-Tagebuch Aufzeichnungen hier teile, soll euch zeigen, dass man nicht religiös sein muss oder etwas Besonderes sein oder getan haben muss, um Gotteserfahrungen zu machen. Es ist der Wille der zählt.

„Und dann, wenn du selbst herausgefunden hast, was wahr ist, dann handelt diese Wahrheit selbst. Du musst überhaupt nichts mehr tun.“ (Krishnamurti)

Habt eine schöne Woche, Monika