Innere Askese (40)

Während auf der Yoga-Matte das innere Forschen nach der Wahrheit/Weisheit/Erleuchtung durch das tägliche Meditieren mit und ohne Rituale, Reiki und die Atemübungen von Iyengar weiter ging, beschäftigte ich mich gleichzeitig auch immer wieder mit den wenigen Yoga-Büchern, die ich auf Deutsch hatte. Der Verstand wollte schließlich mitkommen und begreifen, warum auf der Matte nur etwas passierte, wenn er endlich mal Ruhe gab.

Anfang September 2014 kam ich im Yoga-Philosophiebuch bei Tantra-Yoga an. Dabei erfuhr ich, dass Tantrismus sich erst 1000 nach Christus in Asien verbreitete. Der Tantrismus war eine religiöse Bewegung, die sich der Welt wieder mehr öffnen wollte und hierfür den eigenen Körper und Rituale einsetzte. Im Westen kennen die meisten Menschen den Begriff nur im Zusammenhang mit der Steigerung der sexuellen Lust.

Ich möchte hier auch nicht näher auf Tantra-Yoga eingehen, aber für mich war wichtig zu erkennen, dass auch Hatha-Yoga bzw. alle körperlich ausgerichteten Yoga-Übungen, so wie wir sie heute betreiben, auch Kundalini-Yoga und die Benutzung von Mantras, also praktisch alle Rituale und Hilfsmittel vom Tantra-Yoga beeinflusst wurden.

Tagebuch 04.09.2014:

“Kriya Yoga wird in den Yoga-Sutras des Patanjali erwähnt, während Kundalini nicht auftaucht. Kundalini wird von Iyengar ebenfalls nicht empfohlen. Besonders nicht für Yoga-Anfänger. Er sagt, man solle den ganzen Yoga-Weg gehen, damit die Basis stimmt. Deshalb werde ich demnächst neben den Kriya-Yoga- und Pranayama-Übungen von Iyengar noch viel mehr freie Meditation machen. “

Bis zum 18.09.2014 gibt es dann die üblichen Notizen im Yoga-Tagebuch zu den täglichen Atemübungen, Reiki, Meditationsübungen usw. Gleichzeitig gab es ein ständiges Auf und Ab der Emotionen und unheimlich viel Kopfschmerzen.

Was ich da machte, war TAPAS. Mit einem seit 50 Jahren konditionierten Gehirn, welches immer auf Kämpfen zum Überleben, auf Sicherheit, Geborgenheit und Harmonie fixiert war, versuchte ich, durch Konzentration einen inneren Wandlungsprozess zu betreiben. Gleichzeitig kehrte ich mich – weil ich es ja auch als verantwortungsvolle Mutter gar nicht anders konnte – nicht von der Außenwelt ab.

Beim Yoga geht es auch gar nicht darum, sich von dem Leben abzuwenden. Vielmehr geht es um die innere Askese, die nötig ist, um die Loslösung von der inneren Gebundenheit an die Welt zu erreichen. Dabei entsteht eine viel intensivere Wahrnehmung im und vom Leben.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein Ereignis ein, welches sich tief in meinem Herzen einprägte. Ich brachte meine Tochter zu einem Kultur- und Einkaufscenter, um sie dort den Geburtstag einer Freundin mit mehreren Mädchen zusammen ohne die Eltern feiern zu lassen.

Ich stand am Eingang, während sie den anderen zur Rolltreppe folgte. Ich winkte ihr zu, und während sie nach oben fuhr, strahlte sie mich an und winkte zurück. Tränen stiegen auf und mein Herz krampfte sich zusammen, denn ich erkannte in diesem Augenblick, dass dies der erste Schritt in die Unabhängigkeit meines Kindes war. Die erste Loslösung von mir als Mutter war gekommen und ich wusste, ab jetzt bin ich nicht mehr das Wichtigste in ihrem Leben.

Das tat so weh, und dann war da noch die Angst vor der Leere, die uns später, wenn die Kinder ausziehen noch viel schlimmer erfasst. Und gleichzeitig freute ich mich so für sie, weil ich den kindlichen Stolz und das Glück in ihren Augen leuchten sah. Es schien auch so, als hätte ich da etwas Tröstliches in ihrem Lächeln entdeckt, so als hätte sie meinen unterdrückten Kummer doch sofort gesehen und verstanden.

Damit meine Tochter als freier und glücklicher Mensch aufwachsen konnte, musste ich meine Angst loslassen, und erst dann konnte dieser Schmerz voll aufblühen und erkannt werden, dass er nichts anderes als ein Ausdruck tiefster Liebe und Vertrauen war.

Dem eigenen Kind die Flügel zu stutzen, an diesem anzuhaften, weil wir nicht loslassen können, ist Festhalten an der eigenen Angst und purer Egoismus.

Und darum geht es. Zu erkennen, wie sehr wir an allem hängen. An Menschen, Dingen, Positionen (Beruf, Elternteil…) und an den eigenen Geschichten, sogar an den allerschlechtesten. Denn selbst diese werden oft noch dafür benutzt, um das eigene Ego zu stärken.

Wer auf der Matte praktiziert, erkennt in aller Deutlichkeit, dass ihm tatsächlich gar nichts gehört. Alles kommt und geht, ohne dass wir darauf den geringsten Einfluss haben. Diese Erkenntnis macht uns sensibler für alles, was in uns und um uns herum passiert. Wie soll das keine Kopfschmerzen machen?

Und trotz der vielen Kopfschmerzen konnte ich mich nicht von Yoga abwenden, sondern wartete immer wieder nur auf den Moment, wo ich schmerzfrei weiter üben konnte. Etwas trieb mich immer weiter, und das Wunderbare und zugleich Unbegreifliche war, ich wusste, dass alles so richtig und gut ist.

Tagebuch 14.09.2014:

“Die Kopfschmerzen sind fast weg. Ich bin voller Vorfreude und Glück. Kann ich mich endlich wieder besser auf die Meditation konzentrieren. Ja ich bin sogar sehr aufgeregt. Patanjalis Yoga Sutras eröffnen sich mir immer mehr. Ich begreife. Verstehe. Die Sutras III, 9 ff. Die ganzen Phasen bis zum Samadhi. Es scheint so, als würde ich all das gerade durchleben. Der unterdrückte Gedanke und der aufkommende Gedanke, sobald Stille da ist. Die Pausen zwischen der Ein- und der Ausatmung. Das zu lesen lässt mein Herz schneller schlagen. Ich will alles wissen. Lernen. Ich bin auf dem richigen Weg. Nur kann ich mit niemandem darüber reden.

Die Sutra III, 29 (Wendet man Samyama auf den Polarstern hin, erlangt man Wissen von der Bewegung der Sterne (und dem Lauf des Schicksals) zu meinem Samadhi Erlebnis! Habe ich hier erkannt und auch gesehen, dass alles gut wird.”

Am 18.09.2014 endlich konnte ich dann, nachdem mein gebrochener Fuss wieder einigermaßen verheilt war, am Advenced Yoga Teacher Training mit dem Schwerpunkt Yoga-Therapie teilnehmen. Die Ausbildung fand in Modulen an mehren verlängerten Wochenenden über viele Monate verteilt an verschiedenen Standorten statt. Ich hatte mich unheimlich darauf gefreut, zumal diese Ausbildung von einer der besten Lehrerinnen in diesem Land durchgeführt wurde. Ich wusste, ich werde sehr viel von ihr lernen und ich hatte vollstes Vertrauen.

Und doch fing alles gleich mit einer großen Enttäuschung an. Das erste Modul fand in Istanbul statt. Wir waren nur eine kleine Gruppe von ausgebildeten Yoga-Lehrerinnen. Nachdem wir den ersten Vormittag mit vielen körperlichen Übungen verbracht hatten, kam es am Nachmittag zu einer ersten Gesprächsrunde über die persönlichen Wünsche und Ziele, die mit der Ausbildung verbunden waren, und auch über Meditation wurde gesprochen.

Ich war unsicher, ob ich einen Kommentar hierzu abgeben sollte. Entschloss mich dann aber doch ganz vorsichtig, von meinen eigenen Erfahrungen zu berichten, als ich von einer Teilnehmerin jäh unterbrochen wurde mit den Worten: „Erzähl so was bloß nicht, sonst halten dich alle für verrückt.“

Und da wurde mir mit einem Schlag wieder klar, dass es dem Gros der Teilnehmerinnen nicht um Yoga ging, sondern um eine Ausbildung zur Turnlehrerin und um ein weiteres Zertifikat, das man sich für die Kundengewinnung im eigenen Studio an die Wand hängen konnte. Obwohl ich diese Einstellung schon von vielen Yoga-Lehrern aus unserem eigenen Studio kannte, war es trotzdem wieder wie ein Schlag vor den Kopf. “Klappe halten. Niemand will es wissen!”, steht in meinem Tagebuch.

Und ab da reagierte mein Körper. Am zweiten Tag in dieser Gruppe hatte ich starke Schmerzen im unteren Rücken, im Nacken und im Kopf, ich klemmte mir einen Finger in einer Eisentür ein, und das Gefühl, eine schwere Erkältung würde meinen Körper völlig erschöpfen, überkam mich. Am 22.09.2014 war das erste Modul fertig und als ich zu Hause ankam, schrieb ich in meine Tagebuch:

Tagebuch 22.09.2014:

“Vorbei. Sobald ich aus dem Studio raus war und zu Hause ankam, waren die Kopfschmerzen weg. Auch dem Rücken geht es jetzt besser. Kann man so stark körperlich auf andere Menschen reagieren? Wie können ausgebildete Yoga-Lehrerinnen die Fragen unserer Ausbilderin am ersten Tag so beantworten?

Die Frage lautete: Was macht eine gute Yoga-Lehrerin aus? Die Antwort einer Teilnehmerin war: Eine Yoga-Lehrerin muss ein großes Ego haben.

Wie kann man Yoga unterrichten und so wenig von Yoga verstehen? Deshalb auch mein Unwohlsein in dieser Gruppe. Ich wünschte, ich könnte das mit mehr Gelassenheit betrachten. “

Unsere Yoga-Lehrerin zitierte daraufhin einen Yogi, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, aber sinngemäß sagte sie: Ein Yoga-Lehrer soll sich nicht wie ein Star fühlen, wenn er vor seinen Schülern vorne auf der Matte steht, sondern sein Unterricht ist dann gut, wenn der Schüler sich beim und nach dem Yoga selbst wie ein Star fühlt.

Natürlich braucht man ein großes Ego, wenn man vorne auf der Matte eine Show abziehen will. Leute beeindrucken möchte. Mit schweren Asana-Posen. Mit teurer Sportkleidung. Mit Tattoos, einem durchtrainierten Körper und fernen Reisen. Und natürlich wächst das Ego eines Lehrers, wenn er angehimmelt wird und am Ende unentbehrlich wird und immer mehr Schüler anzieht. Es entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit. Ein Anhaften des Lehrers an die Schüler und umgekehrt. Yoga wird dann nicht nur zum Business, sondern auch noch zur Steigerung des eigenen Egos benutzt.

Ich hatte das Gefühl, in einer völlig verrückten Welt zu leben. Da war diese äußere Welt mit Menschen, die wie ich zuvor völlig unbewusst waren und für ein glückliches Leben ständig hinter ihren Gedanken herliefen, um etwas zu erreichen oder vor etwas davonzulaufen. Dann war da meine eigene innere Welt, die mir nur auf der Matte begegnete und mich immer bewusster werden ließ und mich mit Yoga verband. Gleichzeitig entfernte mich diese Praxis von den Menschen und dem Yoga-Studio immer mehr. Selbst wenn ich zum Yoga-Studio ging, um zu unterrichten oder am Teacher Training teilzunehmen, fühlte ich mich nun dort immer mehr wie eine Fremde.

Am nächsten Tag unterrichtete ich wieder in unserem Studio. Ich spürte die Blicke meiner Schüler und auch die der Lehrer nun körperlich. Spürte den Neid, die Bewunderung genauso, wie die skeptischen, glücklichen und abwertenden Gedanken. Ich wurde mit allem immer unsicherer. Ich hatte das Gefühl ich stünde schutzlos, ja völlig nackt vor allen auf der Matte und man würde mich durchschauen. Würde meine Zweifel und Unsicherheiten erkennen. Natürlich kam ich auch von dort mit Schmerzen nach Hause.

Ich fühlte mich furchtbar einsam. Überall fehl am Platz. Völlig unverstanden. Ich konnte mit niemanden darüber sprechen, denn keiner verstand mich. Wer schürft schon so tief? Wer will sich selbst und somit andere Menschen überhaupt verstehen? In meiner Einsamkeit und Hilflosigkeit nahm ich das Buch von Paramahansa Yogananda in die Hand und schrieb mir zur Unterstützung einige Zeilen auf.

Tagebuch 23.09.2014:

“Kopfweh. Rücken schmerzt. Unterricht war anstrengend.

Aufrichtige Selbstbetrachtung ist ein schmerzvolles Verfahren, das jedoch zur Wahrheit führt. Wenn man sich einer schonungslosen Selbstprüfung unterzieht und seine Gedanken ununterbrochen beobachtet, wird das eigene Selbstbewusstsein in seinen Grundfesten erschüttert. Doch eine solch ehrliche Selbstanalyse bringt mit mathematischer Sicherheit echte Seher hervor. (S. 50 Autobiographie eines Yogi). “

Tagebuch 27.09.2014:

“Der Lehrer von Sri Yukteswar sagte zu Yogananda: Verwechselt einen umfangreichen Wortschatz nicht mit Wissen. Die heiligen Schriften sind uns insofern dienlich, als sie den Wunsch nach innerer Verwirklichung wachrufen. Sie nützen uns jedoch nur dann, wenn wir einen Abschnitt nach dem anderen langsam verarbeiten. Anderenfalls führt ständiges intellektuelles Studium nur zu Eitelkeit, falschem Stolz und unverdauten Kenntnissen. (S. 150)

Die Menschheit, die sich selbst für so vielschichtig hält, besteht in den Augen eines Meisters nur aus zwei Gattungen: aus den Unwissenden, die Gott nicht suchen, und den Weisen, die Gott suchen. (S.152)

Beginnt man die Wahrheit, oder Gott, oder die Wirklichkeit zu suchen, ist es, als gehe man auf einen Berg zu. (Marshal Govindan (Satchidananda))

Ich liege im Bett und mein Schatz liegt neben mir. Er liest einen Krimi und ich lese Yogananda. Ein Bett und zwei verschiedene Welten. Es fällt mir schwer, nicht zu teilen, was in mir vorgeht, was ich lese und fühle. Wie einsam ich mich damit fühle. Ich ziehe mich zurück. Suche die Stille. Die Meditation.

Sobald ich morgens die Augen öffnete und egal, womit ich mich auch beschäftigte, der Berg war immer da. Er ließ mich auch immer wieder spüren, dass ich ihn ganz alleine erklimmen muss. Wie sollte es auch anders sein, denn das größte Hindernis sind nicht die anderen, sondern wir selbst.

Aber ich ließ mich überhaupt nicht abschrecken, denn schon der nächste Satz im Yoga-Tagebuch lautete, dass ich mir bewusst bin, “eine Schatztruhe gefunden und geöffnet zu haben”.

Bei allem was ich tat, selbst wenn ich Yoga unterrichtete, wollte ich gerade auch Yoga selbst nicht aus den Augen verlieren und die innere Askese solange fortführen, bis ich an nichts mehr anhaftete.

Schon an diesen ersten Tagen der erweiterten Yoga-Lehrer-Ausbildung war mir klar, dass ich diese zwar beenden, aber wahrscheinlich nicht mehr anwenden werde. Ich hatte das Yoga-Studio schon losgelassen und nun gab ich es auch langsam auf, mich als Yoga-Lehrerin zu sehen.

Ich sende liebe Grüße und wünsche euch ein schönes Wochenende, Monika