Tapas (35)

 

(Tapas : Begriff aus der Yogaphilosophie des Patanjali: spirituelles, inneres Feuer (Agni) entfachen, Disziplin und Ausdauer beim regelmäßigen Üben)

Es fällt mir gerade wieder sehr schwer, in meinen Yoga-Tagebüchern zu lesen und darüber zu schreiben, was irgendwann einmal passiert sein soll. Bin ich doch gerade so präsent in allem, was ich tue und werde immer freier und gelassener, trotz der Pandemie, die wir gerade erleben. Vielleicht gerade deshalb.

Ich arbeite fast jeden Tag im Garten, lege Gemüsebeete an und habe mit meinem Mann Obstbäume eingepflanzt. Das ist körperlich so anstrengend und gleichzeitig so befriedigend, dass ich abends wunderbar müde und glücklich ins Bett falle. Wen interessiert da die Vergangenheit oder was irgendwer irgendwo schreibt?

Mein Mann hasst Gartenarbeit und hat jetzt Rücken. Er hilft trotzdem, weil er die Notwendigkeit jetzt auch nicht mehr leugnen kann. Denn Saatgut hatte ich mir schon letztes Jahr aus Deutschland mitbringen lassen und die Idee, immer mehr zum Selbstversorger zu werden, hatte also nichts mit der Quarantänesituation, sondern mit meinem endgültigen Vertrauensverlust in die türkische Lebensmittelindustrie zu tun.

Als ich vor ca. drei Jahren in einem Artikel las, dass alle in Europa schon verbotenen Pestizide hier noch fleißig hoch dosiert weiter auf die Felder verteilt werden und zwar so lange, bis die Vorräte aufgebraucht sind, verzichtete ich auf fast alle Produkte, die ich nicht schälen konnte. Wenn ich hier im Übrigen die Presse erwähne, dann meine ich die Presse, die noch frei publizieren darf, und die finde ich zur Zeit nur noch im Internet

Schon lange schmeckten Erdbeeren nicht mehr nach Erdbeeren. Tomaten nicht nach Tomaten. Dabei wurde noch immer ein Loblied auf die tollen Lebensmittelbasare der Türkei gesungen. Wenn ich vor Jahren eine große Canakkale-Tomate aufschnitt, war die Schale so dünn und zart wie Seide und der Saft lief rot wie Blut aus der Frucht. Heute kann ich so eine Tomate nicht mehr finden. Die Pfirsiche waren groß, saftig und süß, und heute sind sie noch größer, außen fest, innen hohl oder verfault und schmecken nach gar nichts.

Da es mit der Transparenz in diesem Land nicht weit her ist, weiß man auch nicht, ob und wie Lebensmittel getestet werden. Der letzte Journalist, der vor ca. einem Jahr Testergebnisse aus einem Lebensmittellabor mit der Überschrift „Wir vergiften unser Volk“ veröffentlicht hatte, wurde anschließend verhaftet.

Hinweise über belastetes Obst oder Gemüse gab es anschließend nur noch dann im Internet zu finden, wenn Exportware aus Russland oder Europa nach Stichproben wieder in die Türkei zurückgeschickt wurden. Klare Gründe hierfür wurden nicht angegeben. Das spielte auch keine Rolle, denn wenn man das anderswo nicht essen will und soll, wieso sollen wir das hier in der Türkei zu uns nehmen?

Leider fand man anschließend genau diese Ware dann auf dem türkischen Markt wieder. Sie wurde sehr billig angeboten, während ansonsten die Preise für Obst und Gemüse immer weiter in die Höhe schossen – und die für alle anderen Lebensmittel auch, so dass ich in Deutschland inzwischen Fleisch und Milchprodukte billiger einkaufen kann als hier.

Selbst Kartoffel- und Zwiebelpreise stiegen um das Doppelte, und dabei wurde die Ware von der Qualität her immer schlechter. Fast jede zweite Zwiebel war innen verfault und die Kartoffeln alt und gammelig. Später erfuhr ich dann, dass hier kaum noch etwas angebaut wird, und selbst Kartoffeln und Zwiebeln aus dem Iran oder Ägypten kommen.

Aber letztendlich hat mich dann der Spinat-Skandal endgültig davon überzeugt, dass ich zum Bauern werden muss, wenn ich noch Freude am Essen haben und gesund bleiben möchte. Viele Menschen kamen im letzten Winter mit Vergiftungserscheinungen in die Krankenhäuser, nachdem sie Spinat gegessen hatten. Auch die Nachbarn von engen Verwandten von mir mussten ins Krankenhaus, nachdem der Ehemann mit Halluzinationserscheinungen wirr durch die Wohnung lief. Es wurde viel spekuliert, und am Ende kam heraus, dass man Frostschutzmittel auf dem Spinat gefunden hätte. In der Türkei gab es noch einmal kalte Tage, und dem Lösungsansatz der Bauern zum Retten der Ernte ist meiner Meinung nach nichts mehr hinzuzufügen.

Mein Hausarzt sagte mir, er würde schon lange nicht mehr auf dem Markt einkaufen, sondern alles zu Hause im Garten oder auf dem Balkon anbauen. Die Arbeiter/innen für die Olivenernte kämen zu ihm, weil sie Asthma oder Krebs hätten.

Da fällt mir ein, dass noch vor zwei Jahren im Sommer immer zwei Flugzeuge über unser Dorf flogen und Pestizide gegen die Olivenfliege sprühten. Der Balkon war voll, unser Garten, das ganze Dorf und natürlich auch die Olivenfelder, in deren Mitte unser Ort liegt. Dann soll wohl einer der Flieger abgestürzt sein. Ich weiß nichts Genaueres, aber jetzt fliegen sie jedenfalls nicht mehr. Ein Anbau im eigenen Garten hätte sich auch nicht gelohnt, wenn die Pestizide sowieso vom Himmel auf unser Obst und Gemüse regnen.

Heute stürmt und regnet es, und ich kann mich auf meine Yoga-Tagebuch-Notizen konzentrieren. Noch schauen mich die Zeilen aus dem Jahr 2014 traurig und fragend an. Sie erzählen zum größten Teil noch immer von einem Kampf im Leben und gegen das Leben, weil über all die Jahrzehnte immer gedacht wurde, dass es da eine Person gibt, die ein Leben planen und durchsetzen kann. Am Ende blieben dann die Enttäuschung und Müdigkeit in Form von Schmerz in Nacken, Rücken und Kopf zurück. Aber da ist auch diese Suche und die eiserne Disziplin und der Wunsch, die Wahrheit finden zu wollen, und Stück für Stück wird die Person so demontiert.

Im Sommer 2014 ging es in der Türkei mit der Wirtschaft immer weiter bergab, und das sonst mir so einig scheinende Volk spaltete sich immer tiefer in zwei Gruppen. Selbst in den eigenen Familien gab es nun diesen politischen Riss, weil ein Übervater sagte, er liebe nur die Menschen, die für ihn seien. Die anderen müssen damit rechnen, unterdrückt, gejagt und eingesperrt zu werden.

Nicht nur für unser Yoga-Studio waren es harte Zeiten. Hinzu kam, dass anonymes Denunzieren über das Internet eingeführt wurde (übrigens auch von Deutschland aus). Neid und Hass konnten sich nun dieser Kanäle bedienen und unliebsame Nachbarn, Geschäftspartner oder sonstige Konkurrenten aus dem Weg schaffen. Es gab kein Vertrauen mehr in Wirtschaft, Justiz oder Politik. Nie hätte ich gedacht, dass ich mal erleben muss, wie eine Demokratie abgeschafft wird.

Ich denke, dies war auch ein weiterer Grund dafür, dass ich keine Freude mehr daran hatte, einen Betrieb in diesem Land zu führen. Ich hatte das Gefühl, dieser Staat wollte uns nicht und er uns daher immer mehr Steine in den Weg legte. Auf der anderen Seite ging das eingenommene Geld, ohne dass ich es auch nur zu Gesicht bekommen hätte, an den Fiskus in Form von bekannten Steuern, plötzlich weiteren neuen Steuern und Gebühren wegen neuer Verordnungen. Jeden Tag stellte ich mir jetzt die Frage, wofür mühe ich mich hier so ab?

Mein Fuß schmerzte nach dem Bruch noch immer, aber ich unterrichtete schon wieder Yoga und arbeitete mich nun schon seit fast zwei Jahren im Studio ab, und es gab nicht einen einzigen Tag ohne Probleme. Von innen und von außen schien nun diese Idee eines Yoga-Studios zerfressen zu werden, so dass es mir nur noch als Fass ohne Boden erschien. Egal, was oben rein kam, es floss unten wieder heraus.

In den darauffolgenden Tagen und auch kommenden Wochen des heißen Monats Juli gab es aufgrund dieses inneren Konfliktes fast nur Kopfschmerzen. Und obwohl mich die Arbeit fast auffraß, ich Mutter und auch Geliebte war, führte ich jeden Tag aufs Neue meine eigene Yoga-Praxis durch. Ich schrieb mir einen sehr strengen Plan für meine Übungen auf, die ich nun jeden Morgen von 6.30 Uhr bis 8.30 Uhr durchführen wollte. Die eigenen körperlichen Übungen, die Atemübungen, verschiedene Meditationsübungen, Reiki, Kriya Yoga, Kundalini…

Es wäre doch ein Leichtes gewesen, gerade diese Übungen einfach ausfallen zu lassen und mich auf meine Mitmenschen und das Studio zu konzentrieren. Mich in dieser knappen Freizeit auf einen schönen Roman oder einen Film einzulassen. Mich einfach zu lassen. Aber das konnte ich nicht.

Groß steht in meinem Yoga-Tagebuch am 23.07.2014 das Wort TAPAS. Dieses innere Feuer, der unbedingte Wille, die Wahrheit finden zu wollen und die Bereitschaft zur inneren Disziplin waren noch immer ungebrochen in mir vorhanden. Praktisch war es eigentlich genau das, was mich noch aufrecht hielt. Dies war mein Anker. Darum ging es mir. Das gab mir Kraft und enormes Vertrauen, obwohl überhaupt nichts passierte. Kein Wunder. Kein Licht. Keine einzige spirituelle Erfahrung.

Im August wurde es im Studio etwas ruhiger, da es für die meisten zu heiß war, um Yoga zu machen. Ich stellte jedoch fest, dass wir nach fast zwei Jahren harter Arbeit immerhin 50% mehr feste Kunden hatten als im Jahr zuvor um diese Zeit. Und doch gab es keine Einnahmen für uns als Eigentümer, da neben der Miete auch alle sonstigen Ausgaben permanent stiegen. Gespräche mit meinem Geschäfts-Partner führten zu keinem Ergebnis. Auch fanden wir keine billigeren Räume in der Umgebung. Eine andere Freundin wollte sich beteiligen und organisatorisch mithelfen, ist dann aber doch abgesprungen.

All diese äußeren Erlebnisse nahm ich jeden Tag mit auf meine Matte, wenn ich meine eigenen Übungen machte, mich zentrierte und meditierte, um dann aufzuschreiben, was in mir passierte.

Tagebuch 02.08.2014:

„Meditation über Paramahansa Yogananda. Die Tränen laufen. Warum? Ich möchte oft in der Meditation um mich herum alles anfassen. Die Luft anfassen und dann schweben. Fliegen. Mit den Armen wedeln und abheben. In den dunklen Raum greifen. Fassen. Was?“

 Tagebuch 05.08.2014:

„Bei den Atemübungen habe ich gemerkt, dass ich nicht wie sonst, tief und lang Ein- und Ausatmen kann. Immer mehr dringt der Wunsch nach Freiheit durch. Ich habe dem Yoga-Studio nichts mehr zu geben.“

 Immer wenn es möglich war, verließ ich nun Istanbul für ein paar Tage und fuhr zu meinem Schatz ans Meer, um aufzutanken. In seinem neu aufgestellten Bücherregal entdeckte ich ein Buch von Fritjof Capra : „Das Tao der Physik“ und fing sofort an zu lesen. Fritjof Capra war ein bekannter Physiker, der in diesem Werk seine wissenschaftliche Erfahrung mit der spirituellen Dimension seines Dasein verband.

Schon als ich das Vorwort las, passierte etwas in mir.

Er schrieb: „Vor einigen Jahren hatte ich ein wunderbares Erlebnis, worauf ich den Weg einschlug, der zum Schreiben dieses Buches führte. Eines Nachmittags im Spätsommer saß ich am Meer und sah, wie die Wellen anrollten, und fühlte den Rhythmus meines Atems, als ich mir plötzlich meiner Umgebung als Teil eines gigantischen kosmischen Tanzes bewußt wurde.

 Als Physiker wusste ich, daß der Sand und die Felsen, das Wasser und die Luft um mich her sich aus vibrierenden Molekülen und Atomen zusammensetzen. Diese wiederum bestehen aus Teilchen, die durch Erzeugung und Zerstörung anderer Teilchen miteinander reagieren. Ich wusste auch, dass unsere Atmosphäre ständig durch Ströme kosmischer Strahlen bombardiert wird, Teilchen von hoher Energie, die beim Durchdringen der Luft vielfache Zusammenstöße erleiden. All dies war mir von meiner Forschungstätigkeit in Hochenergie-Physik vertraut, aber bis zu diesem Augenblick beschränkte sich meine Erfahrung auf graphische Darstellungen, Diagramme und mathematische Theorien.

Als ich an diesem Strand saß, gewannen meine früheren Experimente Leben. Ich „sah“ förmlich, wie aus dem Weltraum Energie in Kaskaden herabkam und ihre Teilchen rhythmisch erzeugt und zerstört wurden. Ich „sah“ die Atome der Elemente und die meines Körpers als Teil dieses kosmischen Energie-Tanzes; ich fühlte seinen Rhythmus und „hörte“ seinen Klang, und in diesem Augenblick wusste ich, dass dies der Tanz Shivas war, des Gottes der Tänzer, den die Hindus verehren.“

Plötzlich war da ein Wiedererkennen und ganz viele Fragen tauchten auf. In dem Moment, als ich diese Zeilen las, „sah“ ich das erste Mal ganz klar, was ich damals vor zwei Jahren in der Meditation erlebte und ich schrieb ins Yoga-Tagebuch:

Tagebuch 13.08.2014:

Genau wie mein Meditationserlebnis (vor zwei Jahren). Ich war ein Teil eines großen Ganzen und auch nur aus vielen kleinen Teilchen bestehend. Alles war in Bewegung. Alles war hell und warm und voller Liebe.“

Wie konnten diese Sätze von Capra dieses Erlebnis vor zwei Jahren wieder so lebendig werden lassen?  Die Zeit schien irgendwie immer enger zusammenzurücken. Damals und heute. Welche Rolle spielen diese Begriffe von Zeit, wenn doch irgendwie alles zusammenhängt?

Mein inneres Feuer (TAPAS) wurde nach diesem Erlebnis weiter angefacht. Nachdem aus einem Samen ein Spross wurde, musste die innere Reise nun erst recht immer weitergehen…

Ich wünsche euch trotz Quarantäne eine wunderschöne Zeit. Wer nicht nach draußen gehen kann, hat immer noch den wunderbaren Weg nach innen, Monika