Die Arroganz des Verstandes (41)

Wer sich auf den Weg macht, um die Wahrheit/Weisheit/Gott zu finden, der wird vermehrt beim Meditieren in seinen Träumen und auch im Alltag auf alles treffen, was er je vergessen oder unterdrücken wollte. Das ist auch sehr wichtig, denn so erkennen wir den immer wiederkehrenden Ablauf in unserem Gehirn. Verstehen, Annehmen und dann Loslassen, weil dann endlich erkannt wird, wir sind nicht unsere Gedanken und Emotionen.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass ich in dieser Zeit selbst auch immer wieder ganz verrückte und intensive Träume hatte. Am 28.9.2014 schrieb ich drei Träume einer Nacht nieder. Dabei ging es im ersten um vier Menschen in einem Bett, während die eine Person einnässte. Im zweiten Traum brach das Eis und ich stürze ins Eiswasser, um dort ein Kind zu retten, damit ich dann anschließend im dritten Traum einen Hund am Halsband festhalten konnte, so dass er nicht in eine bestimmte Richtung davonlief. Es gelang mir jedoch nicht. Er entkam. Nur schon diese drei Träume zu analysieren, wäre eine spannende Reise.

Insbesondere, wenn ich das Buch von Paramahansa Yogananda las, hatte ich in den darauffolgenden Nächten sehr viele intensive Träume. So träumte ich am 30.09.2014 vom Meer und dass es sehr merkwürdige Wellen aufwies. Sie sahen eher aus wie Blasen und ich war bemüht, die anderen Menschen darauf aufmerksam zu machen. Ich konnte sie nicht davon überzeugen, überhaupt mal hinzuschauen. Anschließend träumte ich wieder vom Meer und diesmal war es dunkel und finster. Man konnte nicht hineingehen. Der dritte Traum handelte von einer Frau, die sehr arm war und vier Kinder hatte. Sie konnte wunderbar zeichnen und malen. Ich dachte darüber nach, dass sie vielleicht mit diesem Talent aus der Armut herauskommt.

Tagebuch 30.09.2014

“Es ist wohl ganz normal, dass ich soviel träume, wenn ich vor dem Einschlafen immer wieder Paramahansa lese. Ich genieße jede Seite. Lese langsam. Verarbeite alles. Viele weise Worte, auch seines Gurus Sri Yukteswar. Viele wundersame Geschichten. Doch ich neige immer mehr dazu, sie nicht mehr als Fantasiegeschichten abzutun. Langsam denke ich, alles ist möglich. Wir müssen es nur sehen wollen. Von der Oberfläche in die Tiefe dringen.

Gestern beim Abspülen des Geschirrs kam mir in den Sinn, dass mich das alles immer mehr verändert. Mich glücklich macht, aber auch von allem Bisherigen immer mehr entfernt. Auch von den Menschen. Je mehr ich sehe, desto mehr muss ich schweigen.

Niemand möchte über diese Dinge reden. Die Menschen haben Angst davor. Und ich begreife, solange wir uns nur immer mehr materielles Wissen aneignen (und so ein Satz von einer Materialistin und Atheistin!), umso weiter entfernt sich die Menschheit von der Wahrheit. Die Menschen nehmen Wissen auf, welches ihnen von Menschen mit eigenem Wissen beigebracht wurde. Aber wo ist die eigene Erfahrung? Wer entscheidet, was wir lernen? Jede Gesellschaft hat da ihre eigenen Ideen und Vorstellungen. Formeln haben wir gelernt aber nicht, wie wir mit anderen Menschen liebevoll umgehen. Wie man Mitgefühl zeigt. Wer wir selbst sind. Es geht immer nur darum, Wissen und Dinge anzusammeln und dann damit Macht auszuüben.

Niemand spricht von dieser tiefen Dimension, die da in uns ist und die die meisten Spiritualität nennen. Jedes Kind hat es solange, bis es mit auswendig gelerntem Wissen niedergeschlagen wurde und nichts mehr davon übrig ist.“

Zu dieser Zeit beschäftigte ich mich auch weiterhin intensiv mit dem Buch über die Yoga-Philosphie und war ungefähr in der Mitte des Buches angelangt, wo die Yoga-Sutras des Patanjali behandelt wurden. Es war für  mich sehr interessant, die Sutras mal aus einer dritten Perspektive zu betrachten.

Mit der zweiten Sutra des ersten Kapitels ist eigentlich schon alles gesagt, was Yoga bedeutet: Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Aktivitäten des Geistes (Yogas Citta Vrtti Nirodhah).

Die restlichen Yoga-Sutras sollen uns hauptsächlich dabei helfen, dies zu verstehen und diesen Zustand zu erreichen. Ich machte mir viele Notizen hierzu in meinem Yoga-Tagebuch und fand es sehr aufregend, immer mehr zum Forscher des eigenen Geistes zu werden.

Ein kleines Stück möchte ich euch auf diese Reise mitnehmen, denn die meisten von euch wissen, dass es gerade unser Geist ist, der uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Egal, ob es Ängste sind, Traumata oder einfach der Alltagsstress, es rattert im Kopf immer weiter, auch wenn wir hundemüde sind.

Seit Jahrzehnten völlig überladen kann der Kopf nicht mehr abschalten. Wie ein Wiederkäuer holt er die alten Geschichten hoch und lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Der Geist hat spätestens ab der Schulzeit nur gelernt, immer weiter und immer mehr Wissen aufzunehmen und nicht, wie man Unnötiges hinter sich lässt oder ihm überhaupt mal Urlaub gönnt von jeglichem Denken.

Patanjali geht davon aus, dass wir Menschen ein sogenanntes Alltagsbewusstsein haben, und dabei gibt es fünf Momente der alltäglichen Geistesaktivitäten:

  1. Erkenntnis und
  2. Irrtum, welche drei Ursachen haben können:
    1. Die direkte Wahrnehmung durch unsere Sinne,
    2. religiöse oder philosophische Überlieferungen, die an uns schon in Kindertagen von außen herangetragen werden,
    3. geistige Prozesse rationaler Schlussfolgerungen.

All diese drei Arten der Wahrnehmung oder Schlussfolgerungen können Ursache für richtiges oder irrtümliches Erkennen sein.

  1. Die dritte Aktivität des Geistes sind die Einbildungen. Ohne ersichtlichen Grund werden diese für wahr gehalten, obwohl sie es nicht sind.
  2. Die Erinnerung ist die vierte Art der Geistesaktivität, die sich aus vergangenem Denken und Erfahren speist.
  3. Und schließlich nimmt Patanjali auch noch den Schlaf hinzu, wo der Mensch ohne Bewusstsein ist.

Egal, durch welche der fünf Aktivitäten unser Geist nun etwas wahrnimmt, es kann zu glücklichen oder leidvollen Gefühlen führen.

Für die Menschen mit einem Alltagsbewusstsein ist es wichtig, mit Hilfe der fünf Geistesaktivitäten Glücksgefühle zu erzeugen und Leid zu vermeiden. Im Prinzip ist es das, womit wir 7 Mrd. Menschen den ganzen Tag beschäftigt sind: die Suche nach dem kleinen Glück.

Yoga jedoch geht hier weiter und will weder wahre Erkenntnisse fördern oder Irrtümer ablehnen. Es will auch nicht Glück vermehren oder Unglück vermeiden. Es geht vielmehr darum, sich nicht mit den Aktivitäten des Geistes zu identifizieren oder sich an diese zu binden.

Diese Gebundenheit selbst ist Unbewusstheit und verhindert, dass erkannt wird, was wirklich zählt in dieser Welt. Leid, Unglück, Freude, Irrtümer spielen sich nur auf der Oberfläche unseres gebundenen Geistes ab. Und solange der unfreie Geist Wellen auf der Oberfläche des Sees wirft, kann die wahre Identität des Geistes auf dem Grund des Sees nicht erkannt werden.

Wer meditiert, der kann diese tiefe Wahrheit der Gedankenwellen ziemlich schnell erkennen. Wir sprechen heute von den Konditionierungen des Geistes. Unser Gehirn ist ein Computer, der immer das gleiche Programm abspielt. Wer das nicht erkennt, bleibt in diesem Programm hängen und kann nicht sehen, dass jenseits dieser Aktivitäten an der Oberfläche der Geist in sich selbst ruhen kann. Und erst dann beginnt eine Dimension, die der Mensch mit seinem konditioniertem Gehirn rational niemals erfassen kann.

Solange wir z. B. heilige Schriften nur mit dem Verstand lesen und versuchen, diese rational zu verstehen, solange werden wir nicht erkennen können, was eigentlich damit gemeint ist. Die Worte beschreiben etwas, was hinter allen Worten liegt, und dahin kann das Denken nicht vordringen, denn Denken und Worte sind ein und dasselbe.

Deshalb müssen wir uns, wenn wir die Wahrheit/Weisheit/Gott suchen, dieser Begrenzung des Verstandes und unserer Gebundenheit an ihn erst einmal bewusst werden, um unsere Anhaftung an diesen und somit unsere Arroganz loslassen zu können.

Tagebuch 1.10.2014

“Der erste Schritt aus dem Alltagsbewusstsein ist die Erkenntnis, dass der Mensch mehr ist, als er zunächst erfährt. Der Yogi erkennt den Unterschied zwischen Alltagsbewusstsein und dem spezifischen Bewusstsein der yogischen Erfahrung. Es gibt also eine Schau der Unterscheidung. Ich denke, dass ich diese Unterscheidung schon machen durfte. Dies hat aber laut Patanjali noch keinen Einfluss auf unseren Alltag.

Einfluss auf den Alltag hat es erst, wenn der Yogi Einswerdung erfährt. Er verzichtet dann auf den Gewinn aus seinem Tun. Das Ich-bezogene Handeln hört auf. Der Yogi wird frei von Streben nach persönlichen Zielen, um sich so für ein Handeln aus dem allumfassenden göttlichen Gesetz öffnen zu können. Dies ist der zweite Schritt.

Und am Ende ist er dann losgelöst von jeglicher Gebundenheit an die Welt und ganz in seiner Wesensidentität.”

Je mehr der Geist also zur Ruhe kommt, desto weniger wird er durch die Abhängigkeit an seine geistigen Aktivitäten hin und hergerissen. Es ist irgendwann egal, ob da etwas “Positives ” oder “Negatives” auftaucht. Die Einswerdung in der inneren Mitte nimmt immer mehr zu, und man ist in Harmonie mit sich und dem Leben. Ist der Geist vollkommen zur Ruhe gekommen, dann ensteht eine endgültige Einswerdung, die zur völligen Auflösung der Person führt. Es gibt dann kein Innen und kein Außen mehr. Hierfür gibt es keine Worte, und dieser Zustand wird daher selbst von Patanjali nicht mit Worten ausgeschmückt. Man könnte es Erleuchtung nennen.

Durch meine Meditationserfahrung gab es einen Riss in meinem materialistisch orientierten und arroganten Verstand, so dass die Welt der Wunder ganz langsam immer mehr eindringen konnte.

Wenn es kein Interesse an einer Suche gibt oder zwar Interesse da ist aber noch keine mystische Erfahrung gemacht wurde, ist es wesentlich schwerer, dieser Dimension die Türen zu öffnen.

Meine Erfahrung ist, dass es sogar unmöglich ist, einem Menschen zu erklären, dass es mehr gibt, als das, was er mit Hilfe der Sinne und dem Verstand wahrnimmt. Wer die Konditionierung und somit die Arroganz seines eigenen Verstandes noch nicht begriffen hat, der wird sich hüten, all sein angelerntes Wissen und somit sein Ego nur für einen Augenblick mal zur Seite zu legen.

Er wird sich weder sagen lassen noch sich vorstellen können, dass er als getrennte Person gar nicht existiert, dass es nur Gott gibt und er es selbst ist, der alles erscheinen lässt.

Es ist aber auch vollkommen egal, wie anderen das sehen. Die, die leiden, wollen aus dieser Situation herauskommen und gehen auf die Suche. Deshalb ist es gut, wenn man erkennt, dass es gerade diese Ängste, Erinnerungen, Trauer, Depressionen usw. sind, die uns die Tür zum Paradies öffnen.

Meine Angst war der ständige Hieb in den Nacken, der immer wieder kam, um mir zu sagen, hör endlich mal hin. Hör mal auf zu hetzen. Halte inne. Sei still. Es gibt nichts zu gewinnen. Nichts zu erreichen. Schau mal, was eigentlich hier ist. Wer bist du?

Aus der Angst wurde ein Wegweiser, und nur mit ihrer Hilfe gelang es mir, den Sprung ins Nichts zu wagen, um zu erkennen, dass da niemand ist, der Angst haben könnte.

Ich wünsche euch einen schönen Sprung ins Wochenende, Monika