Der Schleier, Maya (43)

Noch bevor ich diesen Beitrag veröffentlichen konnte, bekam ich diese Woche eine E-Mail, in der viele Fragen und Zweifel hinsichtlich der inneren Reise auftauchten. Dieses permanente Hinterfragen und die Ungewissheit, ob man alles richtig macht, kenne ich selbst nur zu gut. Im Oktober 2014 beschäftigte ich mich sehr intensiv mit dem Buch von Swami Sivananda “Konzentration und Meditation” und zum allerersten Mal las ich hier, was mich seit Monaten beschäftigte und worüber ich nie mit irgendjemanden sprechen konnte. Fragen wurden hier beantwortet, die ich niemandem stellen konnte.

Meditiere ich richtig? Sind die Gedanken normal, die ständig auftauchen? Wieso habe ich plötzlich Probleme, mich auf andere Menschen einzulassen? Warum werde ich immer empfindlicher? Warum sehne ich mich immer mehr nach der Natur? Wieso stören mich alle Geräusche? Warum befriedigen mich all die Dinge nicht mehr, die doch vorher und noch immer allen anderen Menschen Freude bereiten? Bin ich dabei, arrogant zu werden, oder warum stören mich plötzlich alle Menschen nur noch, auch die nahestehenden? Werde ich die Reise fortführen können, obwohl ich in einer Beziehung stecke? Warum bin ich, seitdem ich meditiere, immer so erschöpft und habe so viele Schmerzen? Gibt es überhaupt Fortschritte auf dieser inneren Reise? Wird es einen Lehrer für mich geben?

Ich fing an, die zu dieser Zeit für mich wichtigsten Sätze aus dem Buch von Swami Sivananda ins Yoga-Tagebuch zu schreiben, um mir so auf all meine Fragen selbst eine Antwort zu geben.

Tagebuch 16.10.2014:

“Wenn du ohne Furcht und ohne Wunsch, ohne Gefallen an den Dingen dieser Welt bist, dann sei dir bewusst, dass du auf dem geistigen Pfad voranschreitest und dich Gott näherst.

Schließe die Augen und gib dich der Vorstellung hin, dass es nirgends etwas anderes gibt als Gott.

Um Allwissenheit zu erlangen und die Erkenntnis des kosmischen Bewußtseins zu erfahren, muss der Mensch lernen, seinen kleinen Geist in den kosmischen zu versenken.

Der wahre Sieg ist der Sieg über die Gedanken.

Der Weise zerschlägt die Bindungen des Egoismus mit dem scharfen Schwert ununterbrochener Meditation.

Wer Meditation übt, wird feinfühliger sein, als andere und deshalb besonders große Anforderungen an seinen physischen Körper stellen müssen.

Wer auf dem geistigen Pfad vorwärts schreitet, dem wird die “Welt” zur Meditation nicht mehr zusagen, da es in ihr zu viele Störungen gibt und die Umgebung wenig förderlich ist. Die Freunde selbst erscheinen als die ärgsten Feinde und stehlen dir unvermeidlich die Zeit durch unnütze Gespräche. Verwirrt und beunruhigt wird der Schüler versuchen, sich aus seiner Umwelt zu lösen.

Durch die Meditation treten beachtliche Veränderungen im Bewußtsein, im Gehirn-Nervensystem auf. Neue Nervenströme, neue Schwingungen, neue Wege, neue Zellen und Kanäle bilden sich. Herz und Bewußtsein erneuern sich, auch die Empfindungen und Gefühle, Denken, Handeln, selbst die Auffassung vom Weltall, das zur Offenbarung Gottes wird.

Der Schüler sollte sich nicht um materielle Dinge sorgen, denn das äußere Leben wird von der göttlichen Vorsehung bestellt. Sie wacht sorgfältig und wirksamer als man selbst vermöchte über unsere körperlichen Erfordernisse. Der Schüler sollte die geheimnisvollen Wege der Mutter weise verstehen lernen und ihr für ihr Wohlwollen, ihre Güte und Gnade danken.

Der Schüler muss sensibel sein und doch zugleich seinen Körper und seine Nerven vollkommen beherrschen. Je stärker die Feinfühligkeit, um so schwieriger ist diese Aufgabe. Es gibt viele Geräusche, die ein normaler Mensch überhört, die dem übersensiblen aber wirklich Pein bereiten.”

All diese Hinweise halfen mir und ermutigten mich, weiterzumachen und nicht zu ver-zweifeln, auch wenn das ganze Leben auf einmal so viel schwieriger erschien. Denn nicht nur, dass jetzt wieder die Lebensgrundlage und Lebensperspektive mit der Abgabe des Yoga-Studios wegfiel, sondern hinzu kam noch diese große Sensibilität und innere Veränderung. Statt an Gesprächen und Handlungen teilzuhaben, wurde ich immer mehr zum Beobachter. Ich begriff, dass alles um mich herum da war, um zu lehren.

Aber die Sehnsucht und die Frage nach einem Lehrer blieb immer noch offen.

Tagebuch 17.10.2014:

Ich lese den Lehrbrief 51 der Self Realization Fellowship, und dort beschreibt Paramahansa Yogananda seine Gefühle, als er seinem Lehrer Sri Yukteswar begegnete: “In dieser freudigen Glut schmolzen all meine Fragen dahin.”

Alle schreiben, dass ein Guru wichtig ist. Nur Krishnamurti lehnt jegliche Autorität ab. Ist S. von der Kriya Yoga Gruppe jetzt meine spirituelle Lehrerin? Sie hat meine letzte Mail nicht beantwortet.

Weiter steht in dem Lehrbrief:

Anregungen durch den Intellekt sind nur solange nötig, bis man Gott zu schmecken beginnt.

Und niemand findet seinen Guru, es sei denn, dass der himmliche Vater ihn zu diesem hinleitet.

Es ist einfacher einem Guru zu folgen, als nur den Anweisungen der heiligen Schriften.

Wer sich im Einklang mit dem Willen des Gurus bringt, entwickelt echte Willensfreiheit (keine Dogmen, die nur versklaven).

Nur sehr wenige wissen, was es bedeutet, echte Willensfreitheit zu besitzen. Unter dem Zwang von Instinkten und Gewohnheiten zu handeln, bedeutet KNECHTSCHAFT.

Paramahansa Yogananda ist der Guru meines Herzens. Durch ihn ist soviel Liebe und Verständnis in mein Herz gekommen und er war es, der mich motivierte, zu meditieren und mich Gott hinzugeben, bis ich ihn kosten durfte. Nun kann ich nicht mehr aufhören, musste das Studio loslassen, um weiter zu lernen und noch mehr zu meditieren. Die Reise wurde schon viel zu lange durch die Arbeit mit dem Yoga-Studio unterbrochen. Nun habe ich wieder Zeit für das Wesentliche! Ich weiß, dass es richtig ist. Ich weiß, dass alles gut wird. Ich bin dankbar und glücklich, dass ich das alles erleben darf. Mein Leben hat nun endlich einen tieferen Sinn. Ich bin manchmal so nervös und aufgeregt vor lauter Glück und Freude und auch Vorfreude auf all das, was ich noch erleben werde, dass sich mein Herz gar nicht beruhigen kann und die Meditation im Sand verläuft. Dann muss ich lächeln und einfach aufgeben. Ich freue mich aber, dass ich so glücklich und zufrieden bin, und lasse es einfach geschehen.“

An den folgenden Tagen führte ich sehr motiviert meine Meditationen und ganzen Übungen weiter durch und schrieb alles auf. Angeregt von Swami Sivananda meditierte ich auch über die Tugenden, weil es dabei helfen soll, diese zu verinnerlichen. In meinem ganzen Leben hatte ich mir noch nie darüber Gedanken gemacht, welche Tugenden es überhaupt gibt.

Ich beschäftigte mich außerdem mit den göttlichen Figuren Devi, Durga und Ganesha, die immer wieder in der indischen Literatur auftauchen und mit dem Begriff Maya.

Ich notierte mir in meinem Tagebuch den Begriff Maya, wie er in den vedischen Schriften der Inder erklärt wird:

“Die physische Welt ist dem Gesetz der Maya (Dualitäts- und Relativitätsprinzip) unterworfen. Gott, das Einzige Leben ist absolute Einheit. Um aber als verschiedenartige und voneinander getrennte Formen der Schöpfung in Erscheinung treten zu können, muss Er sich mit einem unwirklichen und trügerischen Schleier umgeben. Dieser dualistische illusorische Schleier ist Maya. Nur wer das Universum auf diese Weise entschleiert hat (und die Geheimnisse der Schöpfung aufdeckt), ist ein wahrer Monotheist. Alle anderen sind Götzenanbeter.

Maya, die Illusion, von der die ganze Welt beherrscht wird, äußert sich im Menschen als Avidya = Nichtwissen. Maya und Avidya können niemals durch den analysierenden Verstand oder durch bloße Überzeugung überwunden werden, sondern einzig und allein dadurch, dass man den Bewusstseinszustand des Nirvikalpa-Samadhi erreicht.”

Ich notierte außerdem, was Paramahansa Yogananda 1945 in seiner Autobiographie (S. 306) dazu schrieb:

“Dr. Davisson erhielt für seine Entdeckung der Elektronenbeugung…, mit welcher der Beweis für die Doppelnatur des gesamten physischen Weltalls erbracht wurde, den Nobelpreis.

Der Strom der Erkenntnis, schreibt Sir James Jeans in seinem Werk “The Mysterious Universe” (Der Weltraum und seine Rätsel), bewegt sich auf eine nichtmechanische Wirklichkeit zu. Das Universum mutet immer mehr wie ein großer Gedanke, nicht mehr wie ein großer Mechanismus an.

So klingt die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts also wie ein Kapitel aus den alten Veden. Wenn nicht anders kann man sich von der Wissenschaft bestätigen lassen, dass es kein stoffliches Universum gibt -eine Wahrheit, die im philosophischen Sinne schon immer bestanden hat. Das Leben und Weben des Kosmos ist nichts als Maya – Illusion; sobald man ihn auf seine Wirklichkeit hin untersucht, löst er sich wie eine Fata Morgana auf.”

Mein Samadhi-Erlebnis und die Beschäftigung mit dieser ganz neuen Sichtweise auf alles Leben und die Materie haben meine materialistische Denkweise immer mehr erschüttert. Wenn all das, was ich je in der Schule gelernt hatte und über die Welt dachte, so nicht stimmte, was ist dann die Wahrheit? Der Riss in meinem Verstand wurde immer größer und das war sehr wichtig, denn nur so konnte ich die nächste spannende Erfahrung machen.

Eine Woche nachdem ich diese Notizen in meinem Tagebuch festhielt, fuhr ich zu meiner Yoga-Lehrerin, um an dem zweiten Modul für die erweiterte Yoga-Lehrer-Ausbildung teilzunehmen.

Alles fing wieder sehr merkwürdig an. Am 24.10.2014 flog ich von Istanbul in den Süden und musste anschließend noch mit dem Flughafenbus ins Stadtzentrum weiterfahren. Dabei ist mir etwas passiert, was ich zuvor noch nie erlebt hatte. Ich stieg aus dem Bus aus und ließ meinen Koffer zurück. Ich stieg in den kleineren Stadtbus, um zum Yoga-Zentrum zu fahren und da fiel mir auf, dass irgendetwas fehlte. Ich erstarrte. Ich ließ den Fahrer sofort anhalten, stieg aus und rannte voller Panik zurück zur Bushaltestelle. Mein Koffer stand auf der Straße und wartete auf seine Besitzerin.

Tagebuch 25.10.2014:

“Kopfweh den ganzen Tag. Mein Gehirn arbeitet nicht.”

Tagebuch 26.10.2014:

“Kopfschmerz noch immer da. Ich spüre, dass ich beim Yoga keine Kraft habe. Völlig ausgelaugt. Soviel Sport und am Ende habe ich keine Kraft? Keine Kondition. Keine Power. Ich fühle mich wie ein Wrack, wenn ich ehrlich bin. Wie eine alte müde Frau. Kommt das von der Arbeit im Studio oder ist das der Einfluss meines Freundes, der sehr faul ist? Oder ist es das Alter, die Wechseljahre? Ich will nicht laufen. Keinen Sport mehr machen. Nur müde und faul sein. FETT – MÜDE – ALT.

(Nach einem langen Yoga-Tag) Feierabend für heute. Kopfweh noch immer da aber nicht mehr so stark. Brot, Käse, Oliven. Kaffee. Ausruhen.

Nachdem ich mich ausgeruht hatte, meditierte ich und dann schrieb ich das Erlebte auf. Wie sehr mich die Vorstellungen von Materie bzw. Maya beeinflussten kann man daran erkennen, dass ich mich an diesem Abend das erste Mal ganz bewusst für die Meditation vor eine weiße Wand setzte. Mit dem Gedanken, ich schaue jetzt solange auf die Wand, bis sie sich auflöst, wollte ich die Wahrheit herausfordern und wissen, ob es Materie gibt oder nicht. Mit offenen Augen starrte ich auf die Wand mit dem Willen, durch diese hindurchzuschauen. Was dann passierte, könnt ihr hier lesen:

“21.35 Uhr. Es ist noch ganz still in mir. Dabei müsste ich doch eigentlich ganz aufgeregt sein. Ich bin aber sehr ruhig. Ich wundere mich nur. Nachdem ich meine eigenen Atem-und Kriya-Yoga Übungen gemacht habe, habe ich mit geschlossenen Augen meditiert. Dann habe ich mich anschließend auf dem Bett zur weißen Wand gedreht und diese mit offenen Augen angestarrt. Ich musste nicht mit den Augen zwinkern. Sie waren sehr entspannt.

Die Wand wird langsam immer heller. Ich schließe die Augen. Die Wand erscheint mir in ihren ganzen Einzelteilen. Dunkle Teile. Wie ein Muster. Wieder öffne ich die Augen und schaue auf die Wand. Sie wird wieder heller. Sie fängt an zu leuchten und dann leuchtet das ganze Zimmer. Licht flutet herein. Dann bewegt es sich. Es geht von links nach rechts und von rechts nach links. Meine Augäpfel noch immer unbewegt. In meinem Kopf denkt es. Sind das Scheinwerfer von den Autos? Ich traue mich nicht zu begreifen. Suche nach Erklärungen. Und doch weiß ich, etwas ganz Besonderes geht hier vor. Licht spielt im dunklen Zimmer. Ich bin ganz klar und wach. Sobald ich die Augen öffne, wird es hell. Ich traue mich nicht, aus diesem Zustand auszutreten, weil ich es mir vielleicht doch nur einbilde? Nein. Es passiert wirklich. Keine Autoscheinwerfer. Es ist jetzt hell, die ganze Zeit. Strahlen von oben, die sich im Raum von einer Seite zur anderen bewegen. Es ist hell aber nicht gleichmäßig. Wie Sonnenbalken, die von oben in unterschiedlicher Stärke sich hin- und herbewegend strahlen. Ich habe keine Angst. Nehme nur wahr.

Danke Paramahansa Yogananda, Sri Yukteswar, Lahiri Mahasaya, Babaji und allen anderen Yogis dieser Welt.

Ich mache das Licht an und schaue im Zimmer umher und in den Spiegel. Alles normal, wie immer. Ich lösche das Licht. Der Raum ist dunkel. Keine Scheinwerferlichter auch dann nicht, wenn ein Auto auf der Straße vorbei fährt. Es kann dann gar kein Licht durch dieses Fenster von der Straße kommen. Und schon gar nicht von der Decke.

Also nur, wenn wir das für den Verstand völlig Unmögliche wenigstens als “Fragezeichen” zulassen und es wirklich wissen wollen, kann sich der Schleier (Maya) und die Unwissenheit (Avidya) auflösen. Alle Fragen und Zweifel sind deshalb so wichtig. Nicht glauben, sondern Forschen. Nachprüfen.

Ich wünsche euch eine schöne Woche, Monika