Wir haben nicht den Mut glücklich zu sein

Heute möchte ich ein Interview mit der türkischen Zeitschrift Gazeteduvar in deutscher Sprache teilen. Das Original kann auf Türkisch unter dem Link: Gazeteduvar  gelesen werden.

Mir wurden Fragen zu meinem Buch, den Angstzuständen im allgemeinen und auch hinsichtlich der Pandemie gestellt. Viel Spaß beim Lesen und ein WUNDERschönes Wochenende wünsche ich euch, Monika.

  1. Wie ist das Buch entstanden ? Warum ein Buch über Panikattacken?

Das Buch ist das Ergebnis eines langen Lebens mit Panikattacken und der befreienden Erkenntnis, dass irreale Angst überhaupt nichts Schlimmes ist und überwunden werden kann.

Ende 2014 habe ich Istanbul verlassen und mich zurückgezogen, um nicht mehr Yoga zu unterrichten, sondern konsequent Yoga für mich selbst zu betreiben. Dabei möchte ich an dieser Stelle ein Missverständis ausräumen: Yoga ist kein Sport. Die körperlichen Übungen dienen dazu, Körper und Geist zu trainieren und sie somit auf die Meditation vorzubereiten. Somit ist Yoga eigentlich Meditation. Das heißt, ich habe mit Hilfe von Yoga/Meditation eine sehr intensive innere Reise angetreten und versucht zu verstehen, wer ich bin und wie ich funktioniere.

Dabei musste ich mich meinen tiefsten Ängsten stellen und bin durch sie hindurchgegangen, anstatt vor ihnen , wie zuvor 30 Jahre lang, davonzulaufen.

Was nach zwei Jahren dabei herauskam war so wunderbar, dass ich es einfach teilen musste. Ängste wollen uns etwas sagen, und wenn wir das verstanden haben, können wir sie hinter uns lassen. Dies in Worte und somit in ein Buch zu fassen, hat dann auch noch einmal zwei Jahre gedauert

  1. Sie sprechen von ihren eigenen Erfahrungen über Panikattacken und wie sie den Weg gefunden haben, da rauszukommen. Was hat diese Ängste ausgelöst?

Nie hat mir irgendjemand erklärt, was im Leben wirklich wichtig ist. Immer haben wir nur gelernt zu kämpfen und dass man etwas erreichen muss. Daher war mein Fokus, wie bei fast allen Menschen, immer auf die Zukunft gerichtet. So wurde der jetzige Augenblick von mir völlig übersehen. Das löste Stress aus und dann kam die Angst.

Wenn Angst da war, wurde ich brutal aus meinem stressigen Alltag herausgerissen. Todesängste beherrschten mich und ich konnte weder schlafen noch einen Schritt vor die Tür setzen. Die Angst zwang mich, innezuhalten.

Während ich früher nur damit beschäftigt war, die Angst wieder loszuwerden, damit ich meinen ganzen Aktivitäten weiter nachgehen konnte, lernte ich mit Hilfe von Yoga, der Angst gegenüberzutreten. Auf sie zu schauen. Sie anzunehmen. Ihr zuzuhören.

Jeden Tag war ich auf meiner Yoga-Matte, hielt meinen Körper gesund und meditierte. Hier auf der Matte wurde das Leben angehalten und sozusagen von außen und von innen betrachtet.

So lernte ich mich als Charakter, als konditionierte Person immer besser verstehen und kam gleichzeitig immer mehr im Moment an. Dadurch entstand ein nie dagewesenes Vertrauen ins Leben. Ich begriff, die Angst ist ein Teil von mir und sie will mir sagen, dass ich genau dieses Leben so nicht fortführen soll wie bisher.

  1. Wenn wir momentan auf unsere Welt schauen, dann haben wir keine Perspektiven. Vielmehr haben wir Angst und müssen mit dieser umgehen und kämpfen. Was bedeutet das für sie, mit Ängsten umzugehen und zu kämpfen? Für viele Menschen (wegen der Pandemie) ist das gerade neu und sie kannten solche Ängste vorher gar nicht.

Ängste entstehen immer nur dann, wenn wir mit unseren Gedanken in der Zukunft sind. Wenn ich dieses oder jenes mache, dieses oder jenes passiert, könnte ich krank werden oder sterben usw. Oder im Fall dieses Virus, wenn der Virus sich weiter ausbreitet, ist mein Job, mein Haus, mein Leben oder das meiner Familie gefährdet.

Wer meditiert, schaut auf das, was ist und was es mit einem in diesem Augenblick macht. Wenn ich in der Lage bin, mich als Person und meine eigene Zukunft einmal ganz auszublenden und neutral zu schauen, was der Virus alles auslöst, dann kann ich – genau wie bei der Angst, die ja im Leben auch eine wichtige Emotion zum Überleben darstellt – nicht sagen, dass er nur negativ ist.

Die Natur kann durch diese Pandemie wieder einmal richtig durchatmen. Die Belastung der Luft war so gering wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Tiere eroberten alte Gebiete zurück. Der Mensch wurde durch ein winziges Wesen in seine Schranken gewiesen. Die Natur hat uns gezeigt, dass dies die Konsequenz der Zerstörung unserer Umwelt ist und wir nur in Harmonie mit ihr und nicht  gegen sie leben und unendlich ausbeuten können.

Wenn ich das also erkenne, wen oder was soll ich dann hassen und bekriegen? Es wird erkannt, dass das Problem eigentlich der Mensch mit seiner Gier nach immer mehr ist und nicht der Virus, der sich erst dadurch verbreiten konnte.

Angststörungen wollen wir nicht haben, da wir unser gewohntes Leben sonst nicht weiterführen können. Wir versuchen sie zu unterdrücken mit Hilfe von Medikamenten oder wir versuchen davonzulaufen und schaffen uns eine Komfortzone.

Den Virus wollen wir nicht haben, denn er legt alles lahm. Verändert alles, woran der Mensch sich gewöhnt hatte. Wir ziehen uns zurück. Haben Angst vor Ansteckung und vor dem, was er in Zukunft anrichten könnte und so hören wir, wie Politiker davon sprechen, dass sie sich im Kampf oder im Krieg gegen den Virus befinden. Einziges Ziel ist es, ihn in den Griff zubekommen und zu unterdrücken.

Es ist gut, den Virus mit Impfungen aufzuhalten, aber wichtig ist es auch zu erkennen, dass er etwas mitteilen will und somit eine Chance für ein besseres Leben aller Lebewesen auf diesem Planeten ist.

So, wie wir jede Panikattacke unterdrücken oder immer wieder überwinden können, bis die nächste kommt, wenn wir sie nicht verstehen, so ist es auch mit dem Virus.

Wichtig ist nicht was dieser Virus in der Zukunft alles noch anrichten könnte, sondern was wir hier und jetzt daraus lernen.

Ändern die Menschen jetzt ihr Bewusstsein hinsichtlich der Umwelt, werden wir von weiteren Pandemien vielleicht verschont bleiben. Kämpfen wir aber nur dagegen an, ohne zu verstehen, und beuten wir die Welt weiter rücksichtslos aus, ohne auf den Klimawandel Rücksicht zu nehmen, dann wird die nächste Epidemie, Überschwemmung, Hitzewelle, Waldsterben usw. schon bald vor der Tür stehen. Nur hier und jetzt entscheiden wir über die Zukunft. Immer.

  1. Inzwischen gibt es sehr viele Menschen mit Ängsten. Für einige ist es besonders schwer, damit umzugehen und andere denken, sie sind stärker und unterdrücken es oder kämpfen dagegen an. Sie zeigen ihre Ängste nicht, während andere wiederum das Haus nicht verlassen können. Kann man das in beiden Fällen schaffen, die Angst loszuwerden?

Ja natürlich. Jeder Mensch kann die Ängste überwinden. Die Frage ist nicht, welche Art und wie stark man diese Ängste hat. Nicht mal der Ursprung der Angst spielt eine Rolle. Die viel entscheidendere Frage lautet, willst du die Angst wirklich loswerden?

Man kann das sehr gut mit einer Sucht vergleichen. Da gibt es die Situation, wo Süchtige sagen, sie sind gar nicht abhängig. Dann leugnen sie noch ihre eigene Sucht. Oder sie geben es schon zu, dass sie süchtig sind, sagen aber, sie hätten es unter Kontrolle. Oder dann gibt es Argumente, die ich auch aus meiner Familie höre: ich habe mich mit der Angst arrangiert, ich bin jetzt so zufrieden oder du warst sowieso immer anders. Du bist viel stärker. Du bist kein Arzt. Mit Meditation habe ich nichts am Hut usw.

So viele Argumente werden aufgefahren, nur damit man sich nicht einmal hinsetzt und in aller Stille jeden Tag für 5 Minuten auf sein Leben schaut. Denn nichts anderes als das bedeutet Meditation.

Ehrlichkeit und der wirklich aufrichtige Wille, die Angst loswerden zu wollen, sind die wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg. Der Mut, der Angst ins Gesicht zu schauen, kommt dann nach und nach mit dem Vertrauen, was man dadurch in sich und das Leben gewinnt.

  1. Schmerzen und Kummer gehören zum Leben. Es gibt gesellschaftliche und persönliche Schmerzen. Einen Menschen zu verlieren, kann z. B. Todesängste auslösen. Jetzt haben wir den Virus, und die jüngere Generation, die noch mit den Eltern zusammen lebt, hat Angst, dass sie den Älteren schadet. Kann man generell sagen, dass Schmerzen/Kummer die Menschen stärker macht? Wächst der Mensch durch Schmerz, Verlust? Gehört es zum Wesen des Menschen, dass man Angst hat? Wie würden sie das bewerten?

Schmerzen, Kummer, Freude, Lust und Glück und auch auch Angst wechseln sich im Leben ständig ab. Da ist Bewegung und Veränderung und das macht das Leben aus. Vielen Menschen fällt es schwer, die unerfreulichen Dinge des Lebens zu akzeptieren. Sie versuchen ihnen zu entfliehen oder zu sie unterdrücken. Ich denke jedoch, dass wir menschlich nur wachsen können, wenn wir auch die traurigen Dinge im Leben annehmen und durch sie hindurchgehen. Das macht uns wirklich stärker.

Wenn wir vor den Herausforderungen des Lebens nur auf der Flucht sind und der Freude und dem Glück hinterherjagen, werden wir nur die Oberfläche des Lebens kennenlernen und nie die Tiefe, die nicht im Lottogewinn oder in der Karriere liegt, sondern gerade im Schmerz, im Kummer und in der Angst.

Allerdings müssen wir hier sehr aufpassen, dass wir diese vom Leben auferlegten Prüfungen nicht mit dem Leiden verwechseln. Zum Wesen des Menschen gehört es nicht zu leiden.

Leiden entsteht, wenn wir die Herausforderungen aus irgendwelchen Gründen nicht hinter uns lassen können. Wir identifizieren uns mit ihnen, machen sie womöglich zu unserem Lebensinhalt. Dann kann es passieren, dass wir in die Opferrolle fallen. Unser Leben wird dann ein ständiges Jammern, wie schwer doch alles ist. Wir sehen uns nur noch in der Rolle der verlassenen, der unglücklichen, einsamen und kranken oder ängstlichen Person. Das wird ein Teil von uns und Leid ist unser ständiger Begleiter. Das bringt uns auch nicht weiter.

Das Merkwürdige ist, dass uns das Leiden viel einfacher fällt, als glücklich zu sein. Wieviele Lieder kennen wir, deren Text vom Glück und von der Freude handeln? Geht es nicht in der Musik oder in Romanen immer nur um die unerfüllte Sehnsucht, um den Kummer um die gebrochenen Herzen? Wir lieben es, unglücklich zu sein. Das ist uns durch unsere Kultur viel näher gebracht worden als die Lebensfreude.

Wir lieben sogar unsere Angst, halten an ihr fest, weil wir sonst nicht wissen, wer wir sind und was wir machen sollen, wenn wir plötzlich vor der riesengroßen Freiheit stehen. Wir trauen uns nicht zu springen. Hinein in die Freude. Das haben wir nie gelernt. Darüber gibt es auch keinen Song.

  1. Wenn jemand ein spirituelles Buch liest, geht man ja auf eine Reise, bei der man sich selber entdecken kann. Auf diese Reise hat der Mensch am meisten Angst vor der Einsamkeit. Stimmt das?

Ja, das würde ich genau so sehen. Wir haften an den Menschen, Dingen und Ideen an, weil wir Angst vor der Einsamkeit haben, die gleichzeitig Freiheit bedeutet. Wenn ich frei und glücklich sein möchte, muss ich alles hinter mich lassen können. Nichts ist dann mehr so, wie vorher. Veränderung geschieht und das macht uns Angst.

Spirituelle Bücher sollen dem Menschen genau dabei helfen und ihm Vertrauen schenken bzw. ihm helfen, dieses Vertrauen zu finden. Bei dieser Reise, die in uns selbst stattfindet, kann uns kein anderer Mensch begleiten. Jeder kann dieses Vertrauen nur allein in sich selbst finden. Am Ende der Reise wird dann das Paradox erkannt, dass man zwar die Reise in die Freiheit alleine machen muss aber tatsächlich nie alleine, sondern mit allem um sich herum in enger Liebe verbunden ist.

  1. Sich mit den eigenen Ängsten auseinander zu setzen, bedeutet die Konfrontation mit seinen Bedenken und dem Tod. Hier setzen sie mit der Meditation an. Mit der Meditation entfernen wir uns also nicht davon, sondern wir lernen uns und die Ängste besser kennen. Lernen wir dann, wie wir damit umgehen sollen?

Genau richtig. Die meisten Menschen glauben, wenn wir meditieren, ziehen wir uns zurück und entfernen uns von der Welt. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Wer jeden Tag für mindestens 5 Minuten innehält und auf das schaut, was im Augenblick da ist, lernt sich selbst, also seine Konditionierungen und seine Umwelt viel besser kennen. Man handelt anschließend viel bewusster. Ist aufmerksamer. Konzentrierter. Man erkennt, warum Dinge sich wiederholen und kann so lernen, besser mit sich und anderen umzugehen.

Man kann nicht mehr vor den Problemen davonlaufen, sondern spätestens in diesen 5 Minuten werden die auftauchenden Gedanken dafür sorgen, dass nicht nur die freudigen, sondern auch alle traurigen Ereignisse des Tages oder die, die uns wütend gemacht haben, auftauchen. Wir lernen, diese auszuhalten. Erkennen, dass Emotionen auftauchen dürfen und auch wieder verschwinden. Dann weinen wir eben. Dann haben wir eben Angst. Dann sind wir eben wütend. Mit Hilfe der Meditation und Konzentration auf die Atmung lernen wir, gedanklich nicht daran anzuhaften und stellen dann staunend fest, dass sie wie der Wind einfach durch uns hindurchziehen. Wir müssen dann keine Angst mehr vor ihnen haben.

  1. Jemand, der kein Yoga macht und aber sehr schlimme Schmerzen/Kummer hat, was sollen die tun?

Bei Schmerzen, die organische Ursachen haben, wie Zahnschmerzen und Blinddarmentzündung oder genetisch bedingt sind, da können wir heute froh sein, dass wir eine so weit entwickelte Medizin haben.

Gibt es körperliche Schmerzen/Depressionen wegen psychischer Belastungen im Haushalt oder Beruf, was soll da ein Arzt tun? Da gilt es erst einmal selber zu erkennen, warum wir an etwas festhalten, was uns krank macht. Oft denken wir, wir können Situationen nicht ändern. Das stimmt aber in den meisten Fällen nicht. Wir haben nur nicht den Mut. Uns fehlt Vertrauen.

Hierfür bietet Yoga das Gesamtkonzept mit seiner Philosophie, seinen körperlichen Übungen und der Meditation, die uns ganz klar den Weg zeigt, uns wieder in Harmonie mit uns selbst und unserer Umwelt bringt.

Man kann diese zufriedene Lebensbalance aber sicher auch erreichen, indem man seinen Körper und Geist mit jeder anderen Sportart gesund und lebendig hält. Zusätzlich sollte man sich jedoch immer einige Minuten am Tag die Zeit nehmen, in Stille zu sitzen und zu reflektieren. Ich denke auch, dass es sehr wichtig ist, sich viel in der Natur aufzuhalten. Wir sind ein Teil der Natur und sie gibt uns Kraft und Vertrauen.

In sehr schwierigen Fällen, wie bei traumatischen Erlebnissen kann uns eventuell auch ein Psychotherapeuth eine zeitlang begleiten und uns zeigen, wie wir unsere Mitte wieder finden, ohne unsere Persönlichkeit auf Dauer mit Medikamenten zu unterdrücken.

  1. Wollen sie noch etwas hinzufügen?

Wirklich beängstigend finde ich, dass es auch schon vor der Pandemie nicht nur weltweit immer mehr Menschen mit Angstörungen gab, sondern auch immer mehr Kinder und Jugendliche davon betroffen sind.

Es ist daher schön zu sehen, dass gerade jetzt die jungen Menschen sich überall auf der Welt organisieren und versuchen, sich diesen auferlegten Zwängen zu befreien und sich für die Natur einsetzen. Sie haben erkannt, dass ihre Zukunft, die aus Konsum, Karriere und Konkurrenz besteht, und wofür sie sich in der Schule gerade stressen, gar keinen Sinn ergibt, weil es nämlich genau das ist, was ihre ganze Natur und Umwelt zerstört.

Wenn man jetzt mal in der Lage ist, seine persönlichen Ängste beiseite zu schieben, dann könnte man objektiv betrachtet auch sagen, dass der Zusammenbruch der Wirtschaft durch die Pandemie die Forderungen der jungen Menschen sogar noch unterstützt.